Ground Zero

Stadion Hansastraße – Homeground von Roter Stern Nordost!

Der Rote Stern Nordost trägt seine Heimspiele derzeit im Stadion Hansastraße in Berlin-Weißensee aus. Dieses gehört organisatorisch als Platz 6 zum angrenzenden Stadion Buschallee. Wegen der Lage unterhalb des restlichen Stadionniveaus taucht der Platz manchmal auch unter der Bezeichnung ‚Im Grund‘ auf.

Außer uns spielt hier noch unser Liga-Konkurrent SC Kristall und die unteren Mannschaften des Weißenseer FC. Unser Anwesen ist ein moderner Kunstrasenplatz mit vierspuriger Tartanbahn. Ein paar verwilderte Stehstufen aus DDR-Zeiten verraten aber, dass der Ground schon älter ist. Bevor unsere Goldfüße ihn in eine schier uneinnehmbare Festung verwandelten, hatten hier schon andere Generationen von Freizeit-Kickern den Boden mit ihrem Schweiß gedüngt. Der Platz hat nämlich bereits mehr als 80 Jahre auf dem Buckel…

Ein Sportbau aus den 20er Jahren

Unser Stadion ist Resultat eines Sportbauprogramms in der Weimarer Zeit. Als 1920 durch Eingemeindungen das damalige Groß-Berlin entstand, war die Anzahl von Sportplätzen in der deutschen Hauptstadt noch völlig unzureichend. Diesen Mangel erkannte auch ein sportbegeisterter Kommunalpolitikers namens Gustav Böß von der Deutschen Demokratischen Partei. Kurz nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister von Berlin stieß er im Herbst 1921 ein großes Bauprogramm für Sport- und Grünanlagen an. Die Stiftung ‚Park, Sport und Spiel‘ und die Abhaltung der „Berliner Turn- und Sportwoche“ führten dem Baufond beträchtliche Mittel zu. Zwar verloren die gesammelten Gelder durch die Inflation rasant an Wert, doch OBM Böß, in dessen Amtszeit Berlin zur Weltmetropole der ‚Goldenen Zwanziger‘ aufstieg, besorgte nun städtische Kredite in Höhe von insgesamt 14 Mio. Goldmark. So ließen sich die meisten Projekte, und damit die Mehrzahl der heutigen Berliner Volksparks und Sportplätze, doch noch realisieren.

Als Arbeitskräfte wurden zu derartigen Bauvorhaben üblicherweise Arbeitslose herangezogen. So auch an Buschallee und Hansastraße, wo die Notstandsarbeiter das Gelände in sechs nebeneinander liegende Spielfelder verwandelten. Zusammen mit dem Faulen See entstand so ein ausgedehntes Erholungsgebiet für die Bevölkerung der Umgebung.

Mitten in der Zeit der Hyperinflation wurde die Sportanlage Buschallee als allererstes Stadion jenes Bauprogramm fertig gestellt. Die Eröffnungsfeier am 25. August 1923 begann mit einem Umzug der Weißenseer Schulen, Turn- und Sportvereine von der Prenzlauer Promenade bis zum neuen Stadion. Eine Straßenbahner-Kapelle schritt dem Zug trötend voran, und am Ankunftsort hielt Sportfreund Böß persönlich die Festrede. Danach führen Turner und Sportler ihre Künste auf. Die Fußball-Premiere lieferten die Jugendmannschaften vom Weißenseer FC 1900 und MSV Hertha 06 Weißensee ab, das Hauptspiel bestritt der WFC 1900 gegen den SC Wacker 04 – leider ohne ein überliefertes Resultat.

Rekordbesuch gegen Hertha BSC

Die führenden Fußballvereine von Weißensee unterhielten damals eigene Plätze und traten hier nur zu besonderen Anlässen an. So auch am 30. Juli 1933, als sich der Weißenseer FC anlässlich eines Werbesportfestes einen Clubwettkampf mit Tennis Borussia lieferte. Die Gäste gewannen im Handball, beim Boxen und mit 7:1 auch den Fußballvergleich.

Am 6. Juni 1937 traf anlässlich des Weißenseer Volksfestes zum 700. Berlin-Geburtstag eine Auswahl aus Spielern von WFC, Hertha 06, SC Trumpf 28 und SC Jaroslaw/Eintracht 05 auf den Berliner Meister Hertha BSC. Auf dem ‚Kampfplatz am Faulen See‘, wie die Sportstätte inzwischen hieß, siegte die große Hertha mit 7:0 Toren. Die offiziell vermeldeten 8.000 Zuschauer dürften immer noch der hiesige Besucherrekord sein.

Der Weißenseer FC verlor im Sommer 1937 seine an der Greifswalder Straße 68–70 gepachtete Spielunterlage für den Bau jener Wohnhäuser, die dort heute noch stehen. Die Blau-Weißen zogen damals auf Dauer ins Stadion Buschallee. Zu ihrem ersten Punktspiel in der Bezirksliga, damals die zweithöchste Spielklasse nach der Gauliga, pilgerten beachtliche 3.500 Besucher. Das Spiel ging mit 2:7 gegen Viktoria 89 verloren. Der Sprung zurück in die oberste Spielklasse, welcher der Weißenseer FC bis 1931 angehört hatte, gelang leider nicht mehr.

Ab 1941 schnürte der bis dahin auf dem Pferdemarkt ansässige Lokalrivale MSV Hertha 06 seine Fußballschuhe ebenfalls im Stadion. Die vorerst letzten Punktspiele fanden hier im Januar 1944 statt. Danach wurde der offizielle Fußballbetrieb in der Reichshauptstadt wegen der heranrückenden Front ganz eingestellt.

Erstes Berliner Sportfest nach dem Krieg

Den Krieg überstanden Stadion, Hauptgebäude und Nebenplätze im Wesentlichen unbeschadet. Die Luftaufnahme von 1944 zeigt zwar mehrere Bombentrichter auf dem Gelände, vermutlich nicht die einzigen während der vier Jahre Luftkrieg. Wie zu erkennen ist, sprengten manche Bomben tiefe Löcher in den sandigen Untergrund, andere entpuppten sich als Blindgänger und verbeulten beim Aufschlag nur ein wenig die Rasendecke. Bis Ende 1944 planierten die Sportler auch die größeren Krater innerhalb weniger Tage wieder ein. Das Stadion Buschallee hatte Glück, anders als auf vielen anderen Berliner Sportplätzen standen hier auch weder Flugabwehrstellungen, noch Baracken für Fremd- und Zwangsarbeiter.

Und so stand das Weißenseer Stadion zwölf Tage nach der bedingungslosen Kapitulation als Schauplatz für eine der beiden ersten Berliner Sportveranstaltungen nach Kriegsende bereit:

Die Berliner Sportplätze, zum größten Teil während der Kampfhandlungen verwüstet, können erst allmählich wieder dem Sportleben zugeführt werden. Den Bemühungen der Kommunalstellen ist es aber gelungen, den Sportplatz Buschallee in Weißensee und das Stadion Lichtenberg spielfertig zu machen. Hier fanden am Pfingstsonntag (20. Mai) bereits die ersten Mannschaftskämpfe vor 10.000 lederbegeisterten Zuschauern statt.

Ob sich die angegebene Menge auf beide Veranstaltungen verteilte, geht aus der hier zitierten Berliner Zeitung vom 23. Mai ’45 nicht hervor. Viele Besucher kamen sicherlich auch, weil die Sowjets per Gulaschkanone die Kalorienarmut linderten. Für die akustische Verpflegung sorgte eine Kapelle der Roten Armee.

Entnazifizierung des Sports

Mit dem Gesetz Nr. 5 der amerikanischen Militärregierung vom 31. Mai 1945 wurden alle NS-Einrichtungen und -Organisationen verboten. Das betraf wegen ihrer Mitgliedschaft im Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen auch sämtliche noch existierenden Sportvereine Deutschlands. Den Neuanfang machten die kommunalen Sportgruppen. Mitmachen durfte man nur dort, wo man polizeilich gemeldet war. Im Stadion Buschallee scharten sich also die Überlebenden von WFC, Hertha 06 und Trumpf-Schokolade fortan unter dem Dach der SG Weißensee. In ihrem ersten Spiel am 3. Juni 1945 schlug diese Neukölln mit 2:1 vor mehreren Tausend Zuschauern.

Da sich die von den Nazis verbotenen Vereine als erste neu gründen durften, lebte bald wieder der Arbeiter-Sportverein Weißensee auf – der, nebenbei bemerkt, 1932 die letzte kommunistische Fußballmeisterschaft von Berlin gewonnen hatte und zum Zeitpunkt seiner unfreiwilligen Auflösung im März 1933 erneut aussichtsreich im Titelrennen lag.

Das Stadion Buschallee zu DDR-Zeiten und heute

Zu Pfingsten 1950 war das Ost-Berliner Walter-Ulbricht-Stadion Austragungsort des ‚Deutschlandtreffen der Jugend für Frieden und Völkerfreundschaft‘. Mit dieser Ostblock-typischen Sport- und Propagandaschau warb die DDR für die deutsche Einheit unter sozialistischen Bedingungen. Ein Teil des umfangreichen Programms ging im zu diesem Anlass renovierten Stadion Buschallee über die Bühne. Unter anderem sahen hier 5.000 Zuschauer ein Spiel zwischen einer DDR-Studentenauswahl und Studenten aus Berlin-Brandenburg und Mecklenburg (12:3). Damals gab es auch noch Holzbänke auf der Gegengerade. Anfang der 50er erhielt der Hauptplatz die erste Spielfeldbeleuchtung von Ost-Berlin.

Zu DDR-Zeiten spielten hier vor allem vier Vereine: die aus der SG Weißensee entstandene BSG Motor Weißensee, der Hohenschönhausener SC (inzwischen HSV Rot-Weiß), der 1950/51 zu den Gründungsmitgliedern der 2. DDR-Liga zählte, die BSG Stern-Radio und vor allem der ASV-Nachfolger BSG Einheit Weißensee.

Es dauerte nach dem Ende der DDR noch sieben Jahre und einige Wirren und Umbenennungen, bis aus der BSG Einheit der heutige Landesligist Weißenseer FC entstand. Dieser bündelt damit mutig die Traditionslinien des bürgerlichen WFC von 1900 und des proletarischen ASV Weißensee. Daneben ist der Rugbyklub 03 Berlin ansässig, der sogar in der 1. Bundesliga spielt! Das Rugby-Feld wird derzeit für 700.000 Euro mit Kunstrasen, Beleuchtung und Ballfang aufgerüstet. Etwas versteckt liegt das Tennisstadion, auf dessen Traversen Platz für etwa 3.000 Menschen ist. Hier und auf sechs weiteren Sandfeldern ist der TC Weißensee beheimatet. Die Leichtathletik-Anlagen nutzt der SV Rot-Weiß, außerdem findet hier natürlich regelmäßig Schulsport statt.

Zum Abschluß noch ein paar Worte zu architektonischen Details. Das meiste hier ist in den letzten 20 Jahren modernisiert worden. Die Anordnung der Spielfelder ist aber im Großen und Ganzen noch die ursprüngliche. Das Hauptgebäude aus den 1920er Jahren erinnert von seiner Form und Ornamentik an skandinavische Einflüsse. Mit dem Holzhäuschen südlich davon hat sich auch ein Stück Art Déco erhalten. Der Waschbetonbau und das Eingangsschild mit der Aufschrift ‚Stadion Buschallee‘ sind Relikte aus DDR-Zeiten.

Stadion Buschallee
Hansastraße 182, 13088 Berlin-Pankow, Ortsteil Weißensee

Stadion Hansastraße
Hansastraße 190, 13088 Berlin-Pankow, Ortsteil Weißensee

Verkehrsanbindung:
Tram M4, Bus 156 und 259: Haltestelle Stadion Buschallee/Hansastraße
Tram Linie 27: Haltestelle Stadion Buschallee/Suermondtstraße