Archiv für November 2010

GABRIELE SANDRI VIVE!

Die Fahrt nach Italien zum Spiel gegen AS Roma nutzten die Münchner Schickeria Ultras für eine hervorragende Gedenkaktion an den von der Polizei erschossenen Fußballfan Gabriele Sandri am Ort seiner Ermordung. Wir dokumentieren Auszüge aus ihrer Erklärung dazu:

Als eine kleine Geste haben wir auf unserer Rückfahrt aus Rom an der Raststätte Badia al Pino Est eine kleine Metallplatte mit folgendem Text installiert und in einem würdevollen Moment Gabriele gedacht.

Auf dieser Raststätte wurde am 11. November 2007 Gabriele Sandri von einem Polizisten ermordet. Gabriele wurde am 23. September 1981 geboren. Ruhe in Frieden.

Der Wunsch vieler zehntausend Menschen nach einer Gedenktafel für Gabriele an dem Ort, an dem er ermordet wurde, wurde von der Autobahn-Betreibergesellschaft abgelehnt. Man könne nicht für jedes Unfallopfer eine Gedenktafel anbringen. Es geht dabei nicht mal mehr um die Wahrheit, die mit aller Macht verschleiert wird. Es wäre lediglich eine Geste der Menschlichkeit gewesen, doch auch die wurde der Familie und den Freunden von Gabriele verweigert. Gabriele ist aber nicht „nur“ ein Opfer, erst recht nicht das eines Unfalls. Gabriele war ein ganz normaler Fan und dass er erschossen wurde war nur ein Zufall, denn gemeint waren wir alle. GABRIELE SANDRI – EINER VON UNS!

GABBO VIVE! ACAB!

Aus dem Abseits.

Zwei Studenten aus Bremen haben eine Doku über schwule Amateur-Fußballer gedreht. Offen schildern sie in der Doku die Probleme homosexueller Sportler an der Basis. 11Freunde sprach mit den Filmemachern und den kompletten Film könnt Ihr hier sehen…

Aus dem Abseits – Ein Film über Homosexualität im Amateurfußball from Dino B on Vimeo.

Quo vadis Eric Cantona?

Wer hat schon Bock ständig bei diesem Scheiß-Wetter gegen die Finanzkrise zu demonstrieren? Zumal wenn gleichzeitig der Lieblingsverein spielt. Wer hat schon Bock andauernd am Stammtisch große Sprüche gegen die fiesen Bosse zu kloppen? Zumal das Bier ja in dieser Zeit schal wird und man auch Skat kloppen könnte. Wer hat schon Bock jede Nacht vermummt Parolen an die Wände zu sprühen? Zumal währenddessen der/die Freund/in allein zu Hause wartet? Niemand. Selbst für diese pseudorevolutionären Aktivitäten braucht man Mut, Zeit und viel Kraft. Da hat Eric Cantona eine viel bessere Idee…

Kein Eintritt unter dieser Nummer

Postleitzahlen-Strafe im Stadion

Stellen Sie sich vor, es ist Fußball, und Sie kommen nicht rein – weil Sie in einem bestimmten Postleitzahlengebiet wohnen oder geboren wurden. Passiert ist das am Wochenende beim Drittligisten Wehen. Mit dem Segen des DFB. Ein Anwalt rät den Betroffenen zum Gang vor Gericht.

Jürgen Tempel ist sauer. Der 53-Jährige wollte am vergangenen Wochenende das Drittliga-Spitzenspiel zwischen Wehen Wiesbaden und dem FC Hansa Rostock besuchen. Gemeinsam mit seinem zehnjährigen Sohn, der in der Jugend des hessischen Clubs spielt. Doch der Vater durfte nicht ins Stadion – weil Herr Tempel im „falschen“ Postleitzahlengebiet geboren ist. Oder anders gesagt: Weil Rostocker Fans in Dresden randaliert haben, darf ein Familienvater, der in Sachsen geboren ist und in Hessen wohnt, in Wiesbaden nicht ins Stadion.

So zumindest hatten es der DFB und der SV Wehen Wiesbaden beschlossen. Anlass waren Ausschreitungen von Rostocker Hooligans beim Auswärtsspiel im Oktober in Dresden (2:2). Der DFB hatte Hansa Rostock als „Wiederholungstäter“ anschließend die Auflage erteilt, die beiden folgenden Auswärtsspiele beim SV Sandhausen und beim SV Wehen Wiesbaden ohne seine Fans zu bestreiten. Um diese Maßnahme umzusetzen, dachte sich der SV Wehen ein besonderes System aus. Demnach sollten Fans, die außerhalb der Postleitzahlenbereiche 60 bis 65, 55/56 und 34 bis 36 wohnen oder dort geboren sind, keinen Zutritt in die Arena erhalten. Also hätten auch Fans beispielsweise aus Bremen, Stuttgart oder München nicht kommen dürfen.

Und genau hier fängt Tempels Problem an. „Mein deutscher Personalausweis legt offen, dass ich vor 53 Jahren in Bischofswerda in Sachsen geboren wurde“, so Tempel. „Das Sicherheitspersonal am Stadioneingang belehrte mich, dass meine Herkunft respektive meine Geburt in Sachsen, auf Weisung des DFB einen Zugang zum Stadion und damit zum heutigen Spiel unserer Wehener Mannschaft nicht zuließe.“ Auch sein Hinweis, er würde ja in dem „richtigen“ Postleitzahlengebiet wohnen, konnte die Ordnungskräfte, die mit elektronischen Geräte die Postleitzahlen der im Personalausweis angegebenen Orte ermittelten, nicht überzeugen.

Schaden in fünfstelliger Höhe – für Wiesbaden

Tempel musste draußen bleiben. Er war nicht der Einzige. „Wir haben rund 20 Beschwerden erhalten“, sagt ein Sprecher der Wiesbadener auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE und verweist auf die Auflagen des DFB. Man habe keine andere Wahl gehabt, als das Urteil zu akzeptieren und die Maßnahmen umzusetzen. Dass es dabei zu Unannehmlichkeiten gekommen ist, täte ihm leid.

Er selber habe sich ein halbes Jahr auf das Spitzenspiel gegen den Zweitliga-Absteiger gefreut, doch statt eines Fußballfestes erlebte er eine chaotische Woche und ein Wochenende, das einen ganz faden Beigeschmack hinterließ. „Wir müssen hier in dieser Region mit Konkurrenten wie Frankfurt, Offenbach oder Mainz um jeden Fan kämpfen“, sagte der Wehener Sprecher zerknirscht. Zudem sei dem Verein ein Schaden wegen entgangener Zuschauereinnahmen in mittlerer fünfstelliger Höhe entstanden – trotz der vom DFB veranlassten Schadensersatzzahlung der Rostocker (18.000 Euro) an Wehen.

Dabei sollte ja eigentlich der FC Hansa Rostock wirksam bestraft werden. Doch jetzt hat plötzlich Wiesbaden den Schwarzen Peter. Der DFB bestätigt auf Nachfrage zwar, das Postleitzahlen-Konzept abgenickt zu haben, verweist ansonsten aber auf den Gastgeber. Es liege am Verein, das Hausrecht umzusetzen. Beim DFB will man die Vorwürfe der Fans, in Wiesbaden habe es eine Mischung aus Rasterfahndung und Sippenhaft gegeben, nicht gelten lassen. Schließlich sei die Maßnahme im Vorfeld kommuniziert worden und habe sich – von den 20 Betroffenen einmal abgesehen – als sinnvoll erwiesen.

Anwalt rät zur Klage: „Völlig überzogene Maßnahmen“

„Die Umsetzung des Urteils hier in Wiesbaden hat sehr gut funktioniert“, sagte Norbert Weise, stellvertretender Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses. Er selbst habe sich vor Ort ein Bild gemacht: „Der Verein und die Ordnungskräfte haben im Vorfeld und am Spieltag selbst alles dafür getan, dass die disziplinarischen Maßnahmen gegen Hansa Rostock greifen und haben so die Forderungen des DFB erfüllt.“ Zudem gebe es kaum Alternativen zu den Geisterspielen. Heimpartien unter Ausschluss der Öffentlichkeit würden viel mehr Unbeteiligte für das Fehlverhalten einer kleinen Gruppe bestrafen, heißt es beim DFB.

Rechtsanwalt Rüdiger Zuck hält die Maßnahme für unverhältnismäßig. Er rät allen Betroffenen, gegen diese Behandlung zu klagen. „Solche Maßnahmen mögen bei einem Massengentest greifen, wenn ein Mörder gesucht wird, sind jedoch in diesem konkreten Fall vollkommen überzogen, weil sie sehr undifferenziert sind“, sagt Zuck. Der Jurist setzt sich seit Jahren für Fanrechte ein und betreut derzeit einen Fan des FC Bayern München, der vor dem Verfassungsgericht gegen seiner Meinung nach willkürliche Stadionverbote klagt.

Eine zivilrechtliche Klage würde allerdings wieder den SV Wehen treffen. Den Verein, der im Gegensatz zu Hansa Rostock am Wochenende wirklich bestraft wurde. „Ein Richter würde dann allerdings auch prüfen müssen, ob die vom DFB vorgegebenen Maßnahmen ein rechtswidriger Akt sind“, so Zuck.

Bis dahin gibt es – abgesehen vom sportlichen 2:1-Sieg der Rostocker – eigentlich nur Verlierer. Herrn Tempel, der seinem Hobby nicht nachgehen durfte. Den SV Wehen, dem ein finanzieller Schaden entstanden ist und der Fans vergrault hat, obwohl er doch eigentlich nur eine Anordnung des DFB umsetzen wollte. Und sogar die Rostocker Ordner, die vor Ort zur Unterstützung angereist waren. Diese wurden nach der Rückkehr in Rostock von den Hansa-Anhängern attackiert. Sie sollen – zumindest nach Ansicht der Rostocker Ultras – ihren Kontrolljob in Wiesbaden zu penibel ausgeführt haben.

Quelle: SPON.

Der Neid. Die Gier. Und das Unverständnis.

Der ZSZF- Fortsetzungsroman. Teil I.

Dichter Nebel versperrt meine Sicht. Der gesamte Alexanderplatz hat sich in Rauch aufgelöst. Rettungshubschrauber kreisen in der Luft, auf der Suche nach einem geeigneten Landeplatz. Zu sehen sind sie nicht, nur zu hören: Auf maximal zwei Meter ist die Sicht beschränkt, manchmal fehlt einem gar der Blickkontakt zu den eigenen Extremitäten.

Die gerade untergehende Sonne kann daran auch nichts ändern. Rauchschwaden aus Rußpartikeln und feinem Staub liegen in der Luft, es riecht höllisch nach verbranntem Plastik. Beinahe scheint es so, als würden sich die Sonnenstrahlen diesem Grauen mit Absicht verweigern. Zwar wird es in diesen Breitengraden im Herbst meistens schon am frühen Abend dunkel, doch nicht so neblig schwarz wie die heutige Nacht, als wäre es die Kulisse für einen billigen Schwarz-Weiß-Film.

Man fühlt sich in die 50er Jahre versetzt, nur die Leuchtreklame macht auf modern. Sie schimmert noch matt durch den Nebel. Schwach bunt, umrahmt von Dunkelheit gibt sie den Contrapart zum grauen Einheitsdunkel. So gibt wenigstens sie noch ein wenig Orientierung in dem kaum zu überblickenden Chaos.

Berlins City Ost liegt in Schutt und Asche, das erzählen zumindest die servilen Nachrichtensprecher via Funk und Fernsehen. In ihren Live-Schaltungen ist es immer extrem laut. Das kann ich schon einmal bestätigen. An jeder Ecke stehen wild gestikulierende Polizisten in ihren schlecht sitzenden Uniformen, die schrillen Sirenen der Rettungswagen und THW-Fahrzeuge sind ohrenbetäubend und als Sahnehäubchen oben drauf gibt es dann ja noch das Geschnatter der Schaulustigen. Überall an den Absperrungen stehen sie. Und? Gaffen!

Ein gar schauriges Volksfest bietet sich: Neben den piekfeinen Herzdamen aus dem benachbarten Kreuzkölln steht ein älterer Ostberliner Angestellter, deutlich erkennbar an seiner schnoddrigen Berliner Mundart in Kombination mit dem unverkennbaren grau-braunen Mantel. Verzweifelt versucht der Mittfünfziger sich mit seinem Aktenkoffer der Halbstarken zu erwehren, die sich – auf ihre unnachahmliche Weise – hinter und neben ihm gerade etwas Platz verschafft haben. Doch eigentlich gibt es hier am Rande nicht viel zu sehen, einzig auf die Ohren gibt es gehörig etwas. Hektische Befehle, wirre Wortfetzen und keineswegs betörende Sirenen soweit die Lauschlappen reichen. Akustiklärm für die unversehrten Teile der Volksgemeinschaft. Katastrophen Big Brother live, glücklicherweise bisher ohne nervende
Werbeunterbrechungen…

Mit einer Katastrophe diesen Ausmaßes hatte wahrlich niemand gerechnet. Die Schmerzensschreie und das Stöhnen der Verletzten werden nur durch die Sirenen der Einsatzwagen durchbrochen. Ein Klangteppich, dessen Muster üblicherweise in Bethlehem und nicht in Berlin zu hören ist. Hunderte Helfer versuchen die Verletzten notdürftig zu versorgen. Zahllose Sanitäter rennen hektisch hinter dem weiß-rotem Absperrband umher. Ihr Drecksjob ist es, den Ort des Blutbades nachhaltig wieder auszutrocknen. Angesichts des Ausmaßes können sie dabei nur völlig überfordert wirken. Die Anzahl der Verletzten und Toten ist dermaßen hoch, dass selbst die BGS-Beamten sowie jene Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr aushelfen müssen, die nicht mit dem Löschen der Brände beschäftigt sind.

Während die Sanitäter hauptsächlich die Schwerverletzten provisorisch verarzten, um sie für den schnellen Abtransport ins Krankenhaus vorzubereiten, behandeln derweil die hauptberuflichen Grenzschützer die Leichtverletzten. Viele von ihnen stehen unter Schock. Diesem Zustand nähere ich mich in großen Schritten. Einige Männer und Frauen von der Freiwilligen Feuerwehr haben den schwierigsten Job. Am Vorplatz der der Weltzeituhr müssen sie die Toten in die Leichensäcke verpacken. Vor meinen Augen, ein fürchterliches Bild, verkohlte und völlig entstellte Leichen auf weißer Folie in einer Reihe, sieben oder acht Dutzend mindestens. Einzelne Gliedmaßen liegen fein säuberlich aufgebahrt neben den schon in Leichensäcken verpackten Opfern. Sie können noch keiner Person zugeordnet werden, deshalb werden die abgetrennten Beine, Arme und anderen Körperteile separiert. Schwarz verkohlte Leichenteile auf weißem Plastik und damit es farblich nicht so ganz eintönig wird, ist natürlich auch etwas Blut auf den Planen verschmiert. Der in der Luft liegenden Geruch tut sein übriges, um meinem Magen die letzte Mahlzeit zu entlocken.

Unfassbar kraß“, dieser Gedanke verdrängt alles andere in meinem Kopf. Trotzdem oder gerade deshalb, laufe ich weiter, ohne eigentlich so recht zu wissen, wohin. Ich, meine Klamotten, alles ist voller Staub. Komischer Staub. Elektrisch aufgeladen. Das Atmen fällt mir auch schwerer. Der Staub legt sich wie ein Film auf meine Schleimhäute, das Kratzen im Hals reizt meinen chronischen Dauerhusten. Und meine Augen. Ich ärgere mich, dass ich wieder einmal meine Brille im Büro vergessen habe, in diesem Augenblick wäre sie mal wirklich gut gewesen. Obwohl Fan von Indiana Jones, als Abenteurer wurde ich nicht geboren, außerdem habe ich gestern erst meine Jeans gewaschen: „Schöne Scheiße“. Es bleibt einem aber auch gar nichts erspart.

Wer Katastrophen sehen will, muß leiden, soviel schon einmal steht fest. Nachdem die Bäumchen-rütteldich-Methode ebenso nicht funktioniert hat, wie das rhythmische Reiben, überlagert dann doch die Neugier meinen Frust. Überall auf dem Boden verteilt liegen kleine Glassplitter. Sie knirschen ständig unter meinen Schuhen. Ich beuge mich ein wenig vor. Die größeren von ihnen sind maximal einen mal einen Zentimeter groß. Auf dem schwarzen Boden reflektieren sie jene vereinzelten Lichtstrahlen, die es überhaupt bis dahin schaffen vorzudringen. Ein wahrlich packendes Schauspiel, für frisch Verliebte.

Ganz leicht weht der Wind auf. Winzig kleine rosafarbene Fetzen fliegen durch das trübe Dunkelgrau. Sie wirbeln angetrieben vom Wind wie ein kleiner Fischschwarm im schwarzen Meer umher. Jetzt kommt auch bei mir etwas Katastrophenromantik auf. Möglicherweise sind das Überbleibsel des großen MoMA-Plakates am Bahnhof? Plötzlich taucht der schattenhaften Umriss des Bahnhofgebäudes vor mir auf, ein Skelett aus Stahl und Beton.

Es ist wahrlich nicht mehr viel übrig geblieben. Nur noch ein deformiertes Stahlgerippe mit einem Hauch von Fundament. Ein Schauder durchfährt mich. Und immer wieder dieser eine Gedanke „Unfassbar kraß.“ Die Ästhetik der Zerstörung verstört mich ebenso, wie sie mich fesselt. Im Radio hörte es sich wie ein schlechter Scherz an, ähnlich dem Experiment George Orwells, der einmal in einer Radiosendung furios die Landung von Außerirdischen zelebrierte. Doch es war kein Scherz. Unmittelbar vor mir war der vorher undenkbare Wahnwitz an Zerstörung sichtbar. Der brachliegende Bahnhofskoloß ist eingebettet in das allumfassende Grau, als wäre es schon immer so gewesen. Die Faszination des Grauens ergreift mich. Für Entsetzen ist da kaum noch Platz.

Immer wieder laufen Sanitäter mit Verletzten auf ihren Bahren an mir vorbei. Ihre hektischen Anweisungen vermischen sich mit den Schreien ihrer Patienten, den Sirenen der Feuerwehr, die nach den letzten Brandherden sucht. Doch ich bahne mir unbeirrt einen Weg durch die Trümmer. Ich will ganz genau sehen, wie der Bahnhof zugerichtet ist. Ja, auch ick will gaffen! In meinem Büro sitzen jetzt bestimmt die Kollegen von der schreibenden Zunft in der Lobby herum und schauen in die Röhre. Die Verweigerung der Komplexität des alltäglichen Lebens via Medien war mir schon immer ein Gräuel. Ich habe dies nie verstehen können. Durch die Reduzierung der Realität auf eine Schlagzeile wurde die Evolution der Menschheit – ohne Not – um Jahrhunderte zurückgeworfen.

Sogar die Intellektuellen, wenn man mal von ein oder zwei Ausnahmen absieht, verurteilen nicht die Missstände sondern deren Produkte, und sind somit auf das Niveau von drittklassigen Seifenopern herabgesunken. Letztendlich ist das durch diese vierte Urgewalt verursachte geistige Elend zu vergleichen mit den Auswirkungen der Inquisition. Und wofür das Ganze? Für ein wenig kurzweilige Unterhaltung, die uns vergessen lässt, wozu die Menschheit überhaupt angetreten ist…

Es ist immer das Gleiche: Da passiert schon mal etwas in unserem beschaulichen Berlin und die meisten Insassen sitzen bestimmt vor der Glotze. Ganz Kecke werden vielleicht am Fenster hängen, aber selbst, wenn sie an der ersten Absperrung stehen würden, wäre es für die Wiederentdeckung der Realität viel zu spät. Das Geschehen wäre nur eine Blaupause, um sich gegenseitig zu berichten, an welchen billigen Pro7-Actionkracher das gerade stattfindende Szenario erinnert. Allein die Alten könnten mit ihren vor kurzem von TV-Historikern aufgefrischten Erinnerungen an die Bombenangriffe der Alliierten auftrumpfen.

Ob das so viel besser ist, sei mal dahingestellt. Diese unfassbare Monströsität mit meinen eigenen Augen sehen, das ist mein Ziel. Ich möchte mehr als ein unbeteiligter Beteiligter sein. Falls das in dieser Zeit schlechthin noch möglich ist.

Verloren in den Gedanken, holt mich erst der Schmerz wieder zurück. Mein linkes Schienbein signalisiert mir, dass ich einen harten Gegenstand direkt vor mir übersehen habe. Das Hindernis ist schwer zu erkennen, nur schemenhaft kann man erahnen, dass sich unter dem leicht abbröckelnden rot-weißen Lack womöglich Metall versteckt. Groß und rund ist es. Während der Schmerz im Kleinhirn immer noch für Verwirrung sorgt, ertaste ich den Gegenstand.

Ähnlich einer Schranke liegt er quer über meinem Weg. Aber bewegen lässt sich das Scheißteil kein Stück. Fortsetzung folgt…

Die ersten Ultras

Was heute von den Zuschauern erwartet wird, sorgte bei der WM 1958 für größte Empörung: Das schwedische Heimpublikum peitschte sein Team mit Schlachtgesängen nach vorne und löste damit eine diplomatische Krise aus.

Für die deutschen Medien war es ein handfester Skandal. 3:1 hatte Gastgeber Schweden den amtierenden Weltmeister Deutschland bei der WM 1958 im Halbfinale geschlagen, doch damit war das Spiel noch lange nicht vorbei. Neben einigen umstrittenen Entscheidungen des ungarischen (!) Schiedsrichters Istvan Zsolt war es vor allem das Verhalten des Heimpublikums, das die deutschen Schreiber zur Weißglut brachte. Die Schweden hatten es gewagt, ihre Mannschaft über neunzig Minuten zum Sieg zu schreien, angeleitet von enthusiastischen Vorsängern am Spielfeldrand.

»Bild« titelte verbittert von der »Hölle in Göteborg« und beklagte, 48 Jahre vor Schwarz-Rot-Geil: „Das hatte mit Neutralität bei einer WM nichts mehr zu tun.“ Andere Kommentatoren wurden noch deutlicher, fühlten sich in eben überwunden geglaubte Zeiten zurückversetzt, mit Deutschland in der Opferrolle. „Wir waren vom Kriege einiges gewohnt. Die Heimat mit dem Inferno des Sirenengeheuls, die Front mit anderen Unfreundlichkeiten. Das alles war aber nichts gegen die Organisation der schwedischen Lärmkonstrukteure“, lautete das Fazit im »Hamburger Abendblatt«. Aus heutiger Sicht bemerkenswert, war es aber der »Kicker«, der den maßlosen Vergleichen die Krone aufsetzte: „Wir sahen uns plötzlich in eine Art Berliner Sportpalast versetzt, wo der Einpeitscher Goebbels hieß. Die Methode jedenfalls ist verwandt.

Lautes Anfeuern war in Deutschland noch völlig unüblich

Grund der Empörung war eine nach heutigen Maßstäben vollkommen harmlose Textzeile, die als Dauergesang im Göteborger Stadion ertönte: „Heja Sverige friskt humör, det är det som susen gör, Sverige, Sverige, Sverige“, frei übersetzt in etwa „Auf geht’s Schweden, mit frischem Mut immer voran, Schweden, Schweden, Schweden“. Doch nicht was gesungen wurde, erregte die Gemüter, sondern dass es überhaupt passierte. Weder die deutschen Reporter noch die Spieler waren mit Fangesängen im Fußball vertraut, wie der deutsche Torwart Fritz Herkenrath später zugab: „Verglichen mit dem, was man heute in den Stadien hört, ging es in Göteborg noch ziemlich ruhig zu. Wir waren nur nicht daran gewöhnt. Lautes Anfeuern war damals in Deutschland noch völlig unüblich. Wir zollten dem Gegner immer Respekt.

In der Tat waren Spieler und Medien in den fünfziger Jahren penibel darauf bedacht, sich nur ja nichts zuschulden kommen zu lassen, was auch nur im Entferntesten als Unsportlichkeit ausgelegt werden könnte. Der Fairplay-Gedanke stand an erster Stelle. Wer vor allem am Erfolg des eigenen Teams interessiert war, und nicht am Fußball an sich, geriet schnell in den Ruf, ein »Fanatiker« zu sein – eines der schlimmsten Schimpfwörter, das die Sportpresse damals bereithielt.

Halbfinalgegner Schweden hingegen war seiner Zeit in Sachen Support weit voraus. 1958 hatten Fangesänge dort bereits eine lange Tradition. „Ehrlich gesagt hatten wir nicht erwartet, dass das ein Problem darstellen könnte“, sagt Bengt Ågren, damals Sekretär des Organisationskomitees. „Wir Schweden haben unsere Teams immer angefeuert und dafür auch Einpeitscher bei Länderspielen eingesetzt. Keiner von uns dachte daran, dass wir das bei einer Weltmeisterschaft nicht machen könnten.“ Schon 1916 hatte der schwedisch-amerikanische Leichtathletiktrainer Ernest Hjertberg das amerikanische Cheerleader-Modell in Skandinavien eingeführt und für ein Länderspiel gegen den Erzrivalen Dänemark das berühmte »Heja Sverige« verfasst. Der Chant, der nach dem Viertelfinale den sowjetischen Coach Gawriil Katschalin konstatieren ließ, „sogar der Stadionbeton hat die Schweden angefeuert“, dürfte damit der älteste Fangesang des Fußballs sein.

In der Vorrunde hatten die Veranstalter es noch den Zuschauern überlassen, das Lied zu singen, ab dem Viertelfinale setzten sie zusätzlich Vorsänger ein, die vor und während des Spiels die Massen animierten; ausgestattet mit blauer Hose und gelbem Pullover, einer Landesflagge und, gewissermaßen als Urväter der heutigen Kapos, einem batteriebetriebenen Megafon. Funktionär Ågren räumt im Rückblick ein: „Vielleicht waren wir etwas übermotiviert, als wir merkten, dass es Schweden wirklich ins Halbfinale oder sogar ins Endspiel schaffen könnte.“ Gegen Deutschland schickte man gleich zwei Kapos aufs Feld, die die einzelnen Hälften des Stadions bearbeiten sollten. Den bekannten Göteborger Schauspieler Håkan Westergren und, als kleine Gemeinheit gegenüber dem Gegner, den Mittelstreckenläufer Lennart Nilsson. Der trug seit seinen Siegen über 800 und 1500 Meter bei Wettkämpfen vor und während des Krieges den Kampfnamen »Deutschen-Killer«. Westergren und Nillson sangen vor, 48 000 stimmten ein: „Heja sverige friskt humör …

Der Rest ist Zeitgeschichte. Erich Juskowiak flog in der aufgeheizten Stimmung wegen Nachtretens vom Platz und erzürnte Sepp Herberger mit dieser Aktion dermaßen, dass der ihn nie wieder in der Nationalmannschaft spielen lassen wollte. Eine Entscheidung, die der Chef erst viel später, und der Legende nach nur auf Drängen seiner Frau, wieder rückgängig machte. Fritz Walter konnte nach einem Foul in der zweiten Halbzeit kaum noch laufen, und die deutschen Stürmer, wenn sie denn einmal nicht ins Abseits liefen, vergaben gleich eine ganze Reihe bester Möglichkeiten. Doch von eigenem Verschulden wollte beim DFB niemand etwas wissen. Verbandspräsident Peco Bauwens war wegen der schwedischen Zuschauer sogar noch Tage später beleidigt und sagte die Teilnahme der Mannschaft am traditionellen Abschlussbankett ab, obwohl ihn der deutsche Botschafter in Stockholm inständig bat, es nicht zu einem solchen Affront kommen zu lassen.

Das Verhältnis beruhigte sich erst nach Jahren wieder

Von solchen Vorbildern angestachelt, kochte in der Heimat die Volksseele. »Bild« sammelte über 2000 Protestbriefe, es kam zu Übergriffen auf schwedische Touristen, Künstler und Stewardessen, bei der Kieler Woche wurde gar ein schwedischer Kinderchor wüst beschimpft. Die Botschaften beider Länder hatten alle Hände voll zu tun, das Verhältnis wieder zu beruhigen, was allerdings noch Jahre dauern sollte.

Mitunter trieb die Wut auch skurrile Blüten. Ein Hamburger Restaurant nahm symbolisch die »Schwedenplatte« von der Speisekarte, ein Tankstellenpächter in Flensburg weigerte sich, Autos schwedischer Touristen zu betanken, woraufhin die nicht mehr nach Hause kamen, und eine Bar auf der Reeperbahn verlangte von deutschen Gästen eine Mark für ein Bier, von Schweden hingegen fünf.

Vor dem Finale Schweden gegen Brasilien hielten sich die Einpeitscher dann übrigens merklich zurück und traten während der Partie gar nicht in Erscheinung. Denn auch die FIFA hatte zwischenzeitlich wissen lassen, dass sie nicht besonders glücklich über die schwedischen Kapos sei. Brasilien gewann 5:2, der 17-jährige Pelé schoss zwei Tore, und das Publikum feierte beide Mannschaften.

Aus 11 FREUNDE-Spezial: 50er / Das waren die Fünfziger

Wer, was, wie ist Ultrà?

Eine Frage die sich ja ständig stellt. Die Mädels und Jungs von Amaranto wollen deshalb eine breitere Debatte zum Thema anstoßen. Ihren Eröffnungstext könnt Ihr hier nachlesen:

Ultras sind überall. Der Diskurs um Fankultur und das Engagement zur Rettung ebenjener wird sowohl in der Kritik als auch in der gelebten Form im Stadion von ihnen dominiert. Ultrà wird so zum Synonym für organisierte Fans. Keine*r schreibt und redet mehr von Hooligans, Hooltras, Suptras oder anderen Fangruppen. Bis auf die bürgerlichen Medien – für die gibt es nur Chaoten oder Hooligans. Ultras dagegen existieren in der Mainstream-Berichterstattung an den Spieltagen nur am Rande. Dabei sind sie es und die Fans, die jedes einzelne Spiel zu einem Erlebnis machen.

Trotz der Dominanz in den Kurven, des gemeinsamen Stils, des kulturellen und performativen Ausdrucks ist allerdings den wenigstens bewußt, was eigentlich Ultrà sein soll und was Ultras von anderen Fans unterscheidet. Daß sich das Selbstverständnis seit seinen Ursprüngen in Italien grundlegend gewandelt hat, bemerken viele nicht erst seit dem nun in Übersetzung vorliegendem “Tifare Contro” von Giovanni Francesio. Die Diskussionen, Erklärungen und Redebeiträge rund um sowie während der Fandemo am 9. Oktober diesen Jahres in Berlin verdeutlichen ebenfalls, daß es Klärungsbedarf innerhalb der Ultràszene und den anderen Fangruppen bezüglich des eigenen Selbstverständnisses gibt.

Die Entwicklung und Formulierung eines gemeinsamen Grundkonsens fällt deswegen auch schwer, weil die Gruppen untereinander zerstritten, zum Teil verfeindet und eher gesprächsimmun zu sein scheinen. Ein Indiz ist, daß sich an der Fandemo zwar, neben den üblichen eher apolitischen großen Ultrà-Gruppen der Bundesliga-Vereine, auch kleinere und mit der Schickeria aus München, der Horda Azzuro aus aus Jena und den Ultras Roter Stern aus Berlin auch emanzipatorische Gruppen beteiligten, aber sehr viele engagierte antirassistische und antifaschistische Fans ohrenbetäubend schwiegen.

Es gab keine Reaktion auf die Fandemo und die Kampagne “Zum Erhalt der Fankultur” von den Ultras St. Pauli und aus Babelsberg. Die Suptras aus Rostock, die zur Zeit wieder einmal mit Repressionen vom Verein zu kämpfen haben, blieben ebenfalls erstaunlich ruhig. Die TeBe-Fanszene positionierte sich eindeutig gegen die gewalttätige, rassistische, sexistische und homophobe gelebte Fankultur im Allgemeinen und Ultras im Besonderen.

Die Kritik der TeBe-Fanszene ist, wenn mensch die zahlreichen Erfahrungen rund um Fußballspiele ihres Vereins und Fanaktivitäten jenseits des Stadions betrachtet, durchaus nachvollziehbar und berechtigt. Gewalt, Rassismus, Sexismus und Homophobie sind Probleme in den Kurven. Jedoch sollte in einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Phänomen auch beachtet werden, daß Ultrà längst zu einem ikonographischen Label geworden ist.

Beinah jede jugendlichen Gang von Fußballfanatiker*innen nennt sich heute „Ultras“ oder hat zumindest ein entsprechendes Banner zusätzlich zu der eigenen Zaunfahne. Die Gruppennamen verweisen nicht selten auf vorbürgerliche oder militärische Kollektive und apokalyptische Mythen, wobei die Gruppen, die kriegerische Aspekte betonen, nicht selten rechtsoffen sind oder Nazigruppen repräsentieren. Eine Ausnahme ist hierbei das ironisch gebrochene Label TeBe Partyarmy.

Zu den Selbstbezeichnungen als vorbürgerlich, kämpferisch und nonkonformistisch kommt oft die genderspezifische Selbstbezeichnung als Boj, Boyz oder Jungz, die den loyalen geschlossen männlichen Männerbund ausstellt.

Was in jedem Fall insbesondere in älteren Ultràveröffentlichungen, die zum Beispiel bei Mr. Altravita nachzulesen sind, auffällt, ist die totale Kompromißlosigkeit mit der bürgerlichen Gesellschaft. Die Ultras sehen sich als das grundsätzlich ‘Andere’. Ultrà ist so vor allem auch ein Gegen, das “Tifare Contro”, wie Francesio sein Buch zur Geschichte der italienischen Ultras nennt, und Mr. Altravita in einem Interview erläutert. Francesio nennt dies die „antagonistische Dimension“ von Ultrà.

Damit leben Ultras, was nicht besonders verwunderlich ist, schließlich sind sie aus der außerparlamentarischen Linken Italiens der Fabrikkämpfe entstanden, den Revolutionstraum ohne sich auf explizit emanzipatorische Utopien zu berufen. Die (vorgestellte) Praxis an jedem Spieltag und in jeder Kurve ist eine nihilistische Ablehnung der Verwertungs- und Ausbeutungsmechanismen der kapitalistischen Gesellschaft. Der Ultrà nimmt sich rüde, was er für nötig hält. Dazu gehören neben dem lautstarken, kreativen und buntem Support der Mannschaft auch Kämpfe.

Francesio mahnt in seinem Buch, das er nach der zweiten großen Repressionswelle gegen Ultras in Italien nach der Tötung des Polizisten Filippo Raciti und dem Mord an dem Lazio Fan Gabriele Sandri begonnen hat zu schreiben, immer wieder eine Absage an Kämpfe und die Gewalt an, damit die Ultrà (Jugend-) Kultur überleben kann. Er empfindet beides als genauso unerträglich, wie die Unwissenheit und Ignoranz der bürgerlichen Öffentlichkeit sowie ihrer Sicherheitsorgane. Francesio betont den antagonistischen Charakter der Ultras und macht diesen gegen die Beschneidung und zunehmende Kontrolle des öffentlichen Raumes im Allgemeinen stark.

Ultrà war und ist ein dynamisches Phänomen. Es entzieht sich der Kontrolle durch den Staat und seiner Organe aber auch der Vereine. Deshalb, denken wir, ist es möglich den Diskurs über Ultrà innerhalb einer emanzipatorischen Fankultur und einer engagierten Bewegung nutzbar zu machen. Der Freiraum Kurve scheint verloren. Restriktionen, Überwachung, Kommerzialisierung und patriachale Kollektivierungen sind der Alltag. Aber zumindest eine diskursiv utopische Idee von emanzipatorischen Antagonist* in der Kurve bleibt.

Aus diesem Grund starten wir hiermit das Projekt „Ultrà Diskurs“ um verschiedene Materialien zur Geschichte, der Mentalität und dem Selbstverständnis, der Gewalt (oder vielleicht auch Militanz) sowie emanzipatorischer Qualitäten zu sammeln und zu diskutieren. Wir hoffen damit die zum Teil gerechtfertigte Kritik an Ultras fruchtbar machen zu können. Wir laden emanzipatorische Fan- und Ultrà-Gruppen, aktive Fanbündnisse, die berühmt berüchtigten “Cani Sciolti” und Einzelpersonen dazu ein, sich offensiv an diesem Diskurs zu beteiligen. Hierbei suchen wir vor allem Texte, die sich mit den oben genannten Themen aus einer emanzipatorischen Perspektive auseinandersetzen. Der Genderaspekt ist uns hierbei besonders wichtig.

Für eine lebende Kurve – jenseits rassistischer, antisemitischer, sexistischer und homophober Ausgrenzung!

Spitzenreiter, Spitzenreiter…

Arbeiterfußball in Deutschland. Teil II.

Erster Weltkrieg und die erste Bundesmeisterschaft.

Der erste Teil unserer Serie endete am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Heute wollen wir schaun, wie die weitere Entwicklung bis zur ersten deutschen Meisterschaft im Arbeiterfußball verlief. Kurz vor Kriegsausbruch hatte sich sogar noch ein internationaler Verband für Arbeitersport konstituiert. Doch mit Kriegsbeginn stellte er jede Tätigkeit ein. Proletarier verschiedener Länder schossen nun nicht friedlich die Lederkugel auf das gegnerische Tor, sondern aufeinander mit scharfer Munition allen Kalibers. Ähnlich wie die SPD, die im August 1914 für die Bewilligung von Kriegskrediten gestimmt hatte, verhielten sich viele sozialdemokratischen Parlamentarier anderer Kriegsparteien. Die Arbeiter-Internationale zerbrach am jeweiligen nationalen Kriegstaumel, also genau zu jenem Zeitpunkt als man sie am dringendsten brauchte…

Der Sportbetrieb ruhte zunächst in Deutschland und den sonstigen kriegstreibenden Staaten. Man hoffte ja auf einen kurzen Waffengang und einen schnellen Frieden. Als sich die Nationen dann auf einen längeren Kriegsverlauf einstellten, startete der Sportbetrieb langsam wieder. Hierzulande fiel zwar bis 1920 die Ermittlung des DFB-Meisters aus, doch Regionalmeisterschaften kamen im DFB-Bereich zur Durchführung. In Berlin gewannen Hertha (1915, 1917, 1918) und Viktoria 89 (1916) die sogenannten Kriegsmeisterschaften. Im Arbeiterfußball sind in dieser Zeit nicht einmal die Regionalbesten ermittelt worden. Zumindest schweigen sich die Quellen dazu aus. Wahrscheinlich war der Prozentsatz an Kriegsteilnehmern hier weitaus höher als im bürgerlichen Fußball. Trotzdem wuchs die Fußballbegeisterung auch während des großen Völkerringens weiter an. Viele Männer lernten erst als Soldaten das Spiel kennen, indem sie es in Kampfpausen zur Entspannung und zu Hebung der Moral spielten.

Und ihre Söhne füllten in der Heimat die Mannschaften der noch lebensfähigen Vereine auf. Im Arbeitersport hatte der Fußball gerade erst vor ein paar Jahren Einzug gehalten und sich noch längst nicht in allen Turnerschaften und Sportvereinen durchgesetzt. Nun, wo die Turnväter im Feld oder in der Etappe standen, nutzten die Jugendlichen das Machtvakuum und etablierten das Fußballspiel auch dort, wo es zuvor nicht gern gesehen war. So gab es auch im Arbeiter-Turner-Bund eine Kontinuität, aber eben ohne überlieferte Titelträger.

Die Meisterschaft der Märkischen Spielvereinigung 1919/20

Nach Kriegsende stieg das Sportinteresse der deutschen Bevölkerung rapide an. Die Vereine hatten einen großen Zulauf, an Aktiven ebenso wie an Zuschauern. 1920 ermittelte der DFB mit dem 1. FC Nürnberg seinen ersten Nachkriegs- oder besser Zwischenkriegsmeister. Und auch im Arbeitersport taten sich große Dinge: Bei seinem Bundestag im Juni 1919 benannte sich der Arbeiter-Turner-Bund um in Arbeiter-Turn- und Sport-Bund (ATSB). Und er beschloß die Austragung einer reichsweiten Bundesmeisterschaft! Dazu ersann der Fachausschuss einen Modus, der bis zum gewaltsamen Ende dieser Bewegung aktuell blieb. Zuerst ermittelten die Länder und größeren Städte ihre Bezirksmeister, diese untereinander den Kreismeister. Der Kreismeister kämpfte um eine der vier Regionalmeisterschaften. Die vier Regionalmeister fochten dann im K.o.-System den Titel im ATSB aus, der in Abgrenzung zum DFB nicht Deutscher Meister hieß, sondern Bundesmeister.

In Berlin und Umgebung lief der „linke“ Spielbetrieb über die Märkische Spielvereinigung. Im April standen die vier Kreismeister fest, die am 25. April 1920 die MSV-Meisterschaft ausfochten. Auf dem Reinickendorfer Gemeindespielplatz, ganz in der Nähe des dortigen Rathauses, nutzte vor 1.500 Zuschauern der Reinickendorfer BC seinen Heimvorteil gegen die Freie Turn- und Sportvereinigung 1894 Nowawes. Er führte schon 2:0, als in der 86. Minute ein Unwetter den Abbruch erzwang. Nowawes verzichtete auf eine Wiederholung, so daß Reinickendorf im Finale stand. Zur selben Stunde qualifizierte sich auch der Lausitzmeister TuS Süden Forst 07 durch ein 2:1 gegen die Freie Turnerschaft Wilmersdorf. Allerdings nicht ohne Skandal: Damals war es noch üblich, nach verlorenen Spielen Protest einzureichen. Das Zeitalter der Tatsachenentscheidungen harrte noch seiner Dämmerung, und so legte Wilmersdorf wegen eines nicht gegebenen Handelfmeters Widerspruch ein. Der Spielausschuss der Märkischen Spielvereinigung setzte das Spiel neu an. Nun protestierte Forst, lehnte die Wiederholung ab und schied aus. Am 2. Mai 1920 besiegte Wilmersdorf am Reinickendorfer Rathaus 4:1 den Reinickendorfer BC. Der Berliner Meister im bürgerlichen Verbande Brandenburgischer Ballspielvereine (VBB) war übrigens kein geringerer als der SC Union 06 Oberschöneweide.

Um die erste Bundesmeisterschaft

Reinickendorf durfte als MSV-Meister zunächst um die Ostdeutsche Meisterschaft antreten. Und das mit Erfolg. Die Kicker von der Freien Turnerschaft Nemitz-Stettin wurden daheim mit sechs zu null auseinander genommen. Am 30. Mai 1920 fand das Endspiel gegen Wacker Görlitz auf dem Sportgelände des bürgerlichen Berliner BC 03 statt. Den Platz gibt es übrigens noch, er liegt an der Markgrafenstraße 19 – 24 in Mariendorf. Damals stand dort sogar eine Holztribüne. Da die Meisterschaft des VBB schon vorbei war und der Platzwart des BBC 03 im Urlaub, musste das Spiel auf fast kniehohem Gras stattfinden. Da es sich kaum abkreiden ließ, mussten zur Spielfeldmarkierung Fahnen aufgestellt werden. Die Spieler und die etwa 1.500 Zuschauer hatten Probleme, dem Ball zu folgen. Unter diesen kuriosen Umständen gewann Wilmersdorf 6:1.

Am Titel Ostdeutscher Meister 1920 konnten sie sich aber nur einen Tag erfreuen. Der ATSB als höchstes Gremium gab am folgenden Morgen dem Protest von Süden Forst statt und sprach ihm die beiden Titel MSV- und Ostdeutscher Meister zu. Die weiteren Regionalmeister hießen Dresdner SV 1910 (Mitteldeutschland), TSV Fürth (Süddeutschland) und TSV Waldau (Nordwestdeutschland).

Berlin hatte damit keine Chance mehr, als erster Bundesmeister in die Lehrbücher einzugehen. Der MSV-Verteter Süden Forst machte seine Sache aber auch recht gut und siegte am 20. Juni 5:1 gegen TSV Waldau (bei Kassel). Im zweiten Vorrundenspiel schied der Dresdner SV von 1910 nach einem 2:3 gegen den TSV Fürth aus. Das Endspiel stieg wenig später auf dem Platz der SpVgg. 1899 Leipzig. Fürth gewann auch diesmal mit 3:2 und ging damit als erster Deutscher – pardon – Bundesmeister des deutschen Arbeiterfußballs vom Platz.

Der Platz, auf dem das historische Ereignis vor 5.000 interessierten Zusehern stattfand, ist 90 Jahre später noch originalgetreu erhalten, der TSV Fürth existiert leider nicht mehr.

Wo spielten eigentlich die Arbeiterfußballer?

In Berlin besaß der Turnverein Fichte Südost seit 1897 den ersten und lange Zeit einzigen eigenen Platz im Arbeitersportbereich. Dieser befand sich in Baumschulenweg an der Köpenicker Landstraße. In Preußen und anderen deutschen Staaten blieb Arbeitersportlern bis 1914 die Nutzung kommunaler Plätze und Turnhallen verwehrt. Das änderte sich dann, indem die Zustimmung der Sozialdemokraten im Reichstag für die Kriegskredite unter anderem mit der Freigabe von Sportanlagen honoriert wurde. Danach durften die SPD-nahen Vereine sich mit den „bürgerlichen“ die Gemeindesportplätze teilen.

Besonders reges Treiben herrschte auf dem Tempelhofer Feld, das damals noch kein Flughafen, aber Deutschlands größter Sportplatz war, und auf dem Exerzierplatz „Einsame Pappel“ (heute Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark). Die wichtigsten hier ansässigen Vereine der Märkischen Spielvereinigung hießen BSC Bavaria 09, BFC Nordiska 13, Wacker 20, SC Helvetia 22, Fichte Nordost, Amateure 24 und SC Sowjet. Mitte der 1920er Jahre tummelten sich auf dem „Exer“ zeitweilig sogar mehr MSV- als VBB-Mannschaften.

Dazu zum Abschluß der heutigen Geschichtsstunde noch folgende Anekdote aus dem VBB-Zentralorgan RASENSPORT, Nr. 7/1924, S.6: „Fährt da ein Bezirksverein der Provinz nach Berlin, um auf dem Exer ein fälliges Verbandsspiel auszutragen. Wie die Spieler aber auf das Feld kommen, sind sämtliche Fußballplätze von anderen Mannschaften belegt. So hat den für dieses Spiel in Aussicht genommenen Platz ein Verein aus dem MSV in Beschlag belegt.

Auf den entrüsteten Protest beider Bezirksvereine hielt ihnen der Vorsitzende des Arbeitervereins mit lächelnder Miene ein behördliches Schreiben unter die Nase, worin stand, dass die MSV-Mannschaft berechtigt sei, jeden Sonntag von 2 – 6 Uhr auf dem Exer zu spielen! Alles Protestieren beim Verwalter half nichts, und unverrichteter Sache mussten die Provinzler die einstündige Rückfahrt nach ihrem Heimatort antreten, mit der nicht gerade tröstlichen Hoffnung, dass es das nächste Mal wahrscheinlich genauso werden wird.

Wer trägt die Schuld hieran? Dem Exer-Verein kann man gewiss keinen Vorwurf machen. Er ist genauso der Leittragende wie sein Gegner aus der Provinz. Wer ersetzt letzterem nun die unnütz vergeudete Zeit und das Fahrgeld? Und wer garantiert vor allen Dingen dafür, dass die Plätze beim nächsten Verbandsspiel nicht wieder besetzt sind?

Der vergebens angereiste Provinzverein holte sofort Erkundigungen ein und stieß dabei auf folgenden Sachverhalt: Vor einiger Zeit hatte das Sportamt Vertreter der beiden um Plätze und Seelen konkurrierenden Fußball-Verbände einbestellt und u.a. nach der Anzahl ihrer Exer-Mannschaften befragt. Der Abgesandte des „preußisch-blauen“ VBB konnte diese Zahl nicht genau benennen, sein Gegenspieler von der „roten“ Märkischen Spiel-Vereinigung stand nicht auf der Leitung, verdoppelte geistesgegenwärtig die tatsächlichen Anzahl seiner Mannschaften und bekam entsprechend viele Spielfelder zugesprochen. 1:0 für „Rot“ gegen „Blau“!

In der nächsten Ausgabe unseres Fanzines „Zur Sonne.Zur Freiheit!“ geht es weiter mit der Serie Arbeiterfussball in Deutschland. Die aktuelle Ausgabe Numero 5 findet Ihr hier…

weiblich, uniformiert und brutal.

Polizistin gesteht Schläge gegen Fußballerinnen

Im Limburger Prügelskandal hat eine angeklagte Polizistin vor dem Amtsgericht einen Übergriff auf zwei Fußballerinnen des VfR 07 Limburg im Hessenpokal-Halbfinale Mitte April gestanden. Die 27-Jährige erklärte beim Prozessauftakt am Mittwoch, sie sei zuvor provoziert worden. Das bestreiten die Opfer.

Der Vorfall hatte sich zwei Minuten vor dem Ende der Begegnung zwischen den Gastgeberinnen und Germania Wiesbaden ereignet. Nachdem eine für Wiesbaden spielende Freundin der Polizeibeamtin gerempelt worden war, stürmte die Angeklagte aufs Feld und schlug die zwei Limburgerinnen.

Diese mussten mit Gesichtsprellungen und Gehirnerschütterungen ins Krankenhaus gebracht werden. Eine der Frauen erlitt sogar einen Nasenbeinbruch. Die Partie wurde nach dem Zwischenfall beim Stand von 0:1 abgebrochen.

Bereits vor Beginn des Prozesses hatte die Polizistin ihren Opfern Schmerzensgeld gezahlt. Im Gerichtssaal entschuldigte sie sich nun unter Tränen bei den von ihr attackierten Spielerinnen. Der Prozess soll nach Aussage eines Gerichtssprechers am 17. November fortgesetzt werden. Dann ist auch mit einem Urteil zu rechnen.

Quelle: 11.Freunde