Erster Weltkrieg und die erste Bundesmeisterschaft.
Der erste Teil unserer Serie endete am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Heute wollen wir schaun, wie die weitere Entwicklung bis zur ersten deutschen Meisterschaft im Arbeiterfußball verlief. Kurz vor Kriegsausbruch hatte sich sogar noch ein internationaler Verband für Arbeitersport konstituiert. Doch mit Kriegsbeginn stellte er jede Tätigkeit ein. Proletarier verschiedener Länder schossen nun nicht friedlich die Lederkugel auf das gegnerische Tor, sondern aufeinander mit scharfer Munition allen Kalibers. Ähnlich wie die SPD, die im August 1914 für die Bewilligung von Kriegskrediten gestimmt hatte, verhielten sich viele sozialdemokratischen Parlamentarier anderer Kriegsparteien. Die Arbeiter-Internationale zerbrach am jeweiligen nationalen Kriegstaumel, also genau zu jenem Zeitpunkt als man sie am dringendsten brauchte…
Der Sportbetrieb ruhte zunächst in Deutschland und den sonstigen kriegstreibenden Staaten. Man hoffte ja auf einen kurzen Waffengang und einen schnellen Frieden. Als sich die Nationen dann auf einen längeren Kriegsverlauf einstellten, startete der Sportbetrieb langsam wieder. Hierzulande fiel zwar bis 1920 die Ermittlung des DFB-Meisters aus, doch Regionalmeisterschaften kamen im DFB-Bereich zur Durchführung. In Berlin gewannen Hertha (1915, 1917, 1918) und Viktoria 89 (1916) die sogenannten Kriegsmeisterschaften. Im Arbeiterfußball sind in dieser Zeit nicht einmal die Regionalbesten ermittelt worden. Zumindest schweigen sich die Quellen dazu aus. Wahrscheinlich war der Prozentsatz an Kriegsteilnehmern hier weitaus höher als im bürgerlichen Fußball. Trotzdem wuchs die Fußballbegeisterung auch während des großen Völkerringens weiter an. Viele Männer lernten erst als Soldaten das Spiel kennen, indem sie es in Kampfpausen zur Entspannung und zu Hebung der Moral spielten.
Und ihre Söhne füllten in der Heimat die Mannschaften der noch lebensfähigen Vereine auf. Im Arbeitersport hatte der Fußball gerade erst vor ein paar Jahren Einzug gehalten und sich noch längst nicht in allen Turnerschaften und Sportvereinen durchgesetzt. Nun, wo die Turnväter im Feld oder in der Etappe standen, nutzten die Jugendlichen das Machtvakuum und etablierten das Fußballspiel auch dort, wo es zuvor nicht gern gesehen war. So gab es auch im Arbeiter-Turner-Bund eine Kontinuität, aber eben ohne überlieferte Titelträger.
Die Meisterschaft der Märkischen Spielvereinigung 1919/20
Nach Kriegsende stieg das Sportinteresse der deutschen Bevölkerung rapide an. Die Vereine hatten einen großen Zulauf, an Aktiven ebenso wie an Zuschauern. 1920 ermittelte der DFB mit dem 1. FC Nürnberg seinen ersten Nachkriegs- oder besser Zwischenkriegsmeister. Und auch im Arbeitersport taten sich große Dinge: Bei seinem Bundestag im Juni 1919 benannte sich der Arbeiter-Turner-Bund um in Arbeiter-Turn- und Sport-Bund (ATSB). Und er beschloß die Austragung einer reichsweiten Bundesmeisterschaft! Dazu ersann der Fachausschuss einen Modus, der bis zum gewaltsamen Ende dieser Bewegung aktuell blieb. Zuerst ermittelten die Länder und größeren Städte ihre Bezirksmeister, diese untereinander den Kreismeister. Der Kreismeister kämpfte um eine der vier Regionalmeisterschaften. Die vier Regionalmeister fochten dann im K.o.-System den Titel im ATSB aus, der in Abgrenzung zum DFB nicht Deutscher Meister hieß, sondern Bundesmeister.
In Berlin und Umgebung lief der „linke“ Spielbetrieb über die Märkische Spielvereinigung. Im April standen die vier Kreismeister fest, die am 25. April 1920 die MSV-Meisterschaft ausfochten. Auf dem Reinickendorfer Gemeindespielplatz, ganz in der Nähe des dortigen Rathauses, nutzte vor 1.500 Zuschauern der Reinickendorfer BC seinen Heimvorteil gegen die Freie Turn- und Sportvereinigung 1894 Nowawes. Er führte schon 2:0, als in der 86. Minute ein Unwetter den Abbruch erzwang. Nowawes verzichtete auf eine Wiederholung, so daß Reinickendorf im Finale stand. Zur selben Stunde qualifizierte sich auch der Lausitzmeister TuS Süden Forst 07 durch ein 2:1 gegen die Freie Turnerschaft Wilmersdorf. Allerdings nicht ohne Skandal: Damals war es noch üblich, nach verlorenen Spielen Protest einzureichen. Das Zeitalter der Tatsachenentscheidungen harrte noch seiner Dämmerung, und so legte Wilmersdorf wegen eines nicht gegebenen Handelfmeters Widerspruch ein. Der Spielausschuss der Märkischen Spielvereinigung setzte das Spiel neu an. Nun protestierte Forst, lehnte die Wiederholung ab und schied aus. Am 2. Mai 1920 besiegte Wilmersdorf am Reinickendorfer Rathaus 4:1 den Reinickendorfer BC. Der Berliner Meister im bürgerlichen Verbande Brandenburgischer Ballspielvereine (VBB) war übrigens kein geringerer als der SC Union 06 Oberschöneweide.
Um die erste Bundesmeisterschaft
Reinickendorf durfte als MSV-Meister zunächst um die Ostdeutsche Meisterschaft antreten. Und das mit Erfolg. Die Kicker von der Freien Turnerschaft Nemitz-Stettin wurden daheim mit sechs zu null auseinander genommen. Am 30. Mai 1920 fand das Endspiel gegen Wacker Görlitz auf dem Sportgelände des bürgerlichen Berliner BC 03 statt. Den Platz gibt es übrigens noch, er liegt an der Markgrafenstraße 19 – 24 in Mariendorf. Damals stand dort sogar eine Holztribüne. Da die Meisterschaft des VBB schon vorbei war und der Platzwart des BBC 03 im Urlaub, musste das Spiel auf fast kniehohem Gras stattfinden. Da es sich kaum abkreiden ließ, mussten zur Spielfeldmarkierung Fahnen aufgestellt werden. Die Spieler und die etwa 1.500 Zuschauer hatten Probleme, dem Ball zu folgen. Unter diesen kuriosen Umständen gewann Wilmersdorf 6:1.
Am Titel Ostdeutscher Meister 1920 konnten sie sich aber nur einen Tag erfreuen. Der ATSB als höchstes Gremium gab am folgenden Morgen dem Protest von Süden Forst statt und sprach ihm die beiden Titel MSV- und Ostdeutscher Meister zu. Die weiteren Regionalmeister hießen Dresdner SV 1910 (Mitteldeutschland), TSV Fürth (Süddeutschland) und TSV Waldau (Nordwestdeutschland).
Berlin hatte damit keine Chance mehr, als erster Bundesmeister in die Lehrbücher einzugehen. Der MSV-Verteter Süden Forst machte seine Sache aber auch recht gut und siegte am 20. Juni 5:1 gegen TSV Waldau (bei Kassel). Im zweiten Vorrundenspiel schied der Dresdner SV von 1910 nach einem 2:3 gegen den TSV Fürth aus. Das Endspiel stieg wenig später auf dem Platz der SpVgg. 1899 Leipzig. Fürth gewann auch diesmal mit 3:2 und ging damit als erster Deutscher – pardon – Bundesmeister des deutschen Arbeiterfußballs vom Platz.
Der Platz, auf dem das historische Ereignis vor 5.000 interessierten Zusehern stattfand, ist 90 Jahre später noch originalgetreu erhalten, der TSV Fürth existiert leider nicht mehr.
Wo spielten eigentlich die Arbeiterfußballer?
In Berlin besaß der Turnverein Fichte Südost seit 1897 den ersten und lange Zeit einzigen eigenen Platz im Arbeitersportbereich. Dieser befand sich in Baumschulenweg an der Köpenicker Landstraße. In Preußen und anderen deutschen Staaten blieb Arbeitersportlern bis 1914 die Nutzung kommunaler Plätze und Turnhallen verwehrt. Das änderte sich dann, indem die Zustimmung der Sozialdemokraten im Reichstag für die Kriegskredite unter anderem mit der Freigabe von Sportanlagen honoriert wurde. Danach durften die SPD-nahen Vereine sich mit den „bürgerlichen“ die Gemeindesportplätze teilen.
Besonders reges Treiben herrschte auf dem Tempelhofer Feld, das damals noch kein Flughafen, aber Deutschlands größter Sportplatz war, und auf dem Exerzierplatz „Einsame Pappel“ (heute Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark). Die wichtigsten hier ansässigen Vereine der Märkischen Spielvereinigung hießen BSC Bavaria 09, BFC Nordiska 13, Wacker 20, SC Helvetia 22, Fichte Nordost, Amateure 24 und SC Sowjet. Mitte der 1920er Jahre tummelten sich auf dem „Exer“ zeitweilig sogar mehr MSV- als VBB-Mannschaften.
Dazu zum Abschluß der heutigen Geschichtsstunde noch folgende Anekdote aus dem VBB-Zentralorgan RASENSPORT, Nr. 7/1924, S.6: „Fährt da ein Bezirksverein der Provinz nach Berlin, um auf dem Exer ein fälliges Verbandsspiel auszutragen. Wie die Spieler aber auf das Feld kommen, sind sämtliche Fußballplätze von anderen Mannschaften belegt. So hat den für dieses Spiel in Aussicht genommenen Platz ein Verein aus dem MSV in Beschlag belegt.
Auf den entrüsteten Protest beider Bezirksvereine hielt ihnen der Vorsitzende des Arbeitervereins mit lächelnder Miene ein behördliches Schreiben unter die Nase, worin stand, dass die MSV-Mannschaft berechtigt sei, jeden Sonntag von 2 – 6 Uhr auf dem Exer zu spielen! Alles Protestieren beim Verwalter half nichts, und unverrichteter Sache mussten die Provinzler die einstündige Rückfahrt nach ihrem Heimatort antreten, mit der nicht gerade tröstlichen Hoffnung, dass es das nächste Mal wahrscheinlich genauso werden wird.
Wer trägt die Schuld hieran? Dem Exer-Verein kann man gewiss keinen Vorwurf machen. Er ist genauso der Leittragende wie sein Gegner aus der Provinz. Wer ersetzt letzterem nun die unnütz vergeudete Zeit und das Fahrgeld? Und wer garantiert vor allen Dingen dafür, dass die Plätze beim nächsten Verbandsspiel nicht wieder besetzt sind?“
Der vergebens angereiste Provinzverein holte sofort Erkundigungen ein und stieß dabei auf folgenden Sachverhalt: Vor einiger Zeit hatte das Sportamt Vertreter der beiden um Plätze und Seelen konkurrierenden Fußball-Verbände einbestellt und u.a. nach der Anzahl ihrer Exer-Mannschaften befragt. Der Abgesandte des „preußisch-blauen“ VBB konnte diese Zahl nicht genau benennen, sein Gegenspieler von der „roten“ Märkischen Spiel-Vereinigung stand nicht auf der Leitung, verdoppelte geistesgegenwärtig die tatsächlichen Anzahl seiner Mannschaften und bekam entsprechend viele Spielfelder zugesprochen. 1:0 für „Rot“ gegen „Blau“!
In der nächsten Ausgabe unseres Fanzines „Zur Sonne.Zur Freiheit!“ geht es weiter mit der Serie Arbeiterfussball in Deutschland. Die aktuelle Ausgabe Numero 5 findet Ihr hier…
2 Antworten auf „Arbeiterfußball in Deutschland. Teil II.“