Archiv für Dezember 2010

St.Pauli: Der Spagat ging in die Hose!

Es hat über ein halbes Jahr gedauert, aber jetzt wachen die ersten St. Paulifans aus dem Aufstiegskoma langsam auf. Es ist wohl auf dem Kiez doch nicht alles Gold was glänzt, zuerst wird ein Getränk namens kalte Muschi nicht nur im Stadion feil geboten, sondern auch noch offizielles Vereinsgetränk, dann tanzen auf einmal „Frauen leicht bis gar nicht bekleidet an Stangen“ in den Logen herum und letztendlich wird überall wo es möglich ist im Stadion Werbung plaziert…

Einige Sozialromantiker aus Hamburg wollen diese Entwicklung nun mittels Unterschriftensammlung schleunigst stoppen. Das ist ungefähr so als würde man versuchen einen fahrenden Zug mit einen Stapel Taschentüchern auf den Gleisen zum entgleisen zu bringen. Die Tatsache, dass St. Pauli spätestens mit dem Aufstieg in Liga Eins genau das geworden ist, was die Mehrheit der Fans niemals wollte, ein auf Mehrwert getrimmtes Unternehmen mit angegliederter Sportabteilung, kann weder durch Unterschriften noch durch Blockaden aufgehalten werden.

Eine Revolution wäre eine Möglichkeit. Doch die haben die St. Paulianer für die beiden anderen Hauptziele, der Aufstieg in die Bundesliga und die Hansa-Kogge zu versenken, ziemlich vernachlässigt. Kein Wunder, sind sie doch kein Stück besser als jene die sie andauernd kritisieren. Ihr Verein steht an erster Stelle, dann kommt die Attitüde linker und emanzipatorischer (sprich krasser) als alle anderen Ultras in Deutschland zu sein und dann muss man ja auch noch ab und zu eine Choreo basteln…

Wo bleibt da die Zeit noch über sein eigenes Handeln nachzudenken? Uns wurde gerne vorgeworfen, dass wir St.Pauli nur kritisieren, weil wir uns damit womöglich „Fame“ erkämpfen könnten. Fragt sich, wieso die Sozialromantiker derzeit gerade so etwas wie ‚Fame‘ dringend benötigen?

Es geht einfach so nicht mehr weiter.
Wir sagen Stopp.
Seit langer Zeit wieder einmal.

Es gibt einen Punkt in der Fähigkeit eines jeden Menschen Verhältnisse hinzunehmen, an dem er nicht mehr in der Lage ist, weiterhin hinzunehmen. Weiterhin zu schweigen. Weiterhin zu hoffen und weiterhin zu warten, dass sich die Verhältnisse ohne sein Zutun verbessern. Dieser Punkt ist bei jedem Menschen an einer anderen Stelle zu finden.

Unser Punkt ist erreicht. Es reicht!

Wir alle freuen uns über das Jahr 2010 und den Aufstieg unseres geliebten magischen FC St.Pauli in die erste Bundesliga. Wir alle freuen uns darüber dass unser Stadion, das Millerntor, ausgebaut und vergrößert wird. Diese Freude war unendlich groß.

Wir alle hatten auch Angst dieses Jahr. Wie wird sich die Elf von Stani schlagen in der ersten Liga? Wie wird sich unser Stadion mit nun zwei neuen Tribünen anfühlen?
Wie wird uns der so oft medial gepredigte Spagat zwischen notwendigen Einnahmen und dem Erhalt unserer Fankultur, auf die wir alle so stolz sind, gelingen?

Das waren unsere Gedanken als die neue Haupttribüne fertig war, als wir 100 Jahre alt wurden und als wir den Aufstieg feiern konnten.

Der Spagat.
Was heißt das eigentlich?
Mit zwei Beinen zwei weit von einander entfernte Punkte einnehmen und trotzdem nicht aus dem Gleichgewicht geraten. Stimmt`s? Gut. Wenn wir uns den FC Sankt Pauli vorstellen in diesem Spagat, dann stünde er mit jeweils einem Bein auf jeweils einem Sockel.

Der eine Sockel symbolisiert die Einnahmen, die nötig sind um eine erfolgreiche Mannschaft zu bezahlen, das Stadion weiter auszubauen, und nicht horrende Summen von jedem Fan zu verlangen um sich ein Spiel seines Vereins anschauen zu können.

Der andere Sockel sind unsere Werte, unser Verständnis von Fussball und wie wir ihn erleben wollen. Unsere Insel Sankt Pauli in einer Welt, die nur noch auf die monetäre Verwertbarkeit von allem und jedem schaut. Unsere Andersartigkeit auf dem Marktplatz Profifussball.

Und zwischen den beiden Sockeln liegt der Abgrund der Bedeutungslosigkeit. Sowohl was unsere “Andersartigkeit” angeht, als auch den sportlichen Erfolg betreffend.

So weit, so bildhaft.
Was ist nun geschehen mit uns in diesem Jahr?
Uns Sozialromantikern? Uns Garanten des einen Sockels?

Wir haben vor diesem Jahr einen Kongress mit vorbereitet, ihn mit anderen Fans und dem Verein zusammen durchgezogen und miteinander einen Konsens darüber versucht zu finden, wie weit die Lücke sein darf zwischen diesen Sockeln, die das Überleben unseres Vereins ausmachen. Das war nicht leicht, nicht für uns die so vernarrt sind in den einen Sockel und auch nicht für den Verein, der sich hauptsächlich um den anderen kümmern muss.

Aber wir haben Ergebnisse erzielt, die die Kluft zwischen beiden Standpunkten dieses Spagats definieren. Sie verorten.

Das ist eine schwierige Angelegenheit, das Verorten. Denn das geht nur anhand von Werten die einem wichtig sind, sonst hat man keinen Punkt, keine Heimat, kein Zuhause von dem man sich entfernen, oder dem man sich wieder annähern kann. Wir waren froh, dass der Verein und wir als ein Teil des Vereins solch einen Kongress überhaupt zu Wege bringen. Dass es uns allen anscheinend doch nicht egal ist wo das Geld herkommt, das nunmal nötig ist. Dass wir auf bestimmte Erscheinungen des modernen Fussballbetriebs lieber verzichten, seien sie finanziell noch so verlockend.

Alle Ergebnisse dieses Kongresses im Detail aufzuzählen würde jetzt den Rahmen sprengen, aber im Kern geht es in allen Beschlüssen darum, die Ursprünglichkeit und die Bodenständigkeit des Erlebnisses Fussball am Millerntor an die Faktoren zu binden, die die Einzigartigkeit des FC Sankt Pauli in den letzten 30 Jahren ausgemacht haben:

* soziale und politische Verbundenheit mit dem Stadtteil Sankt Pauli

* 90 Minuten Fussball ohne Firlefanz und Werbung drumherum

* Eine Zeitspanne von 5-10 Minuten vor dem Spiel, in dem die Akustik des Stadions den Fans gehört.

* Keine Verträge mit Sponsoren, die im Verdacht stehen faschistisch, rassistisch, homophob, sexistisch oder kriegstreiberisch zu agieren

* Kein Verkauf des Stadionnamens

* Keine Werbemaßnahmen, die vom Spielgeschehen ablenken

* Fan und Vereinsseitiger Dialog bei Fragen zur Umsetzung dieser Leitlinien

* Ticketverteilung im Sinne der Mitglieder

Und nun passiert in diesem Jahr etwas, womit wir zwar rechnen konnten, aber nicht rechnen wollten:

Der erste Sockel dieser Zwei wird von dem Präsidium und seinen Vereinsangestellten von Spiel zu Spiel verschoben. In kleinen Schritten, kaum merklich und doch spürbar entfernt sich der eine Sockel von dem anderen. Die Kluft wird größer und größer.

* Es wird eine Haupttribüne gebaut, die zur Hälfte aus Businessseats besteht.

* Dann werden doppelt so viele Logen gebaut wie geplant.

* Dann wird eine der Logen an eine Stripteasebar verhökert, die dort Frauen leicht bis gar nicht bekleidet an Stangen tanzen lassen dürfen.

* Dann wird die Mannschaftsaufstellung plötzlich von einem Sponsor präsentiert.

* Ein Cola-Rotwein-Ballermanngemisch darf trotz vehementer Proteste offizielles Vereinsgetränk bleiben.

* Dann werden neue Hintertor-Netze aufgehangen, die so dick sind, dass man kaum durchgucken kann, aber den Sponsorennamen gut abbilden.

* Dann darf eine Bank in einer Zugebauten Ecke des Stadions in riesigen Lettern auf grauem Beton ihren Schriftzug darbieten.

* Dann darf eine Werbeagentur plötzlich in einer anderen Ecke ihrer kreativen Kundschaft in selbstgebauten Containern auf Stelzen einen exklusiven Abend bereiten.

* Dann werden Toiletten zugunsten von Stellflächen für Medien kurzerhand abgeklemmt.

* Und nun werden LED Laufbänder an drei Seiten des Stadions montiert, auf die Zuschauer ihre SMS kostenpflichtig laufen lassen können.

Ihr habt es tatsächlich geschafft.

Ihr habt euren Sockel so weit verschoben das dieser Spagat in jedem Knochen, jeder Sehne, jeder Nervenzelle nur noch weh tut.

Und alles was Ihr in den letzten Monaten von uns verlangt, ist gefälligst unseren Sockel auch zu verschieben.

ABER DAS WERDEN WIR NICHT TUN!
DENN DAS WAR NICHT DIE VERABREDUNG!

Wir, die Unterzeichner, fordern:

* Keine weiteren, zusätzlichen Werbemassnahmen in den vom Fankongress verabschiedeten Zeitfenstern!

* Keine weiteren Werbeflächen auf den Tribünen!

* Kündigung von Susis Showbar Loge!

* Keine LED-Anzeigen mehr im Stadion und generell keine weiteren audiovisuellen Plätze für irgendeine Werbung während der 90 Minuten!

* Rückbau von Teilen der Business-Seats auf der neuen Haupttribüne und Umwandlung in bezahlbare Sitzplätze!

* Bereitstellung von Farbe damit die Kinder der Stadionkita ihre grauen Wände in Eigenverantwortung anmalen können!

* Keine weiteren bloßen Lippenbekenntnisse des Präsidiums und der Vermarktung, wir sind es leid!

Wenn ihr, wertes Präsidium, diesen Forderungen nicht nachkommt, werden wir in den offenen Widerstand gehen. Wir werden der immer mehr vermisste Sand im Getriebe sein, wir werden Aktionen anzetteln die euch nicht mal im Traum einfallen.

Wir werden sowohl den Verzehr wie auch den Stadionbesuch an sich boykottieren.
Wir werden Sponsoren mit Mails bombardieren, mit der Presse arbeiten, eine ausserordentliche Mitgliederversammlung beantragen.

Kurz: Wir werden alles tun, bis ihr merkt wie viele wir sind!
Wir werden alles tun bis ihr merkt, dass es mit euch, aber auch ohne euch geht.

Die Zeit der Treffen ist vorbei. Es reicht!

Sozialromantiker St.Pauli und alle Unterzeichnenden
Dezember 2010

Edit: Was sonst noch alles beim Kiezklub schief geht kann man im Logbuch des Käpt‘n nachlesen…

Jede Medaille hat zwei Seiten.

Eine Gesprächsrunde mit zwei Mitgliedern der Ultras Roter Stern

Seit über einem Jahr existieren die Ultras Roter Stern (URS). Ihr habt Euch an der Kampagne für eine Pro-Regionalligareform 2012, an der Demonstration in Brandis sowie der Fandemo in Berlin beteiligt und erste Choreographien am Rand der Spiele des Roten Stern Nordost Berlin (RSNOB) durchgeführt. Seit Ihr zufrieden mit der bisherigen Entwicklung?

V: Nein keineswegs. Zufriedenheit wäre der Anfang des Endes einer jeden Entwicklung. Wir haben noch große Pläne und sind derzeit nur dabei das Fundament für das URS-Universum zu gießen. Der nächste Schritt ist den Support bei den Spielen besser zu organisieren und mehr Menschen zu den Spielen zu locken. Das hat die Mannschaft einfach verdient. Nicht nur wegen dem sportlichen Erfolg. Außerdem wollen wir immer noch eine Holztribüne in unserem Stadion Buschallee!

C: Zufrieden, ne irgendwie nicht. Gerade das Ergebnis der Pro-Regionalligareform ist äußerst unbefriedigend. Die Entscheidung des DFB-Bundestag ist unter aller Sau. In dem Bereich wird es bestimmt noch einige Aktionen geben. Da geht es um nichts Geringeres als die Zukunft des Amateursportes!

Und man sollte nicht vergessen das wir auch Teil der „Love Sport-Hate Neonazism!“ Kampagne sind. Auch wenn die Kampagne vielleicht derzeit etwas eingeschlafen ist, werden wir im nächsten Jahr es wieder mit mehr Elan angehen und die eine oder andere Aktion an den Start bringen.

Okay, das klingt ja ein wenig pessimistisch. Kommen wir doch lieber zu denn schönen Dingen des Lebens. Was war den euer persönliches Highlight in diesem Jahr?

V: Eindeutig die Aktion am Spielfeldrand zum Geburtstag unseres Publikumslieblings Aldi. Kurzfristig organisiert, toll umgesetzt und ein sehr schönes Gelage danach. Mehr kann man nicht verlangen. Allen Beteiligten noch mal ein dickes Lob auf diesem Weg! Und natürlich der Aufstieg der ersten Mannschaft, aber zugegeben der war ja auch Pflicht.

C: Für mich war das Highlight die Demonstration für Fanrechte hier in Berlin. Wir hatten vorher beschlossen unsere Blockfahne nicht mit auf diese im Vorfeld heftig umstrittene Manifestation der deutschen Ultraszene mitzunehmen. Aus verständlichen Sicherheitsaspekten. Doch was wir dann erleben durften war einfach nur Dufte: ein solidarisches Miteinander aller Fanszenen. Daran lässt sich auf jeden Fall anknüpfen…

Im Rahmen dieser Demonstration entwickelte sich eine Debatte u.a. um die eskalierende Gewalt innerhalb der Ultraszene. Wie positioniert sich die URS zu diesem Thema?

V: Wir haben derzeit keine expliziten Fanfeindschaften. Aber es ist völlig selbstverständlich, dass man weder Kindern noch Omas den Schal abzieht. Denen hilft man freundlich über die Straße: So etwas hat man doch schon als Jungpionier gelernt!

C: Schwieriges Thema. Nächste Frage bitte.

Euch ist doch selbst schon mal ein Banner abhanden gekommen. Nervt das nicht unheimlich?

C: Ja! Klar! Aber das waren ja nicht irgendwelche anderen Ultras, sondern die Polizei, besser gesagt der Bundesgrenzschutz.

Wie bitte? Der BGS hat Euch abgezogen?

C: Ja. Die waren einfach der Meinung der Schriftzug „the red hools“ sei ein Aufruf zu Gewalt und schwupsdiwups war das Transparent in irgendeiner Aservatenkammer auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

V: Ergo: Mit der Bullerei stehen wir auf dem Kriegsfuß! AU!

Noch einmal zurück zum Ausgangspunkt. Was haltet ihr allgemein davon anderen ihre Sache abzuziehen?

C: Jede Medaille hat zwei Seiten.

V: Und gerade bei diesem Themagerät man in eine fiese Zwickmühle. Einerseits ist es Teil eines kindlichen Spiels das man auch bei Pfandfinder oder den abgesägten Maibäumen in süddeutschen Regionen beobachten kann.

C: Andererseits ist es in keiner Form vertretbar das Wohnung aufgebrochen werden und all diese kranke Scheiße. Da wünscht man sich beinahe die Regeln der oldschool Hooligans zurück.

V: Derzeit wäre es wohl am Besten wenn man eine Art Kompromiss schließt. Dort wo langjährige Fanfeindschaften vorherrschen kann man wohl kaum noch etwas retten, aber das ist auch Jedem mehr oder weniger bekannt. Aber die bekloppte Marotte jetzt Alles und Jeden anzugreifen, egal wo, egal wann, die muss schleunigst aufhören. Sonst kommt die komplette Barbarei und solche Sachen wie die Demonstration für Fanrechte war völlig fürn Arsch.

Emanzipatorische Kritiker der Ultrabewegung denken das der Zustand der Barbarei sich schon längst durchgesetzt hat. Dein Kompromiss ist doch eigentlich auch nur eine Art der Kapitulation vor genau diesen Zuständen?

V: Boah, ne. Die Kurven dieser Republik sind immer nur Ausdruck der derzeitigen gesellschaftlichen Situation. Es gibt, wie in Bremen, München und bei St. Pauli, explizit linke Kurven, es gibt natürlich auch das genaue Gegenteil. Wir gehen unseren Weg, sportlich und auch Fantechnisch, jenseits dieser Sphären. Zumal der RSNOB auch nicht in der Bundesliga spielt.

Der von mir erwähnte Kompromiss ist ja nicht meine Idee, sondern ein derzeit in der ‚Szene‘ diskutierter. Ich empfände es als Schritt in die richtige Richtung, wenn er sich durchsetzt. Nicht mehr und nicht weniger.

C: Vielleicht veranstalten diese Kritiker mal einen Friedensgipfel zwischen den Ultras von Schalke 04 und Borussia Dortmund. Als Beobachter wären wir sofort dabei!

Eine andere äußerst kritische Frage ist ja auch die der Hierarchie. Wie steht Ihr dazu?

C: Transparent soll sie sein…

V: Informelle Hierarchien haben wir auf jeden Fall nicht. Man weiß immer wen man konkret für den Misserfolg verantwortlich machen kann…

Und wie sieht es bei Euch mit dem Thema Frauen aus?

C: Im Block sind nicht wenige Frauen…

V: Ach was für‘ n Quatsch. Darum geht es doch nicht! Über das Stöckchen springen wir nicht!

Entweder sind Geschlechter gesellschaftlich konstruiert, es ist also völlig egal wessen Geschlecht man sich zugehörig fühlt und Du hast mit deiner Frage gerade die Vermutung evoziert, dass es nur eine bipolare Einteilung der Geschlechter gibt. Was bedeutet, dass Du soeben alle Transsexuellen und was es nicht noch alles auf Gottes schöner Erde gibt unter
den Tisch hast fallen lassen. Oder, es gibt eben genormte Geschlechter. Keine Ahnung was dann…

C: Vielleicht fragst Du noch einmal bei Fußball von links nach, welcher der unzähligen Theorien denn derzeit gerade angesagt sind…

Jan Tölva, den Macher dieser Seite mögt Ihr überhaupt nicht?

C: Da sind wir nicht die Einzigen! Wer mag schon solche komischen Selbstdarsteller?

V: Uups, da habe ich wohl vorhin wirklich unsere einzige Fanfeindschaft übersehen!

Interessant. Aber bleiben wir beim Thema: Denkt Ihr denn, dass Geschlechter größtenteils soziale Konstrukte sind?

V: Yo.

C: Das sieht man ja allein in der Erziehung von Kindern. Dazu braucht man kein großer Theoretiker zu sein. Die Einen bekommen schon in der frühesten Jugend einen Fußall in die Hand gedrückt, während die Anderen zum größten Teil Reiten, Schwimmen oder Turnen müssen.

V: Die Ausnahmen bestätigen die Regel. Und erfreulicherweise gibt es seit einigen Jahren nicht nur in der Popkultur einige positive Veränderungen…

C: Meinst du jetzt Kick it like Beckham?

V: Zum Beispiel. Mir geht es aber auch um weibliche Schiedsrichter in den Bundesligen, die Frauen-Nationalmannschaft, die man jetzt auch mal im Fernsehen zu Gesicht bekommt und solche Dinge…

Einige linke Ultragruppen gehen den Weg und haben innerhalb ihrer Strukturen Frauengruppen etabliert. Wollt Ihr so etwas in Zukunft auch organisieren?

C: Wir wollen allen fanatischen Fans des RSNOB eine Heimat bieten. Zwingen werden wir aber Niemanden. Alles was sich bisher entwickelt hat, ist durch Eigeninitiative entstanden. So wird es wohl auch in der Zukunft bleiben.

V: Niemand hat vor eine Mauer zu bauen! Wenn es den Bedarf dafür gibt, dann werden wir uns ganz bestimmt nicht querstellen… Im Gegenteil!

Wo wir jetzt gerade die einzige Fanfeindschaft herausgefunden haben, stellt sich ja automatisch nochmal die Frage, mit welchen Fangruppierungen seid Ihr befreundet?

V: So wie wir keine explizite Fanfeindschaften pflegen halten wir es auch mit den Freundschaften.

C: In unseren Reihen ist es ziemlich bunt. Viele Mitglieder haben aus ihrer Jugendzeit noch einen anderen Lieblingsverein, weshalb es etwas schwierig ist da einen gemeinsamen Nenner zu finden. Hier in Berlin sind wir aber häufig bei Türkiyemspor zugegen, da es auf Vereinsebene schon seit Jahren eine enge Zusammenarbeit gibt.

V: Ab und zu fahren wir als Gruppe ins Umland um Spiele anderer Mannschaften in höheren Ligen zu besuchen. Dabei haben sich schon ein paar lose Kontakte entwickelt mal sehen was sich daraus entwickelt.

Ok. In eurem Fanzine Zur.Sonne.Zur Freiheit! (ZSZF) wird sehr viel Platz der Geschichte des Arbeitersportes im allgemeinen und dem Fußball im speziellen eingeräumt. Seht Ihr den Verein in dieser Tradition und wenn ja, wieso?

V: Weil wir alle Arbeiter sind und Fußball lieben.

C: Der Verein verkörpert keineswegs das, was damals die Rot Sport-Bewegung verkörperte. Dazu allein fehlt die Arbeiterbewegung als Grundlage dessen. Aber politisch sehen wir uns als die Enkel dieser Bewegung.

V: Sonst hätte man den Verein ja gar nicht gründen müssen. Alle hätten schön getrennt in stink bürgerlichen Vereinen herum hampeln können und gut is…

Seht ihr Fußball als Klassenkampf an?

V: Irgendwie schon. Weil es überhaupt schon ein Kampf ist den Verein allein gegen die Hindernisse dieser beschissenen Gesellschaft durch den Alltag zu manövrieren. Und speziell fußballtechnisch leben wir jetzt in einer Klassengesellschaft pur. Die Entscheidung des DFB die Regionalligisten in fünf Staffeln mit nur drei Aufsteigern einzupferchen ist der erste Schritt im Fußball.

C: Was uns hier in Berlin als neuer Verein alles aufgebürdet wird, warum sich die erste Mannschaft bei ihrer Qualität durch die Freizeitliga kämpfen muss, versteht kein normaler Mensch. Ob das jetzt gleich Klassenkampf ist mag ich aber zu bezweifeln…

Aber was bewirkt dann eure Gruppe beziehungsweise der Verein überhaupt?

V: Bewirken? Da haste Dir aber die beste Frage für den Schluss aufgehoben.

C: Der Verein setzt allein durch seine Existenz ein weit sichtbares Zeichen und hat sich in den letzten Jahren auch ganz gut entwickelt. Die zweite Mannschaft ist auf dem Weg, die Futsaler spielen eine gute Saison und neuerdings können auch andere Sportarten wie zum Beispiel Basketball angeboten werden.

V: Da können jetzt Menschen jenseits von jeglicher Diskriminierung ihrem Sport nachgehen. Was bewirkt man damit?

C: Und wir als Gruppe haben in dem letzten Jahr daran gearbeitet ein Fundament zu gießen. Mal sehen was daraus wird. Am Kölner Dom sollen sie ja über 500 Jahre bis zur Fertigstellung gearbeitet haben.

Ok. Dann schauen wir mal in 500 Jahren nach, was passiert ist!

C: Ja, wie sagte der ungekrönte Kaiser schon so schön: Schaun wa mal!

Neonazi-Übergriffe beim Bremer Hallenturnier

Folgendes erreicht uns aus Bremen:

Stellungnahme zu den Übergriffen von Neonazis beim Bremer Hallenturnier am 19.12.2010

Wie bereits in den Jahren zuvor waren auch in diesem Jahr wieder mehrere hundert Ultras zur Unterstützung des SV Werder Bremen in die Bremer Stadthalle gekommen. Ein großer Teil der Fanszene des SV Werder bzw. der an diesem Tag anwesenden Personen ist seit mehreren Jahren für sein soziales und antirassistisches Engagement bekannt. Zu nennen sei an dieser Stelle beispielhaft die Tätigkeit der “Antidiskriminierungs-AG”, die neben weiteren Auszeichnungen mit dem Julius-Hirsch-Preis für ihre Aktivitäten geehrt wurde.

Das Turnier wurde in diesem Jahr ebenfalls von einer Gruppe rund um die „Farge Ultras“ besucht. Diese Gruppe unterstützt die Mannschaft des TSV Farge-Rekum, welche allerdings nicht bei diesem Turnier vertreten war. Bereits in der Vergangenheit gab es Bedrohungen seitens dieser Gruppe auf junge, antifaschistische Ultras des SV Werder. Die “Farge Ultras” stehen ebenfalls in Kontakt mit der Hooligan-Gruppierung „Nordsturm Brema” (NSHB), deren Mitglieder unter anderem an einem politisch motivierten Überfall auf Gäste einer Feier von antirassistischen Ultras im Ostkurvensaal (20.01.2007) beteiligt waren.

An diesem Tag fiel die Gruppe um die “Farge Ultras” vorerst nur durch das Tragen der Marke „Thor Steinar“ auf, welche aus neonazistischen Kreisen stammt und diese wiederum durch die erzielten Gewinne fördert. Im weiteren Verlauf brüllten sie rechte Parolen, z.B. „Hasta la vista, Antifascista“.

Im Rahmen des zweiten Spiels der Mannschaft des SV Werder begab sich die Gruppe um die “Farge Ultras” in die Nähe des Blocks, in dem sich die Fanszene des SV Werder gesammelt hatte. Es kam zu ersten verbalen Entgleisungen und Becher-Würfen in Richtung des Fanblocks. Unmittelbar darauf folgte der erste körperliche Übergriff von Seiten der Neonazis, woraufhin die Fanszene sich wehrte und versuchte, die Angreifenden zurückzudrängen. Zu diesem Zeitpunkt trafen auch einige Ordner_innen der Firma „Elko & Werder-Security“ in dem Bereich ein, nach eigener Aussage um “zu schlichten”. Diese Intention war zumindest nicht bei allen Ordner_innen erkennbar. Vielmehr wurde durch die Aussage eines Ordners, dass “es heute auf’s Maul gibt, ihr Antifa-Fotzen” deutlich, auf welcher Seite ein Teil des Ordnungsdienstes an diesem Tage stand. Auffällig auch, dass Teile des Ordnungsdienstes ebenfalls Kleidung von “Thor Steinar” trug (was übrigens bei ihrer Arbeit im Weser-Stadion nicht möglich wäre, da das Tragen der Marke dort verboten ist). Es kam im Verlauf des Tumults zu einem massiven Einsatz von Pfefferspray seitens des Sicherheitspersonals, woraufhin eine Person der Werder-Fans zusammenbrach und behandelt werden musste.

Als sich die Situation beruhigt hatte und offensichtlich wurde, dass die Gruppe der Neonazis um die “Farge Ultras” weiterhin unbehelligt das Turnier gucken darf, entschied sich die Bremer Fanszene dafür, geschlossen das Turnier zu verlassen, um diesen Vorfall nicht reaktionslos und unkommentiert stehen zu lassen.

Aus der sich weiterhin in der Halle befindlichen Gruppe Neonazis kam es im weiteren Verlauf des Turniers zum Wurf eines Bechers auf das Spielfeld, woraufhin ein Spieler die Gruppe aufforderte, dies zu unterlassen. Als Reaktion darauf stürmten vier Personen dieser Gruppe in Richtung des Spielfelds und beschimpften den Spieler. Der Trainer der Mannschaft des SV Werder wies daraufhin die sich in der Nähe befindenden Ordner an, die Personen aus dem Umfeld der Trainerbank zu beten. Statt dem Folge zu leisten, unterhielten und scherzten die Ordner mit den Neonazis und schüttelten ihnen zum Abschied die Hände. Ein weiteres Zeichen, dass sich ein Teil des Ordnungsdienstes an diesem Tag solidarisch mit der angreifenden Gruppe von Neonazis zeigte.

Wir positionieren uns eindeutig und vehement gegen das Auftreten der Neonazis. Wir rufen alle Vereine und Veranstalter_innen dazu auf, ein deutliches Zeichen zu setzen und Neonazis nicht zu ihren Veranstaltungen zuzulassen. Wir fordern Sicherheits- und Securitydienste dazu auf, rechtsoffene Tendenzen nicht zu dulden, sowie ihre Mitarbeiter_innen entsprechend auszuwählen und fortzubilden. Zudem fordern wir direkte Konsequenzen in Bezug auf die Personen, welche offensichtlich mit den Neonazis befreundet sind und/oder sich solidarisch mit ihnen zeigen. Des Weiteren fordern wir Polizei, Ordnungsdienst und Medien dazu auf, den Vorfall nicht als “Auseinandersetzung zwischen Fans” herunterzuspielen, sondern die Geschehnisse als das zu behandeln, was sie sind: Ein politisch motivierter Angriff von Neonazis.

Kein Fußball den Faschist_innen!

Wanderers Bremen, UltrA-Team Bremen, Racaille Verte, Infamous Youth

Es ist in Norddeutschland nicht der einzige Vorfall dieser Art in der letzter Zeit. In Braunschweig gibt es derzeit ähnliche Probleme:

Am vergangenen Samstag, den 27. November 2010 kam es durch rechtsradikale Hooligans, welche fest in der Fanszene von Eintracht Braunschweig verankert sind, zu einem erneuten Angriff auf unsere Gruppe Ultras Braunschweig.

Während des von uns besuchten Landesliga-Spiels der Handballdamen von Eintracht Braunschweig in der Sporthalle „Alte Waage“ versuchten diese mittels Provokation und Gewaltandrohungen eine körperliche Auseinandersetzung herbeizuführen. Zwei vor der Halle wartende Ultras wurden während des Spiels seitens zweier vorbeigehender, telefonierender Nazis (mindestens einer davon Mitglied bei der rechten Hooligangruppierung „Kategorie Braunschweig“) mittels Handzeichen („Kehle durchschneiden“) bereits Gewalt angedroht. Die zwei Bedrohten bewegten sich nach dieser Aktion zurück in die Halle, um einer möglicherweise entstehenden Konfliktsituation aus dem Weg zu gehen. Sie konnten von dort aus im weiteren Verlauf beobachten, wie sich in geringer Entfernung zur Halle eine Gruppe von etwa 10 Personen ansammelte.

Bereits zu diesem Zeitpunkt befand sich ein in Hooligankreisen verkehrender Nazi in der Halle und fiel durch permanentes Telefonieren und Beobachten der AktivistInnen der Ultras Braunschweig auf. Nachdem diese Person und ihre BegleiterInnen nach einiger Zeit die Halle verließen, sammelte sich die inzwischen auf etwa 20-25 Personen angewachsene Gruppe außerhalb der Halle und formierten sich offensichtlich in Angriffsposition.

Kurze Zeit später gegen 18:30 Uhr betraten drei aggressiv auftretende Männer die Halle und forderten uns in einer Distanz von etwa 30 Metern mittels Gebrüll („Kommt doch!“) und Handzeichen bzw. Gestiken (u.a. den Hitler-Gruß) auf, sie zu attackieren bzw. ihnen die Treppe nach draußen zu folgen. Wohl entgegen ihrer Erwartungen bzw. Planungen taten wir dies jedoch nicht, sondern erwiderten lautstark „Nazis raus“ und verließen unsere Position auf der Tribüne nicht. Nach weiteren Provokationen und Aufforderungen, auf die wir wiederum nicht reagierten, sondern als Gruppe geschlossen zusammenblieben, entfernten sich die Nazis aus der Halle. Im Laufe dieser Situation alarmierte der Hallenwart die Polizei, welche kurz darauf eintraf.

Bei diesem Angriff handelte es sich nicht um den ersten Versuch unsere Gruppe aufgrund ihrer antifaschistischen Grundhaltung zu attackieren. Bereits in der Vergangenheit wurde dies mehrmals probiert, leider konnten nicht alle diese Angriffe so erfolgreich abgewehrt werden. So kam es neben körperlich massiven Attacken auf einzelne Personen und einer nächtlichen Sabotageaktion auf unseren Laden auch zu zwei weiteren Angriffen auf selbigen.
Diese rechtsradikal motivierten Übergriffe häuften sich in der Vergangenheit mehr und mehr. Wir fordern daher auch andere Fans, ZuschauerInnen und neutrale BeobachterInnen der Braunschweiger Eintracht auf, sich endgültig bewusst zu werden, worum es bei diesen Anfeindungen und Angriffen geht.

Zurückschlagen! – Wir werden uns zur Wehr setzen und uns diesen faschistischen Umtrieben entgegenstellen. Wir lassen uns nicht einschüchtern und setzen hierbei auf eine breite antifaschistische Solidarität. Diesen Negativentwicklungen in Braunschweig gilt es sich gemeinsam und entschlossen entgegenzustellen.

Nazis raus aus der Fanszene – Kein Fußbreit den Faschisten!

Over a killer hangover…

Die Sause ist vorbei. Inklusive den Kopfschmerzen. Das Planungschaos hat sich gelohnt und beim nächsten Mal wird es bestimmt auch leckere Häppchen geben! Wir bedanken uns bei Euch, vor allem bei den DJs, den Organisatoren und den Sponsoren. Es war ein Fest!

Für alle die sich darüberhinaus den Klängen der Musik, die auf der Party gespielt wurde, hingeben wollen, hier noch das Set von Lutzen Kemp (Cirque Digital)…

NS-Vergangenheit des ETV Hamburg

Der Hamburger Turnverein ETV steht zu seiner dunklen Vergangenheit. Und zu zwei Symbolen an seiner Halle, die denen von Nazis zum Verwechseln ähneln.

Quelle: Zeit Online.

Hakenkreuze sind in Deutschland verboten. Man darf sie, außer in Kunst, Forschung und Lehre, nicht verbreiten oder öffentlich verwenden. Wer sich nicht daran hält, kann im Gefängnis landen. Selbst Waldrodungen und -pflanzungen, die nur aus der Luft als Hakenkreuz zu erkennen sind, sind schon entfernt worden.

Im bürgerlichen Hamburger Stadtteil Eimsbüttel jedoch kann jeder Fußgänger bis heute einem Hakenkreuz begegnen. Genauer: einem Vorläufer des Hakenkreuzes. An der Außenwand der Turnhalle des Eimsbütteler Turnvereins (ETV) sind vier Kreuze als Relief angebracht, darunter zwei sogenannte Turnerkreuze, das eine rechtsherum drehend, das andere linksherum. Sie bestehen aus vier im rechten Winkel aufeinander fußende „F„s, die für Friedrich Ludwig Jahns Parole „frisch, fromm, fröhlich, frei“ stehen (im Original: „frisch, frei, fröhlich, fromm“). Die Verwandtschaft mit dem Zeichen der Nationalsozialisten sticht sofort ins Auge.

Nazi-Symbole sind das nicht“, behauptet Jürgen Bischoff, „aber harmlos sind sie auch nicht“. Bischoff ist Journalist und Teil der Expertenkommission, die der ETV damit beauftragt hatte, die Vereinsgeschichte in der NS-Zeit zu untersuchen. Und die im Oktober ihre Ergebnisse in einem Buch (Sven Fritz, … daß der alte Geist im ETV noch lebt, Hrsg.: ETV, Hamburg 2010) präsentiert hat.

Der Sport war von 1933-45 wie viele andere gesellschaftliche Systeme Träger der nationalsozialistischen Ideologie, das Turnen war sogar geistiger Wegbereiter. Turnvater Jahn (1778-1852) war nicht bloß Reformpädagoge mit Sportsgeist, sondern wollte die deutsche Jugend zur Wehrhaftigkeit gegen die Welschen, also die Franzosen, erziehen. Auch Juden zählte er zu seinen Feinden. Antisemitische, deutschtümelnde und militaristische Tendenzen durchziehen die Turngeschichte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, bereits um 1870 gab es mancherorts Arierparagrafen.

Der ETV, einst der größte Turnverein Deutschlands und noch heute Hamburgs drittgrößter Sportverein, war keine Ausnahme, das belegt das Buch. Turnen diente dem Zweck, „unserem Volke den Platz an der Sonne zu erkämpfen“, heißt es in einer Chronik aus der Kaiserzeit. Der damalige ETV-Vorsitzende Julius Sparbier, der „Turnvater Jahn aus Eimsbüttel“, redete „Opfermut, freiwilligem Gehorsam und schaffenskräftiger Deutschheit“ das Wort. Von 1933 an wurden jüdische Mitglieder aus dem Verein gedrängt. Robert Finn, zweiter Vorsitzende während der Nazi-Zeit, spielte eine wichtige Rolle in der deutschen Kriegswirtschaft. In einer der zwei Turnhallen des ETV waren von 1940 bis 1943 Zwangsarbeiter untergebracht.

Bis 1973 war Robert Finn Vorsitzender, bis 2007 hieß die große Halle nach ihm. Jeder Hamburger Fußballer kennt die Julius-Sparbier-Sportplätze an der Bundesstraße, die nun auch umbenannt werden.

Erst auf langen Druck von außen kam das Projekt zustande, bis dahin war die Aufarbeitung der Geschichte ein Kapitel der Vertuschung. Auch das war üblich im deutschen Sport, der DFB hat sich erst im Jahr 2005 seiner dunklen Geschichte gestellt. Den meisten der über Zehntausend ETV-Mitglieder wird die neue Offenheit gleichgültig sein, auch wenn der Vorsitzende schuldpflichtig von „schmerzhaften Wahrheiten“ spricht.

Im Fall der Hakenkreuze war die entscheidende Frage: Wann wurden sie angebracht? Hätte man 1934 als Datum herausgefunden, wäre die Sache eindeutig gewesen. Beweise fanden sich keine, doch höchstwahrscheinlich seien die Kreuze beim Bau der Halle in den Jahren 1909 und 1910 am damaligen Eingang errichtet worden.

Ein Befund, der den Verein nur bedingt entlastet. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war das Hakenkreuz mit „völkisch-antisemitischem Gift“ (Bischoff) besetzt, die Eimsbütteler Vier-F-Version in arischen Turnvereinen und -verbänden verbreitet. Es ist davon auszugehen, dass dem damaligen ETV-Vorsitzenden Sparbier diese Bedeutung bekannt gewesen ist. „Diese Ornamente waren Ausdruck seiner völkischen Gesinnung“, sagt Bischoff.

Überraschenderweise empfehlen die Historiker, die Turnerkreuze hängen zu lassen. Weil „sie untrennbarer Teil der Geschichte dieses Hauses sind“ und „Geschichte zugänglich und begreifbar machen“. Zwei Erklärungstafeln setzen nun einen musealen Rahmen. Der ETV zeigt seine Narben, will er sagen. Das ist heikel, denn auch Symbole, die denen der Nazis zum Verwechseln ähneln, sind verboten. Allerdings sieht der Gesetzgeber eine Ausnahme vor, wenn sie „anerkennenswerten Zwecken“ dienen, etwa der Berichterstattung oder der Wissenschaft. Kann davon hier die Rede sein?

Der Bundesverfassungsschutz spricht von einem Grenzfall. Eine Strafanzeige der Partei Die Linke blieb bislang ohne Ergebnis. Kritiker wie der Liedermacher Peter Gutzeit fordern nach wie vor vehement, die Kreuze, die „braunen Flecken“, zu entfernen. In rechtsradikalen Foren wird gefeiert, dass „das schönste Symbol der Welt“ bleiben darf.

Zur Sonne. Zur Freiheit! Nummer 6

EDITORIAL.

Okay, der verdammte Ohrwurm vom letzten Mal ist immer noch da. Dazu auch noch eine gehörige Portion bitterböser Depression: Scheiß Wetter! Scheiß DFB! Scheiß Künast!

Was geht nur schief mit der Klimaerwärmung? Und wie konnte nur die Regionalliga-Reform 2012 so gegen die Wand gelenkt werden? Alle Kühe der Welt können im Jahr nicht so viel Scheiße produzieren wie der DFB-Bundestag an einem Tag! Man hat es hier ja fast nur mit Idioten zu tun. Fünf Regionalligen und nur drei Aufsteiger, wem kann man den so einen beschissenen Kuhhandel aufschwatzen?

Eine einfache Antwort: den greisen und völlig verkalkten Mitgliedern des DFB-Bundestages. Da eufreuen wir uns doch lieber an den schönen Dingen des Lebens, die erste Mannschaft eilt von Sieg zu Sieg, im Bereich Futsal kann der RSNOB großartige Erfolge vorweisen und in sechs Monaten ist endlich wieder schönes Wetter zu erwarten!

Bis dahin liegt aber noch ein verdammt wichtiges Wochenende vor uns. Am Freitag den 17. Dezember steigt die erste, inoffizielle, offizielle Weihnachtsparty der Ultras Roter Stern im Mauersegler. Vor dem Resident der URS, Jimmy Sunshine, legt das Team Ram Rod unterschiedlichstes Liedgut quer durch den Gemüsegarten auf. Los geht es um 20 Uhr, also all ihr lahmen Enten da draußen legt eure Schwimmflossen ab, schnallt die Rollschuhe an, es geht ab in die Disko. Gute Laune!

Am Sonnabend, den 18. Dezember, und am Sonntag, den 19. Dezember, bietet die URS jeweils einen Rundgang zur Thematik ‚Arbeitersport(ler) und Widerstand während des Nationalsozialismus im Nordosten von Berlin‘ an. Wer daran teilnehmen will, meldet sich einfach per Mail: urs-berlin@gmx.net

Womit das Wochenende ja auch sternhagelvoll mit Terminen wäre. So wie das Heft. Es geht in dieser Ausgabe natürlich weiter mit unserer Abeitersportserie, dann gibt es zum Ausklang des Jahres ein Interview mit zwei Mitgliedern der URS und nicht zu vergessen, es gibt einen weiteren Teil unseres Fortsetzungsromans…

Anyone but Künast. ABK! Ultras Roter Stern (B)

INHALTSVERZEICHNIS

Seite 3
Die Jahre 1920 bis 1923
Arbeiterfußball in Deutschland. Teil Drei.

Seite 8
Free your Style
URS*dESIGN*bATTLE 2010

Seite 10
Jede Medaille hat zwei Seiten
Eine Gesprächsrunde mit zwei Mitgliedern der URS

Seite 14
Der.Die.Das. Wieso.Weshalb.Warum
Der Neid, die Gier und das Unverständnis… Teil EinsPunktZwei

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Ein Stilmittel der Kurve

Die junge Kampagne »Pyrotechnik legalisieren« plädiert für ein kontrolliertes Abbrennen von bengalischen Feuern im Fußballstadion. Wir sprachen mit Initiator Jannis Busse über Selbstkritik und den Dialog mit dem DFB.

Quelle: 11.Freunde

Jannis Busse, die öffentliche Wahrnehmung von Pyrotechnik könnte gegensetzlicher nicht sein. In den Medien werden Fans mit Bengalos oft als »Chaoten« bezeichnet, in der Kurve sind sie diejenigen, die die Emotionen transportieren.

Wobei auch die Medien feine Unterscheidungen treffen: Ich erinnere mich an Europa-League-Spiel zwischen deutschen und türkischen Mannschaften. Das mit der Begeisterung der Türken einhergehende Abbrennen von bengalischen Feuern wurde von den Reportern als »farbenfroh« bejubelt. Passiert das Gleiche in einem deutschen Fanblock, wird von »Verrückten« oder »Chaoten« gesprochen.

Woher rührt diese Doppelmoral?

Pyrotechnik ist in der deutschen Fan- und Fußballkultur nicht so stark verankert wie etwa in südeuropäischen Stadien oder sogar in Österreich, wo kürzlich auf Initiatve von zahlreichen Ultragruppen Pyrotechnik wieder legalisiert wurde.

Vor diesem Hintergrund: Sollte man nicht erst einmal die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren, bevor man eine Legalisierung von Pyrotechnik fordert?

Genau das will unsere Initiative. Natürlich ist unser langfristiges Ziel eine Legalisierung der Pyrotechnik. Kurzfristig aber wollen wir versuchen, die Leute für das Thema zu gewinnen, dass sie sich daran erinnern wie es früher war. Nämlich, dass Pyro – wie Applaus, wie Schlachtgesänge, Fahnen oder auch Pfiffe – ein Stilmittel der Kurve ist.

Wie war es denn früher?

Pyrotechnik war in den neunziger Jahren nicht legal, aber sie war geduldet. Ich kann diesbezüglich von meiner Szene in Hannover sprechen: Dort wurden die meisten Fans mit Pyros gar nicht belangt und wenn doch, mussten sie im schlimmsten Fall eine Strafe von 80 Mark zahlen. Das Ganze mutet an wie eine Lapalie, ein Vergehen wie Falschparken. Deshalb musste das Abbrennen also seltener im Geheimen stattfinden, die Pyrotechnik wurde offen gezündet. Somit war es für umstehende Zuschauer viel ungefährlicher. Das hat sich geändert, seit der DFB Stadionverbote ausspricht.

Inwiefern?

Durch den Druck, der durch Polizei, Verein und Verband auf den geneigten Pyrotechniker ausgeübt wird, brennt dieser seine Bengalos klammheimlich ab. Er legt sie etwa auf die Stufen der Kurven. Da braucht man sich nichts vormachen: Das ist gefährlicher.

Seit den Verboten wird auch vermehrt Rauchpulver in die Stadien geschmuggelt.

Das hat eine einfache Erklärung: Die Ordner können es nicht so leicht finden. Dieses Pulver auf dicht gedrängten Stufen verursacht nicht nur meist hässlichen und destruktiven Rauch, sondern ist natürlich auch gefährlicher als offen brennende Bengalos. Ich bin mir sicher: Bei einem kontrollierten und bewussten Abbrennen von Pyrotechnik hätte dieses Rauchpulver in der Kurve keine Chance mehr. Alleine, weil es die Optik zerstören würde.

Mal ehrlich: Wie kann man ein bengalisches Feuer in einer dicht gedrängten Fankurve kontrolliert abbrennen? Müssten da nicht Leute stehen, die im Umgang mit Pyrotechnik geschult sind?

Kontrolliert heißt für mich erstmal, dass das Feuer sichtbar ist und nicht auf den Treppenstufen vor sich hin brennt. Und natürlich müssten die Leute, die das abbrennen, absolut verlässlich sein.

Würde kontrolliertes Abbrennen einen Sicherheitsabstand zwischen Fanblock und Pyrotechnikern bedeuten?

Die Pyrotechnik sollte bestenfalls dort brennen, wo die Luft gut zirkuliert. Wie das konkret aussieht, müsste in Konzepten erarbeitet werden – im Dialog mit dem DFB, unserer Initiative, den Vereinen und Experten. Da würden dann auch regionale Faktoren geklärt werden: Wie viele Zuschauer stehen im Stadion? Gibt es ein Dach? Gibt es Holztribünen? Was uns trotz einem möglichen Sicherheitsabstand allerdings wichtig ist: Die Pyros sollten nicht separat von den Fankurven brennen, sondern so weit es geht in diese integriert werden. Ansonsten würden sich sämtliche Emotionen verflüchtigen.

Eure Initiative führt als Untertitel den Slogan »Emotionen respektieren« an. Inwiefern stellt Pyrotechnik für dich ein Teil von Emotionen dar?

In diesem Slogan steckt deutlich mehr als Pyrotechnik. Für mich steht es sinnbildlich für eine Art der Entfaltung. Schauen wir mal nach England…

Dort werden Emotionen genormt.

Und dadurch werden sie eingedämmt. »Emotionen respektieren« bedeutet für uns auch eine Kritik an den vielen Regulierungen. Heutzutage ist es mitunter ja schon verboten, Konfetti mit ins Stadion zu bringen – wegen Brandgefahr. Eine aberwitzige Forderung, wenn man sich die Massen an Papier und Abfall anschaut, die an einem Spieltag im Stadion auf den Boden geworfen werden.

Ihr sprecht auch von einer neuen Art Pyrotechnik. Wie sieht die aus?

Feuerwerkexperten haben uns erklärt, dass man bei schon existierender Pyro, etwa der Seenotfackel, Rauchelemente stark reduzieren könnte. Und letztendlich würde mit einer Legalisierung von Pyrotechnik auch die Entstehung eines neuen Marktes einher gehen. Es könnte stadiontaugliche Pyrotechnik hergestellt werden.

Die erhofften Regelungen und Innovationen würden dennoch nicht die Sicherheit geben, dass niemand mehr Rauchpulver ins Stadion bringt oder Bengalos aufs Spielfeld schmeisst. Der Reiz des Illegalen wäre immer noch da.

Hundertprozentige Sicherheit kann niemand geben. Sicher ist aber, dass Leute, die Böller aufs Spielfeld schmeißen, innerhalb der Fanszenen viel stärker verurteilt würden.

Weil man selbstkritischer geworden ist?

Ich finde, ja. Ein gutes Beispiel ist die Fandemo in Berlin. Dabei gab es etliche Redebeiträge, die das eigene Handeln hinterfragten, die dazu aufriefen, sich stärker zu reflektieren.

Der DFB-Sicherheitsbeauftragte Helmut Spahn erklärte unlängst Gesprächsbereitschaft. Ein erster Erfolg?

Auf jeden Fall. Auch wenn man die vorigen Wochen Revue passieren lässt. In Chemnitz wurde im Oktober gemeinsam mit Ultras, mit der örtlichen Polizei, dem Ordnungsamt und dem Verein eine Legalisierung von Pyrotechnik vereinbart. Das Problem: Auch der DFB musste zustimmen, um dies langfristig zu realisieren. Das lehnte Helmut Spahn ab. Nun aber hat er uns Gesprächsbereitschaft signalisiert – scheinbar im Wissen, dass es nicht mehr nur um eine kleine Gruppe geht, sondern um ein kollektives Begehren. Vielleicht steht der DFB nun an einem Punkt, an dem er sich zusehends isoliert fühlt.

Fußball-Manipulation: Spiel ohne Grenzen.

In Italien wird enthüllt, wie die Partien in den unteren Fußball-Profiligen verschoben werden

Quelle: Junge Welt.

Wetten, daß Italiens untere Profiligen Schulden haben? Am besten, man hat beides: Wetten und Schulden. Recherchen der Gazzetta dello Sport und Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Neapel haben ergeben, daß sich in der dritten und vierten italienischen Liga Spieler seit Jahren absprechen, um gemeinsam mit ihren Gegnern des kommenden Wochenendes Spiele zu manipulieren und die ausfallenden Gehaltszahlungen von Seiten ihrer Vereine zu kompensieren.

Gegenüber der Gazzetta dello Sport hat ein Spieler ausgepackt: »Am Montag schaut man sich den kommenden Spieltag an und beginnt mit den Telefonaten. Dienstag treffen die ersten Signale über mögliche Manipulationen ein. Mancher entscheidet sich schon am Mittwoch zu wetten, um möglichen Sperren der Wettanbieter zu entgehen. Es ist aber besser, noch etwas zu warten, denn es kann sein, daß einige Absprachen platzen, weil man sich nicht einigt. Gewöhnlich ist am Freitag das Geschäft perfekt.«

Die Klubs in den unteren Ligen sind oft verschuldet. »Ungefähr die Hälfte aller Vereine der dritten und vierten Liga hat schwerwiegende ökonomische Probleme«, gab kürzlich Mario Macalli, Präsident der für diese beiden Ligen verantwortlichen Lega Pro, zu. Viele Klubs können oder wollen ihre Spieler nicht auszahlen. Kontrollen oder Sanktionen müssen sie kaum befürchten. Zum Teil machen Klubbesitzer beim munteren Zocken sogar mit – wie etwa der Präsident von Potenza Calcio. Der Klub aus der Basilicata ist wegen umfassenden Wettbetrugs inzwischen von der dritten in die sechste Liga zurückgestuft worden.

In Kampanien nimmt die Camorra das Wettgeschäft in die Hand. In der letzten Woche enthüllte die Untersuchung »Golden Gol« der Staatsanwaltschaft Neapel, daß der Drittligist Juve Stabia ein willfähriges Instrument für die Geldwäscher und Wettbetrüger des Clans D’Alessandro sei. Laut den Ermittlungen trennten die Camoresi säuberlich zwischen dem Geld, das »nur« gewaschen und dem, das gewinnorientiert angelegt und daher mit neuen »Steuern« belegt wurde. Druckmittel auf einzelne Spieler war dabei nackte Gewalt. »Wenn er das Geld nimmt und Juve Stabia nicht gewinnt, müssen wir ihn einfach umbringen«, war in einem abgehörten Telefonat zwischen Mafiosi zu vernehmen. Einige Morde werden auf Rivalitäten im Wettgeschäft zurückgeführt.

Bereits im Oktober wurde Cristian Biancone, ein Angreifer mit durchaus beachtlicher Karriere zwischen der zweiten und der vierten Liga, wegen Wettbetrugs und Begünstigung des D’Alessandro-Clans festgenommen. Er soll im vergangenen Jahr ein Spiel zwischen Juve Stabia und seinem damaligen Team Sorrento verschoben und sich für 25000 Euro der Mithilfe des eigenen Torwarts versichert haben. Ein abgehörtes Telefonat von Biancone führt sogar nach Deutschland: »Sie haben eine ganz verrückte Sache in Deutschland gemacht. Bei den Live-Wetten zu Bochum–Energie Cottbus haben sie in 20 Minuten 1,2 Millionen Euro gewonnen, ein echtes Meisterstück. Das Endergebnis habe ich eine halbe Stunde vorher schon gewußt«, prahlte er.

Die zeitliche Einordnung der Untersuchungen führt zum 3:2-Heimsieg der Bochumer im Feb­ruar vergangenen Jahres. Zweimal lagen die Gastgeber zurück. Dank eines von Augenzeugen als umstritten gewertetenen Foulelfmeters in der 79. Minute gelang Bochum schließlich der Sieg. Wie Biancone von dem Strafstoßpfiff schon weit vorher erfahren haben wollte, sollte auch den DFB interessieren.

URS*XMAS*PARTY.

Jimmy Sunshine (URS Resident) hat schon einen kleinen musikalischen Vorgeschmack auf den kommenden Freitag ins Netz gestellt. Das Motto für die diesjährige Sause lautet: Wir schunkeln uns besinnungslos, denn draußen ist es kalt. Legt also eure Schwimmflossen ab, holt die Stöckelschuhe aus dem Schrank, wir wollen Tanzen!

November 2010 by SunshineJimmy

Carl Diem. Ein Nazi wie alle Anderen!

Wenn es um Nazis in Deutschland geht, gibt es zwei offizielle geschichtspolitische Linien: heutige Nazis gelten generell als böse. Aber unter den historischen Nazis versteckte sich der ein oder andere gute Junge, weshalb noch heute nicht wenige Straßen, Kasernen und Schulen nach Altnazis benannt sind. Einer dieser braunen Arschlöcher trägt den Namen Carl Diem und gilt als der „Gründungsvater des organisierten deutschen Sports“. Ebenso wie der Antisemit und Mitbegründer der nationalistischen Turnbewegung Friedrich Ludwig Jahn (1,2).

Der Streit um die Person Carl Diem eskalierte in letzter Zeit, da der Oberhausener Zeithistorikers Frank Becker nach einer eingehenden Analyse Carl Diem als Antisemiten und glühenden Verehrer des Nationalsozialismus outet. Falls man das so bezeichnen kann. Schon im Kaiserreich beschimpfte Diem in Tagebucheinträgen Juden als „Semitenbande“. Und in der Endphase der Weimarer Republik, so Becker, habe Diem seine politischen Fühler zur NSDAP ausgestreckt. Doch am aufschlussreichsten entpuppte sich eine sogenannte „Durchhalterede“ von Diem. Diese Rede, bekannt unter dem Namen „Sparta-Rede“, hielt er im März 1945 vor einer Volkssturmeinheit als williger Erfüllungsgehilfe des Reichssportführers. Und nach 1945 habe Diem weder Reue gezeigt, jedwede eigene Verstrickung vertuscht und sich sogar als Opfer des Hitler-Regimes stilisiert, kritisiert Becker.

In Auftrag gegeben wurde die neue Studie vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der Deutschen Sporthochschule Köln und der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Doch lustigerweise sehen genau diese Auftraggeber trotz des eindeutigen Urteils ihres Verfasser keinen Anlass, Umbenennungen von Carl-Diem-Straßen vorzunehmen. Eine Revision des Geschichtsbildes von Carl Diem sei nicht nötig, heißt es in einer zweiseitigen „Empfehlung“, die nun der DOSB bei entsprechenden Anfragen verschickt. Diem sei weder Nationalsozialist, Rassist noch Antisemit gewesen, auch seien Diem keine moralisch verwerflichen Entscheidungen während der NS-Zeit

Auch in der Presse ist man sich nicht wirklich sicher ob Diem nun ein Nazi war oder nicht. Während die Zeit fragend titelt „Carl Diem, Sportpionier oder Nazi?“, ist das Echo Online davon überzeugt, dass Diem „aus der Schusslinie“ ist, da das „dreijährige Forschungsstipendium … keinen Beweis für die Nazi-Vergangenheit des Sportführers“ findet. Wie war das noch einmal: „Ein Volk. Ein Reich. Ein Führer“.

Nur die taz findet die richtigen Worte:

Die Diem-Fans hingegen unter den Sportwissenschaftlern preisen dessen Leistungen, was das Heranführen des Sports in die Moderne betrifft. Sporthistorker wie Michael Krüger, der Projektleiter des Diem-Beirats, der Becker so abgewatscht hat, oder Christiane Eisenberg feiern dies, ohne zu hinterfragen, wie die NS-Zeit in diese gefeierte Moderne hineinpasst.

Kritisch wird von diesen in der Geschichte lediglich die Rolle der deutschen Turner gesehen, deren militante Wehrertüchtigungsideologie so gar nicht zu der weltoffenen und geradezu pazifistischen olympischen Sportbewegung passe, für die sich Diem immer engagiert habe. Eisenberg geht sogar so weit, die Diem-Spiele 1936 „weniger als nationalsozialistische Propagandaveranstaltung denn als eine Auszeit des Regimes“ zu sehen.

Diem selbst hätte nicht schöner über sich urteilen können. Nach dem Krieg, als er längst Hochschulrektor und Berater der Bundesregierung in Sportangelegenheiten war, bezeichnete er die Spiele als „Insel der Rassengleichheit“ und „Oase der Freiheit in der Zwangsherrschaft“. Dabei existierte „Rassengleichheit“ für ihn selbst lange Zeit nicht. Juden bezeichnete er als körperlich ungeschickt, würdelos und unmilitärisch. „Nordischen“ oder „arischen“ Völkern attestierte er positive „Rasseeigenschaften“. Wie heißt es in der von Michael Krüger verantworteten Empfehlung an den DOSB? „War Diem Nationalsozialist, Rassist, Antisemit? Antwort: Nein.