Carl Diem. Ein Nazi wie alle Anderen!

Wenn es um Nazis in Deutschland geht, gibt es zwei offizielle geschichtspolitische Linien: heutige Nazis gelten generell als böse. Aber unter den historischen Nazis versteckte sich der ein oder andere gute Junge, weshalb noch heute nicht wenige Straßen, Kasernen und Schulen nach Altnazis benannt sind. Einer dieser braunen Arschlöcher trägt den Namen Carl Diem und gilt als der „Gründungsvater des organisierten deutschen Sports“. Ebenso wie der Antisemit und Mitbegründer der nationalistischen Turnbewegung Friedrich Ludwig Jahn (1,2).

Der Streit um die Person Carl Diem eskalierte in letzter Zeit, da der Oberhausener Zeithistorikers Frank Becker nach einer eingehenden Analyse Carl Diem als Antisemiten und glühenden Verehrer des Nationalsozialismus outet. Falls man das so bezeichnen kann. Schon im Kaiserreich beschimpfte Diem in Tagebucheinträgen Juden als „Semitenbande“. Und in der Endphase der Weimarer Republik, so Becker, habe Diem seine politischen Fühler zur NSDAP ausgestreckt. Doch am aufschlussreichsten entpuppte sich eine sogenannte „Durchhalterede“ von Diem. Diese Rede, bekannt unter dem Namen „Sparta-Rede“, hielt er im März 1945 vor einer Volkssturmeinheit als williger Erfüllungsgehilfe des Reichssportführers. Und nach 1945 habe Diem weder Reue gezeigt, jedwede eigene Verstrickung vertuscht und sich sogar als Opfer des Hitler-Regimes stilisiert, kritisiert Becker.

In Auftrag gegeben wurde die neue Studie vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der Deutschen Sporthochschule Köln und der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Doch lustigerweise sehen genau diese Auftraggeber trotz des eindeutigen Urteils ihres Verfasser keinen Anlass, Umbenennungen von Carl-Diem-Straßen vorzunehmen. Eine Revision des Geschichtsbildes von Carl Diem sei nicht nötig, heißt es in einer zweiseitigen „Empfehlung“, die nun der DOSB bei entsprechenden Anfragen verschickt. Diem sei weder Nationalsozialist, Rassist noch Antisemit gewesen, auch seien Diem keine moralisch verwerflichen Entscheidungen während der NS-Zeit

Auch in der Presse ist man sich nicht wirklich sicher ob Diem nun ein Nazi war oder nicht. Während die Zeit fragend titelt „Carl Diem, Sportpionier oder Nazi?“, ist das Echo Online davon überzeugt, dass Diem „aus der Schusslinie“ ist, da das „dreijährige Forschungsstipendium … keinen Beweis für die Nazi-Vergangenheit des Sportführers“ findet. Wie war das noch einmal: „Ein Volk. Ein Reich. Ein Führer“.

Nur die taz findet die richtigen Worte:

Die Diem-Fans hingegen unter den Sportwissenschaftlern preisen dessen Leistungen, was das Heranführen des Sports in die Moderne betrifft. Sporthistorker wie Michael Krüger, der Projektleiter des Diem-Beirats, der Becker so abgewatscht hat, oder Christiane Eisenberg feiern dies, ohne zu hinterfragen, wie die NS-Zeit in diese gefeierte Moderne hineinpasst.

Kritisch wird von diesen in der Geschichte lediglich die Rolle der deutschen Turner gesehen, deren militante Wehrertüchtigungsideologie so gar nicht zu der weltoffenen und geradezu pazifistischen olympischen Sportbewegung passe, für die sich Diem immer engagiert habe. Eisenberg geht sogar so weit, die Diem-Spiele 1936 „weniger als nationalsozialistische Propagandaveranstaltung denn als eine Auszeit des Regimes“ zu sehen.

Diem selbst hätte nicht schöner über sich urteilen können. Nach dem Krieg, als er längst Hochschulrektor und Berater der Bundesregierung in Sportangelegenheiten war, bezeichnete er die Spiele als „Insel der Rassengleichheit“ und „Oase der Freiheit in der Zwangsherrschaft“. Dabei existierte „Rassengleichheit“ für ihn selbst lange Zeit nicht. Juden bezeichnete er als körperlich ungeschickt, würdelos und unmilitärisch. „Nordischen“ oder „arischen“ Völkern attestierte er positive „Rasseeigenschaften“. Wie heißt es in der von Michael Krüger verantworteten Empfehlung an den DOSB? „War Diem Nationalsozialist, Rassist, Antisemit? Antwort: Nein.


2 Antworten auf „Carl Diem. Ein Nazi wie alle Anderen!“


  1. 1 Anonymous 10. Dezember 2010 um 15:44 Uhr

    haha, carpe diem!

  2. 2 amrandrumhaenger 11. Dezember 2010 um 14:37 Uhr

    ist ja übel.
    für die umbenennung des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks in
    Erich-Mielke-Arena.

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