Jede Medaille hat zwei Seiten.

Eine Gesprächsrunde mit zwei Mitgliedern der Ultras Roter Stern

Seit über einem Jahr existieren die Ultras Roter Stern (URS). Ihr habt Euch an der Kampagne für eine Pro-Regionalligareform 2012, an der Demonstration in Brandis sowie der Fandemo in Berlin beteiligt und erste Choreographien am Rand der Spiele des Roten Stern Nordost Berlin (RSNOB) durchgeführt. Seit Ihr zufrieden mit der bisherigen Entwicklung?

V: Nein keineswegs. Zufriedenheit wäre der Anfang des Endes einer jeden Entwicklung. Wir haben noch große Pläne und sind derzeit nur dabei das Fundament für das URS-Universum zu gießen. Der nächste Schritt ist den Support bei den Spielen besser zu organisieren und mehr Menschen zu den Spielen zu locken. Das hat die Mannschaft einfach verdient. Nicht nur wegen dem sportlichen Erfolg. Außerdem wollen wir immer noch eine Holztribüne in unserem Stadion Buschallee!

C: Zufrieden, ne irgendwie nicht. Gerade das Ergebnis der Pro-Regionalligareform ist äußerst unbefriedigend. Die Entscheidung des DFB-Bundestag ist unter aller Sau. In dem Bereich wird es bestimmt noch einige Aktionen geben. Da geht es um nichts Geringeres als die Zukunft des Amateursportes!

Und man sollte nicht vergessen das wir auch Teil der „Love Sport-Hate Neonazism!“ Kampagne sind. Auch wenn die Kampagne vielleicht derzeit etwas eingeschlafen ist, werden wir im nächsten Jahr es wieder mit mehr Elan angehen und die eine oder andere Aktion an den Start bringen.

Okay, das klingt ja ein wenig pessimistisch. Kommen wir doch lieber zu denn schönen Dingen des Lebens. Was war den euer persönliches Highlight in diesem Jahr?

V: Eindeutig die Aktion am Spielfeldrand zum Geburtstag unseres Publikumslieblings Aldi. Kurzfristig organisiert, toll umgesetzt und ein sehr schönes Gelage danach. Mehr kann man nicht verlangen. Allen Beteiligten noch mal ein dickes Lob auf diesem Weg! Und natürlich der Aufstieg der ersten Mannschaft, aber zugegeben der war ja auch Pflicht.

C: Für mich war das Highlight die Demonstration für Fanrechte hier in Berlin. Wir hatten vorher beschlossen unsere Blockfahne nicht mit auf diese im Vorfeld heftig umstrittene Manifestation der deutschen Ultraszene mitzunehmen. Aus verständlichen Sicherheitsaspekten. Doch was wir dann erleben durften war einfach nur Dufte: ein solidarisches Miteinander aller Fanszenen. Daran lässt sich auf jeden Fall anknüpfen…

Im Rahmen dieser Demonstration entwickelte sich eine Debatte u.a. um die eskalierende Gewalt innerhalb der Ultraszene. Wie positioniert sich die URS zu diesem Thema?

V: Wir haben derzeit keine expliziten Fanfeindschaften. Aber es ist völlig selbstverständlich, dass man weder Kindern noch Omas den Schal abzieht. Denen hilft man freundlich über die Straße: So etwas hat man doch schon als Jungpionier gelernt!

C: Schwieriges Thema. Nächste Frage bitte.

Euch ist doch selbst schon mal ein Banner abhanden gekommen. Nervt das nicht unheimlich?

C: Ja! Klar! Aber das waren ja nicht irgendwelche anderen Ultras, sondern die Polizei, besser gesagt der Bundesgrenzschutz.

Wie bitte? Der BGS hat Euch abgezogen?

C: Ja. Die waren einfach der Meinung der Schriftzug „the red hools“ sei ein Aufruf zu Gewalt und schwupsdiwups war das Transparent in irgendeiner Aservatenkammer auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

V: Ergo: Mit der Bullerei stehen wir auf dem Kriegsfuß! AU!

Noch einmal zurück zum Ausgangspunkt. Was haltet ihr allgemein davon anderen ihre Sache abzuziehen?

C: Jede Medaille hat zwei Seiten.

V: Und gerade bei diesem Themagerät man in eine fiese Zwickmühle. Einerseits ist es Teil eines kindlichen Spiels das man auch bei Pfandfinder oder den abgesägten Maibäumen in süddeutschen Regionen beobachten kann.

C: Andererseits ist es in keiner Form vertretbar das Wohnung aufgebrochen werden und all diese kranke Scheiße. Da wünscht man sich beinahe die Regeln der oldschool Hooligans zurück.

V: Derzeit wäre es wohl am Besten wenn man eine Art Kompromiss schließt. Dort wo langjährige Fanfeindschaften vorherrschen kann man wohl kaum noch etwas retten, aber das ist auch Jedem mehr oder weniger bekannt. Aber die bekloppte Marotte jetzt Alles und Jeden anzugreifen, egal wo, egal wann, die muss schleunigst aufhören. Sonst kommt die komplette Barbarei und solche Sachen wie die Demonstration für Fanrechte war völlig fürn Arsch.

Emanzipatorische Kritiker der Ultrabewegung denken das der Zustand der Barbarei sich schon längst durchgesetzt hat. Dein Kompromiss ist doch eigentlich auch nur eine Art der Kapitulation vor genau diesen Zuständen?

V: Boah, ne. Die Kurven dieser Republik sind immer nur Ausdruck der derzeitigen gesellschaftlichen Situation. Es gibt, wie in Bremen, München und bei St. Pauli, explizit linke Kurven, es gibt natürlich auch das genaue Gegenteil. Wir gehen unseren Weg, sportlich und auch Fantechnisch, jenseits dieser Sphären. Zumal der RSNOB auch nicht in der Bundesliga spielt.

Der von mir erwähnte Kompromiss ist ja nicht meine Idee, sondern ein derzeit in der ‚Szene‘ diskutierter. Ich empfände es als Schritt in die richtige Richtung, wenn er sich durchsetzt. Nicht mehr und nicht weniger.

C: Vielleicht veranstalten diese Kritiker mal einen Friedensgipfel zwischen den Ultras von Schalke 04 und Borussia Dortmund. Als Beobachter wären wir sofort dabei!

Eine andere äußerst kritische Frage ist ja auch die der Hierarchie. Wie steht Ihr dazu?

C: Transparent soll sie sein…

V: Informelle Hierarchien haben wir auf jeden Fall nicht. Man weiß immer wen man konkret für den Misserfolg verantwortlich machen kann…

Und wie sieht es bei Euch mit dem Thema Frauen aus?

C: Im Block sind nicht wenige Frauen…

V: Ach was für‘ n Quatsch. Darum geht es doch nicht! Über das Stöckchen springen wir nicht!

Entweder sind Geschlechter gesellschaftlich konstruiert, es ist also völlig egal wessen Geschlecht man sich zugehörig fühlt und Du hast mit deiner Frage gerade die Vermutung evoziert, dass es nur eine bipolare Einteilung der Geschlechter gibt. Was bedeutet, dass Du soeben alle Transsexuellen und was es nicht noch alles auf Gottes schöner Erde gibt unter
den Tisch hast fallen lassen. Oder, es gibt eben genormte Geschlechter. Keine Ahnung was dann…

C: Vielleicht fragst Du noch einmal bei Fußball von links nach, welcher der unzähligen Theorien denn derzeit gerade angesagt sind…

Jan Tölva, den Macher dieser Seite mögt Ihr überhaupt nicht?

C: Da sind wir nicht die Einzigen! Wer mag schon solche komischen Selbstdarsteller?

V: Uups, da habe ich wohl vorhin wirklich unsere einzige Fanfeindschaft übersehen!

Interessant. Aber bleiben wir beim Thema: Denkt Ihr denn, dass Geschlechter größtenteils soziale Konstrukte sind?

V: Yo.

C: Das sieht man ja allein in der Erziehung von Kindern. Dazu braucht man kein großer Theoretiker zu sein. Die Einen bekommen schon in der frühesten Jugend einen Fußall in die Hand gedrückt, während die Anderen zum größten Teil Reiten, Schwimmen oder Turnen müssen.

V: Die Ausnahmen bestätigen die Regel. Und erfreulicherweise gibt es seit einigen Jahren nicht nur in der Popkultur einige positive Veränderungen…

C: Meinst du jetzt Kick it like Beckham?

V: Zum Beispiel. Mir geht es aber auch um weibliche Schiedsrichter in den Bundesligen, die Frauen-Nationalmannschaft, die man jetzt auch mal im Fernsehen zu Gesicht bekommt und solche Dinge…

Einige linke Ultragruppen gehen den Weg und haben innerhalb ihrer Strukturen Frauengruppen etabliert. Wollt Ihr so etwas in Zukunft auch organisieren?

C: Wir wollen allen fanatischen Fans des RSNOB eine Heimat bieten. Zwingen werden wir aber Niemanden. Alles was sich bisher entwickelt hat, ist durch Eigeninitiative entstanden. So wird es wohl auch in der Zukunft bleiben.

V: Niemand hat vor eine Mauer zu bauen! Wenn es den Bedarf dafür gibt, dann werden wir uns ganz bestimmt nicht querstellen… Im Gegenteil!

Wo wir jetzt gerade die einzige Fanfeindschaft herausgefunden haben, stellt sich ja automatisch nochmal die Frage, mit welchen Fangruppierungen seid Ihr befreundet?

V: So wie wir keine explizite Fanfeindschaften pflegen halten wir es auch mit den Freundschaften.

C: In unseren Reihen ist es ziemlich bunt. Viele Mitglieder haben aus ihrer Jugendzeit noch einen anderen Lieblingsverein, weshalb es etwas schwierig ist da einen gemeinsamen Nenner zu finden. Hier in Berlin sind wir aber häufig bei Türkiyemspor zugegen, da es auf Vereinsebene schon seit Jahren eine enge Zusammenarbeit gibt.

V: Ab und zu fahren wir als Gruppe ins Umland um Spiele anderer Mannschaften in höheren Ligen zu besuchen. Dabei haben sich schon ein paar lose Kontakte entwickelt mal sehen was sich daraus entwickelt.

Ok. In eurem Fanzine Zur.Sonne.Zur Freiheit! (ZSZF) wird sehr viel Platz der Geschichte des Arbeitersportes im allgemeinen und dem Fußball im speziellen eingeräumt. Seht Ihr den Verein in dieser Tradition und wenn ja, wieso?

V: Weil wir alle Arbeiter sind und Fußball lieben.

C: Der Verein verkörpert keineswegs das, was damals die Rot Sport-Bewegung verkörperte. Dazu allein fehlt die Arbeiterbewegung als Grundlage dessen. Aber politisch sehen wir uns als die Enkel dieser Bewegung.

V: Sonst hätte man den Verein ja gar nicht gründen müssen. Alle hätten schön getrennt in stink bürgerlichen Vereinen herum hampeln können und gut is…

Seht ihr Fußball als Klassenkampf an?

V: Irgendwie schon. Weil es überhaupt schon ein Kampf ist den Verein allein gegen die Hindernisse dieser beschissenen Gesellschaft durch den Alltag zu manövrieren. Und speziell fußballtechnisch leben wir jetzt in einer Klassengesellschaft pur. Die Entscheidung des DFB die Regionalligisten in fünf Staffeln mit nur drei Aufsteigern einzupferchen ist der erste Schritt im Fußball.

C: Was uns hier in Berlin als neuer Verein alles aufgebürdet wird, warum sich die erste Mannschaft bei ihrer Qualität durch die Freizeitliga kämpfen muss, versteht kein normaler Mensch. Ob das jetzt gleich Klassenkampf ist mag ich aber zu bezweifeln…

Aber was bewirkt dann eure Gruppe beziehungsweise der Verein überhaupt?

V: Bewirken? Da haste Dir aber die beste Frage für den Schluss aufgehoben.

C: Der Verein setzt allein durch seine Existenz ein weit sichtbares Zeichen und hat sich in den letzten Jahren auch ganz gut entwickelt. Die zweite Mannschaft ist auf dem Weg, die Futsaler spielen eine gute Saison und neuerdings können auch andere Sportarten wie zum Beispiel Basketball angeboten werden.

V: Da können jetzt Menschen jenseits von jeglicher Diskriminierung ihrem Sport nachgehen. Was bewirkt man damit?

C: Und wir als Gruppe haben in dem letzten Jahr daran gearbeitet ein Fundament zu gießen. Mal sehen was daraus wird. Am Kölner Dom sollen sie ja über 500 Jahre bis zur Fertigstellung gearbeitet haben.

Ok. Dann schauen wir mal in 500 Jahren nach, was passiert ist!

C: Ja, wie sagte der ungekrönte Kaiser schon so schön: Schaun wa mal!


3 Antworten auf „Jede Medaille hat zwei Seiten.“


  1. 1 Jede Medaille hat zwei Seiten. « URS – Ultras Roter Stern Pingback am 26. Dezember 2010 um 18:50 Uhr
  2. 2 URS vs. Fussballvonlinks « fussball von links Pingback am 27. Dezember 2010 um 19:48 Uhr
  3. 3 Fangemeinschaft Nordost Pingback am 29. Dezember 2010 um 11:16 Uhr
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