Hier Türke Tas!

Im Juni 1959 stand ein Mann am Kölner Hauptbahnhof – als einer der ersten Türken wollte Coskun Tas sein Glück im deutschen Fußball machen. Wir sprachen mit ihm über Istanbul, FC-Präsident Kremer und seine bitterste Erfahrung.

Quelle: 11.Freunde

Herr Tas, Sie kamen 1959 als einer der ersten türkischen Fußballer nach Deutschland. War das nicht ein großes Wagnis?

Nicht unbedingt. Mein Vater sprach mit mir als kleines Kind schon einige Wörter deutsch. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges war er bereits in Deutschland gewesen. Im Rahmen der engen Beziehungen zwischen dem alten Osmanischen Reich und dem wilhelminischen Kaiserreich wurden junge Türken nach Deutschland zur Ausbildung geschickt. So kam mein Vater 1913 nach Mülheim an der Ruhr in einen Metallbetrieb, verlor dort aber nach einem Arbeitsunfall ein Auge, so dass er schließlich in der Nähe von Leipzig zum Bauzeichner ausgebildet wurde. 1917 kehrte er in die Türkei zurück und ging dann an die ägäische Küste in die Provinzhauptstadt Aydin. Dort wurde ich 1935 geboren.

Wie sind Sie zum Fußball gekommen?

Zu Fuß. (lacht) Der Fußballplatz lag nur 100 Meter von unserem Haus entfernt und alle Kinder haben dort gespielt. Später wollte ich zum Gymnasium gehen und jemand von Aydinspor, dem lokalen Fußballverein, hatte bemerkt, dass ich gut und schnell laufen konnte. So kam ich in den Klub und der Trainer brachte mir das Schießen mit dem Spann bei. Flanken habe ich erst später in Istanbul bei Besiktas gelernt. (lacht erneut)

Wann sind Sie nach Istanbul gegangen?

Nach meinem Abitur 1951. Bei Aydinspor spielte ich bereits zwei Jahre mit einer Sondergenehmigung bei den Senioren, aber ich wollte weiter zur Universität gehen, aber es war nicht so einfach einen Platz zu bekommen. Mein Vater riet mir: »Such dir einen Verein in Istanbul, vielleicht gelingt es dir darüber.« Und so kam ich zu Besiktas und zu meinem Platz an der Universität.

Sie haben sogar für die Türkei an der WM 1954 in der Schweiz teilgenommen.

Ja, 1952 wurde ich Nationalspieler, und in der WM-Qualifikation mussten wir gegen die hoch favorisierten Spanier spielen. Wir verloren klar in Madrid, gewannen aber in Istanbul, so dass ein Entscheidungsspiel in Rom angesetzt wurde. Dort hielten wir über die Verlängerung hinweg ein 2:2. Und dann kam unser Glück hinzu. Wir warteten völlig erschöpft und ungeheuer gespannt in der Kabine auf die Entscheidung. Einem italienischen Jungen wurden die Augen verbunden, und er zog das Los »Türkei« aus einem Topf. Damit waren wir qualifiziert. Als wir es hörten, schmissen wir in der Kabine vor unbändiger Freude die Wasserflaschen aus Glas in die Luft und an die Wände. Es war eigentlich ein Wunder, dass niemand verletzt wurde.

Im entscheidenden Spiel bei der WM mussten Sie gegen Deutschland antreten, die zuvor gegen Ungarn haushoch verloren hatten. Hatten Sie sich eine Chance ausgerechnet?

Nein, das war nicht möglich. Aber darüber ist ja alles geschrieben worden: Herbergers Finte, gegen Ungarn nur die B-Elf auflaufen zu lassen, das 3:8-Debakel usw. Wir rechneten uns aber trotzdem keine Chance aus. Unsere Mannschaft war nicht so stark, da wir und der türkische Fußball insgesamt noch nicht so gut organisiert waren. Heute ist das durch die europäischen Trainer und die modernen Entwicklungen des Fußballs anders. Damals trennten uns Welten, was die 2:7-Niederlage auch deutlich machte.

Wie sind Sie 1959 zum 1. FC Köln gekommen?

Es war meine eigene Initiative. Ich wollte nach meinem Studium gerne deutsch lernen, und über einen Journalisten des »Kicker«, dessen Redaktion in Köln saß, nahm ich Kontakt zum 1. FC Köln auf. Danach bekam ich von Franz Kremer, dem Präsidenten des FC einen Brief, das sie tatsächlich noch einen Linksaußen suchen würden. So bin ich im Juni 1959 auf eigenes Risiko mit einem Schiff nach Venedig und anschließend mit der Bahn nach Köln gefahren. Als ich abends am Hauptbahnhof ankam, wusste ich nicht, was ich machen sollte. Ich hatte weder eine Telefonnummer noch eine Adresse. Ich bin zu einer Telefonzelle gegangen, habe im Telefonbuch geblättert und eine Nummer des 1. FC Köln gefunden, es war das Geißbockheim. Ich habe dort angerufen und wie sich herausstelle, war Franz Kremer direkt am Telefon. Mit meinen wenigen Worten deutsch, die ich von meinem Vater kannte, sagte ich nur: »Hier Türke Tas!« Kremer war vollkommen verdutzt und antwortete: »Wie?!« Und ich sagte: »Bahnhof«. Dann sollte ich an einem Blumenladen warten, das Wort »Blumen« kannte ich auch schon, und seine Frau holte mich schließlich ab. Einige Tage später gab es ein Probetraining, und schließlich entschied Kremer: »Du kannst bleiben.« Kremer besorgte mir einen alten Fiat und ein Praktikum beim Kaufhof. Dort habe ich zusammen mit Karl-Heinz Schnellinger gearbeitet. Für den FC war ich ein gutes Geschäft, denn ich habe keine Ablöse gekostet. Immerhin hatte ich zuvor international mit der Türkei gespielt, mit Besiktas im Europacup der Landesmeister sogar gegen das große Real Madrid mit Puskás, Gento und Alfredo Di Stéfano, der von seinem Können her alle Fußballer überragte, die ich je gesehen habe.

Und der sportliche Einstieg in die Oberliga West?

Ich brauchte etwas Zeit. Beim Training riefen immer alle: »Kriegste den?« Und das alles in Kölsch. Ich verstand es nicht und suchte zu Hause vergeblich im Wörterbuch nach dem Wort »Kriegste«. Bis mir jemand sagte: »Bekommen«, dann wurde es mir klar.

Sie wurden mit dem 1. FC Köln 1960 Westmeister, und in der Endrunde gelang Ihnen der Durchbruch: Sie machten alle Spielen, schossen drei Tore, bekamen sehr gute Kritiken, aber beim Endspiel standen Sie nicht in der Elf.

(Tas steht auf und holt sich ein Zigarillo. »Wissen Sie, später habe ich am Rechner als Systemanalytiker das Rauchen angefangen.« Er setzt sich wieder, zündet sich das Zigarillo an und spricht im ruhigen Ton weiter.) Das war eine schockierende Erfahrung. Ich saß ratlos auf der Tribüne im Frankfurter Waldstadion und konnte es nicht verstehen. Es war sehr heiß, das war richtig mein Wetter. Als Linksaußen spielte der junge Karl-Heinz Thielen, der von unseren Amateuren kam, aber der größte Fehler war, dass man Georg Stollenwerk, der erst 14 Tage zuvor operiert worden war, auf der linken Abwehrseite als Manndecker gegen den Hamburger Charly Dörfel stellte. Gerade in der letzten halben Stunde ließ bei Georg die Kraft nach, und Dörfel entschied das Spiel zugunsten des HSV. Später hat Georg Stollenwerk zu mir gesagt: »Coskun, es war ein Fehler, das ich gespielte habe und du nicht.«

Es wird kolportiert, Franz Kremer hätte entschieden, in einem deutschen Endspiel stehen nur Deutsche.

Ja, das ist richtig. Das hat mir ein paar Monate später der Trainer Oswald Pfau erzählt. Er sagte: »Herr Tas, ich konnte mich nicht durchsetzen.« In dem Gremium, das über die Aufstellung für das Endspiel entschied, saßen vier Leute: Franz Kremer, Hans Schäfer, der Fußballobmann Neubauer und der Trainer. Ich habe dann gesagt: »Wenn die so denken, wirst du hier nichts.« Ich war innerlich geknickt und hatte gar keine Lust mehr, zum Training zu gehen. Von meiner inneren Einstellung her, hatte sich für mich persönlich der Fußball zumindest hier in Deutschland erledigt. In der neuen Saison konzentriere ich mich mehr auf meinen kaufmännischen Beruf und verlor fast zwangsläufig meinen Platz auf der linken Seite.

Am Ende des zweiten Jahres beim FC hatte ich mich entschlossen, den Club zu verlassen. Ich wollte aber in Köln bleiben, da ich an der Sporthochschule bei Hennes Weisweiler mein Diplom als Fußball-Lehrer begann. Ich sagte mir: »Ein Jahr hältst du hier noch durch, dann gehst du zurück in die Türkei.« So wechselte ich in die Zweite Liga zum Bonner FV. Aber wissen Sie, ich kam als studierter Mensch nach Deutschland, engagierte mich politisch und las gerne, und je mehr deutsch ich verstand, desto mehr distanzierte es mich von diesem Fußballmilieu, denn die Spieler sprachen immer nur über Frauen, Autos, Alkohol und Geld. Das war einfach nicht meine Welt.

Und die berufliche Entwicklung?

Die Ford-Werke suchten 1962 einen Trainer für ihre Betriebsmannschaft, die in der Bezirksliga spielte. Die Aufgabe konnte ich mit links erledigen und gleichzeitig kam ich als Angestellter in der Abteilung für Verkaufsplanung unter, deren Leiter ich später wurde. Diese Entscheidung bedeutete aber auch meinen endgültigen Rückzug vom Fußball als Leistungssport.

Sie sind als türkischer Fußballmigrant in Deutschland ein Vorreiter für viele Ihrer Landsleute gewesen.

Als ich am 4. Juni 1959 nach Köln kam, war ich inklusive der Mitarbeiter im Generalkonsulat der 18 Türke in Köln. Als später die Migrationswelle aus der Türkei einsetzte, habe ich mich aber mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, als »Mittler« benutzt zu werden. Die Leute waren mir einfach fremd, sie kamen aus dem Osten der Türkei und mussten 50 Jahre überspringen. Ich war ein moderner, westlich eingestellter Mensch. Bei Ford arbeiteten später über 8.000 Türken im Betrieb, aber in der Zentrale war ich der einzige. Es gab schon einmal Deutsche, die mir den Job neideten. Ich habe denen entgegnet: »Um die Stelle hier zu bekommen, musste ich doppelt so hart arbeiten.«

Wann ist bei Ihnen der Entschluss gereift, in Deutschland zu bleiben?

Anfangs ging es immer nur Jahr für Jahr: der 1. FC Köln, das Sportlehrer-Diplom, die Arbeit bei Ford. Dann habe ich meine Frau kennen gelernt, geheiratet, schließlich wurde mein Sohn geboren. Da habe ich gesagt: »Jetzt ist Schluss! Bereite dich darauf vor, ewig in Deutschland zu bleiben!« Ich habe mich in dieser Stadt auch immer wohl gefühlt, in Süddeutschland wäre das vielleicht anders gewesen. Aber ich mag die rheinländische Mentalität. Ich nahm auch die deutsche Staatsbürgerschaft an. So bin ich heute vieles: ein Kind Atatürks, denn ich bin stolz auf das Land, aus dem ich komme, ein Fußballer, ein Mensch, der über 30 Jahre bei Ford gearbeitet hat, ein Familienvater, deutscher Staatsangehöriger und vor allem ein Kölner.