Archiv für Februar 2011

Keine Revolution ohne Ultras.

Bei den Massenprotesten gegen Hosni Mubarak haben ägyptische Fußball-Ultras eine wichtige Rolle gespielt. Sie sind gut organisiert, entschlossen und im Straßenkampf erprobt. Damit wurde eine Tradition fortgesetzt, die begründet wurde, als die britische Kolonialmacht das Spiel ins Land brachte.

Quelle: Jungle World

Am 8. Februar, drei Tage vor dem Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak, gesellte sich ein prominenter ehemaliger Fußballer zu den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Nachdem er ungezählte Hände geschüttelt und Dutzende Menschen umarmt hatte, bestieg der Mann ein Podest, griff sich ein Mikrofon und skandierte immer wieder: »Revolution bis zum Sieg«, gefolgt von einem tausendfachen Echo der Mubarak-Gegner.

Der Einpeitscher war kein Geringerer als Nader El-Sayed, vielleicht der bekannteste und beliebteste ägyptische Torhüter aller Zeiten. Zwischen 1992 und 2005 bestritt der heute 38jährige insgesamt 110 Länderspiele für die Nationalmannschaft, bei den olympischen Sommerspielen 1992 in Barcelona war er Kapitän der ägyptischen Auswahl. Zudem wurde er als einziger Torwart gleich zweimal, nämlich 1998 und 2000, beim Afrika-Cup zum besten Schlussmann des Turniers gewählt.

Nicht wenige derjenigen, die El-Zayed auf dem Platz der Befreiung in der ägyptischen Hauptstadt einen begeisterten Empfang bereiteten, hatten ihm bereits zu seinen aktiven Zeiten als Fußballer im Stadion zugejubelt. Denn unter den Demonstranten befanden sich etliche Fans und Ultras vor allem der Kairoer Erstligaclubs al-Ahly und al-Zamalek, für die der Torhüter gespielt hatte. Die Bedeutung dieser Anhänger bei den Protesten gegen Hosni Mubarak war erheblich, wie etwa der bekannte ägyptische Blogger Alaa Abdel Fattah in einem Interview mit dem Fernsehsender Al-Jazeera deutlich machte: »Sie haben eine größere Rolle gespielt als jede politische Gruppe.«

Bei den Auseinandersetzungen mit den Schergen Mubaraks seien vielfach Ultra-Taktiken angewendet worden, berichtete der Fußballjournalist Davy Lane, der die Kämpfe vor Ort beobachtet hatte: »Es gab ausgewählte Steinewerfer, Spezialisten für das Umwerfen und Anzünden von Fahrzeugen sowie Versorgungs teams, die präzise wie ein Uhrwerk laufend Munition lieferten.« Die Versorgung von Verletzten, die Kontrolle der Zugänge zum Platz und die Entfernung von Abfällen sollen ebenfalls von Ultras mitorganisiert und mitbetrieben worden sein.

Überraschend ist das nur auf den ersten Blick, wie James M. Dorsey befindet. Der aus Deutschland stammende Journalist ist seit über 30 Jahren als Korrespondent im Nahen Osten tätig, hat unter anderem für das Wall Street Journal, die New York Times und NBC News gearbeitet und wurde dreimal für den Pulitzer-Preis nominiert. Zudem betreibt er ein Blog mit dem treffenden Namen »The Turbulent World of Middle East Soccer«, auf dem er täglich Berichte und Analysen zum Fußballgeschehen in der Region veröffentlicht. Wegen seiner umfangreichen Kenntnisse und Erfahrungen ist er derzeit vor allem bezüglich der Geschehnisse in Ägypten und der Rolle der Fußballfans darin ein gefragter Mann. »Der Fußball bringt Gefühle hervor, die genauso tief sind wie religiöse Empfindungen«, sagte Dorsey der Jungle World. Deshalb sei dieser Sport in Ägypten wie im gesamten Nahen Osten und in Nordafrika »per definitionem politisch« und für autoritäre Regimes »sowohl ein Werkzeug als auch eine Bedrohung«.

Die Fußball-Ultras, die es in Ägypten erst seit 2007 gebe, hätten eine Schlüsselrolle bei den Protesten gegen Mubarak eingenommen, so Dorsey weiter, »weil sie als eine der ganz wenigen Gruppen in Ägypten über organisatorische Erfahrungen mit logistischen Herausforderungen bei öffentlichen Großveranstaltungen und mit Konfrontationen auf der Straße verfügen«. Offiziell bezeichneten sich die organisierten Fans von al-Ahly, dem ägyptischen Rekordmeister, dessen Fanbasis von Dorsey auf 50 Millionen Menschen geschätzt wird, zwar als »unpolitisch«, doch sie hätten auch erklärt, ihren Mitgliedern stehe es selbstverständlich frei, »an den Protesten teilzunehmen«. Zahlreiche im Straßenkampf sowohl mit verfeindeten Fangruppierungen als auch mit der Polizei erprobte Ultras – nicht nur von al-Ahly, sondern auch vom Erzrivalen al-Zamalek – seien diesem verdeckten Aufruf nachgekommen und hätten schließlich entscheidend dazu beigetragen, den Tahrir-Platz gegen die brutalen Angriffe der Anhänger Mubaraks zu verteidigen.

Zudem hätten sie damit an eine alte Tradition angeknüpft, denn die engen Verbindungen zwischen dem Fußball und der Politik in Ägypten reichten bis zum frühen 20. Jahrhundert zurück, als die britische Kolonialmacht das Spiel im Land einführte. Im Zuge dessen entstanden die Clubs al-Ahly und al-Zamalek, die sich seitdem spinnefeind sind. »Während al-Ahly sich als nationalistischer, antikolonialer, antibritischer Verein verstand, wurde al-Zamalek von ägyptischen Verbündeten der britischen Kolonialmacht und von Anhängern der Monarchie gegründet«, erläutert James M. Dorsey. Spielen die beiden Clubs gegeneinander, kommt es im Publikum regelmäßig zu Ausschreitungen. Doch das Ziel, Mubarak zu stürzen, stiftete eine bis dato nicht gekannte Einigkeit zwischen den Ultra-Gruppen.

Für die Spieler und Funktionäre der Kairoer Großvereine gilt das hingegen nicht, zumindest nicht in diesem Maß. Der ägyptische Fußballverband hatte kurz nach dem Beginn der Großdemonstrationen bis auf Weiteres alle Profispiele abgesetzt, um den Fußballfans so eine Plattform für den Protest zu entziehen. Gleichzeitig war diese Entscheidung ein Eingeständnis der Schwäche des Mubarak-Regimes. Die Vereinsführung von al-Ahly schlug sich diskret auf die Seite der Demonstranten, indem sie die Fußballpause begrüßte. Man könne noch nicht wieder zur Normalität zurückkehren, hieß es zur Begründung.

Manuel José da Silva, der 64jährige portugie sische Trainer der Erstligamannschaft, erklärte sogar offen seine Sympathie: »Es tut mir leid, dass ich nicht an den Demonstrationen teilnehmen kann, weil ich dafür inzwischen zu alt bin. Was die ägyptischen Revolutionäre tun, ist großartig.« Bei al-Zamalek hingegen drängte man sehr bald auf eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs, um zu zeigen, »dass unser Land stark ist und zum normalen Leben zurückkehrt«, wie der Sportdirektor des Vereins, Hassan Ibrahim, vier Tage vor Mubaraks Abtritt sagte. Sein Spieler Ahmed Hossam alias »Mido« hingegen, 54facher ägyptischer Nationalspieler, nahm an den Protesten teil, wie auch al-Zamaleks Trainer Hossam Hassan.

Wie sehr die Autokraten und Diktatoren im Nahen Osten den Fußball als Katalysator für Proteste gegen ihre Herrschaft fürchten, sieht man aber nicht nur in Ägypten, sondern auch in Algerien und Libyen, wo der Spielbetrieb ebenfalls auf unbestimmte Zeit eingestellt wurde. Das Prinzip »Brot und Spiele« funktioniert längst nicht mehr. Schon gar nicht dort, wo sich Fußballfans auch als politische Subjekte definieren.

Kaiserschmarrn zum Jahrestag.

In the rich man’s world…

Seit August 2010 protestiert die Initiative »Kein Zwanni für ’nen Steher« gegen zu teure Stehplätze. Nun signalisiert mit dem HSV der erste Klub Gesprächsbereitschaft und zeigt, wie notwendig das Finden einer generellen Lösung ist.

Quelle: 11.Freunde

Die moderne Fußballkultur hat für jeden Anhänger die passende Protestform. Es gibt: Initiativen gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen Kommerzialisierung, gegen Eventisierung, gegen die Kriminalisierung von Fans, gegen Stadionverbote, pro Pyrotechnik, pro Sozialromantik, pro 15:30 Uhr, pro Stehplätze. Dazu die passenden Ventile: Plena, Kolloquien, Klausurtagungen, Demonstrationen, Diskussionsabende, Sitzblockaden, Stehproteste. Welche andere Subkultur kann gegen dieses mannigfaltige Angebot anstinken?

Alle diese Initiativen sind zweifelsohne wichtig, und dennoch darf zumindest leise bezweifelt werden, inwiefern etwa die Sozialromantiker oder die Pyrotechniker in der heutigen Ligalandschaft Erfolg haben werden. Der Fußball mitsamt seinen Verbänden scheint zu weit vorausgeeilt, er hat keine Zeit mehr zu pausieren und zu fragen, ob der strikt geplante Eventzirkus unter Umständen das Spiel und die Fankultur kaputt macht. Und er wird auch in der kommenden Saison kein Interesse daran haben, die für ihn anarchisch anmutende Pyrotechnik zu erlauben. Warum auch? Die geordnete Fan-Emotion, quasi die Stimmung für die ganze Familie, sehen wir an jedem Spieltag in Form von Choreos und bunten Bannern. Sie tut niemandem weh und kann von den Klubs guten Gewissens als atmosphärische Größe in die Gesamtidee »Arena« einkalkuliert werden.

Anders verhält es sich da bei »Kein Zwanni für ’nen Steher«, einer Initiative, die bislang eher im Kleinen und im Hintergrund wirkte und die im Grunde die Basis für alle genannten Interessengruppen bildet. Denn so banal es klingt: Auch wenn sich all die Initiativen als so etwas wie eine außerparlamentarische Opposition verstehen, brauchen ihre Anliegen Präsens. Und was nützt das Plenum im dunklen Vereinsheim oder der Fanstand in der Innenstadt, wenn man dort nur von einem verschwindend kleinen Teil der Fußballschaffenden gesehen wird? Der Weg zur Verbesserung der Fan- und Fußballkultur führt immer noch über, genau, das Stadion.

Boykottempfehlung für das Spiel BVB gegen den HSV

Ins Leben gerufen von zwei BVB-Fanklubs vor dem Revierderby im September 2010, haftete »Kein Zwanni für ’nen Steher« einige Wochen das Image an, dem verhassten Rivalen ans Bein pinkeln zu wollen (das Spiel auf Schalke wurde damals aufgrund der zu hohen Stehplatzpreisen von mehreren tausend BVB-Fans boykottiert). Dabei versteht sich »Kein Zwanni für ’nen Steher« ausdrücklich als vereinsübergreifende Initiative und vor allem – und das ist der springende Punkt – als lösungs- und nicht konfliktorientierter Ansatz. Hieß es also bei den anonym auftretenden Sozialromantikern auf St. Pauli zuletzt »Die Zeit der Gespräch ist vorbei«, wünscht man hier ausdrücklich den Dialog. Wie der aussieht, deutete sich vor einer Woche an, als die Initiative eine Boykottempfehlung für das Auswärtsspiel von Borussia Dortmund beim Hamburger SV aussprechen wollte, weil das Spiel in die Kategorie A eingestuft wurde, und der billigste Stehplatz somit 19 Euro zuzüglich Gebühren kosten sollte. Doch die Initiative sieht nun von einem Boykott ab.

»Wir verzichteten auf die Boykottempfehlung, weil der Vorstand des HSV das Signal zum Dialog gab«, sagt Daniel Lörcher, einer der Initiatoren von »Kein Zwanni für ’nen Steher«. »Es ist ein erster großer Erfolg, dass wir von den Vereinen als Initiative anerkannt werden.« Das Signal heißt: Der Vorstand des HSV erklärte sich bereit, vor dem besagten Spiel mit Daniel Lörcher und seinen Mitstreitern zu sprechen.

HSV-Vorstandsmitglied Oliver Scheel, früher selbst führendes Mitglied der Fanorganisation HSV-Supporters, weist dennoch darauf hin, dass man die Eintrittspreise in dieser Saison nicht mehr senken könne, schließlich hätten bereits Anhänger von anderen Klubs die festgesetzten Preise gezahlt – eine Gleichbehandlung wäre demnach nicht mehr gegeben –, zudem hätte der HSV mit bestimmten Preisen kalkuliert. Dennoch sei man gesprächsbereit. »Den Ansatz kann ich nachvollziehen und halte ihn auch für überdenkenswert«, sagt Scheel. »Wir sind als Verein jedenfalls daran interessiert, dass die Kartenpreise für Fans, insbesondere für Gästefans, sensibel gestaltet werden. Natürlich auch, weil wir selbst eine große Auswärtsfangemeinde haben.«

Bayern-Fans müssen immer Topzuschlag zahlen – auch in Freiburg

Scheel spricht damit das große Dilemma von Zuschauern an, die als Fans von sogenannten Bundesliga-Topklubs durch die Republik tingeln. Anhänger von Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen oder dem HSV müssen überwiegend Zuschläge für ihre Tickets zahlen, und die Bayern-Supporter, ganz egal, wo ihr Klub gerade steht, werden bei 17 von 17 Auswärtsspielen geschröpft. »Dabei ist für sie eine Partie in Freiburg alles andere als ein Topspiel«, erklärt Marc Quambusch, ebenfalls Initiator von »Kein Zwanni für nen Steher«.

Dass auch der HSV von den Fans gelegentlich ein bisschen mehr als Mehr verlangt, ist kein Geheimnis. »Vor etwa zwei Jahren führten wir vor dem Spiel gegen Werder Bremen die Kategorie A+ ein. Damals mussten die Fans knapp 100 Euro für die teuerste Karte zahlen. Das Spiel war nicht ausverkauft und es gab massig Kritik. Wir mussten einsehen: Der Preis war überzogen«, sagt Scheel. Für die Partie gegen den FC Bayern im Oktober 2010 wurde die Kategorie dennoch reaktiviert. Und die Zahlen gaben den Ökonomen im Klub recht: Das Spiel war ausverkauft. Heißt ein Klub die Preise vor dem Hintergrund der guten Einnahmen ohne Wimpernzucken richtig? Es werden zumindest Alternativen angesprochen. »Eine Idee wäre es tatsächlich zu sagen: Bei einem Kategorie-A-Spiel zahlen Auswärtsfans fortan den Preis für Kategorie B. Allerdings bedarf so eine Entscheidung einen gewissen Vorlauf. Das heißt: Gespräche mit den eigenen Anhängern, ob so eine Lösung akzeptabel wäre, und natürlich auch im Vorstand«, sagt Scheel.

Die positiven Zeichen vonseiten eines Bundesligavorstands nehmen Lörcher und Quambusch sowohl mit in die heutige Partie des BVB beim FC Bayern, bei dem es einen Infostand fern jeder sportlichen Rivalität geben wird, als auch in das Gespräch mit DFL-Chef Rainhard Rauball, das demnächst stattfinden soll. Dass solcherlei Öffentlichkeit und ein wirklich stattfindender Austausch und das Handeln auf hohen Ebenen – fern von Lippenbekenntnissen – dringend notwendig sind, zeigen die Entwicklungen in Italien und England. Tom Bender von der DFL sagte zwar vor der Saison 2010/11, dass es in Deutschland eine Entwicklung wie in England nicht geben würde und man »den Bundesliga-Klubs zu ihrer moderaten Preispolitik nur gratulieren« könne, doch hat es auch hier seit 2000 de facto eine Preissteigerung von etwa 50 Prozent gegeben. Auch birgt der ewige Blick auf die großen europäischen Ligen die Gefahr, jedes Preisniveau mit einem Verweis auf jene Ligen zu legimitieren. Getreu dem Motto: Solange man stets ein wenig unter den Levels der Premier League bleibt, ist alles in Ordnung.

Arsenal sprengte im November 2010 die 100-Pfund-Marke

Die italienische und die englische Liga gleichen in punkto Fankultur Wanderungen durch trostlose Siedlungen. In der Serie A hat man etwa kürzlich einen Zuschauerschwund von über 25 Prozent seit 1996 festgestellt, nach außen wird dies an den Skandalen und dem wenig attraktiven Fußball festgemacht. Dass man in Mailand allerdings kaum noch ein Ticket unter 50 Euro bekommt und auf den guten Rängen gerne mal über 100 Euro pro Partie blechen muss, wird unter den Tisch gekehrt.

In England haben wir ein ähnliches Bild. Dort gab es zwar 2007 die Kampagne »Cut the price of Footie«, die gegen die hohen Preise von Einzeltickets protestierte (die damals mitunter vier mal so hoch waren wie auf dem Rest des Kontinents) und von etlichen Fangruppen verschiedener Vereine getragen wurde. Nachdem die Zeitung »Sun« das Anliegen aufgriff, lenkten einige Vereine sogar kurzzeitig ein. Doch was ist geblieben? Im November 2010 konnte der FC Arsenal verkünden, dass erstmals in der Geschichte des englischen Fußballs die 100-Pfund-Marke (115 Euro) für ein Spiel gesprengt wurde. Und vier Monate zuvor musste Manchester United eingestehen, seit langer Zeit nicht alle Dauerkarten verkauft zu haben. Einige sahen den Protest gegen die Klubbesitzer als Grund, andere führen aber auch die jährlich steigenden Ticketpreise an.

Fußball ist in der Premier League kein Spiel mehr für Alle

Eine Folge der Preistreiberei, die von Vereinen und Verbänden bis dato scheinbar nicht als Problem gesehen wurde, wäre die Überalterung der Fanstruktur. Nun könnte man meinen, die Klubs hätten eh nur Interesse an gediegenen Fans, bringen sie doch das Geld ins Stadion und geben sich meist weniger kritisch als die Jungen – einen organisierten Protest pro Pyrotechnik von Ü-40-Herren mag man sich nicht richtig vorstellen können. Doch was ist mit der kalkulierten Stimmung im Rahmen des Konzepts »Arena«? Selbst die würde wegbrechen. Und am Ende gliche die Bundesliga nicht mal mehr einer trostlosen Siedlung, sie wäre Brachland. »Eines ist gewiss«, sagt Quambusch, »ein 20-Jähriger, der nicht zum Fußball geht, wird nicht mit 40 Jahren sagen: ›Jetzt habe ich wieder Geld und gehe hin.‹«

In England stellte Malcolm Clarke, Geschäftsführer der Football Supporters‘ Federation, übrigens kürzlich mal wieder fest: »Fußball ist kein Spiel mehr für Alle.« Kein Geheimnis, keine große Erkenntnis – und doch schwebt der Satz dieser Tage, da sich die Bundesligavereine Gedanken über die Preisgestaltung für die kommende Saison machen müssen, wie ein Mahnmal über den Taschenrechnern.

Frank Rohde über die Wende

Frank Rohde war Fußballer in Ost und West, enger Freund, ehrenamtlicher Berater für junge Mitspieler. Wie der ehemalige BFC Dynamo-Akteur im Wust der Wende-Zeit einen kühlen Kopf bewahrt, erzählt er hier im Interview.

Quelle: 11.Freunde

Frank Rohde, vor fast genau 20 Jahren fiel in Berlin die Mauer. Sie spielten damals beim BFC Dynamo. Wo waren Sie bei diesem historischen Moment?

Wir hatten frei und ich hatte mit der Familie geplant nach Potsdam zu fahren. Ich kann mich erinnern, dass wir dort im Hotel saßen und die Bilder im Fernsehen sahen. Meine Frau wurde ganz hektisch, sie wollte unbedingt mal rüber machen, weil sie den Westen noch nie erlebt hatte. Ich war ja durch unsere Auswärtsfahrten im Europapokal schon häufiger drüben gewesen. An der Oberbaumbrücke in Friedrichshain war eine riesige Schlange an Autos, es war die Hölle los. Da wollte ich nicht ewig warten, so bin ich auf die Gegenspur und wurde für kurze Zeit zum Geisterfahrer. In West-Berlin haben die Leute dann unseren Kindern Bonbons und Schokoriegel ins Auto gereicht.

Was haben Sie in West-Berlin gemacht?

Meine Frau ist gleich losgerannt mit meinem Sohn Ronny, der war damals sieben Jahre alt, und hat sich alles angeguckt. Ich habe meiner kleinen Tochter erstmal ein Eis gekauft. Dann hatte ich meine Kleine auf dem Arm und wir haben zusammen die Menschen beobachtet. Ich fand es erstaunlich, wie sich die Leute haben gehen lassen.

Wann haben Sie das letzte Mal Erich Mielke gesehen?

Als wir 1988 Meister wurden. Da kam er nach dem Spiel in die Kabine, hat mit uns Sekt getrunken und uns gratuliert. Später kam er dann auch auf unsere Meisterfeier. Jeder Spieler stieg durch den Erfolg eine Stufe in seinem Dienstgrad auf. Ich wurde von Mielke am Ende zum Oberleutnant befördert. Das war das höchste, was ich als Fußballer erreichen konnte. Das Einzige, was sich dadurch änderte, war, dass ich mehr Geld bekam. Mehr nicht. Ich hatte ja nicht mal eine Uniform. Einmal sind wir zum Schießstand gefahren und machten Schießübungen. Ich traf nicht mal die Scheibe und meine Mannschaftskameraden lachten sich schlapp. Wir waren eben Fußballer und nur auf dem Papier Polizisten.

Der BFC galt als der »Stasiklub«. Wurde der Hass auf die Mannschaft nach dem Mauerfall noch intensiver?

Klar, wir waren der böse Stasiverein. Es gab ein Hallenturnier in Berlin zu Weihnachten, da wurden wir bespuckt und angepöbelt. Das war schon hart. Wir waren wie Freiwild. Man durfte sich natürlich nicht provozieren lassen. Auch bei Auswärtsspielen in Aue, Rostock oder Bischofswerda brandete immer Hass auf. Wir hatten die meisten Titel, wir hatten die besten Spieler. Wir waren einfach die Gejagten.

Setzten Sie sich mit der Politik des SED-Regimes auseinander?

Ich war Nationalspieler und hatte wöchentlich fast immer drei Spiele. Ich hatte gar keine Zeit mich damit auseinander zu setzen. Trainingslager, Lehrgänge, Länderspiele – ich war ja auch kaum zu Hause. Mein ganzer Rhythmus war zu 100 Prozent auf Fußball fixiert. Es ging auch gar nicht anders. Für andere Sachen hatte ich keinen Kopf.

Sie waren nicht als »IM« tätig?

Die Stasi hatte es oft versucht, nicht nur einmal. In irgendwelchen Hinterhöfen wollten die mich überreden. Ich lehnte aber ab. Natürlich war das nicht leicht. Anschließend durfte ich niemandem erzählen, dass diese Gespräche stattgefunden hatten.

Die Nationalspieler um Andreas Thom kamen erst Tage nach dem Mauerfall zurück vom EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich. Wie erlebten Sie deren Rückkehr?

Andy erzählte, dass ihn sehr viele Spielerberater im Hotel-Foyer in Wien angesprochen hätten. Das muss für die Verantwortliche der DDR-Mannschaft eine sehr schwierige Situation gewesen sein, denn diese Berater quatschten ja alle an. Später stand dann Reiner Calmund bei Andreas auf der Matte mit einem Koffer voll Geld. Da rief er mich an…

…weil ihm etwas mulmig wurde?

Er war sehr unsicher und wusste nicht was er tun sollte. Und ich war damals Kapitän beim BFC. Ich sagte zu ihm, dass er das Geld nicht annehmen solle. ´Lass dich nicht über den Tisch ziehen und unterschreib keinen Vorvertrag’, habe ich ihm gesagt. Calmund ist dann wieder abgedampft…

…ließ aber nicht locker.

Ende November bin ich dann als seelischer Beistand mit Andreas zu den Vorverhandlungen nach Leverkusen. Wir fahren also zum Flughafen Tegel. Und wer sitzt im Flugzeug nach Köln? Calli. Der Dicke überließ wirklich nichts dem Zufall, der hatte Andy quasi in Manndeckung genommen. Der Bayer-Manager wusste: Billiger wird er einen solchen Topmann nie wieder kriegen.

Was passierte vor Ort in Leverkusen?

Calli hatte natürlich alles arrangiert. Zunächst sind wir in einen Sportshop gefahren und er hat Taschen voll gemacht für meine Kinder. Da nahm ich ihn zur Seite und sagte zu ihm: ´Ich mach hier nicht den Hampelmann. Ich lasse mich nicht bestechen. Die Entscheidung liegt nur beim Andy.’ Später besichtigten wir das Trainingsgelände und Andy setzte sich mit dem damaligen Bayer-Trainer Jürgen Gelsdorf zusammen. Calmund sagte Jahre später zu mir: ´Wenn ich gewusste hätte, wie du beim HSV einschlägst, dann hätte ich dich damals gleich mit verpflichtet.´

Wie kam Ihr Wechsel nach Hamburg zustande?

HSV-Abwehrchef Ditmar Jacobs hatte sich bei einem Derby gegen Bremen einen Karabinerhaken ins Kreuz gejagt, seine Karriere war beendet. Die Hanseaten suchten einen erfahrenen Spieler als Ersatz. Wir trafen uns in einem Westberliner Hotel und regelten dort die Formalitäten. Danach rief mich Thomas Doll an, der gerade in Verhandlungen mit Dortmund stand. Dort gefiel es ihm aber nicht. Ich erzählte ihm von meinem Wechsel zum HSV und er war als Norddeutscher sofort Feuer und Flamme. Uwe Seeler war ohnehin ein Fan von Thomas. Ich erzählte das meinen Kontaktmännern vom HSV und vier Tage später unterschrieb Dolli in Hamburg.

Hatten Sie bei den Verhandlungen einen Berater dabei?

Auf solche Krawattenträger hatte ich keinen Bock. Kurz nach der Wende kamen reihenweise windige Spielerberater aus Westberlin zum BFC und machten den Jungs Angebote. Für mich waren das alles Sonnenanbeter und Heißluftballons. Die hatten keinerlei Position, wollten aber die schnelle Mark machen. Ich hatte meine Vorstellungen, die teilte ich dem HSV mit, dann wurde verhandelt und später einigten wir uns auf einen Dreijahresvertrag. Ich bekam eine Wohnung, einen Mercedes. Was Besseres konnte mir als 30-jähriger Fußballer gar nicht passieren.

Wie fällt rückblickend Ihr Fazit über die Zeit in Hamburg aus?

Lehrreich und intensiv. Wir spielten eine gute Saison, kamen überraschend in den UEFA-Cup. Aber die Presse schoß trotzdem gegen mich. Für die war ich der Stasi-Offizier vom BFC. Die »Bild« hat mir sogar eine Woche lang eine Kolumne gewidmet. Daraufhin wurde mein Sohn in der Schule als »Stasi-Schwein« beschimpft. Ich bin dann in die Schule gefahren und habe zu dem Direktor gesagt, dass ich mit den Jungs ein Training machen will. Die »Bild« schickte einen Fotografen. Von da an hörten die Diffamierungen langsam auf.

Ultras Ahlawy vs. Mubarak

Quelle: taz.

Alaa Abd El-Fatah ist ein prominenter ägyptischer Blogger. Befragt vom Fernsehsender al-Dschasira, wie sich die Demokratiebewegung denn zusammensetze, sagte er: „Die Ultras haben eine bedeutendere Rolle gespielt als jede andere politische Gruppe.“ Tagelang verteidigten die Fans des Kairoer Fußballclubs al-Ahly den Tahrir-Platz gegen Polizei und Geheimpolizei. Der amerikanische Journalist James M. Dorsey schreibt: „Die Erfahrung der Ultras zeigt sich auch darin, wie sie soziale Dienste für die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz bereitstellten.

Die meisten jungen Männer nutzten, sagen wir: Kompetenzen, die sie sich als Fußballfans erworben hatten. Dass sie Spezialisten im Steinewerfen, im Autoumwerfen und -anzünden und in der Verteilung von Projektilen waren, ist dem Journalist Davy Lane aufgefallen. In einem Blog ist zu lesen, dass Ultras auch geholfen haben, Plünderungen des Ägyptischen Museums zu verhindern. Warum Fußball, warum Fans? „Du änderst in Ägypten nichts, wenn du über Politik redest“, sagt ein Anhänger. Ein anderer Al-Ahly-Ultra meint: „Da es keine politischen Auseinandersetzungen mehr gab, hat sich das alles auf den Fußballplatz verlagert.

Die „Ultras Ahlawy“ haben sich 2007 gegründet. Auf ihrer Facebook-Seite betonen sie, „dass die Mitglieder frei in ihren politischen Anschauungen sind“. Aber um ein Ultra in Ägypten zu sein, muss man in der Opposition sein. Und säkular. Denn Fußball lässt sich nur in kurzen Hosen spielen. James Dorsay schreibt: „Dass organisierte Fußballfans bei den Antiregierungsprotesten in Ägypten dabei sind, ist der schlimmste Albtraum jeder arabischen Regierung.

Al-Ahly, der mit Abstand der beliebteste Fußballclub Ägyptens, wurde 1907 gegründet. Schon das war ein Schritt gegen die damalige britische Kolonialherrschaft. Größter Konkurrent ist Zamalek, der Club gilt als bürgerlich und dazu als regimetreu. Und auch wenn nicht nur Al-Ahly-, sondern auch einige Zamalek-Spieler an den Protesten beteiligt waren, so hat sich die Differenz zwischen den Vereinen auch in der Revolution gezeigt.

Kaum dass die Proteste gegen das Regime von Präsident Husni Mubarak begannen, setzte der ägyptische Fußballverband (EFA) den Ligabetrieb aus. Sogar das Training wurde untersagt. EFA-Präsident Samir Zaher begründete das damit, dass der Weltfußballverband (Fifa) Auflagen für die Sicherheit von Spielern und Fans gemacht hat. Der bekannteste Angestellte der EFA, Nationaltrainer Hassan Shehata, hatte sich in den letzten Wochen klar als Anhänger von Husni Mubarak zu erkennen gegeben.

EFA-Präsident Zaher klagt nun über ganz besondere Kosten der Revolution: „Die Ägyptische Liga auszusetzen kostet uns eine Menge Geld.“ Also schlug die EFA vor, Ligaspiele vor leeren Rängen auszutragen. Diese Idee – Fußball nicht für Fans, sondern zur bloßen Erfüllung von Fernseh- und Sponsorenverträgen – fand Unterstützung bei der Fifa und auch bei Zamalek, nicht aber bei al-Ahly.

Ausgegrenzt zu sein gehört zu den Grunderfahrungen ägyptischer Fußballfans: Zu hohe Eintrittspreise und Drangsalierung durch die Polizei waren wichtige Gründe für den Frust vieler Ägypter. Doch im Stadion gab es immer, mehr als an anderen Orten des Landes, die Möglichkeit, seinen Unmut zu zeigen. Dass das nicht nur für Ägypten gilt, zeigt der Beschluss von Algerien und Libyen, den Ligabetrieb einzustellen. Die Herrschenden haben Angst vor dem rebellischen Potenzial, das sich dort sammelt. Der amerikanische Sportjournalist Dave Zirin schreibt, dass wir bei der Revolution wieder mal Zeuge der „bemerkenswerten Fähigkeit des Sports, Menschen zusammenzubringen“, wurden.

Etwas knapper haben es die Ultras von al-Ahwy auf einem Plakat im Januar beim letzten Derby gegen Zamalek formuliert. In englischer Sprache stand da: „We Are Egypt.“ Das Derby endete übrigens, gemäß der damaligen vorrevolutionären Situation, torlos. Mittlerweile dürfte al-Ahwy in Führung sein.

Klassenkampf im sowjetischen Fußball.

Vor 15 Jahren hat Nikolai Starostin sein Lebenswerk mit ins Grab genommen. Als Ausnahmefußballer und Widerstandskämpfer steht sein Name für den Ursprung von Spartak Moskau. Er lebte seinen Klassenkampf im Fußball.

Quelle: 11.Freunde

Wenn die Fans von Spartak Moskau nicht im Stadion ihre Mannschaft anfeuern, dann pilgern sie zum Wagankowoer Friedhof. Denn hier liegt neben anderen Prominenten der Mann begraben, der mit seiner Geschichte für die Herkunft des Vereins steht: Nikolai Petrowitsch Starostin.

Als Sportler hatte er sich einen Namen gemacht, weil er in den 30er Jahren als technisch starker Flügelspieler die Seitenlinie in Moskaus Vorortstadien auf und ab rannte und im Winter als Eishockeyspieler auf Torejagd ging. Dabei war für Starostin der Sport lange Zeit nur eine Möglichkeit, um seine Familie zu ernähren. Bald jedoch begriff er den Sport als eine Bühne, um seine politische Einstellung nach außen zu tragen.

Auf den Spuren von Spartakus

In einer Zeit von Arbeiterbewegung und Spartakiaden, die vorolympischen Spiele in der Sowjetunion, die den anstrengenden Kampf der Arbeiterklasse im Sport ideologisch wirksam zeigen sollten, fand Starostin eine Möglichkeit, als kleiner Mann der großen Politik zu trotzen. Schon bei seinem Heimatverein Krasnaja Presnja, bei dem Starostin das Fußballspielen gelernt hatte, fühlten sich seine Brüder und er den Arbeitern im Industrievorort verbunden. In einem kleinen von Bäumen umsäten Stadion weit westlich von Russlands Machtzentrum am Roten Platz hatten sich Starostin und seine Mitspieler ihre Mannschaft im Viertel Presnja von Moskau geschaffen. Als sich Starostin in der Moskauer Stadtauswahl einen Namen als talentierter Rechtsaußen gemacht hatte, schuf er zusammen mit anderen Fußballern aus der Nachbarschaft aus dem Viertelklub Krasnaja Presnja einen eigenen Verein: den Arbeiterklub Spartak Moskau, in Anlehnung an Spartakus, den Führer des Sklavenaufstandes in der Antike.

Als einer der wenigen Vereine in der Sowjetunion, der nicht an staatliche oder militärische Organisationen angegliedert war, fand Spartak Moskau seine Fans vor allem unter Industriearbeitern und in Gewerkschaften. Für sie stand der Verein mit dem Namen Spartak als Zusammenschluss derer, die unter Ausbeutung zu leiden hatten. Die Bedeutung des Namens Krasnaja, auf Russisch rot, nahm Starostin bewusst mit in seinen neuen Verein Spartak. Als Erinnerung an die Aufständischen der Oktoberrevolution 1917. Für Starostin hatte Spartak immer eine Heimat: das Arbeiterviertel Presnja.

Politischer Kampf vor dem Stadion

Starostin erkannte bald das fußballerische Potential, das in seiner Mannschaft steckte. Zum Ärger der sowjetischen Führung forderte er, die fußballerische Abschottung gegenüber dem Westen aufzubrechen und auch gegen Mannschaften außerhalb der Sowjetunion anzutreten. Zwar ließen die sportlichen Erfolge noch eine ganze Zeit lang auf sich warten. Dennoch hatte sich Starostin mit seiner Mannschaft und den häufig auch gewaltbereiten, aufbegehrenden Fans den Ruf eines Störenfrieds für das sowjetische System eingebracht. Nicht zuletzt, weil er durch sein Engagement für den Verein viel Geld verdiente und bald in Politiker- und Geschäftskreisen bekannt war. Das »Volksteam«, als das Spartak Moskau schnell bekannt war, brachte Starostin viel Einfluss und endgültig die Möglichkeit, mit Hilfe des Fußballs einen Widerstand gegen sowjetische Unterdrückung aufzubauen.

Zusammen mit Ivan Artemyev hatte Starostin bereits 1921 den Moskauer Sportzirkel ins Leben gerufen. Mit ihm zog Starostin auch 1926 die ersten Sponsoren an Land, mit deren Hilfe er das neue Tomskii Stadion bauen ließ. Zwei Jahre später stellte der Stadtrivale Dinamo sein Stadion gegenüber auf die andere Straßenseite. Als Sportler pflegte Starostin enge Kontakte in die Politik. So hatte er in Alexander Kosarev, dem Chef der Partei-Jugendorganisation Komsomol, einen einflussreichen Politiker und Sympathisanten für seinen Verein gefunden. Ab 1934 galt Spartak als ebenbürtiger Rivale zum bis dahin dominierenden Staatsverein Dinamo. Die Rivalität zwischen den beiden Klubs zeigten Fans schon damals bei Prügeleien und Beschimpfungen vor dem Stadion. Auf der einen Seite das militärisch geführte Dinamo, auf der anderen Seite Spartakfans, deren Mannschaft spontane politische Demonstrationsspiele auf dem Roten Platz austrug.

Staatsfeind im Fußball

In den neu eingeführten landesweiten Duellen spielten Spartak und Dinamo bald mit anderen Fabrikmannschaften und Sportvereinigungen den sowjetischen Meister aus. 1936 gewann Spartak zum ersten Mal den Titel. Immer wieder reiste Starostin, der mittlerweile mehr Manager als Spieler war, mit seinem Verein aber auch in andere Länder, nach Zentralasien, um dort Geld und Ruhm für das Volksteam zu bekommen.

Noch kurz vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Starostin als mittlerweile 36-jähriger Spieler den Chef der Geheimpolizei zum Feind gemacht. Lawrentij Berija, der früher in Georgien für Dynamo Tiflis gegen den Ball getreten hatte, nahm seine Leidenschaft für den Fußball auch mit in seinen hochrangigen Job. Dass Spartak Moskau 1938 sowjetischer Pokalsieger geworden war und zudem im Halbfinale Berijas Heimatverein aus dem Wettbewerb geworfen hatte, konnte der Chef der Geheimpolizei nicht auf sich sitzen lassen. Kurzerhand erkannte Berija Spartak Moskau den Titel ab und ließ das Spiel gegen Tiflis wiederholen. Doch auch in diesem Spiel fertigte das Volksteam den georgischen Vorzeigeklub mit 3:0 ab. Nach dem Spiel erklärte die sowjetische Führung Nikolai Starostin zum Staatsfeind.

Noch vier Jahre lang konnte Starostin mit Hilfe seiner Kontakte in die Politik den Schergen der sowjetischen Geheimpolizei entkommen. Sein Freund und Gönner Kosarew wurde 1939 als Volksfeind erschossen. Auch Starostin wurde vorgeworfen, an kriminellen Aktivitäten Kosarews beteiligt gewesen zu sein. Die Kontakte zum Premierminister über Starostins Tochter reichten nicht mehr aus. 1942 verhaftete der Geheimdienst Starostin und seine vier Brüder unter der Anschuldigung, eine terroristische Kampfgruppe von Sportlern gegen die Parteiführung aufgebaut zu haben.

Kicken mit den Kommandanten

Zwei Jahre in der Lubjanka, dem Gefängnis für politische Gefangene in Moskau, und jahrelange Haft im Straflager und Gulag konnten Starostin von seinen Überzeugungen und dem Fußball nicht abhalten. Die Lagerkommandanten kümmerten sich als bekennende Fußballfans um ihren prominenten Häftling und sorgten dafür, dass er genug zu essen bekam, um das Straflager zu überleben. Zwischendurch stellten die Lagerkommandanten Starostin sogar als Trainer für Fußballvereine an, um ihre Teams in der Gulag-Meisterschaft nach vorne zu bringen. Dem Aufenthalt im Lager entkam Starostin allerdings erst 1954. Wieder einmal halfen ihm seine Kontakte in die Politik. Der Sohn des Diktators persönlich, Wassilij Stalin, der Starostins Tochter noch aus dem Reitklub kannte, holte den prominenten Häftling in seine Residenz und stellte ihn unter seinen persönlichen Schutz.

Als Josef Stalin 1955 starb, galt Starostin nicht mehr länger als politisch Verfolgter. Zurück in Moskau nahm er wieder den Kontakt zu Spartak Moskau auf. Kurz darauf wurde er Präsident des Vereins, den er gut zwanzig Jahre zuvor mit Freunden gegründet hatte. 40 Jahre lang führte Starostin den Verein seiner Jugend. Bei Spielen gegen Dinamo Moskau lebte bis in die 70er Jahre der alte Klassenkampf immer wieder auf. Im Roboterfußball der Sowjetunion verstand sich der Klub von Starostin als spielerische Ausnahme und wurde dabei zum sowjetischen Serienmeister.

Trotz Abstieg und Wiederaufstieg in den 70er Jahren spielte Spartak bis zum Tode Starostins immer um den Titel mit. 1994 erlebte der 92-jährige Ehrenpräsident Starostin zusammen mit den Fans von Spartak Moskau die russische Meisterschaft, den Pokalsieg und den Gewinn des GUS-Cups. Zwei Jahren später pilgerten die ersten Fans zur Büste ihres Idols im Wagankowoer Friedhof, um dem verstorbenen Held des Moskauer Volksteams zu gedenken.

Doc Mabuse: Es geht zu viel um Geld.

Den St.Pauli-Totenkopf kann man sich mittlerweile als Steppdecke oder Iphone-App ins Wohnzimmer holen. Wir sprachen mit dem Mann, der das Symbol einst ans Millerntor brachte: Doc Mabuse. Er lebt heute auf einem Bauwagenplatz.

Quelle: 11.Freunde.

Mabuse, das Hamburger Derby wurde vor zwei Wochen wegen Dauerregens abgesagt. Heute findet es statt. Würdest du hingehen, wenn dir jemand eine Karte schenken würde?

Mabuse: Nein. Das ist mir zu hirnrissig.

Warum hirnrissig?

Mabuse: Früher war das ’ne andere Sache, da bin ich gerne hingegangen. Irgendwann wurde es dann so hochgespielt: HSV gegen den FC St. Pauli, Pfeffersäcke gegen Störtebecker. Heute gibt es peinliche Leute auf beiden Seiten.

Warum unterscheiden sich die beiden Vereine nicht?

Mabuse: Das ist schwer zu sagen (schweigt kurz). Beides geht allmählich ineinander über.

Bist du denn in den Achtzigern mit Herzblut St.Pauli-Fan gewesen, weil es der etwas andere Verein war?

Mabuse: Genau das. Die sogenannten Profis, das Umfeld – da hatte ich keinen Bock mehr drauf. Der Kontakt zu den Spielern bestand doch noch kurz zuvor, und dann war er plötzlich weg. Wer war damals noch Torwart? »Panther« Matthias Jahnke! Das war 1984 oder so. St. Pauli steigt auf, steigt auf, steigt auf. Von der Oberliga in die erste Liga, von Saison zu Saison. Das war der Hammer für einen St.Pauli-Fan – oder für einen Sport-Fan.

Jetzt ist es doch genauso klasse: Der Klub ist nach vier Jahren Regionalliga und drei Jahren 2. Liga nun wieder in der Bundesliga gelandet.

Mabuse: Ich finde das geil.

(Mabuse trägt einen Schlüsselanhänger von Altona 93 am Reißverschluss des warmen Fleece-Pullis. Auf einer Seite mit dem Werbe-Emblems von Barthel-Armaturen, der Firma des Altona-Präsidenten Dirk Barthel.)

Cooler Schlüsselanhänger! Zahlt Barthel denn dafür?

Mabuse: Und das Geld spende ich dann fürs neue Stadion? Hör mir auf, die haben jetzt auch Stress. Das Finanzamt haben sie an den Hacken. Der nächste Verein bitte. Das ist echt abgefahren. Es geht zu viel um Geld, es wird geschoben – ich mag das nicht.

Der FC St. Pauli hatte jetzt den Wettskandal. Klingt aber nicht so, als wenn du den Klub gar nicht mehr abkannst?!

Mabuse: Ich verfolge St. Pauli. Der Wettskandal ist ein kleiner Rand.

Was ist mit dem HSV?

Der HSV wird kein Problem haben. Obwohl, die haben auch Schulden.

Sind Klassen unter der Oberliga auch ein Thema für dich?

Mabuse: Ja, hier gibt es gleich um die Ecke einen kleinen Verein, der heißt Union 03 (das Stadion liegt inmitten einer morbiden Brachlandschaft flankiert von roten Klinkerbauten. Hier fand 1903 die erste deutsche Fußballmeisterschaft statt, ein Turnier mit sechs Teams. Der VfB Leipzig schlug im Finale den DFC Prag, d. Red.). Kennste das Stadion? Morgens um Zehn in Deutschland: Scheiß auf Knoppers, Union 03.

Scheiß auf Knoppers?

Mabuse: Mit dem Spruch gibt es einen Aufnäher, habe ich auch. Das ist so ein Verein – das ist einfach Fußball.

Was muss für dich denn im Vordergrund stehen?

Mabuse: Sport, einfach Sport. Dass die Leute auch Lust haben, zu einem Spiel hinzugehen und den Verein zu unterstützen. Man will Sport machen und Spaß dabei haben. Ich habe jahrelang selber Fußball gespielt.

Welche Position?

Mabuse: Alle möglichen. Hauptsächlich Verteidigung.

Warst du gut als junger Bursche?

Mabuse: Hat sich keiner beschwert. Außer die Gegenspieler.

Rustikaler Ausputzer?

Mabuse: Kannst du so sagen. Jetzt bin ich beim Bauwagen-Cup einmal im Jahr Schiedsrichter. Schieße den Ball manchmal zum Gegner.

Fußball und Kultur – geht das zusammen?

Mabuse: Ja, das geht schon in Ordnung. Fußball gehört dem oder dem – so was ist Blödsinn. Das Ding ist: Wenn du Fußball sehen willst, sollst du Spaß haben, wenn du Fußball spielst, auch.

Gibt es eine Parallele zwischen Fußball und Gesellschaft?

Mabuse: Das bleibt ja nicht aus. Wir haben mit Volker Ipppig in der Hafenstraße gelebt. Heute zieht man nach St. Pauli und ist ein geiler Mensch.

Welche Position nimmt Mabuse in diesem ganzen Zirkus ein?

Mabuse: Ich will Spaß haben und Fußball sehen.

»Die Manipulationen nehmen zu«

Die angeblichen Drahtzieher im größten Wettskandal im europäischen Fußball sitzen hinter Gittern, doch es wird fleißig weiter manipuliert.

Quelle: ARD.Sportschau

In 24 Ländern sollen schon Spiele verschoben worden sein, allein in den vergangenen fünf Monaten wurden bis zu 100 Partien als manipuliert gemeldet. Diese Zahlen nannte Carsten Koerl, Geschäftsführer der Wettüberwachungsfirma Sportradar, die unter anderem für den Deutschen Fußball-Bund und die Europäische Fußball-Union ein Frühwarnsystem entwickelt hat.

„Manipulationen nehmen zu“, sagte Koerl, der am Mittwoch (09.02.11) als Sachverständiger und Zeuge im Prozess um den Fußball-Wettskandal vor dem Bochumer Landgericht aussagte. „Die Entwicklung ist ganz klar. In den letzten fünf Monaten gab es 70 bis 100 Spiele in Europa, von denen wir ausgehen, dass sie manipuliert waren“, sagte der 46-Jährige weiter, „zu über 90 Prozent konnte ich voraussagen, wie das Spiel ausgeht.“

In Deutschland 69 Spiele verdächtig

Die steigende Tendenz habe auch mit der deutlich gewachsenen Vielfalt der Wettmöglichkeiten zu tun. „Da spielt es eine große Rolle, dass es heute viel mehr Möglichkeiten gibt, damit Geld zu verdienen“, sagte Koerl. Das Frühwarnsystem, das auch der Weltverband FIFA nutzt, stütze sich vor allem auf die Bewegungen im Wettmarkt, 70 bis 80 Prozent der Wettanbieter werden mit ihren Quoten erfasst. Zudem sind 3.500 freie Mitarbeiter in 80 Ländern im Einsatz, um alle möglichen Informationen über Spiele zu bekommen.

Dennoch waren Sportradar die Partien nicht aufgefallen, die durch die Ermittlungen der Bochumer Staatsanwaltschaft 2009 unter Manipulationsverdacht gerieten. Im Zuge dieser Ermittlungen sind mittlerweile allein in Deutschland 69 Spiele verdächtig. Den mutmaßlichen Haupttätern, die seit November 2009 in Untersuchungshaft sitzen und ab 21. März vor Gericht stehen, werden Bestechungen in 47 Fällen vorgeworfen. Im laufenden Prozess geht es um 32 Partien, davon 17 in Deutschland. „Wir können nur die Daten auswerten, die wir haben“, sagte Koerl, „wir können keinen Stempel geben und sagen: Wir haben 100 Prozent getroffen.“

33.000 Spiele pro Jahr beobachtet

450 Millionen Datensätze pro Tag von 300 Wettanbietern mit 4.000 Spielen würden verarbeitet. 4.500 Fernsehsender verfolgt, zudem „Scouts vor Ort“ eingesetzt, wenn ein Spiel nicht übertragen werde. Spieler und Schiedsrichter würden erfasst, eventuelle Verbindungen untereinander festgestellt. Die Zahl der als manipuliert gemeldeten Partien bewege sich aber „im Promillebereich“, sagte Koerl, im Jahr würden 33.000 Spiele beobachtet.

Auf dem deutschen Wettmarkt würden allein vier Milliarden Euro umgesetzt, der staatliche Anbieter Oddset erreiche bei sinkendem Volumen nur noch einen fünf- bis zehnprozentigen Anteil. Die rund 4.000 Wettshops hätten dagegen 80 Prozent Marktanteil. Für Zocker, die mit Sportwetten ihren Lebensunterhalt verdienten, seien besonders asiatische Buchmacher interessant, weil sie zum einen hohe Einsätze zuließen und zum anderen selbst nur eine Gewinnspanne von einem bis 1,5 Prozent haben. Staatliche Anbieter und Monopolisten behielten dagegen bis zu 50 Prozent als Gewinn ein. Bereits verurteilte Wettpaten hatten als Zeugen des laufenden Prozesses erklärt, dass sie vor allem auf dem asiatischen Markt hohe Beträge auf manipulierte Spiele gewettet hätten.

Der Erste Dreier für die Zweite!

Nachdem das zweite Team des Roten Sterns in der Vorwoche eine 2:0-Halbzeitführung noch aus der Hand gab und unglücklich mit 2:4 gegen den FC Zülle auf dem Neuköllner Jubiläumssportplatz verlor, sollte am vergangenen Sonntag der erste Saisonsieg in der TU-Liga eingefahren werden. Die Leistungen der Hinrunde waren äußerst ansehnlich und steigerten sich von Spiel zu Spiel, nur ein echtes Erfolgserlebnis fehlte unserer jüngsten Mannschaft.

Quelle: Roter Stern Nordost Berlin

Mit dem FC BAEK HO (koreanisch für ‚Weiße Tiger‘) wartete der Tabellenfünfte im Stadion Wilmersdorf. Der Kunstrasen war nass mit teils größeren Pfützen, was sowohl das Kurzpassspiel als auch die Arbeit der Abwehrspieler, die sich in der ersten halben Stunde ein ums andere mal verschätzten, erschwerte.

Zu allem Überfluss musste unser Innenverteidiger Wolf nach 5 Minuten mit einer Zerrung vom Platz. Die erste Chance des Spiels ging trotzdem an den Roten Stern: Neuzugang Kadir versuchte es aus der zweiten Reihe, der gegnerische Torhüter – welcher eine hervorragende Partie spielte – konnte den schwierigen Aufsetzer jedoch nach Außen parieren. In der Folgezeit zeigte sich die Elf des Roten Stern unkonzentriert in Offensive und Defensive. So nahm der FC BAEK HO das Heft in die Hand und prüfte den Stern-Torwart René aus kurzer Distanz. Dieser zeigte seine Klasse und begrub den ersten Torversuch der Gegner unter sich. Nur wenige Pässe später – in der 14. Minute – war er dann chancenlos. Ein Aufsetzer aus der zweiten Reihe nahm auf dem nassen Rasen Fahrt auf und rutschte ins linke untere Eck, 1:0 für den FC BAEK HO.

In der Folgezeit sorgten auf beiden Seiten nur Standards für Gefahr. Ein 20-Meter-Freistoß der ‚Weißen Tiger‘ verfehlte den Torwinkel nur knapp, zwei Ecken des Roten Sterns in der 24. und 40. Minute konnten die gegnerischen Abwehrspieler erst auf der Linie klären. Zur größten Chance der ersten Hälfte kam Henning nach einer sehenswerten Kombination durch das Zentrum. Frei vor dem Tor versagten allerdings die Nerven, der Schuss ging direkt auf den lange stehen bleibenden Keeper.

Die zweite Hälfte begann ähnlich zerfahren wie die erste endete, zwei Fernschüsse von Erik und Georg S. blieben die einsamen Höhepunkte. Doch wie sich herausstellte, sollte dies die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm sein. Die letzten 20 Minuten läutete Georg H. mit einem Schuss aus 16 Metern ein, der jedoch den Torhüter nicht überwinden konnte. Zwei Minuten später folgte der verdiente Ausgleich.

Nach schnellen Direktspiel auf dem rechten Flügel zog Georg S. nach innen und versenkte den Ball aus spitzem Winkel im langen Eck. Beflügelt von dem Ausgleich demontierten Georg H. und Erik mit einem Doppelpass die gegnerische Abwehr, mit der Ruhe eines echten Torjägers schob Erik aus 11 Metern flach gegen die Laufrichtung des Keepers ein. Das Spiel wurde nun zunehmend intensiver, wobei beide Mannschaften stets fair blieben und es zu keinen nennenswerten Fouls kam.

Unter dem Pressing des Gegner landete in der 85. Minute ein Abstoß von Klemens direkt bei einem Mittelfeldakteur des FC BAEK HO, der mit einem direkten Pass in die Spitze das 2:2 aus kurzer Distanz einleitete. 3 Minuten später schien das Spiel für einen Moment verloren. Ein hoher Ball wurde durch einen Stürmer des FC BAEK HO mitgenommen und per Volleyschuss im Tor versenkt. Während die Köpfe der Roten Sterne bereits nach unten hingen und die gegnerische Mannschaft am eigenen Trainerhäuschen jubelte, entschieden die guten Schiedsrichter spät, aber dennoch richtig, auf Handspiel bei der Ballmitnahme. Folgerichtig zählte das Tor nicht.

Der FC BAEK HO versuchte es erneut mit einem Angriff über die rechte Seite, der von Johannes abgefangen werden konnte. Dieser schaltete schnell um, erkannte eine größere Lücke in der gegnerischen Abwehr und spielte einen steilen Pass auf Georg H. Er erreichte den Ball nur knapp vor der Auslinie und flankte flach aber scharf Richtung 5-Meter-Raum. Der dort durchtrudelnde Ball landete vor den Füßen Eriks, der sich die Chance nicht nehmen ließ und eine Minute vor Ende der regulären Spielzeit zum 3:2 für den Roten Stern einnetzte. Den Schlusspfiff erwartend hieß es den hart erarbeiteten Vorsprung zu halten, was mit zeitweise 10 Spielern vor dem eigenen Strafraum und dem Willen den ersten Saisonsieg einzufahren auch gelang.

Nach dem Schlusspfiff war die Freude natürlich groß. Zwar zeigte der FC BAEK HO über die gesamte Spieldauer gesehen eine bessere Leistung, muss sich jedoch vorwerfen lassen die nötige Effektivität nicht an den Tag gelegt zu haben. Nachdem der Rote Stern in den letzten Spielen stets das bessere Team auf dem Platz waren, aber dennoch verloren hatte, war es dieses mal genau anders herum. Doch wer fragt da in ein paar Tagen noch nach: drei Punkte sind drei Punkte. Mit diesem Sieg gibt der Rote Stern Nordost II die ‘Rote Laterne’ an den 1. FC Spielo ab (Tabelle) und nimmt Platz 6 in direkte Reichweite. Ein Sechs-Punkte-Spiel gegen den Siebtplatzierten elfnull FC – und damit die Chance weiter zu klettern – steht bereits in der nächsten Woche an.

War St. Paulis Spiel gegen Lautern manipuliert?

Plötzlich gab es Millionen von Zeugen auf der ganzen Welt. Wegen Madonna. Die hatte mit einem Konzert in Frankfurt den Rasen dermaßen ruiniert, dass drei Tage später an Fußball nicht zu denken war. Das Freitagabendspiel der Eintracht gegen Karlsruhe wurde verlegt. Die Deutsche Fußball Liga ließ am 12. September 2008 stattdessen eine Zweiligapartie weltweit live übertragen, und genau dieses Spiel steht seit Montag unter massivem Manipulationsverdacht. Der FC St. Pauli verlor damals 1:4 (1:1) beim 1. FC Kaiserslautern.

Quelle: Welt Online

Offenbar gerät der Klub vom Hamburger Kiez immer tiefer in den Wettskandal, den die Bochumer Staatsanwaltschaft seit Monaten aufzudecken versucht. Nach Recherchen des ARD-Magazins ‚Fakt‘ hat einer der Hauptverdächtigen im Prozess gegen die Wettmafia auch Profis der aktuellen Bundesliga-Mannschaft der Spielmanipulation bezichtigt. Bei seinen Vernehmungen brachte Marijo C. die Namen von insgesamt sechs ehemaligen und aktuellen Akteuren des Klubs ins Spiel. Auch weitere Partien stehen unter Verdacht. So gebe es Hinweise auf die Niederlage in Kaiserslautern.

Mehrere Auffälligkeiten

Tatsächlich gab es in dem Spiel damals einige Auffälligkeiten. Bis tief in die zweite Hälfte stand es 1:1, ehe Kaiserslautern binnen 13 Minuten drei Tore erzielte – zwei der vier FCK-Tore waren Abwehrfehler vorausgegangen. Und: St. Pauli beendete das Spiel mit nur zehn Männern. Der defensive Mittelfeldspieler Marc Gouiffe à Goufan hatte die Rote Karte gesehen, nachdem er den gegnerischen Torwart relativ motivationslos umgerissen hatte – sein zweiter Platzverweis am vierten Spieltag. Trainer Holger Stanislawski sagte der ‚Bild‘ nach dem Spiel: „Da muss mich mal einer kneifen. Ich muss mir noch einmal ansehen, was ab der 61. Minute passiert ist.

Die beste Note im Kicker für einen Hamburger Feldspieler war damals eine ‚4′, gleich vier Profis wurden mit einer ‚5′ bewertet. Unter ihnen auch Rene Schnitzler, der die vollen 90 Minuten auf dem Platz stand. Der Stürmer hatte vor wenigen Wochen in einem Interview gestanden, mehr als 100.000 Euro Bestechungsgeld von der Wettmafia angenommen zu haben. Dafür habe er 2008 fünf Spiele seines damaligen Vereins St. Pauli manipulieren sollen. Es handelt sich neben zwei Spielen gegen den FSV Mainz 05 um Zweitligaduelle mit Hansa Rostock, dem FC Augsburg und dem MSV Duisburg. Schnitzler bestreitet, die Spiele beeinflusst zu haben. Das Geld habe er im Kasino verspielt.

Nun sind weitere Partien und fünf neue Namen dazu gekommen. Marijo C. gibt laut ‚Fakt‘ an, er selbst habe sich an zwei von drei vermeintlich manipulierten Begegnungen beteiligt – in zwei Fällen mit Wetteinsätzen, in einem Fall mit Bestechungsgeld in Höhe von 50.000 Euro. Dass Spieler der aktuellen Bundesligamannschaft unter Verdacht sind, ist eine neue Qualität. Gleich acht standen damals während des Kaiserslautern-Spiels auf dem Platz: Matthias Hain, Carsten Rothenbach, Marcel Eger, Ralph Gunesch, Fabian Boll, Florian Bruns, Timo Schultz und Rouwen Hennings.

Wir sind uns sicher, dass diese ganzen Dinge beim Kontrollausschuss des DFB und bei der Staatsanwaltschaft Bochum in guten Händen sind“ sagte Helmut Schulte, St. Paulis Sportdirektor, ‚Welt Online‘. Darüber hinaus werde es von Vereinsseite keine weitere Stellungnahme geben. Tatsächlich ist die Aussage von Marijo C. mit Vorsicht zu genießen. Schließlich kommt sie von einem mutmaßlichen Betrüger, der um ein mildes Strafmaß ringt. Allerdings führte er die Fahnder auch auf Schnitzlers Fährte.

Insgesamt stehen nunmehr 69 deutsche Spiele bei der Bochumer Staatsanwaltschaft unter Manipulationsverdacht. C. gilt neben Ante S. als Drahtzieher. Er steht neben fünf anderen Angeklagten von Anfang März an in Bochum vor Gericht. Laut der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, die am 29. Dezember fertiggestellt wurde und insgesamt 287 Seiten umfasst, soll Marijo C. von Juni 2008 bis zu seiner Verhaftung im November 2009 europaweit 46 Fußballspiele verschoben haben und sein Insiderwissen beim Wetten genutzt haben. Allein auf einem Wettkonto in London sollen drei der Beschuldigten in knapp einem Jahr 32 Millionen Euro umgesetzt haben. Mutmaßlicher Gewinn laut Anklageschrift: 3,5 Millionen Euro.