Martens im Märchenland.

Aus dem radikalen Außenseitertum, aus der Verweigerung jeglicher Kooperation mit dem etablierten Herrschaftsapparat, spricht freilich nicht der Wille zum grundsätzlichen und bedingungslosen Verzicht auf Macht, sondern der Unwille, sie mit anderen Gruppen zu teilen.“ W. Pohrt, Brothers in Crime

Manche Menschen dieseln sich extra mit Parfüm ein, kurz bevor sie den Müll runter bringen. Andere wiederum denken ‚Gute Zeiten-Schlechte Zeiten‘ wäre eine realistische TV-Dokumentation über junge Erwachsene in Deutschland. Einige ganz bescheidene Gemüter wollen gar die Sozialromantik in der ersten Fußball-Bundesliga wieder etablieren. Dazu fällt uns nur die Aufzählung einiger prägnanter Adjektive, Adverbien und anderer Füllwörter ein: Sinnlos, völlig überflüssig und komplett realitätsfern.

Okay, es gibt nicht wenige die es durch ihre rosa-rote Brille etwas anders sehen. In der März-Ausgabe der konkret z. B. durfte ein bekennender Paulianer namens René Martens nicht nur die sozialdemokratischen Sozialromantiker abfeiern sowie die bösen „Egotripper“ von der Vereinsführung denunzieren, nein, unter zur Hilfenahme kritischer Theorie verbricht er auch noch eine viel größere Peinlichkeit:

Gibt es einen richtigen Fußball im falschen? Unter den Fans des FC St. Pauli gibt es nicht wenige, die diese andernorts selten gestellte Frage mit einem zögernden Ja beantworten würden. Noch. Die relativ richtige Idylle ist in Gefahr, und deshalb hat eine Initiative, die sich Sozialromantiker nennt, Debatten und Proteste angezettelt.

Liebe Genossen, kann es wirklich einen richtigen Fußball im ganz und gar Falschen geben? Denkt doch bitte noch einmal kurz nach! Während jeder andere Fußballfan diese Frage mit einem fragendem Blick beantworten würde, setzen FC St. Pauli-Fans wie Martens eine ernste Miene auf und fangen an über Fußball im Allgemeinem und ihren Verein ganz im Besonderen zu philosophieren. Dabei kommt immer das selbe heraus: St. Pauli ist spitze weil irgendwie auch kritisch und genau deshalb sowieso!

Wirklich erklären, wie eine millionenschwere Unternehmung zur Belustigung der Massen (siehe Kulturindustrie), das Richtige im falschen darstellen soll, kann niemand. Wie auch? Wenn es nichts richtiges im falschen gibt, dann gilt dies natürlich ebenso für die gesellschaftliche Sphäre des Sports. Der krampfhafte Versuch von René Martens einen Fußballclub aus der ersten Bundesliga zum Flaggschiff der Revolution um zu dichten endet dementsprechend in der reaktionären Feststellung, dass es mal wieder an einzelnen Personen liegt, weshalb das richtige Schiff auf dem falschen Kurs durch die Weltmeere segelt:

Auf einem anderen Blatt steht, ob sich dadurch das strukturelle Problem lösen läßt, daß zu viele zentrale Posten mit Leuten besetzt sind, die an einem richtigen Fußball im falschen gar kein Interesse haben.

St. Pauli, MC Donalds und die CDU!

Die Sehnsucht nach einer „relativ richtigen Idylle“ mündet in dem Hass auf einzelne Personen die angeblich genau diese Idylle zu verhindern versuchen. Das kennen wir doch schon zur Genüge. Aber was hat solcher Unsinn in der konkret zu suchen? Strukturelle Probleme auf „Egotripper“ abzuwälzen dachten wir bisher ist eigentlich der Job der Boulevard- presse?

Es bleibt nur eins festzustellen: Das Journalisten, ebenso wie Redakteure, wenn es um den FC St. Pauli geht, schnell romantisch werden, macht also auch nicht vor der letzten Bastion der kritischen Linken halt. Unter den Bloggern war dieses Übel ja schon lange weit verbreitet:

Sein Kollege Momo Rulez proklamiert, es gelte zu verhindern, daß der FC St. Pauli in einem Atemzug genannt wird mit „Queen Mary, Hafengeburtstag, Schlagermove“. Ideologiegeographisch gesagt: „Laßt uns Rand bleiben statt Mitte werden“.

Das Bedürfnis nach Randständigkeit offenbart noch ein weiteres tiefsitzendes Problem der braun-weißen Sektenanhänger. Wenn man seine ganze Identität darauf aufbaut, dass man einer coolen Avantgarde angehört, hat man kein Interesse an Konkurrenz oder einer grundlegenden Veränderung der Verhältnisse. Man nistet sich in der Nische ein und verteidigt mit harter Hand sein Revier gegen die ‚Anderen‘. Das man beim FC St. Pauli schon untereinander soweit ist, offenbart Martens in seinem Artikel nur zu deutlich.

Nicht zuletzt gibt es ein Unbehagen über neu hinzugekommene Fans, die offenbar so werden wollen wie die Partyelite aus der ‚Wo ist der Deinhard?‘ Werbung.

Anstatt ‚Deinhard für Alle‘ zu fordern, bzw. den neu hinzugewonnen Fans den Kampf um das Ideal einer Gesellschaft ohne sozialer Diskriminierung ans Herz zu legen, macht sich Unbehagen unter den autohochtonen Fußballfans breit. Da hat Herr Steinkamp, Mitglied, Fan und Kunde des FC St. Pauli, schon vollkommen Recht wenn er in seinem Leserbrief an die konkret formuliert:

Statt wie Revolution fühlt sich das eher an wie Zoff im Kleingartenverein, und die Forderungen der Protestler klingen so fortschrittlich wie der Ruf nach dem guten alten rheinischen Kapitalismus, in dem es bekanntlich ja nicht nur und noch nicht ganz so sehr um den Profit ging. Vielleicht sollte Heiner Geißler zum Vermitteln kommen.

1:0 für Don Quichote

Frau kämpft gegen viele Windmühlen, wenn man den linken Mythos FC St. Pauli kritisch ins Visier nimmt. Die angebliche Liebe für diesen alternativen Verein schlägt alternativlos in Hass auf seine Kritiker um, wenn diese den Fans mal wieder aufzeigen, dass ihr Objekt der Liebe keineswegs so alternativ ist, wie sie glauben bzw. halluzinieren.

Hermetisch in der eigenen St. Pauli-Identität abgedichtet, wird Kritik immer als Angriff auf die eigene Person missverstanden. Doch auf Dauer geht das nicht gut: Der gerne gegen uns erhobene Vorwurf, wir würden St. Pauli hauptsächlich aus Gründen des Neides kritisieren, fliegt nämlich derzeit wie ein Bumerang zurück zum Absender. Worauf sollen wir den überhaupt neidisch sein? Auf die Stripperinnen im Showroom? Die ätzende LED-Leuchtwerbung? Auf den derzeitigen Tabellenplatz? Oder womöglich die wahnsinnig brillante Idee den FC St. Pauli nach englischem Vorbild neu zu gründen?

Dazu haben wir im letzten Jahr eigentlich alles schon gesagt:

Aber es gibt auch verdammt gute Alternativen als weiterhin stumpf jeden zweiten Samstag zum Millerntor zu pilgern. Viele lokale Vereine haben ihre Wurzeln in der sozialistischen Arbeiterbewegung. Diese werden heutzutage zwar in den seltensten Fällen gepflegt, aber das sollte für uns ja kein Grund sein, solch einen wertvollen Schatz weiterhin unter der Erde liegen zu lassen! In Hamburg wäre da zum Beispiel die Freie Turn- und Sportvereinigung Lorbeer Rothenburgsort von 1896 e.V.

Oder man geht noch ein Stück weiter beim Abschied vom modernen Fußball und beschreitet komplett seinen eigenen Weg: Und unterstützt einen in der Region verankerten Roter-Stern-Verein! Falls diese zu weit entfernt liegen sollten, dann ist es an Dir die Initiative zu ergreifen, in deiner Region mit Deinen Freunden, endlich einen zu gründen! Also worauf wartest Du?

Coole Kids gründen Rote-Stern Vereine!

Ultras Roter Stern (B) *AG Hooligans und Philosophen


8 Antworten auf „Martens im Märchenland.“


  1. 1 Der_grinsende_Totenkopf 26. März 2011 um 21:47 Uhr

    dämlich, dämlicher, PAULI!

  2. 2 hansguckindieluft 27. März 2011 um 14:40 Uhr

    Man man man,

    Habt ihr eigentlich nichts besseres zu tun, als heuchlerisch durch st.pauli gedisse an fame zu kommen oder euch zumindest als gesprächsthema aufzudrängen.

    schafft ihr das nicht aus eigener stärke mit eigenen themen, sondern nur über das auskotzen über den FC…ihr werdet mir echt immer unsympathischer. Wirklich arm urs

  3. 3 URS 27. März 2011 um 15:55 Uhr

    Wir drängen nicht uns als Gesprächsthema auf, sondern wir wollen Herrn Martens und die konkret dazu drängen ihren Wahnsinn kritisch zu hinterfragen. Und dabei sind wir ganz bestimmt nicht die Einzigen: Unter anderem geht es z.B. dem bekennenden St. Pauli-Fan Herr Steinkamp ähnlich, weshalb er ja auch den hier zitierten Leserbrief an die Redaktion schrieb…

    Wirklich arm ist dagegen deine Reaktion. Anstatt zu argumentieren, fängst Du an über uns zu lamentieren. Ganz starke Leistung und es überzeugt uns natürlich sofort davon, dass St. Pauli Fans äußerst dufte sind…

  4. 4 jurij 28. März 2011 um 17:00 Uhr

    gegen st. pauli und sozialromantik zu schreiben, find ich durchaus legitim. aber der vorwurf der sektiererei paßt nur bedingt oder ist viel zu oberflächlich.

    der „glaube“ an das besondere des eigenen vereins, der farben, des stadtteils, der stadt… ist bei allen fan*innen und vor allem bei ultrà gruppen inhärent angelegt. dasselbe gilt übrigens für die romantisierende überhöhung unterklassiger vereine. amateure sind nicht weniger an erfolg interessiert. die aushebelung kapitalistischer strukturen gibt es auch „unten“ nicht. die stumpfe ablehnung der bundesliga als kapitalist*innen veranstaltung und event der kulturindustrie ist zu schwach. selbiges gilt für die spektakuläre überhöhung des eigenen support. diese fixierung auf die eigene leistung (!), lautstärke, farbenpracht und kreativität verharrt ebenfalls in der oberflächlichen übernahme von kapitalistischen kulturpraktiken des „spektakels“…

    ich will eigentlich nur sagen, kritik an der überhöhung des eigenen und abwertung des fremden kollektivs mit romantischen zuschreibungen aus einer „ego“-zentrisch perspektive ist duchaus angebracht. aber sie gehört zum fußballalltag dazu. fan*innen-kultur ist ein kollektivistische kultur. sie kann zur industrie werden, wie es durchaus bei st.- pauli auch passiert (allerdings sehr viel weniger als zB beim HSV, Hertha, Bayern usw). allerdings gilt dies eher für den verein. ultrà gruppen und grade die USP gehen weit über den „merchandise“ verkauf hinaus. sie müßten sich vielleicht stärker vom verein distanzieren. aber das müssen sie entscheiden.

  5. 5 URS 28. März 2011 um 17:25 Uhr

    „die aushebelung kapitalistischer strukturen gibt es auch „unten“ nicht. die stumpfe ablehnung der bundesliga als kapitalist*innen veranstaltung und event der kulturindustrie ist zu schwach.“

    Right. Aber wir glauben fest daran, dass selbstorganisierte Amateursportvereine mehr Möglichkeiten für das einzelne Individuum bieten, als irgendwelche Bundesligaclubs.

  6. 6 jurij 29. März 2011 um 8:20 Uhr

    genau, schmale hierarchien und selbstorganisation ist eine möglichkeit. wobei auch das nicht gleichzeitig anti-kap bedeutet. ’ne gewisse affinität zur antagonistischen ablehnung von verwertungsstrukturen und ein inklusiver habitus is‘ wichtig. finde ich. denn gerade in den unteren ligen – auf kreisliga- oder landesliganiveau – arbeiten viele in vereinen ehrenamtlich und jenseits kapitalistischer geldwertstrukturen. hier ist aber oft die stenge hierarchie und arbeitsteilung in den berümten deutschen vereinen ein reaktionäres relikt…

    aber gut, wir sind, denke ich ähnlicher meinung. wollte nur noch mal zu bedenken geben, daß die romantisierung der amateur-ligen jenseits der drei höheren ligen nicht zielführend ist, sondern eher ablenkt. es geht um die etablierung bestimmter diskurse und die dominanz dieser in der kurve. und das antagonsitisch gegen kommerzielle interessen der vereine!

  1. 1 St. Paulis „Sozialromatiker“ unter der Lupe. « FSV Roter Stern Kickers 05 – Ahrensburg Pingback am 27. März 2011 um 17:25 Uhr
  2. 2 Danke, Bayern, Danke… « URS – Ultras Roter Stern Pingback am 09. Mai 2011 um 15:17 Uhr
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