Arbeiterfußball in Deutschland. Teil III.

Die Jahre 1920 bis 1923

Drei Formen des friedlichen Klassenkampfes kannte die Arbeiterbewegung bis 1933 (zumindest in der Theorie): Den von Gewerkschaften und Genossenschaften geführten ökonomischen Kampf, den politischen Kampf durch die linken Parteien und schließlich den Kulturkampf, der die gewünschte Weltanschauung befördern sollte. Zur dritten Kategorie gehörte wegen der mit ihm verbundenen Agitation der Arbeitersport. Sport diente im linken Lager also nicht nur der Ablenkung von den oft bedrückenden materiellen Verhältnissen.

Darüber hinaus sollte er gesundheitlichen Schäden vorbeugen, die sich aus einseitiger Belastung bei der Lohnarbeit, schlechten Wohn- verhältnisse, Armut und Unterernährung ergaben. Arbeiterfußball steigerte bei fairer Spielweise Lebenskraft und Lebensfreude und diente dadurch dem Erhalt der Arbeitskraft, dem einzigen Kapital des Proletariers.

Mengenverhältnis von ATSB- und DFB-Kickern

Der Arbeitersport boomte wie das bürgerliche Lager in den 1920er Jahren, konnte seinen Rückstand in der Mitgliederentwicklung aber nicht aufholen. Der bürgerliche Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen (DRA) gab am 5. Mai 1925 bekannt, dass den ihm angeschlossenen 46 Sportverbänden (darunter DFB, Deutsche Turnerschaft usw.) 41.751 Vereine 5,6 Mio. Mitglieder angehörten. Dieser Masse standen immerhin 1,2 Mio. proletarisch organisierte Sportler gegenüber. Die Diskrepanz zwischen dem Stimmanteil der Linken bei Reichstagswahlen und ihrer prozentualen Unterstützung der linksgerichteten Sportbewegung war im Fußball besonders krass. Die Mitgliederzahl im DFB lag während der Weimarer Zeit immer etwa zehnmal höher als im Arbeiter-Turn- und Sportbund, der auch nicht umhin kam, dies zuzugeben. In der ATSB-nahen Sportpolitischen Rundschau vom 15. April 1928 wird der Anteil an Proleten und kleinen Angestellten in bürgerlichen Vereinen auf 80 geschätzt, bei den Spielern sogar auf 95 Prozent!

Interessanter Weise nahmen also die allermeisten links wählenden Fußballfreunde lieber bürgerliche Angebote wahr, also die des vorgeblichen Klassengegners. Vielleicht identifizieren sie sich nicht restlos mit ihrer Klasse, litten sogar an ihrer Zugehörigkeit, hegten im Stillen den verständlichen Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg. Oder sie genossen einfach den höheren Unterhaltungswert im DFB-Liga-Zirkus, der durch Starkult, Ansätze von Merchandising sowie eine aktuelle und gut aufgemachte Sportpresse zusätzlich befeuert wurde.

Obwohl es keine Vergleiche zwischen hochklassigen Vereinen der beiden Verbände gab, darf man wohl annehmen, dass die führenden DFB-Mannschaften klar besser waren, als die führenden ATSB-Teams. Im bürgerlichen Fußball bekamen die Spitzenkönner für ihre Bemühungen heimliche finanzielle Zuwendungen, Anstellungen bei wohlhabenden Mäzenen oder eigene Geschäfte. Im Kicker fanden sich damals Inserate wie diese: „Tüchtiger Maschinenmeister und Schriftsetzer für größere Druckerei nach Norddeutschland gesucht. Guter Fußballspieler (Innenstürmer) bevorzugt.“ Oder: „Erstklassiger Spieler sucht Laden oder Stellung als Filialleiter (Zigarrengeschäft)“. Im Arbeiterfußball waren diese Formen verdeckten Berufssports verpönt und auch gar nicht möglich. Den proletarischen Ballathleten blieb konsequenter Weise nur übrig, weiter in den Betrieben ihrer Ausbeuter zu arbeiten – wenn sie ideologisch sattelfest waren.

Ein Arbeiterfußballer, der das nötige Können hatte, konnte zu einem DFB-Verein wechseln – und viele taten das auch, um ihre ökonomische Stellungen zu verbessern – ging dadurch aber seiner ursprünglichen Bewegung verloren. Und es gab noch einen gewichtigen Grund für DFB-Fußball: Er bot eine patriotische, aber wohltuend unpolitische Nische in einer Zeit, die durch Klassenkämpfe und politische Instabilität gekennzeichnet war.

Zudem steckten bürgerliche Vereine ihre Einnahmen vor allem in die Anschaffung von Sportplätzen, Spielgeräten und vielleicht auch in das Gehalt eines Sportlehrers. Arbeitervereine mussten von ihrem ohnehin schmalen Budget auch noch etwas für politische Propaganda abknapsen. Die meisten Proleten wollten wahrscheinlich einfach mal abschalten und nicht auch noch im Sportverein agitiert werden. Von den Mitgliedern der ATSB-Vereine wurde aber politisches Engagement erwartet, wenigstens die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft, besser noch aktive Beteiligung bei Wahlkämpfen, Demonstrationen und Agitationen. Das schmeckte gerade den freiheitsliebenden Fußballern nicht so besonders. In der Presse des Arbeitersports wird immer wieder beklagt, dass die eigenen Kicker für politische Arbeit zu undiszipliniert seien, bei Großkundgebungen durch Abwesenheit glänzten und lieber gleichzeitig auf dem Fußballplatz herumtollten, wo sie die böse Welt um sich herum ausblendeten. Tatsächlich finden sich unter den heute noch bekannten Namen von Antifaschisten, die aus dem Arbeitersport hervorgingen (Werner Seelenbinder, Paul Zobel, Bruno Plache, Willi Sänger, Hanns Zoschke, Paul Greifzu etc.), vor allem Turner und Zweikämpfer, aber kaum Fußballer!

Fast ein neuer Zuschauerrekord in Leipzig

Im vorigen Teil unserer Serie holte der TSV Fürth 1920 die erste ausgetragene Bundesmeisterschaft im deutschen Arbeiterfußball. In der darauf folgenden Saison konnte er sich nicht für die Titelverteidigung qualifizieren. Und auch im Bereich der Märkischen Spielvereinigung MSV kam es zu Wachablösungen. Der vorjährige Lausitz-Meister TuS Süden Forst wurde vom Ortsrivalen Tasmania Forst entthront, in Berlin siegte im Norden der BFC Nordiska von 1913 und im Süden der Neuköllner SC „Rüstig Vorwärts!“ von 1913.

Im Osten des MSV-Gebiets holte sich der Turnverein Jahn Landsberg/Warthe (heute Gorzów Wielkopolski) das Krönchen. Aus dem Kreise dieser vier Bezirksmeister holte der auf dem Exerzierplatz „Einsame Pappel“ (heute Jahn-Sportpark) ansässige BFC Nordiska den MSV-Titel von 1921, anschließend auch die Ostdeutsche Meisterschaft durch ein 3:2 gegen die Freie Turnerschaft Breslau-Süd, schließlich zog Nordiska sogar ins Endspiel um die Meisterschaft des ATSB ein.

Hier aber unterlagen die Nordost-Berliner am 10. Juli 1921 dem Arbeiter-Turn und Sportverein Stötteritz aus Leipzig glatt mit 0:3. Das Finale fand in Dresden an der Saalhauer Straße vor 4.500 Zuschauern statt. 1922 hieß der MSV-Meister Lichtenberger SC Brandenburg von 1902. Das Gründungsjahr, nach alter deutscher Sitte praktischerweise im Vereinsnamen stehend, zeigt an, dass der Verein schon vor Einführung des Arbeiterfußballs existierte. Tatsächlich trat der in Rot-Weiß auflaufende LSC Brandenburg 02 zunächst im Verband Brandenburger Ballspielvereine VBB (heute Berliner Fußballverband) an, ehe er im Schwung der Novemberrevolution mit dutzenden anderen Clubs zur MSV übertrat. Auch in der Ostdeutschen Meisterschaft triumphierten die Lichtenberger, wobei die Gegner wie üblich aus Stettin und der Lausitz kamen und nicht ganz an das Berliner Leistungsniveau heranreichten.

Die ATSB-Endrunde kam diesmal im Rahmen des I. Arbeiter-Turn- und Sportfestes in Leipzig zur Austragung. Auf dem Vorwärts-Platz in Connewitz schied Berlins Hoffnung gegen Vorjahres-Champion Stötteritz nach 0:3 Toren aus. Während des Endspiels auf dem Turnfestplatz (in der Nähe der Deutschen Bücherei) befanden sich etwa 50.000 Arbeiterturner und –sportler auf dem Gelände. Da es aber nur Tribünenplätze für wenige Tausend gab, werden die meisten Anwesenden nicht so viel vom Spiel gesehen haben. Andernfalls wäre es der damalige Zuschauerrekord im deutschen Fußball gewesen. Wie auch immer, der ATSV Stötteritz gewann 4:1 gegen Kassel 06 und verteidigte damit die höchste Fußballkrone des ATSB.

Hattrick für Stötteritz

1923 gab es mal wieder einen neuen Meister in der Märkischen Spielvereinigung. Diesmal setzte sich der erst im Vorjahr gegründete BFC Alemannia von 1922 durch, errang auch ungefährdet die Ostdeutsche Meisterschaft, schlug anschließend in der ATSB-Vorrunde Komet Altona-Klein Flottbeck 1:3 – übrigens im Stadion Altona, heute steht an jener Stelle das HSV-Stadion – und ehe die Alemannen sich versahen, standen sie auch schon im Bundesfinale. Hier lauerte erneut Branchenprimus ATSV Stötteritz. Doch vor dem Anpfiff musste man sich noch für einen Spielort entscheiden. In Berlin wurde als solcher das Stadion Lichtenberg annonciert, dann aber auf Weisung der in Leipzig ansässigen ATSB-Führung ein Platz im dortigen Eutritzsch angesetzt. Dort fand das Endspiel am 1. Juli 1923 auch statt. Stötteritz siegte vor immerhin schon 7.500 Zuschauern 1:0 über Alemannia. Die legte aber Protest gegen den Spielort ein, und so kam es eine Woche später zur Wiederholung in Berlin auf dem Platz von Norden-Nordwest.

Stötteritz bestritt noch am Vortag der Revanche ein Freundschaftsspiel, der Gegner aus Aussig zählte zur Spitze des sudetendeutschen Arbeiterfussballs, verlor aber in Leipzig-Stötteritz 0:5. Nach der Feier mit den Gästen, bei der sicher auch die Kehlen gut geölt wurden, ging es nach kurzer Nachtruhe per Zug in die deutsche Hautstadt und von dort, um Geld zu sparen, zu Fuß vom Anhalter Bahnhof zum NNW-Platz in Gesundbrunnen. Die Märkische Spielvereinigung hatte als Veranstalter auf bis zu 15.000 Zuschauer gehofft, doch bei Temperaturen um 40 Grad im Schatten fanden sich nur 3.700 ein. Die Wiederholung begann mit allen Feierlichkeiten wie das Spiel vor einer Woche, doch aus der Revanche wurde nichts, denn der ATSV Stötteritz nahm seine Rolle als Hecht im Karpfenteich des Arbeiterfußballs ernst und gewann diesmal sogar 3:1. Das Ehrentor für Alemannia 22 resultierte auch nur aus einem Elfmeter.

Während es damals in den Endspielen um die Deutsche Meisterschaft des DFB immer wieder zu wahren Schlachten mit Fouls und Verletzten bis zum Abwinken kam (im Vorjahr fiel wegen solchen Umständen die reguläre Entscheidung zwischen Nürnberg und dem Hamburger SV aus), zeugt die folgende Zeitungsnotiz von einer anderen Ethik: Siegen ja, aber nicht um jeden Preis!

Alemannia spielte durchaus anständig und gab ebenfalls einen Beweis von echtem Arbeitersportgeist. Der sonst sehr gute, umsichtige Schiedsrichter, Genosse Bühring-Magdeburg, fällte einmal eine zu scharfe Entscheidung.

Einem Stötteritzer Spieler war die Hose heillos geplatzt. Er sprang hinaus, zog eine Reservehose über und trat wieder ein, sich beim Schiedsrichter meldend. ‚Sie haben sich nicht abgemeldet, ich kann Sie nicht mehr spielen lassen‘, sagte dieser. Er protestierte selbstverständlich in höflichster Form – der Stötteritzer Spielführer. Der Schiedsrichter befragte den Alemannia-Spielführer, ob er den Mann weiterspielen lassen wollte. Ohne Besinnen sagte dieser ‚Ja!‘ Bravo! Das zählt mehr als ein Sieg!

Freie Sportwoche vom 25. Juli 1923