Auferstanden aus Ruinen?

Reise in die Vor-Vergangenheit: Bernd Bauchspieß und Jamal Engel schicken die SG Leipzig-Leutzsch als Konkurrentin zur BSG Chemie um die legitime Nachfolge des FC Sachsen ins Rennen. Von einer absurden Intrige

Quelle: Chemieblogger

Uns geht es aber nicht um eine weitere Spaltung der Fanszene“, hat Jamal Engel allen Ernstes einem Reporter der Bild in den Notizblock diktiert. Engel, ein Mann mit Name im Leutzscher Fußball, ist einer der führenden Köpfe hinter der SG Leipzig-Leutzsch. Der Verein soll laut Leipziger Volkszeitung bereits am Samstag gegründet worden sein und als Auffangbecken für die Reste des FC Sachsen Leipzig dienen. Seit ihrer Neugründung 1997 war diese Funktion eigentlich der BSG Chemie Leipzig zugedacht. So hieß es im alten Leitbild:

Die BSG Chemie Leipzig e.V. sieht sich als selbständiger Teil der Leutzscher Fußballfamilie des FC Sachsen und steht für den Fall in vollem Umfang zur Verfügung, dass der FC Sachsen in seiner jetzigen Form wirtschaftlich nicht überlebt und/oder den wertebasierten Weg der Traditionen des Leutzscher Fußballs und somit der BSG Chemie verlässt.

Bei den Fans blieb der Verein stets die „BSG Chemie“

Falls beim FC Sachsen mal die Lichter ausgehen sollten, hält man die Leutzscher Legende in der Hinterhand. Dies ist ein zutiefst logischer Gedanke. Seit der Gründung des FC Sachsen 1990 ist der Verein in den Herzen der Fans immer die ‚BSG Chemie‘ geblieben – in der Alltagssprache, in jedem Schlachtruf. Nicht wenige Anhänger des FC Sachsen können sich mit der Perspektive BSG Chemie anfreunden. Der Name ist untrennbar verbunden mit dem Alfred-Kunze-Sportpark und dessen Namensgeber, dem legendären Trainer der Meisterjahre 1951 und 1964. Mit der BSG Chemie erfuhr der Leutzscher Fußball seine Blüte.

Bei der BSG Chemie erlebte auch Bernd Bauchspieß seine besten Jahre. Ausgerechnet der „Spießer“ wird nun in den Medien als das personelle Aushängeschild hinter der SG Leipzig-Leutzsch präsentiert. Der dreifache Torschützenkönig der DDR-Oberliga ist heute Orthopäde und so etwas wie der Franz Beckenbauer des Leipziger Fußballs. Sein Wort hat Gewicht bei den Fans – nicht etwa der Expertise wegen, sondern allein auf Grund seiner Persönlichkeit. Bei den kritischen Anhängern ist Bauchspieß ein gefallener Held. Nach der Wende irrlichterte er mal als Befürworter der Fusion mit dem VfB Leipzig, mal als Werber für den Einstieg von Red Bull in den Leipziger Fußball umher.

Der tiefe Rückgriff in die Vereinsgeschichte

Nun ist also die SG Leipzig-Leutzsch das neueste Steckenpferd von Bauchspieß. Der Name ist nicht ohne Geschichte. Als die sowjetische Besatzungsmacht nach 1945 den Fußball in der Ostzone reorganisierte, trugen zunächst Stadtteilmannschaften die Wettkämpfe aus. Eine davon war die SG Leipzig-Leutzsch, worauf sich die Neugründung von Bauchspieß, Engel & Co. scheinbar beziehen soll. Wie aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs einst der Arbeiter- und Bauernstaat geschaffen wurde, soll nun also der Leutzscher Fußball begleitet von dem Soundtrack „Auferstanden aus Ruinen“ ein furioses Comeback feiern.

Der Name steht für die Vergangenheit, für ein abgeschlossenes Kapital. Der Name schreckt Sponsoren ab, ist belastet mit DDR-Mief. So lauten seit Jahren die Argumente gegen eine Rückkehr zur BSG Chemie im Vereinsnahmen – und für den Erhalt des FC Sachsen. Nun ist der FC Sachsen jedoch Geschichte. Dieser Tage bedarf es schon einer gewissen Kreativität, um eine ablehnende Haltung gegenüber der BSG Chemie als die Zukunft eines wiedervereinten Leutzscher Fußballs zu begründen.

Die SG Leipzig-Leutzsch scheint zumindest eine ungeeignete Alternative. Die Bezeichnung greift tief zurück in die Geschichte des Leutzscher Fußballs und in die Zeit vor der BSG Chemie. Die Ironie: Die Zukunft liegt in der Vergangenheit. Diesen Vorwurf muss sich die BSG Chemie gefallen lassen, aber auch die mögliche Alternative SG Leipzig-Leutzsch kann ihn keinesfalls entkräften. Sollte dieser Verein tatsächlich die Nachwuchsmannschaften des FC Sachsen und den Alfred-Kunze-Sportpark übernehmen, bleibt es fraglich, welche Auswirkungen dieses Re-Branding auf die Leutzscher Fußball-Identität hätte. Wie sollten die Spieler dieser Mannschaft begrüßt und angefeuert werden? Es ist zu ahnen, „Chemie“ kann es wohl nicht sein.

Selbstdarstellung und persönlicher Profit

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen sein sollte: In der Leutzscher Fußballhistorie schlummern noch viele ungenutzte Potenziale. Ob Britannia (1899-1919), Leipziger Sportverein (1919-32), SV TuRa (1932-38), ZSG Industrie (1949-50) oder FC Grün-Weiß (1990) – es gibt genügend Stoff, aus denen neue Spaltungen gemacht werden können. Ob dies dem Leutzscher Fußball förderlich ist, steht auf einem anderen Blatt. Sollte es den Machern und den ominösen, bislang unbekannten Sponsoren der SG Leipzig-Leutzsch wirklich um den Alfred-Kunze-Sportpark und den Leutzscher Fußball gehen, könnten sie sich in der BSG Chemie einbringen. Die Gründung eines neuen Vereins legt aber ganz andere Motive nahe. Hier geht es – mal wieder – nicht um die Sache, sondern um Selbstdarstellung und persönlichen Profit. Leidtragende sind die Nachwuchsspieler, die in eine absurde Intrige hineingezogen werden – und mit ihnen der Leutzscher Fußball.