Archiv für Juli 2011

Blitzkrieg auf dem Rasen?

Während des Zweiten Weltkriegs versuchte ein Nazi-Funktionär die Taktik der Wehrmacht auf die deutsche Nationalelf zu übertragen. Damit setzte er Reichstrainer Sepp Herberger unter Druck, dem er vorwarf, »jüdisch« zu spielen.

Quelle: 11.Freunde

Der neue starke Mann aus Bayern war dem Reichstrainer von Anfang an nicht geheuer. Bereits im Februar 1938 kabelte Sepp Herberger in die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes nach Berlin, der neue Fußball-Fachwart des Gaues 16 liege »weit abseits unserer Interessen«. Herberger witterte früh, dass Karl Oberhuber aus Bayern gefährlich werden könnte, und sollte recht behalten. Denn zwei Jahre später hatte sich zwischen dem Trainer und dem NS-Funktionär eine echte Feindschaft entwickelt, zu der sich im Nachlass von Herberger gleich zwei Aktenordner finden. Im Mittelpunkt des Konflikts, so zeigen aktuelle Forschungen des Fußballhistorikers Markwart Herzog, stand ein bizarrer Streit um die richtige Spieltaktik im deutschen Fußball. (mehr…)

Spartaner aus der Westkurve

Die Eintracht-Ultras machen mobil – beim Pokalspiel in Halle drohen Krawalle, das zumindest befürchten Fan-Experten. Wegen des beschmierten Eintracht-Graffitis sprechen die Ultras sogar von Rache.

Quelle: Frankfurter Rundschau

Es war ein netter Abend im Fanhaus Louisa. Eine Art Familientreffen mit Bier und Wurst. Der Autor Jörg Heinisch hatte für Mittwoch eingeladen, um sein Fan-Buch ‚Mehr als nur der 12. Mann‘ vorzustellen. Gekommen waren viele Anhänger, doch in den Gesprächen ging es auch immer wieder um ein Thema, das unerfreulich werden könnte: die Auswärtsfahrt nach Halle. Dort, so befürchten Fan-Experten, könnte es Randale geben. Anlass zur Sorge besteht genug: Im Internet finden sich Drohungen, ein Graffiti der Eintracht-Fans wurde beschmiert, von Rache ist die Rede, dazu kommen Geschmacklosigkeiten aus der rechten Ecke.

Fest steht: Am 31. Juli spielt die Eintracht im DFB-Pokal beim Halleschen FC. Ursprünglich hieß es, das Spiel könne gar nicht in Halle ausgetragen werden, da das Stadion des Vereins umgebaut wird. Die Suche nach einem alternativen Austragungsort scheiterte, elf (!) Städte sagten ab. Zu groß waren ihre Sicherheitsbedenken. Nun findet die Partie doch in Halle statt – im Stadion am Bildungszentrum, das nur 3000 Zuschauer fasst.

300 Karten sind für Frankfurter Fans reserviert. Viel zu wenig, finden die Anhänger. Die Ultras haben deshalb die Aktion „Alle nach Halle – mit oder ohne Karte“ gestartet. Der Aufruf auf ihrer Internetseite ist illustriert mit einem martialisch aussehenden Motiv, das an den Film ‚300′ erinnert. Darin geht es um den Kampf von 300 Spartanern gegen eine Übermacht aus Persien. Eine Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. In der Nacht zu Mittwoch wurde das Graffiti am Gleisdreieck nahe dem Waldstadion beschmiert.

Die Eintracht-Ultras hatten es in den vergangenen Wochen mühevoll gestaltet. Die Täter beschmierten es unter anderem mit der Parole „Wahnsinn? Das ist Halle“. Auch dieser Spruch ist eine Anspielung auf den Film ‚300′. Bis zum Donnerstag hatten die Eintracht-Fans die schlimmsten Schäden schon wieder beseitigt. Doch dass die Ultras den Vorfall einfach vergessen, ist nicht anzunehmen. In mehreren Internet-Foren wird die Befürchtung geäußert, die Frankfurter wollten sich rächen. Dabei spricht einiges dafür, dass die Täter nicht aus Halle kamen. Die Fans des Viertligisten lehnen jede Verantwortung ab. Sie vermuten die Verantwortlichen bei den Fans von Vereinen im Rhein-Main-Gebiet, die mit den Eintracht-Anhängern verfeindet sind.

In jedem Fall wird die Partie am 31. Juli aber ein absolutes Risikospiel. Das liegt nicht nur daran, dass Frankfurter Fans in den vergangenen Monaten immer wieder für Ärger sorgten. Auch eine Fan-Freundschaft zwischen Eintracht und Chemie Leipzig könnte zu Problemen führen. Die Hallenser nämlich sind mit den Anhängern des großen Konkurrenten Lok Leipzig befreundet. Diese Konstellation gibt der ganzen Angelegenheit noch eine politische Komponente. In Leipzig gibt es regelmäßig Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Fans. Im Internet kursiert dieser Tage eine Zeichnung mit dem Slogan „Frankfurt und Chemie, Judensympathie“.

Fans aus Hessen weggeschickt

Derweil hofft René Siebert, Sicherheitsbeauftragter beim FC Halle, darauf, dass tatsächlich nur 300 Eintracht-Fans kommen. Mit den sechs Bussen, die die Frankfurter Fanabteilung für die Reise gechartert hat, sollte es keine Probleme geben, sagt er. Die Fanbetreuer der Eintracht raten allen Anhängern, die keine Karten haben, von der Reise nach Halle ab. Ob die sich an diesen Tipp halten, ist aber mehr als fraglich: Als am Donnerstag in Halle der Kartenvorverkauf begann, wurden mehrere Fans aus Hessen weggeschickt. Sie hatten versucht, sich Tribünenkarten zu kaufen.

Halle: Für Juden keine Sympathie!

In Halle wird mobil gemacht für das DFB-Pokalspiel gegen die Eintracht aus Frankfurt. Soweit völlig normal, doch einige Halle-Honks haben sich entschieden komplett neben der Spur zu laufen. Sie verbreiten antisemitische Aufkleber mit dem Spruch „Frankfurt und Chemie – Judensympathie!!!“:

Schalker Fans verhöhnen Bayern-Ultras

Für die Benimmregeln der Bayern-Ultras für Manuel Neuer haben die Anhänger von Schalke 04 nur Spott übrig: Nun haben auch sie für ihren Torhüter einen Verhaltenskodex aufgestellt. Auch FCB-Kapitän Philipp Lahm geht mit den eigenen Fans auf Konfrontationskurs.

Quelle: SPON

Hamburg – Beim FC Bayern München wird Manuel Neuer von den Hardcore-Fans, den Ultras, wie ein Fremdkörper behandelt. Schließlich war der Nationaltorwart vorher beim FC Schalke 04 unter Vertrag – und dort zudem Mitglied einer Ultra-Gruppierung. Zu viel für die Münchner Fans. Sie stellten Benimmregeln für den 25-Jährigen auf. Die Anhänger von S04 reagierten mit Hohn und Spott.

Auf einer inoffiziellen Facebook-Seite des Vereins veröffentlichten sie ebenfalls einen Verhaltenskodex für ihren Torhüter. Demnach darf Ralf Fährmann…

* …mit dem Megafon Fangsänge vorgeben
* …sich vor die Mannschaft knien, um das „Humba“-Lied zu intonieren
* …sich der Nordkurve (on- und offline) nähern
* …sein Trikot in die Kurve werfen
* …das Schalke-Wappen auf dem Trikot küssen

Fährmann ist also alles erlaubt, was die Bayern-Ultras Neuer verboten hatten. Immerhin wurde nicht erwogen, dass der Schalke-Keeper Lederhosen tragen darf. Ein Lederhosen-Verbot war von den Hardcore-Anhängern für Neuer angedacht gewesen, dann aber in letzter Instanz verworfen worden.

Nicht nur die Schalker Fans gehen mit den Münchner Ultras auf Konfrontationskurs. FCB-Kapitän Philipp Lahm kündigte an, dass sich Neuer nicht an die Regeln halten werde und ihm die Unterstützung des Teams sicher sei. „Manuel ist Teil der Mannschaft. Wenn wir alle in die Kurve gehen und feiern, dann wird er mitgehen. Wir werden alles als Mannschaft zusammen machen“, so der Nationalspieler.

Männerfußball-Publikum vs. Frauenfußball-Publikum

„Aber noch mal zur Frauen-WM. Frankreichs Trainer Bini meckerte über das Sinsheimer Publikum und bezeichnete es als ‚Männerfußball-Publikum‘. Mal abgesehen davon, dass sich das Hoffenheimer Neupublikum damit ein Lob erwarb, über das man sicher auch noch streiten darf – was ist denn bitte ein ‚Frauenfußball-Publikum‘? Brav La-Olas durch die Arena rauschen lassen, bloß keine umstrittenen Funktionäre auspfeifen (oder Schauspielerinnen wie Marta), lieb und nett die Catering-Angebote in den multifunktionalen ‚FIFA-WM-Arenen‘ konsumieren und ansonsten hübsch aussehen etwa?

Ich bin vermutlich nicht alleine mit meiner Befürchtung, dass das der Trend für die kommenden Jahre im ‚Eventfußball‘ sein wird. Die Vorfälle/Diskussion um Manuel Neuer in München belegen das ebenso wie die Aussprechung von 56 Stadionverboten in Kiel, wo die KSV Holstein auf der Suche nach einem konsumfreudigen und pflegeleichten Publikum kurzerhand jeden kreativen Geist mit dem Label ‚Gewalttäter‘ versieht und ihn vorsorglich aussperrt.“

[via]

Iran: Gefängnis statt Fußball

Eine junge Iranerin wollte in Deutschland über die Frauen-Fußball-WM bloggen. Dafür landet sie in Teherans berüchtigtstem Gefängnis.

Quelle: ZEIT Online

Ihr erster und einziger Post hatte auch einen nachdenklichen Unterton: „Ich muss vom Glück reden, dass ich einmal ein Fußballstadion besuchen konnte, denn viele der iranischen Frauen und Mädchen durften in ihrem Leben nie ein Stadion betreten“, schrieb Pegah Ahangarani in ihrem Weblog zur Frauen-Fußball-WM. Inzwischen ist der in deutsch und persisch gehaltene Blog aus dem Netz genommen worden, um die 27-Jährige zu schützen.

Pegah Ahangarani

Die Schauspielerin ist in Iran mit ihren sozialkritischen Filmrollen bekannt geworden. Sie hat im Präsidentschaftswahl 2009 die oppositionellen Kandidaten Mohammed Chatami und Mir Hussein Mussawi unterstützt. Sie ist eine vielseitig interessierte junge Frau: Spielt Cello im Nationalorchester, fotografiert. Sie ist aber auch ein großer Fußballfan. Bisher schaffte sie es als Fan nur zu einem Stadionbesuch. Ein Spiel zwischen Real Madrid und Barcelona im Nou Camp Stadion. In Iran ist Frauen der Zugang zu Stadien nicht erlaubt. (mehr…)

Nazi-Codes im Fußball

Neonazis bedienen sich mitunter ihren eigenen Erkennungszeichen – auch in Fußballstadien. Der Journalist und Bildungsreferent Frank Metzger hat darüber geforscht. Ein Gespräch über die Bedeutung von »168:1«, rote Fahnen und warum Stadionverbote nichts bringen.

Quelle: 11. Freunde

Frank Metzger, inwiefern ist der Fußball für Neonazis attraktiv?

Frank Metzger: Fußballstadien zeigen ein Abbild der Gesellschaft. Neonazis sind nun einmal leider auch ein Teil dieser Gesellschaft und zumindest einige von ihnen sind auch Fußballfans. Auffallend ist, dass Neonazis eine hohe Affinität zu gewaltbereiten Fanstrukturen haben, wie zum Beispiel Hooligans. Natürlich sind nicht alle Hooligans Nazis und nicht alle Nazis sind Hooligans, es funktioniert in beide Richtungen nicht. Aber es gibt Schnittmengen. Der Gewaltaspekt spielt eine große Rolle, da können sich Nazis einbringen und austoben. Und Fußballstadien und Fanstrukturen sind auch eine Möglichkeit für Neonazis, Leute für ihre politische Sache zu gewinnen, ihre Ideologie und politische Überzeugung ins Stadion zu tragen.

Wie machen sie das?

Frank Metzger: Beispielsweise durch Zahlencodierungen. Wenn sogenannte Fans im Stadion Pappschilder mit Nummern hochhalten. Es gibt ein Bild von Fans aus Aue, die nach Mainz gefahren sind, um dort die 14 und die 88 in der Fankurve hochzuhalten. Damit wollen sie eine klare, politische Message hinterlassen.

Wofür stehen die Zahlen?

Frank Metzger: Oft steht die Zahl für die jeweilige Stelle eines Buchstabens im Alphabet. Bei der 88 ist es klar: der achte Buchstabe ist das H, zweimal H meint also Heil Hitler.

Und wofür steht die 14?

Frank Metzger: In diesem Fall nicht für A und D, sondern für die sogenannten »14 words«, die 14 Worte des amerikanischen Neonazis David Lane. Der hat den Satz geprägt: »We must secure the existence of our people and a future for white children.« Eine Art neonazistisches Glaubensbekenntnis und zentrale Losung, mit der ein ganz offener Rassismus zum Ausdruck gebracht wird: »Wir müssen die Existenz unseres Volkes sichern, und eine Zukunft für weiße Kinder.«

Welche Codes gibt es noch?

Frank Metzger: Weit verbreitet ist auch die 18. Hier zählt man wieder im Alphabet, also liest man A und H: Adolf Hitler. Und die 28, für die Buchstaben B und H. Das ist der Code für das internationale, neonazistische Musiknetzwerk »Blood & Honour«. Der Code hat in Deutschland Einzug gehalten, nachdem das Netzwerk hier im Jahr 2000 verboten wurde. Das sind die vier wichtigsten und gängigsten Codes: 18, 88, 28 und 14. All diese Zahlencodierungen werden international von Neonazis verstanden und genutzt. Ebenso wie die Codierung »168:1«.

Klingt wie ein Sportergebnis.

Frank Metzger: Der Code nimmt Bezug auf einen Sprengstoffanschlag in Oklahoma-City 1995. Timothy McVeigh, ein US-amerikanischer Neonazi hatte ein Bürogebäude in die Luft gesprengt. Als Legitimation bediente er sich der antisemitischen Weltverschwörungshalluzination, den Anschlag im »Kampf gegen ZOG« begangen zu haben. »ZOG« steht für »Zionist Occupied Government« (»Zionistisch okkupierte Regierung«, Anm. d. Red.). Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass in den Augen von Neonazis sämtliche westlichen Regierungen und alle weltpolitischen und -wirtschaftlichen Ereignisse von Jüdinnen und Juden gesteuert werden. Timothy McVeigh hat diesen Anschlag verübt, weil sich in dem Gebäude Regierungsbüros – aber auch ein Kindergarten – befanden. Bei dem Anschlag sind 168 Menschen ums Leben gekommen – darunter auch etliche Kinder. McVeigh wurde dafür hingerichtet. Aus der Sicht von Neonazis hat er hat seinen persönlichen »Kampf gegen ZOG«, so perfide das ist, »168:1« gewonnen. Das wird dann auf T-Shirts getragen.

Warum sind diese Codes so gefährlich?

Frank Metzger: Weil Nazis sie ganz legal in der Öffentlichkeit tragen können, ohne sofort von allen als Nazis zu erkennen sind. Die Zahlen könnten ja auch eine andere Bedeutung haben. Es könnte zum Beispiel eine Rückennummer sein. Im Fußball ist die 18 nun mal eine sehr geläufige Nummer.

Aber wenn kaum jemand die Codes lesen kann, warum werden sie dann benutzt?

Frank Metzger: Es ist wie mit Fanschals. Sie sind einerseits dazu da, um sich untereinander zu erkennen zu geben, andererseits sind sie natürlich auch eine Möglichkeit, sich für andere zu präsentieren und ihr neonazistisches und menschenverachtendes Weltbild nach Außen zu tragen. Die Codierung wird außerdem benutzt, um in Deutschland das Strafrecht zu umgehen.

Ein Verbot bringt nichts?

Frank Metzger: Nein, zumal zum Beispiel ein Verbot von Zahlen vollkommen irrsinnig und auch juristisch unmöglich wäre. Und selbst wenn die 88 verboten würde, schreiben sie halt 2 × 44 auf die Schilder, oder 87 + 1. Repressive Maßnahmen wie Verbote oder auch Zensuren bringen nichts, weil sie die Probleme nicht wirklich angehen. Es ist vielleicht eine Möglichkeit, punktuell oder kurzfristig etwas zu machen. So funktioniert ja auch die Stadionordnung, die bestimmte Kleidung und Symbole nicht erlaubt. Dabei darf es aber nicht bleiben. Es ist zu leicht, solche Verbote durch einfachste Abänderungen zu umgehen. Nicht nur bei Zahlen, sondern auch bei verbotenen Symbolen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Frank Metzger: Im April 2006 haben Fans aus Chemnitz beim FC St. Pauli im Stadion Fahnen hochgehalten: rot, mit einem weißen Kreis in der Mitte. Da wird sofort und unmissverständlich klar, dass die Hakenkreuzfahne gezeigt werden soll. Es gibt nur eine bekannte Fahne in dieser Farbenkombination. Aus strafrechtlichen Gründen fehlte zwar das Hakenkreuz, aber trotzdem wussten alle, was die Fahnen bedeuten sollten. Die sieht man übrigens auch auf Nazi-Demos.

Was hat außerdem in Stadien Einzug gehalten?

Frank Metzger: Die Symbole und Codes, derer sich Neonazis bedienen, um ihr menschenverachtendes Weltbild zum Ausdruck zu bringen, sind vielfältig. Sie können einen nationalsozialistischen, heidnisch-antichristlichen oder auch jugendsubkulturellen Bezug haben.

Welche Kleidung tragen Nazis?

Frank Metzger: Was in den vergangenen Jahren zugenommen hat sind Kleidungsmarken wie Thor Steinar und Erik&Sons, die ganz gezielt durch Motivwahl und Symbole ein rechtes KäuferInnenpotenzial ansprechen sollen und bei diesen entsprechend beliebt und verbreitet sind. Oder es sind offensichtliche, explizite Neonazi-Marken wie Consdaple, wo die Buchstaben NSDAP vorkommen. Es gibt aber auch einige Hooligan-Marken wie zum Beispiel »Sport Frei«, die von Neonazis gegründet wurden oder auf diese eingetragen sind. Da ist es natürlich schwierig, das aus dem Hooligan-Kontext zu lösen, weil diese Marken nur im Zusammenhang mit Fußball und Gewalt auftreten und nicht explizit politisch. Aber da die Leute hinter diesen Marken eben aus dem Neonazi-Spektrum stammen, kann man sagen, dass es sich um Neonazi-Marken handelt.

Welche Musikbands rechnen Sie dem Neonazi-Spektrum zu?

Frank Metzger: Da gibt es wahnsinnig viele. Im Fußball-Kontext ist auf jeden Fall die Band »Kategorie C« zu nennen, die auch unter dem Namen »Hungrige Wölfe« aktiv sind. Die Band versteht sich selbst zwar als reine Hooligan-Band und sagt: Fußball ist Fußball und Politik ist Politik. Es ist aber durchaus eine politische Band, weil Bandmitglieder zum Teil neonazistische Vergangenheit haben oder direkte Kontakte in die Neonazi-Szene bestehen: Als der Sänger der Neonazi-Band »Landser« inhaftiert war, gab es in Berlin ein NPD-Solidaritätskonzert, wo auch der Sänger von »Kategorie C« aufgetreten ist. Deutlich wird die rassistische Einstellung auch in Liedern wie »Deutschland dein Trikot«.

Was unternehmen Fußballvereine dagegen?

Frank Metzger: Das ist von Verein zu Verein unterschiedlich. Viele Vereine versuchen, ihre Security-Leute durch Informationsveranstaltungen und Workshops dahingehend zu schulen, die genannten Codes zu erkennen. Wir arbeiten auch mit Fan-Projekten zusammen, die das dann weitertragen. Es gibt zum Beispiel das »Bündnis aktiver Fuball-Fans – BAFF«, mit denen wir auch seit langem kooperieren. Die machen unglaublich gute und wichtige Arbeit in diesem Bereich, etwa mit ihrer Ausstellung »Tatort Stadion«. Generell ist das öffentliche Interesse größer geworden, sich mit der Thematik auseinander zu setzen, gerade im Bereich Fußball. Öffentliche Bekenntnisse der Nazis sind deswegen weniger geworden, Fanstrukturen setzen sich mehr mit der Problematik auseinandersetzen.

Und von offizieller Seite?

Frank Metzger: Da gibt es einen Wandel, seitdem Theo Zwanziger DFB-Chef ist. Gerhard Mayer-Vorfelder hat sich einen feuchten Kehricht darum gekümmert. Der ist ja selber nicht selten durch, sagen wir mal, nicht unproblematische Äußerungen auffällig geworden. Wie Zwanziger die Probleme Antisemitismus und Rassismus im Stadion nun angeht, darüber kann man sicherlich auch wieder streiten; aber dass er es macht, ist ein Riesengewinn.

Wie sollte man Ihrer Meinung nach gegen rechte Fans vorgehen, wenn Verbote wirkungslos sind?

Frank Metzger: Ich finde es wünschenswert, dass sich Fans intensiv mit der Problematik auseinandersetzen, dass sie wissen, was da passiert. Es ist ein Lernprozess. Die Zuschauer müssten noch stärker eine klare inhaltliche und politische Positionierung gegen neonazistisches Auftreten einnehmen. Die Leute müssen wissen, was Nazis ins Stadion tragen, und wie sie es tun. Nur dann können sie es den Nazis schwer machen, sich überhaupt zu präsentieren. Antisemitischen oder rassistischen Gesängen oder Sprüchen muss sofort widersprochen werden um klarzumachen: Das ist hier nicht erwünscht, das hat hier keinen Platz. An dieser Stelle möchte ich natürlich auch noch einmal auf unsere Broschüre hinweisen, zu der wir auch Bildungsveranstaltungen anbieten.

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Frank Metzger ist Mitherausgeber der Broschüre »Das Versteckspiel. Lifestyle, Symbole und Codes von neonazistischen und extrem rechten Gruppen.«, die in Zusammenarbeit von asp (agentur für soziale perspektiven e.V.) und apabiz (antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e.V.) erschienen ist.

Willkommen beim Kebab FC

Der von Migranten gegründete Syrianska FC stellt sich in dieser Saison der Konkurrenz in Schwedens oberster Spielklasse. Ein Beweis, dass die Globalisierung des Fußballs auch in den kleinsten Kulturkreisen angekommen ist.

Quelle: 11.Freunde

Als die Mannschaften das Feld betreten, erhebt sich in der Mitte der Tribüne lauter Gesang. Anfeuerungsrufe hallen vom Dach des Stadions wider, rot-gelbe Fahnen werden geschwenkt. Mittendrin steht Siros Melkemichel. Er ist Gründer und unangefochtener Chef der »Gefe-Fans«, einer Mischung aus Ultràs und zentraler Fanvereinigung des Syrianska FC. Nur wenige Reihen vor Siros und seinen lautstarken Freunden sitzt ein Mann mit langem Rauschebart. Er trägt einen Fan-Schal und könnte als normaler Besucher des Spiels durchgehen – wäre da nicht der festliche Ornat.

»Das ist der Bejamin Atas«, erklärt Siros, »er ist Fan des Vereins und es ist eine große Ehre für uns, wenn er ins Stadion kommt«. Benjamin Atas ist Bischof der syrisch-orthodoxen Kirche in Södertälje, einer Kleinstadt vor den Toren Stockholms. Neben seiner Leidenschaft für Fußball treibt den Bischof wohl auch die Möglichkeit, seine Schäfchen außerhalb der Kirche zu treffen in Södertäljes Fußballarena. Denn die Mehrzahl der Zuschauer von Syrianska FC sind Aramäer. In Schweden werden diese Anhänger des Christentums aus dem Mittleren Osten als »Syrer« bezeichnet, auch wenn sie keine syrischen Wurzeln haben.

Södertalje ist das Zentrum der aramäischen Kultur

Aramäer gibt es neben Syrien auch in der Türkei, dem Libanon, Iran und Irak. Dort leben sie in der Diaspora. Ein Umstand, der viele von ihnen – neben der politischen und wirtschaftlichen Instabilität der Region – in die Emigration treibt. So leben die Aramäer heute verstreut über alle Kontinente. Ein, wenn nicht das Zentrum aramäischer Kultur in Europa ist Södertälje. Internationale Aufmerksamkeit erregte die Industriestadt zuletzt während des Irakkriegs, als tausende Flüchtlinge nach Europa kamen und nur ein Ziel kannten: Södertälje.

Die ersten Aramäer kamen Ende der 1960er Jahre und im Lauf der Jahrzehnte wurden es stetig mehr. Das relativ liberale schwedische Einwanderungsrecht und die Möglichkeit ihren Glauben zu praktizieren, sorgten für den guten Ruf Südschwedens in der aramäischen Weltgemeinde. Heute weisen gut 20.000 der 80.000 Einwohner Södertäljes einen Migrationshintergrund auf. So gut wie alle sind Christen aus dem Mittleren Osten.

Hier haben sie Kulturvereine gegründet, mehrere Kirchen errichtet und den Hauptsitz des TV-Senders Suryoyo-Sat, der aramäisches Programm in alle Welt sendet. Und es gibt Syrianska FC. Der Club ist ein Stück Heimat für die Heimatlosen in Schweden, aber auch darüber hinaus. Er hat Fans in aller Welt und ist zu einer Art Nationalmannschaft der Aramäer geworden.

Begonnen hat alles in den 1970ern in der untersten Liga. Mit einer reinen Freizeittruppe, in der nur Aramäer mitspielen durften. Diese Regel gibt es längst nicht mehr. Im Kader der A-Mannschaft stehen heute neben schwedischen Spielern auch Profis aus Serbien, Nigeria und Jamaika. Die Globalisierung des Profifußballs ist auch in der aramäischen »Nationalmannschaft« angekommen.

Seit die Saison im April angepfiffen wurde, kämpft Syrianska um Punkte in der Allsvenskan, der ersten Liga Schwedens. Doch er ist nicht der erste von Migranten gegründete Verein, dem dies gelungen ist. Bereits 2007 versuchte sich Assyriska FF eine Saison auf höchstem Niveau. Assyriska wurde wie Syrianska von Christen aus dem Mittleren Osten gegründet und ist ebenfalls in Södertälje beheimatet. Aktuell spielt der Verein in der Zweiten Liga, für David Challma, der einen Syrianska-Blog betreibt, ein Grund zu kaum verhohlenem Stolz: »Die Assyrer waren immer besser organisiert als wir, aber wir haben aufgeholt. Und im Fußball haben wir sie sogar überholt.«

Die Geburt von Kebab FC

»Assyrer« war die ursprüngliche Bezeichnung der schwedischen Behörden für die aramäischen Immigranten. Ein Teil von ihnen akzeptierte das, andere protestierten. So spricht man in Schweden heute von Assyrern und Syrern. Die Gründe für das unterschiedliche Branding sind kompliziert und umstritten. Klar ist, dass beide Seiten den gleichen kulturellen Hintergrund aufweisen, die gleichen Kirchen besuchen und auch die gleiche Muttersprache haben. Junge Menschen wie David zucken nur die Schultern, werden sie auf das Thema angesprochen. Wirklich viel anfangen kann seine Generation mit der Spaltung nicht. Als Hintergrund für die Fußballrivalität wird sie trotzdem gerne angenommen. Doch nur Schlechtes wünscht man sich gegenseitig nicht. So hofft David, dass Assyriska aufsteigen wird: »Ein syrisch-assyrisches Derby in der Ersten Liga – das wäre schon was.«

Darauf hofft auch der Mann hinter der Theke im »Kebab-Palast« auf Södertäljes Hauptstraße. Von Feindseligkeiten will er nichts wissen. Herr Durmaz wünscht beiden Mannschaften Glück. Auf die Frage, ob er denn nicht doch einem Verein die Daumen fester drückt, antwortet er: »Nun, mein Sohn David spielt als Verteidiger bei Syrianska. Also fiebere ich da wohl doch etwas stärker mit…« Solche Erlebnisse geben einen Anhaltspunkt, warum gegnerische Fans gerne vom »Kebab FC« sprechen, wenn es um Syrianska geht. Über solche Dinge kann David Challma nur müde lächeln. Das sei normales Fußballbrauchtum und nur ganz selten rassistisch gemeint. »Und es stimmt ja auch. Bei uns im Stadion gibt es Kebab.«

USA! USA! USA!

Randale-Pokal! Randale-Pokal!

Angeblich steht Deutschland vor einer Katastrophe, also der nächsten großen Katastrophe nachdem ja die Frauennationalmannschaft bekanntlich ihr Ziel, die Männer zu überflügeln, so kläglich verpasst hat: Die Zweite Liga beginnt an diesem Wochenende. „Die härteste, spannendste und unvorhersehbarste 2. Liga aller Zeiten“ wie die 11 Freunde es formulieren. Rainer Wendt, seines Zeichen Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, findet dahingegen ganz andere Worte: „Die 2. Liga droht zur Chaos-Liga zu werden“ nuschelt er in jedes zur Verfügung stehende Mikrofon.

Und siehe da, wie das so immer ist mit self-fulfilling prophecies, das Chaos ist schon längst da. Derzeit sucht nämlich der Hallesche Fußballklub (HFC) händeringend nach einem Austragungsort für die DFB-Pokal Begegnung gegen Eintracht Frankfurt. In Halle kann man aufgrund des Stadionumbaus nicht spielen und somit wurde ein Ausweichort dringend notwendig. Zuerst sollte die Begegnung im Paul-Greifzu-Stadion in Dessau-Roßlau ausgetragen werden. Doch aufgrund von Sicherheitsbedenken und drohenden Krawallen kam dies nicht in Betracht.

Daraufhin kontaktierte der HFC kurzfristig elf Stadionbetreiber in ganz Deutschland. Nach einigem Hin und Her konnte sich die Verantwortlichen mit den Betreibern des Max Morlock Stadion in Nürnberg auf einen Vertrag einigen. Doch die Stadt Nürnberg legte kurzfristig ein Veto ein. In der Presse kann man folgende Begründung nachlesen: „Bei uns findet an jenem Tag das traditionelle Bardenfest statt. Da kommen etwa 250.000 Menschen nach Nürnberg. Es gab Sicherheitsbedenken. Wenn Fan-Gruppen, die sich nicht wohlgesonnen sind, auf dem Bahnhof ankommen, könnte es Probleme geben. Die Sache war uns zu riskant“.

Und somit ist das Chaos perfekt. Der HFC darf sein Heimspielrecht nicht mit den Hessen tauschen, eine super Regelung vom DFB, aber gleichzeitig ist kein regionaler Stadionbetreiber willens diese Partie auszutragen. Und falls doch, erheben die städtischen Behörden kurzfristig Einspruch. Bleiben nur noch Wald, Feld oder Wiese, viel mehr Möglichkeiten gibt es ja bald nicht mehr. Womit Herr Wendt schon vor Beginn der Saison mit seiner Lobbyarbeit für die Schließ- und Schießgesellschaft Deutschland hervorragende Ergebnisse erzielt hat. Mal sehen wie lange es dauert bis er das Verbot von Massenveranstaltungen fordert, die nicht ausschließlich zur Huldigung der FDGO dienen…