Sternstunden der Erkenntnis.

Nach dem Kreuzzug ist bekanntlich vor dem Kreuzug. Die Waffen der Kritik müssen geputzt werden, während der Feind sich zum nächsten Angriff sammelt. Dabei geht es unter anderem um die Deutungshoheit des Spruches „Nur ein Letzscher ist ein Deutscher“. Die Freunde der einfachen Wahrheiten haben sich schon mal so gut es geht munitioniert:

„Ich bin als Chemiker mit dem Spruch „NUR EIN LEUTZSCHER IST EIN DEUTSCHER“ aufgewachsen und bin heute weder rechts noch links orientiert.Das hat einfach auch was mit Tradition zu tun.Und wenn das gewissen Leuten heute rechts vorkommt ihre Sache,dann können die aber früher nie bei Chemie gewesen sein.“ Quelle.

Grundlage für den hier argumentierenden Chemiker um überhaupt mit sich diskutieren zu lassen, ist die Tatsache, dass das Gegenüber selber traditioneller Chemiker ist. Ansonsten ist Schicht im Schacht. Dieses äußerst komplizierte Gedankenkonstrukt schützt ihn vor unangenehmen Wahrheiten. Andere versuchen das selbe Ergebnis durch Sarkasmus bzw. das was sie dafür halten zu erreichen:

„Zum Bild. Ich kenne den Typen auf dem Bild noch von früher. Der hatte nichts mit Kreuzzügen oder so zu tun. Der war nur gegen Schwule und Lesben und bewarf Selbige vom Pferd aus mit Wattebällchen und Tampons“ Quelle.

Auch einige andere Schlauberger wollten die Frage, ob dieser Ritter überhaupt ein Kreuzritter ist, unbedingt als historischen Diskurs erörtern. Dummerweise ist dies überhaupt nicht wichtig. Als die SS versuchte durch einen Mischmasch aus okkulten Riten und in der Anlehnung an Vorstellungen mittelalterlicher Rittergemeinschaften, ihre Ziele eine quasireligiöse Dimension zu geben, fragte auch niemand nach, was diese braunen Kameraden historisch mit den Rittern gemeinsam haben. Es geht um Bilder, die Wirkung auf den Betrachter, gemeinsam erlebte Riten und somit immer auch um die damit verbundenen historischen Anknüpfungspunkte. Diese werden – ob bewusst oder unterbewusst – immer wieder dazu benutzt um die eigenen Sache als in der Geschichte tiefverwurzelt darzustellen. Wieso sonst werden die Spieler vom Roten Stern Leipzig als Juden bezeichnet? Es geht dabei nur um die historische Analogie, nicht um die reine Abstammungslehre.

Einer der Kicker, der seinen Namen aufgrund negativer Erfahrungen nach dem Neonazi-Angriff auf Spieler und Fans vor zwei Jahren in Brandis nicht veröffentlichen möchte, beschreibt die Lage als unerträglich: „Als wir in der zweiten Hälfte vor dem SGLL-Fanblock spielen mussten, wurden wir mit ‚Roter Stern, Juden, Juden, Juden‘ belegt. Und das nicht nur einmal“, sagte er gegenüber LVZ-Online und fügte an: „Ich habe den Schiedsrichter dann drauf hingewiesen, dass er bitte dem Stadionsprecher Bescheid geben soll, um dies zu unterbinden. Doch der wollte davon nichts wissen.Quelle.

Wenn drei sich streiten…

Bei dem Konflikt geht es nicht nur um Politik, es geht natürlich auch ums Revier. Mehrere unterschiedliche Fraktionen der ehemaligen BSG Chemie Leipzig streiten sich darum, wer das Original und wer die Kopie darstellt. Und während die einen vor über zehn Jahren den Roten Stern Leipzig gegründet haben, die anderen die BSG Chemie, blieb der braune Bodensatz nur noch für die SG Leipzig-Leutzsch übrig:

„Es war im Herbst 1998, als sich das Umfeld des legendären Chemie-Fanclubs „Männermilch“ und der Groundhopping-Fanzeitung „Melk die fette Katze“ sowie einige motivierte Aktivisten des Conne Island zusammen taten und den Roten Stern Leipzig zunächst als Idee, im Februar 1999 dann auch mit der Vereinsgründung formell aus der Taufe hoben. Neben einer gesunden antirassistischen und antifaschistischen Einstellung verband die damaligen Vereinsgründer vor allem eins: eine megaemotionale Verbundenheit (Fanzeitungen, Auswärtsfahrten, Abgekulte!) zur BSG Chemie Leipzig bzw. dessen Nachfolgeverein FC Sachsen Leipzig 1990 e.V.!“ Quelle.

Drei große Fraktionen die um das Erbe eines ruhmreichen Fußballklubs streiten. Dazu ist die ganze Mischpoke auch noch in der ostdeutschen Stadt der polarisierenden Gegensätze beheimatet. Als einfach ist diese Situation nicht zu bezeichnen. Weshalb auch viel persönliches Herzblut vergoßen wird, vor allem in den Internetforen dieser Welt…

„So, ich hab mich extra angemeldet um meine Eindrücke von gestern zu schildern. Zu mir : Ich habe mich nach dem FCS aus für die SGLL und für die BSG entschieden. Also hab ich mich gestern Morgen die gut 200 km auf den Weg gemacht bis nach LE-Leutzsch. Das 10:0 war gut und hochverdient, ohne Frage. Aber was auf den Rängen abging war unter aller sau. Gefühlte 50 mal „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ , das U-Bahnlied und das Führerlied. Dann noch das Sterne in den Zug jeder weiß wohl was damit gemeint war.Und als Höhepunkt vrüllten noch gut 10 Mann „LOK“ vom Norddamm. Und das hat alles stattgefunden ich war LIVE dabei. Für mich, und nicht nur mich als SGL Fan mehr als enttäuschend schon armselig. Dann noch von den SGL Ultras die Plakate „Politik aus dem Stadion“ und singen so eine scheisse…dumm ? Ich bin politisch in der Mitte angesiedelt, und habe auch gegen den Roten Stern eine Abneigung. Aber faschistische Gesänge das geht garnicht, man meint die SGLL ist der BFC, das man das nochmal über Chemie sagen muss…traurig.“ Quelle.

Es knackt hier und da im Leutzscher Holz. Die Erkenntnis, dass angeblich DDR-kritische aber de facto deutschnationale Sprechchöre u.a. dazu führen, dass eine Fanszene die sich Stolz auf seine oppositionelle Tradition in der DDR bezieht, dem ehemaligen ‚DDR-Rekordmeister‘ BFC Dynamo immer ähnlicher wird, bahnt sich ihren Weg. Aber Licht am Ende des Tunnels ist trotzdem noch lange nicht in Sicht…

/// Update ///

Der Chemieblogger berichtet über organisierte Neonazis beim Spiel. LINK
Einen Bericht gibt es auch auf französisch. LINK
Der Erlebnisbericht von Forsythia: LINK
TB reicht Audioaufnahmen der rechtsextremen Sprechchöre nach. LINK

SG Leipzig Leutzsch vs. Roter Stern Leipzig „Engels“-Chöre from Go Jamal on Vimeo.


2 Antworten auf „Sternstunden der Erkenntnis.“


  1. 1 Verbale Scharmützel « Brandis Pingback am 06. September 2011 um 7:49 Uhr
  2. 2 SGLL – Roter Stern: ein Nachtrag « RASH Leipzig Pingback am 07. September 2011 um 12:13 Uhr
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