„Es geht hier nicht nur um Fußball“

Fenerbahce Istanbul dominiert den türkischen Fußball, nun erschüttert ein beispielloser Manipulationsskandal den Club. Kurz vor Saisonbeginn ist dessen Zukunft völlig ungewiss. Fans vermuten eine Verschwörung, Beobachter sehen politische Motive hinter der Festnahme des Vereinspräsidenten.

Quelle: SPON

Für einen Moment war die türkische Fußballwelt wieder heil: 96 Minuten waren gespielt im EM-Qualifikationsmatch gegen Kasachstan. Ein ums andere Mal waren die Türken vergeblich angerannt, um das 1:1-Unentschieden doch noch in einen Sieg zu verwandeln. In der letzten Minute der Nachspielzeit schließlich schoss Mittelfeldspieler Arda Turan aus 18 Metern aufs Tor – und traf.

Die Türken hatten es wieder einmal geschafft: Sie haben ein schon abgeschriebenes Match in der letzten Sekunde gedreht. Das Tor erinnerte an die außergewöhnlichen Auftritte der Nationalmannschaft bei der EM 2008, als das Team eine ganze Reihe späte Tore schoss. Für einen Moment gelang es Arda Turan, den Schatten zu vertreiben, der über dem türkischen Fußball liegt.

Doch die Erleichterung hielt nur für einen Tag. Dann berichteten die türkischen Zeitungen wieder über die Affäre, die seit zwei Monaten alle anderen Themen, den Konflikt mit den Kurden, den Streit mit Israel, verdrängt. Eine Affäre, die dazu taugt, den türkischen Fußball über Jahre hinweg auszulöschen, wie der türkische Fußballkommentator Bagis Erten sagt: den Manipulationsskandal in der Süper Lig, der ersten türkischen Liga.

Kein Verein ist in der Türkei größer als Fenerbahce

Mindestens 19 Spiele sollen verschoben, Schiedsrichter gekauft, Spieler bestochen worden sein. Im Mittelpunkt des Skandals steht der Club Fenerbahce Istanbul und dessen Präsident Aziz Yildirim.

Ausgerechnet Fenerbahce. Kein Verein ist in der Türkei größer. Staatsgründer Atatürk war Fan, der jetzige Premier ist einer. Aus der Champions League hat der türkische Verband Fenerbahce auf Druck der Uefa ausgeschlossen. Präsident Yildirim sitzt im Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Auch wenn der Club beim Internationalen Sportgerichtshof Klage gegen den Ausschluss einreichte, ist die Zukunft des Vereins wenige Tage vor Saisonstart ungewiss.

Aufgebrachte Fener-Anhänger haben in den vergangen Wochen immer wieder auf Istanbuls Straßen demonstriert, sie haben den Verkehr auf der Bosporusbrücke lahm gelegt und Feuer entfacht. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, vermuten eine Verschwörung: Verschiedene Clubs werden des Betrugs verdächtigt, darunter Stadtrivale Besiktas, bestraft aber wurde bislang nur Fenerbahce.

Präsident Yildirim nutzte den Fußball zu politischem Einfluss

Hinweise auf massive Korruption im türkischen Fußball gibt es seit Jahren. 2005 setzte das türkische Parlament einen Untersuchungsausschuss wegen illegaler Spielabsprachen ein. Adnan Dincer, Ex-Trainer des Erstligisten Antalyaspor, klagte damals, neun von zehn türkischen Clubs seien an Schmiergeld-Zahlungen beteiligt. Ahmet Ersin, Vize-Vorsitzender des Ausschusses, bilanzierte: „Nach den bisherigen Erkenntnissen ist der Fußball ein Paradies für die Mafia.

Die Politik hat die Verantwortlichen stets gedeckt. Die Frage ist: Warum jetzt nicht?

Fenerbahce-Chef Yildirim ist nicht irgendwer in der Türkei: Sein Onkel war der verstorbene Bauunternehmer Faruk Yalcin, den „Forbes“ auf der Liste der 1000 reichsten Menschen der Welt führte. Yildirim selbst verdiente Millionen durch den Bau von Militärbasen. Doch anders als der Onkel, der seine Geschäfte im Hintergrund abwickelte und sich ansonsten um seinen privaten Zoo kümmerte, gab sich der Neffe nicht damit zufrieden, reich zu sein. Er wollte Einfluss, Macht. Der schnellste Weg dorthin führt in der Türkei über den Fußball.

1998 kaufte sich Yildirim bei Fenerbahce ein. Innerhalb weniger Jahre krempelte er den altehrwürdigen Verein um: Er etablierte modernes Merchandising, gründete einen eigenen Fernsehsender, brachte den Club an die Börse. Für viel Geld lockte er Stars wie den Brasilianer Roberto Carlos oder den deutschen Trainer Christoph Daum nach Istanbul.

Politik hat Fenerbahce fallenlassen

Gleichzeitig verfolgten ihn Gerüchte, wonach er in illegale Waffengeschäfte verwickelt sei und Kontakte zur Mafia unterhalte. Bis zu seiner Verhaftung gehörte Yildirim zu den „Unantastbaren“. Wer das Präsidentenamt eines der drei großen Istanbuler Clubs Fenerbahce, Besiktas oder Galatasaray innehat, bekleidet quasi ein Staatsamt, ist mächtiger als Minister. Umso überraschender kommt jetzt sein Sturz.

Beobachter vermuten politische Motive hinter den Ermittlungen. In der Türkei tobt ein Machtkampf zwischen dem militaristischen, säkularen Establishment und den muslimisch-konservativen Aufsteigern der regierenden AKP. Die Familie von Yildirim steht dem Militär nahe. Lässt ihn Erdogan deshalb fallen? Sportjournalist Erten glaubt, das Verfahren wäre ohne die Unterstützung der Politik kaum denkbar: „Du gehst nicht gegen Leute wie Yildirim vor, wenn der Premier nicht hinter dir steht.“ Und auch Samil Tayyar, AKP-Abgeordneter mit besten Kontakten zur Regierung, sagte zu SPIEGEL ONLINE: „Es geht hier nicht nur um Fußball.

Die „Operation saubere Stollen“, sagt der ermittelnde Staatsanwalt, soll den türkischen Fußball reinigen. Doch solange sich die Maßnahmen nur gegen einen einzelnen Verein richteten, bleiben sie wirkungslos, ist Erten überzeugt. Gewinner des Skandals ist bislang Trabzonspor. Der Tabellenzweite der Vorsaison wurde für die Champions League nachnominiert. Dabei steht auch dieser Verein unter Manipulationsverdacht.

Der Club von der Schwarzmeer-Küste war schon früher durch ungewöhnliche Verbindungen zur Politik aufgefallen. Regierungschef Erdogan habe, so heißt es in den von der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlichten Botschaftsdepeschen, nach einer Niederlage bei Kommunalwahlen 2004 seinen Vertrauten Faruk Nafiz Özak als Präsidenten Trabzonspors installiert. Der Premier, so wird gemunkelt, habe dem Verein später einige Millionen Dollar aus einer geheimen Staatskasse überwiesen.


1 Antwort auf „„Es geht hier nicht nur um Fußball““


  1. 1 Ladys‘ Night bei Fenerbahce « URS – Ultras Roter Stern Pingback am 21. September 2011 um 15:14 Uhr
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