Archiv für November 2011

Konzert von Kategorie C unterbunden

Die rechtsextreme Bremer Kultband Kategorie C – Hung­ri­ge Wölfe geriert sich wegen mehrerer Konzertverhinderungen durch die Behörden als vermeintlich unpolitisches Opfer des Rechtsstaats – ihr Label vermarktet sie erfolgreich auch im Internet-Shop.

Quelle: Bremer Schattenbericht

Im Hintergrund ist die Melodie aus den Pink Panther-Filmen zu hören. Die jungen Leute im selbstgedrehten Video auf YouTube stammen aus dem Nordwesten Niedersachsens und sind auf dem Weg zum Kategorie C-Konzert im Raum Bremen, als sie sich filmen. Eine bewusste Provokation. Sie nennen ihr Video „Die lustigen Staatsfeinde Nr. 1 auf Tour zu Kategorie C Hungrige Wölfe“. Sie trinken Bier, albern im Auto herum und telefonieren andere herbei, Freunde und Kameraden.

Gerade in den ländlichen Regionen genießt die Band Kultstatus, die Hemmschwelle zur Teilnahme an deren Konzerten ist niedriger als bei offen politisch agierenden Rechtsrock-Gruppen. Eigentlich war das geplante Konzert der rechten Hooligan-Band für den Samstag mit einer ‚Allgemeinverfügung‘ des Stadtamtes Bremen verboten worden. Doch die Szene mobilisierte. Erscheinen ist Pflicht, lautete die Order der Band um den Sänger Hannes Ostendorf an die große norddeutsche Fangemeinde. (mehr…)

Neonazi-Sprüche beim FSV Zwickau

Der FSV Zwickau gerät ins Zwielicht: Während des Oberliga-Spiels am Freitagabend gegen Erzgebirge Aue II (3:0) waren im FSV-Fanblock rechtsextreme Gesänge zu hören und Transparente zu sehen. Außerdem zeigt ein Video, wie die Mannschaft in der Kabine gemeinsam „Sieg“ rief und ein EinzelnerHeil“ hinterherschickte, was mit Gelächter kommentiert wurde. Zeitgleich zu diesen Vorkommnissen hatten in der Zwickauer Innenstadt 1.500 Menschen an die Opfer der mutmaßliche rechtsextremen Neonazi-Mordserie erinnert.

Quelle: MDR

Wie mehrere Fans versicherten, wurde während des Spiels „Terrorzelle Zwickau – olé, olé, olé“ und „NSU“ gerufen. Beides sind Anspielungen auf die inzwischen bundesweit bekannte Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Im Stadion sollen aber auch der Sprechchor „Wismut Aue – Jude, Jude, Jude“ sowie das antisemitische U-Bahn-Lied zu hören gewesen sein. Michael Voigt vom Fanprojekt Zwickau bestätigte das teilweise. „Ich persönlich habe das U-Bahn-Lied gehört. Es gab allerdings auch Fans, die sich mit deutlichen Worten dagegen gewandt haben“, sagte er dem MDR.

Nachweislich hochgehalten wurde auch ein Transparent mit der Aufschrift „Wir kleiden uns neu ein für unseren Verein“ – ein Verweis auf die Neonazi-Modemarke Thor Steinar, die unter anderem in mehreren Stadien verboten ist. Das Transparent war im Block des Fanklubs Schedewitz gezeigt worden – dem eine vornehmlich rechte Gesinnung nachgesagt wird. Die Anhänger spielten mit dem Schriftzug wahrscheinlich auf das Sachsenpokal-Spiel am 16. November gegen Lok Leipzig (2:1) an, als das Verbot von Thor Steinar-Bekleidung von der Polizei konsequent durchgesetzt worden war.

Zu den Vorkommnissen am vergangenen Freitag im Sojus-Stadion ermittelt inzwischen der Staatsschutz. Zwickaus Oberbürgermeisterin Pia Findeiß betonte, dass das Verhalten der entsprechenden Fans dem Ansehen der Stadt weiter schade: „Ich schäme mich für solches Verhalten und entschuldige mich als Oberbürgermeisterin der Stadt Zwickau.

Der FSV Zwickau äußerte sich nach den Medienberichten über die Geschehnisse geschockt. „Mit Entrüstung und Besorgnis nehmen die Aktiven und Betreuer der ersten Mannschaft sowie Vorstand und Verwaltungsrat des FSV die verbalen Entgleisungen faschistischer Gesinnung zur Kenntnis, die im Verlauf des Freitagabends während und nach dem Spiel gegen Aue II von einigen Beobachtern wahrgenommen wurden“, heißt es in einer Erklärung. Man werde die „Brandstifter ausfindig machen“, sei gegen jedwede Form des Extremismus und sei auch einem Aufruf der Oberbürgermeisterin gefolgt, um den „Aufstand der redlichen Zwickauer gegen braune Gewalt“ zu unterstützen.

Von einem Engagement des Vereins gegen Neonazis konnte Fanprojekt-Mitarbeiter Michael Voigt allerdings nicht berichten. Im Gegenteil: Der FSV, sagte Voigt dem MDR, habe nach Hinweisen von ihm über die Gefahr von Rechts eher geblockt: „Die haben zu mir gesagt, ich würde das Problem des Rechtsextremismus zu sehr aufbauschen.

Edit: Ein Fan des FSV hat sich so seine Gedanken über die rechtsxtremen Umtriebe in der Zwickauer Kurve gemacht. Das ist dabei herausgekommen:

Immer auf die Schmuddelkinder!

Feste drauf! Jetzt wird durchgegriffen. Mit harter Hand soll das Problem im Nordosten unserer Republik gelöst werden. Immer diese ostdeutschen Problemkinder! Gespräche? Wozu? Ein Kind, das freidreht, bekommt Stubenarrest. Basta! Die SG Dynamo Dresden wird aus dem DFB-Pokal verbannt. So einfach ist das! Hm ja, nur das Problem ist: Das weggesperrte Kind wird noch bockiger. Und das Problem bei Dynamo Dresden wird auch kein bisschen kleiner werden. Ganz im Gegenteil. Gut möglich, dass der Riss durch die Republik noch tiefer wird. Klubs in der Region Nordost und der DFB in Frankfurt am Main. Eine Sache für sich.

Quelle: turus.net

Das ganze Desaster fing doch bereits nach dem Fall der Mauer an. Dynamo Dresden und der FC Hansa Rostock als einzige Vertreter der einstigen DDR-Oberliga in der gesamtdeutschen Bundesliga. Das war eindeutig zu wenig, das war beschämend. Von einer gleichberechtigten Wiedervereinigung kann im Nachhinein kaum die Rede sein. Schutz für die Klubs in der Region Nordost? Fehlanzeige! Die dortigen Fußballklubs waren Freiwild auf der gesamtdeutschen Wiese. Ausweiden, Ausbluten lassen, den Geiern zum Fraß vorwerfen. Baulöwen und zwielichtige Gestalten brachten manch einen Ostklub an den Rand des Ruins. Viele werden jetzt aufstöhnen. Wird das nun schon wieder alles aufgewärmt? Der arme Osten. Bla, bla, bla. (mehr…)

Rote Karte für Tupacs Tante

Ein italienischer Fußballverein soll seinen Namen ändern – oder nicht mehr spielen.

Quelle: Jungle World

Wenn es um die Drangsalierung und Kriminalisierung von Fußballfans geht, gehört Italien von jeher zur europäischen Spitze. Anfang November hat der italienische Fußballverband FIGC nun den von Ultras gegründeten Amateurverein Polideportivo Assata Shakur aus Ancona aufgefordert, seinen Namen zu ändern. Der Verein sei nach einer vom FBI gesuchten Terroristin benannt, lautet der Vorwurf. Sollte der Name beibehalten werden, würden alle Partien des Clubs, der in einer unteren Amateurliga spielt, abgesagt, so der Verband.

Benannt ist der Verein nach der heute 64jährige Afroamerikanerin Assata Shakur, die mit bürgerlichem Namen Joanne Deborah Byron Chesimard heißt. Sie ist die Stieftante des 1996 ermordeten Rappers Tupac Shakur und war Mitte der sechziger Jahre in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung der USA aktiv, kämpfte gegen Diskriminierung und für die Gleichberechtigung der Afroamerikaner. Später wurde sie Mitglied der »Black Panther Party« und der »Black Liberation Army«, einer militanten marxistischen Untergrundorganisation, die größtenteils aus der »Black Panther Party« hervorging. Nach einer Schießerei, bei der Assata Shakur angeschossen worden war, wurde sie 1973 wegen des Vorwurfs verhaftet, einen Polizisten getötet zu haben. Im Bundesstaat New Jersey herrscht eine besondere Rechtslage: Bei Mordddelikten wird nicht nur der Täter, sondern auch jeder seiner eventuellen Komplizen als Mörder angeklagt und verurteilt, so dass nicht genau bewiesen werden muss, wer beispielsweise die tödlichen Schüsse abgegeben hat. Im Prozess gegen Shakur kam die Jury 1977 nach 24stündiger Beratung zum Ergebnis, sie sei des Mordes schuldig, obwohl die Angeklagte – bis heute – immer ihre Unschuld beteuerte. Von einem Einsatzkommando aus dem Gefängnis befreit, flüchtete die zu lebenslanger Haft Verurteilte 1979 nach Kuba, wo sie 1984 politisches Asyl erhielt. 2005 stufte das FBI sie als Terroristin ein. Dies nahm nun der Fußballverband zum Anlass, den Namen Assata Shakur als »nicht geeignet« für den Sportclub anzusehen. (mehr…)

Auf die linke Einheitsfront…

Kürzlich fanden wir einen passenden Kommentar zur linksdeutschen Wohlfühlkultur in den Blöcken von B wie Babelsberg bis T wie Tennis Borussia…

Also viel Spaß noch in deiner linken Wohlfühlgemeinschaft, wo der coole Jugendliche mit Israelbutton und der Freund des palästinensischen Volkskampfes einträchtig in der Kurve stehen und ihre vermeintliche Kreativität, die letztlich doch nur aus dem Aufwärmen der immer gleichen Szenecodes besteht, abfeiern.

[via]

Festung Europa, fuck you!

Die Moral der sogenannten Journalisten

Nur selten war vor, während und nach einer Übertragung so viel von Fans – guten und bösen, echten und falschen – die Rede wie am Dienstagabend im ZDF zum Pokalspiel von Borussia Dortmund gegen Dynamo Dresden. Jeder interviewte Spieler, Trainer und Funktionär musste zu den »unerfreulichen Begleitumständen« Auskunft geben.

Nicole Selmer | 27.10.2011

Jeder musste erklären, ob er sich – im Fall der Dresdner– nicht schäme oder – als Dortmunder – überhaupt verstehen könne, was hier passiert. Passiert ist, soweit sich das jetzt sagen lässt, durchaus einiges: Vor dem Spiel kam es offenbar zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Dynamo-Fans nach deren vereinbarten Marsch zum Stadion. Während des Spiels wurde Pyrotechnik im Dresdner Block gezündet, es gab Böller, Bengalen wurden Richtung Spielfeld oder in die unteren Ränge geworfen. Fans, Randale und Gewalt – darüber wollte das ZDF berichten, es war die Story des Abends. Wie Moderator Michael Steinbrecher sagte: »Wir wollen weder verharmlosen noch dramatisieren, sondern Fakten sprechen lassen.« Der Gewährsmann des ZDF war der mehrfach interviewte Dortmunder Polizeidirektor. Das ist okay, die Sicht der Polizei auf Vorfälle jedoch nur eine von mehreren. Agenturmeldungen über Ausschreitungen beim Fußball, die lediglich aus dem Polizeibericht abgeschrieben sind, haben sich schon häufiger als in etwa so objektiv erwiesen wie Zitate aus einem Fanforum zu denselben Vorfällen. Es waren also nicht die Fakten, die das ZDF hier sprechen ließ, sondern eben ein Polizeidirektor.

Null Differenz

Dass das Thema »Fans« – sonst bei Fußballübertragungen oft nur lustiges Gimmick – überhaupt so viel Raum einnahm, hatte einen aktuellen Grund: Am selben Tag war der Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Polizeieinsätze (ZIS) präsentiert worden, über den sowohl in »heute« als auch im »heute-Journal« berichtet wurde. Zu diesem Bericht lassen sich, ganz ohne das Problem der Gewalt im Fußball zu verharmlosen, interessante Details erwähnen: Zum Beispiel die Tatsachen, dass zu den 846 verletzten Personen auch diejenigen gehören, die bei Polizeieinsätzen verletzt werden. Am vergangenen Sonntag in Hannover waren das 36.

Aber zurück zu Dortmund gegen Dresden: Was die Berichterstattung des ZDF an diesem Abend wirklich unangenehm und unprofessionell gemacht hat, war die moralische Empörung, die sich durch sämtliche Statements zog. Der Kommentator des Spiels, Wolf-Dieter Poschmann, machte deutlich, dass der Einsatz von Pyrotechnik in jedem Fall (»Da kann man sagen, was man will.«) unsinnig und gefährlich ist. Eine kleine Ohrfeige für den Kollegen Oliver Schmidt, der beim letzten Länderspiel der DFB-Auswahl der Männer noch angemerkt hatte, er persönlich habe nichts gegen Pyro, solange man es nur vernünftig entsorgen würde. Das ist eine Sichtweise, die man nicht teilen muss, aber sie hat den unbestreitbaren Vorteil, differenziert zu sein. Auch Dortmund-Trainer Jürgen Klopp wollte ein wenig differenzieren. Er sagte nach dem Spiel, dass er gegen Bengalen (»wenn das so ein bisschen hell wird«) eigentlich nichts hätte, aber Böller und Werfen der Bengalen aufs Spielfeld ginge nun mal gar nicht und wäre sehr gefährlich. Auch zu viel Differenz offensichtlich, aus seiner Äußerung wurde in der Nachberichterstattung ein Plädoyer für »emotionale Stimmung im Stadion«. Null Toleranz für Pyro also.

Dabei wäre eine kritische journalistische Betrachtung der Vorfälle im Dresdner Block auch ebenso gut mit einer differenzierten Sichtweise möglich, wenn man einfach ein wenig Kontext und Hintergrund einbezieht. Der massive Einsatz von Pyrotechnik bei diesem und den anderen Pokalspielen und auch aktuell in der Liga beispielsweise muss im Zusammenhang mit den abgebrochenen Gesprächen zwischen den Fußballverbänden und der vereinsübergreifenden Kampagne »Pyrotechnik legalisieren. Emotionen respektieren« verstanden werden. Die aktuelle »Pyro-Offensive« ist daher nicht einfach blindes Wüten einiger verrückter Chaoten und »sogenannter Fans«, sondern sie ist ein strategisch eingesetztes Mittel, um den Preis für Verbände und Vereine in die Höhe zu treiben. Die Verwendung von Böllern und das Werfen auf Spielfeld und Ränge ist dabei etwas, was die Kampagne nach eigenen Aussagen selbst verhindern möchte. Daran haben die Dresdner Ultras – kein unbedeutender Teil der Initiative – sich definitiv nicht gehalten und damit die eigenen Ziele demontiert. Aber auch das wäre vermutlich der Information und Differenzierung zu viel gewesen.

Gute Dortmunder, böse Dresdner

Einfacher ist es da immer noch, die Geschichte von den guten und den bösen Fans zu erzählen. Die Guten, das waren an diesem Abend die Dortmunder, die wunderbare Stimmung der voll besetzten Südtribüne mit den besten Fans der Welt. Dass genau diese Fans bei anderen (Auswärts-)spielen selbst auch gerne Pyro einsetzen und damit in der Logik des ZDF in jedem Fall eine Gefahr für die Sicherheit sind – geschenkt. Die Bösen waren die Dresdner oder eben zumindest einige »Unbelehrbare« und »Chaoten«. In der 79. Minute wurde das Spiel wegen Knallkörperwürfen und weil offenbar einige Dresdner versuchten, aus dem Gästeblock zu gelangen, unterbrochen. Ein weiterer Anlass für moralische Entrüstung des Kommentators, kein Versuch, vielleicht auch zu verstehen und zu erklären, was gerade passierte.

Dafür hätte ein Blick auf die Tribünen oder einfach auf die gesendeten Bilder gereicht: Viele der Dresdner Gäste trugen eigens produzierte T-Shirts mit der Aufschrift »Europa, wir kommen« – das kann man in der zweiten Runde des DFB-Pokals etwas größenwahnsinnig finden, es zeigt aber auch, wie wichtig die Partie den Anhängern war. Die Dortmunder Fans kannten diese T-Shirts offensichtlich schon, denn sie präsentierten beim gefühlt sicheren Stand von 2:0 in Minute 77 etwa eine kleine Botschaft für die Gäste: Ein Transparent mit der Aufschrift »Europa, wir kommen. Ausreiseantrag abgelehnt« und einem mit »Abgelehnt« abgestempelten Dynamo-Wappen. Das ist keine Entschuldigung dafür, mit gefährlichen Gegenständen zu werfen oder Menschen zu bedrohen, aber es ist eine Erklärung, und zwar eine, die leicht zu beschaffen gewesen wäre. Zur journalistischen Berichterstattung – und die Berichterstattung über das Thema Fans hatte sich das ZDF auf seine Fahnen geschrieben – gehört es, solche Kontexte einzubeziehen, den Zuschauern Hintergrunde zu erklären, ihnen Wissen über Zusammenhänge zu vermitteln. Gut möglich übrigens, dass genau diese Dortmunder Transparente an einem anderen Abend vom moralischen Bannstrahl getroffen worden und etwa als geschmacklose Entgleisung, als Beleidigung aller Bürger der ehemaligen DDR gebrandmarkt worden wären. Aber am Dienstagabend waren die Dortmunder eben die Guten.

Männlichkeit, Ehre und Gewalt

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht darum, gewalttätige Ausschreitungen kleinzureden oder zu entschuldigen, sondern darum, dass es Teil der journalistischen Arbeit sein sollte, sie einzuordnen und differenziert zu betrachten, statt sie mit moralischer Empörung und Ignoranz zusammengerührt zu präsentieren. Dazu gehört auch, sie im Kontext von Fankultur und den dazugehörigen Vorstellungen von Männlichkeit, Ehre und Gewalt zu sehen. In genau diesem Kontext nämlich funktionieren Provokationen und Beleidigungen wie das Transparent der Dortmunder. Als Reaktion darauf wurden im Dresdner Block Dortmunder Schals verbrannt, die zuvor vermutlich – darüber berichten mehrere Stimmen im BVB-Fanforen – Dortmundern unter Androhung von Schlägen abgenommen wurden. Dieses »Abziehen« – das deutsche Strafrecht nennt es schlicht »Raub« – ist ein beliebter Sport der (jugendlichen) Fankultur und fügt sich bestens ein in die Ideen von Revier- und Ehrverteidigung, in denen die Männlichkeitskultur des Fußballs funktioniert.

Vor einigen Wochen ist es in Zürich zum ersten Spiellabbruch der Schweizer Ligageschichte gekommen, mit vielen anschließenden Debatten und Rufen nach härteren Sanktionen. Eine kluge Stimme im Schweizer Journalismus gehört Pascal Claude. Er schrieb in der Wochenzeitung einen Satz, den man auch der deutschen Diskussion um Gewalt und Fußball ins Redaktionsbuch notieren möchte: »Vielversprechender wäre es womöglich, die Gunst der Stunde zu nutzen und statt über Fussfesseln und Eingreiftruppen über Männlichkeit und Macht in Subkulturen zu debattieren.«

»Pyro ist nicht gleich Gewalt«

In den vergangenen Monaten trafen sich Vertreter der Initiative mit Vertretern von DFB und DFL zu mehreren Gesprächen. Diese liegen momentan auf Eis.

Quelle: 11.Freunde


Jannis Busse, Sie sind Sprecher der Initiative »Pyrotechnik legalisieren«. Sind die aktuellen Vorkommnisse um Dresdener Böllerwürfe nicht ein echter Nackenschlag für die Initiative?

Jannis Busse: Natürlich sind bestimmte Vorfälle kontraproduktiv, aber man muss das Ganze im Zusammenhang sehen mit dem Wortbruch des DFB. Nachdem Zusagen uns gegenüber nicht eingehalten worden sind, war die Enttäuschung groß und die moderaten Kräfte innerhalb der Kurve wurden geschwächt.

Sie spielen auf Treffen mit Vertretern von DFB und DFL an. Welche Zusagen meinen Sie?

Jannis Busse: Es gab insgesamt drei Treffen, das erste im Juli. Mit dem damaligen Sicherheitsbeauftragten des DFB, Helmut Spahn, und anderen Vertretern wurde ein Kompromiss ausgehandelt: An den ersten drei Bundesliga-Spieltagen sowie in der ersten Pokalrunde sollte auf Pyrotechnik verzichtet werden. Sollte dies eingehalten werden, hätte man sich zu Pilotprojekten an einzelnen Standorten entschlossen. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Es ging bei der Zusage des DFB um Pilotprojekte, nicht um die endgültige Legalisierung.

Warum ist der Kompromiss gescheitert?

Jannis Busse: In das dritte Treffen in Frankfurt gingen wir in dem Glauben, Detailverhandlungen führen zu können. Schließlich hatte sich unsere Seite an die Abmachungen gehalten. Dann allerdings wurden wir vor den Kopf gestoßen. DFB-Direktor Helmut Sandrock und Holger Hieronymus von der DFL taten so, als habe es diese Absprachen nie gegeben. Die vorherige Runde sei nicht weisungsbefugt, teilte man uns mit. Helmut Spahn, mit dem wir vorher gesprochen hatten, war zu dieser Zeit auch nicht mehr beim DFB – die neue Linie kann man wohl als Abkanzelung seiner Person verstehen. Wie auch immer, wir fühlten uns belogen und haben das Treffen damit abgebrochen.

Vonseiten des DFB heißt es, dass es in dem verabredeten Zeitraum sehr wohl zu Vorkommnissen gekommen sei.

Jannis Busse: Da haben die Beteiligten eine sehr variable Liste angefertigt. Teilweise wurden dort Spiele aufgelistet, bei denen die Gruppen, die unser Anliegen unterstützen, gar nicht beteiligt waren. Beispielsweise das Supercup-Finale, das die Ultra-Gruppierungen aber boykottiert hatten. Alles in allem waren die Ausführungen des DFB in dieser Hinsicht fadenscheinig.

Wurde als Reaktion auf diese abgebrochenen Gespräche nun eine Pyro-Offensive initiiert?

Jannis Busse: Nein. Die Enttäuschung war natürlich groß, allerdings hat niemand zu einer Offensive aufgerufen, wie landläufig berichtet wurde. Es ist nur das passiert, was ich eingangs erwähnt habe: Die moderaten Kräfte haben durch die Reaktion des DFB an Einfluss verloren. Viele sagten: »Was wollt ihr denn? Die verarschen uns doch nur?«

Die aktuellen Vorfälle verdeutlichen nun, dass es bei einzelnen Personen keinen verantwortungsvollen Umgang mit Pyrotechnik gibt.

Jannis Busse: Wir als Initiative distanzieren uns in unseren Grundsätzen klar von Leuchtspurgeschossen, Böllern, Kanonenschlägen und sonstigen Knallkörpern. Genauso verurteilen wir das Werfen von Pyrotechnik. Nur: Man kann nie im Leben alle Eventualitäten ausschließen und für jeden die Hand ins Feuer legen – das kann man auch beim Silvesterfeuerwerk nicht. Was in Dortmund passiert ist, rechtfertigt nicht die heftige mediale Berichterstattung. Pyrotechnik wird derzeit mit Gewalt gleichgesetzt – bei den anderen Spielen mit Pyrotechnik gab es aber keinerlei Verletzten.

Machen Sie es sich da nicht ein bisschen leicht, wenn Sie auf der einen Seite für Pyrotechnik kämpfen, auf der anderen Seite aber dieses Restrisiko der unverantwortlichen Nutzung einräumen?

Jannis Busse: Nein, wir haben ein Konzept entwickelt, das den verantwortungsvollen und sicheren Einsatz von Pyrotechnik gewährleistet. In einem Gutachten wurde bestätigt, dass in gewissen Rahmenbedingungen das Zünden von Bengalos mit den derzeitigen Rechtsvorschriften vereinbar ist. Zu sagen, es wird nie mehr Personen geben, die anderen schaden, wäre realitätsfern. Unser Konzept zeigt aber einen legalen und sicheren Weg der Umsetzung von Pyrotechnk.

Welche Rahmenbedingungen meinen Sie?

Jannis Busse: Zum einen dürften nur zertifizierte Leuchtfeuer eingesetzt werden, also alles, was man auf legalem Weg erwerben kann, beispielsweise in Anglerläden. Zum anderen geht es uns darum, einen Sicherheitsbereich im Stadion einzurichten. Dort könnten Sandeimer stehen, die Rauchentwicklung wäre für die Umstehenden ungefährlich und es gäbe einen angemessenen Abstand zu den Umstehenden.

Wäre das nicht ein enormer finanzieller Aufwand für die Vereine?

Jannis Busse: Nein, teilweise würde die Errichtung eines Wellenbrechers genügen. Große bauliche Veränderungen verlangt das Ganze nicht.

Bleibt das Problem der Verantwortlichkeit.

Jannis Busse: Es soll gewährleistet sein, dass derjenige, der dort für Pyro zuständig ist, nicht in der Masse untertauchen kann, sprich: Er wird vorher von der Fanszene ausgesucht und sein Verantwortungsbewusstsein geprüft.

Laut Versammlungs- und Ordnungrecht soll der Umgang mit Pyro sowieso nur ausgebildeten Feuerwerkern erlaubt sein.

Jannis Busse: Das kann man so generell nicht sagen. Nach meiner Kenntnis ist die Regelung von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.

Jürgen Bergener sagte sinngemäß im »Doppelpass«: »Wie wirkt das, wenn ich meinen Kindern den Umgang mit Feuerwerk verbiete und im Stadion wird das öffentliche Zündeln toleriert?«

Jannis Busse: Im Stadion würde gezeigt werden, wie man verantwortungsvoll damit umgeht. Wenn man Fans Verantwortung gibt, dann übernehmen sie die auch. Das zeigt das Beispiel, wenn Fans einen Sonderzug organisieren. Da wird auch für einen sicheren und sauberen Ablauf gesorgt. In unserem Modell würde auch der viel beschworene Selbstreinigungsprozess innerhalb der Kurve viel besser greifen.

In der vergangenen Saison erlitten Fans im Bochumer Stadion schwere Verbrennungen durch Pyrotechnik.

Jannis Busse: In Bochum wurden verbotene Substanzen in den Block geschmuggelt, zusammen gemischtes Leuchtfeuer. Das wollen wir ja gerade vermeiden: Bei einer Legalisierung würde ausschließlich ungefährliche und zertifizierte Pyro benutzt. In diesem Fall würden auch alle Beteiligten darauf achten, dass nichts anderes in den Block eingeschmuggelt wird.

Warum ist aus Ihrer Sicht Pyrotechnik überhaupt ein solch integraler Bestandteil von Fankultur?

Jannis Busse: Pyro gibt es schon seit Jahrzehnten in den Fankurven, es steigert die Emotionen und die Stimmung. In den Medien wird das bei Spielen im Ausland als südländische Atmosphäre gelobt, seit einiger Zeit aber hier in Deutschland ausnahmslos verteufelt. Da besteht eine gewisse Doppelmoral. Bei Saisoneröffnungs- oder Meisterfeiern setzt der DFB selbst auf Feuerwerk und Pyro.

Kann der Dialog zwischen Pyro-Vertretern und den Verbänden wieder aufgenommen werden?

Jannis Busse: Auch wenn es momentan schwierig ist, wir stehen weiterhin für Aufklärung und Dialog. Wir wissen auch, dass das ein langer Prozess ist. Allerdings müsste erst einmal die Gegenseite positive Signale senden, um das Gespräch fortzuführen.

So wie die Debatte aktuell geführt wird, klingt das illusorisch.

Jannis Busse: Wie gesagt: Es wird nicht von heute auf morgen gehen.