Archiv für Dezember 2011

Neonazis unterwandern Kickbox-Szene

Rechtsextremisten finden Gefallen am Kampfsport. Sie knüpfen dabei ideologisch an den Straßenkampf-Kult der SA an und veranstalten eigene Wettkämpfe. Laut brandenburgischem Verfassungsschutz unterwandern sie aber auch lokale Vereine.

Quelle: Lausitzer Rundschau

Für den vor einem Jahr gegründeten Kampfsportverein im Oberspreewald-Lausitz-Kreis war es ein schöner Tag, als er vor vier Wochen einen selbst aufgemöbelten neuen Trainingsort beziehen konnte. Von der Eröffnungsfeier wurde eine Bildergalerie ins Internet gestellt. Dort war in Kampfpose vor dem Vereinslogo auch Pierre Dornbrach zu sehen.

Der gilt beim Brandenburger Verfassungsschutz als hartgesottener Neonazi und rechtsextremistischer Hetzer. Er wird im Jahresbericht 2010 namentlich genannt. Dornbrach ist Multifunktionär der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD mit Scharnierfunktion zur Neonaziszene. Der Lausitzer tritt als Redner auf rechtsextremistischen Veranstaltungen auf.

Nach einer Anfrage der RUNDSCHAU zu Dornbrachs Aktivitäten im Verein hat der sofort reagiert: Vorstandssitzung mit Anhörung Dornbrachs am Donnerstagabend. Nachdem der seine Zugehörigkeit zur NPD-Jugendorganisation offen einräumte, schloss ihn der Vorstand mit sofortiger Wirkung aus. Das Foto des Extremisten in Kampfpose wurde von der Internetseite des Clubs entfernt.

Doch Dornbrach ist offenbar kein Einzelfall. Wenn es sich jedoch nicht um relativ bekannte Aktivisten der Neonaziszene handelt, bekommen ehrenamtlich geleitete kleine Vereine kaum mit, dass Rechtsextremisten bei ihnen trainieren.

Sächsische Verfassungsschützer erwähnten bereits in ihrem Jahresbericht 2010 die zunehmende Popularität von Kampfsport unter Rechtsextremisten. Der Brandenburger Verfassungsschutz widmet dem Thema ebenfalls zunehmende Aufmerksamkeit. Regionaler Schwerpunkt ist dabei der Süden des Landes.

Die Mischung von Gewalt, Männlichkeitsritualen und Kameradschaft übt auf die Szene eine hohe Anziehung aus“, sagt Brandenburgs Verfassungsschutzchefin Winfriede Schreiber. Kampfsporttechniken ließen sich außerdem im „Straßenkampf“ gegen politische Gegner und Polizisten einsetzen.

Das aus der Spreewaldregion heraus agierende Neonazinetzwerk „Spreelichter“ organisiert seit einigen Jahren „nationale Kampfsporttage“. Der erste fand noch in einer angemieteten Garage im Spreewald statt. Vor einem Jahr trafen sich schon 200 Rechtsextremisten aus dem ganzen Bundesgebiet konspirativ in Sachsen, um unter dem Motto „Leben heißt Kampf“ aufeinander einzuschlagen.

Der braune Muskelkult feierte sich bei dem Kickboxturnier in einer Eröffnungsrede als „das Starke, Gesunde, Wehrhafte“, das alles „Schwache und Kranke verachtet“. Für den nächsten Wettkampf wurde danach bereits mit einem Video offen im Internet geworben.

Symbole als Tattoo

Doch rechtsextremistische Kämpfer steigen nicht nur in konspirativen Runden in den Ring. Sie sind auch auf öffentlichen Kampfsportveranstaltungen zu sehen. In Mecklenburg-Vorpommern sorgten Neonazis für Schlagzeilen, die mit anderen Kämpfern auf Plakaten für eine „Fight Night“ posierten und auf ihren nackten Oberkörpern Tattoos mit rechtsextremen Symbolen zur Schau stellten.

Im Elbe-Elster-Kreis marschierte im Frühjahr 2011 ein Kämpfer des Kickbox-Teams Cottbus (KBTC) bei einer „Fight-Night“ zu Musik der rechtsextremistischen Gruppe Blitzkrieg in die Halle. Als im Mai 2011 Mitglieder des KBTC und des Boxclubs Cottbus zu einem Länderkampf nach Israel fuhren, blieben zwei KBTC-Kämpfer zu Hause. Der Verein war auf Kontakte der beiden in die rechtsradikale Szene aufmerksam gemacht worden.

Steve Beier ist Kickboxer und ehrenamtlicher Vorsitzender des KBTC. Der Verein versuche sich mit viel Mühe und ehrenamtlichem Engagement von dem Dunstkreis von Rechtsradikalen, Hooligans und Rockern fernzuhalten. „Uns geht es um den Sport und wir haben eine klare Satzung“, so Beier. Ein Rocker sei zum Beispiel schon ausgeschlossen worden. Doch um zu handeln, brauche der Verein Fakten.

Aufklärung und Information

Der Stadtsportbund Cottbus und der Landessportbund (LSB) Brandenburg versichern, dass sie für das Thema Rechtsextremisten im Kampfsport sensibilisiert seien. „Wir wissen alle über die rechtsextreme Szene noch zu wenig“, räumt Stadtsportbund-Geschäftsführer Tobias Schick ein. Das sei eine Herausforderung für den Sport.

Auf „Aufklärung und Information“ setzt auch Robert Bosch, Jugendsekretär des LSB. Satzungen der über 3000 Vereine im LSB müssten aber auch angepasst werden, um bekannte Rechtsradikale vor die Tür zu setzen. „Das geschieht auch.“ Die Hinweise müssten aber durch Aufmerksamkeit an der Basis kommen. Durch den Körperkult und das Zurschaustellen von Stärke sei Kampfsport für Rechtsradikale sicher anziehender als Schach und Angeln, räumt Bosch ein.

Brandenburger Verfassungsschützer sehen im Bemühen von Rechtsextremisten, im organisierten Kampfsport Fuß zu fassen, einen weiteren Versuch, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. „Sie suchen dort Anerkennung und den schützenden Status von Normalität“, warnt Verfassungsschutzchefin Winfriede Schreiber. Gleichzeitig erhöhe Kampfsporttraining die Gefahr rechtsextremer Gewaltanwendung. Die Existenz eines rechtsextremistischen Kampfsportmilieus in Brandenburg sei deshalb eine „gefährliche Entwicklung“.

Bye, bye Türkiyemspor

Türkiyemspor Berlin hat einen Tag vor Weihnachten die Einstellung des Spielbetriebs der 1. Herrenmannschaft bekannt gegeben. Wir dokumentieren die Stellungnahme des Vereins:

Herrenteam stellt Spielbetrieb ein

Der Kreuzberger Fußballverein Türkiyemspor Berlin meldet das 1. Herrenteam mit sofortiger Wirkung aus dem Spielbetrieb der Oberliga des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) ab. Damit zieht die Vereinsführung die Konsequenz aus der Insolvenzanmeldung von Anfang Dezember 2011. Der Spielbetrieb der Jugendteams und der Frauen bleibt von dieser Entscheidung unbetroffen.

Für viele Fans ist die Entscheidung tragisch, doch mit dem Antrag auf ein Insolvenzverfahren musste sich der Verein auch mit einem schmerzhaften Rückzug aus dem Spielbetrieb befassen. Nun ist die Entscheidung gefallen. Die letzte Begegnung vom 16. Spieltag der NOFV-Oberliga gegen Greif Torgelow (1:4) war der letzte sportliche Auftritt des Herrenteams für die komplette Saison. Vorstand, Aufsichtsrat und der vorläufige Insolvenzverwalter Sebastian Laboga zogen die Reißleine. „Unser Ziel ist es, den Verein im Wege eines Insolvenzverfahrens zu sanieren. Dessen Eröffnung hätte für Türkiyemspor ohnehin den Zwangsabstieg zur Folge. Gleichzeitig ist die 1. Herrenmannschaft unser mit Abstand größter Kostenfaktor. Insofern sprachen wichtige sportliche und finanzielle Gründe für einen Rückzug“, begründet Aufsichtsratsvorsitzender Ahmet Erbas den schweren Schritt.

Der erst 1978 gegründete Klub spielte sich in den 80er Jahren, im Rekordtempo, bis in die obersten Gefilde des bundesdeutschen Amateurfußballs. Er faszinierte Tausende von Fans und vertrat Berlin zuletzt in der Semi-Professionellen Regionalliga von 2008 – 2011. Heute stehen die Vereinsverantwortlichen vor den Schattenseiten des Spagats zwischen Amateur- und Profi-Fußball. „Der Traum vom Profi-Fußball wird auf Eis gelegt.“, resümiert der Aufsichtsratschef. Der vorläufige Insolvenzverwalter Laboga ergänzt: „Der Rückzug der ersten Mannschaft aus der Oberliga sorgt für eine dringend benötigte finanzielle Entlastung. Die hohen Ausgaben für Fahrtkosten, Spielergehälter und Stadionmiete waren für den Verein existenzbedrohend. Um Türkiyemspor zu erhalten und zu sanieren, müssen wir uns jetzt auf das Wesentliche konzentrieren, und das ist die Arbeit im Bereich Jugend und Soziales.

Somit steht Türkiyemspor Berlin als einziger Absteiger der Oberliga Nord 2011/2012 fest. Alle bisherigen Spiele des Vereins werden als verloren gewertet. „Nach der Eröffnung eines Insolvenzverfahrens würde Türkiyemspors erstes Herrenteam in der Berlin-Liga in der Saison 2012-2013 einen Neuanfang wagen. Bis dahin muss uns die Neuausrichtung des Vereins gelungen sein.“ schildert Ahmet Erbas. So könnte das erste Herrenteam besser mit der erfolgreichen Jugendarbeit des Vereins koordiniert werden. Mit einem Spielort im Kreuzberger Kernbezirk wäre zudem eine räumliche Nähe wieder hergestellt. Dies eröffnet Chancen des Zusammenrückens zwischen Jugend und Herren sowie zwischen Kiez und Klub.

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Rettungsplan für Türkiyemspor
Info-Frühstück zur Vereinszukunft

Ultras Hannover, Sektion Gaza

Drei Bilder, die eine deutliche Sprache sprechen. Zwischen den ersten beiden und dem letzten liegt ein Zeitraum von fast sechs Jahren. Entstanden sind diese Motive in irgendwelchen Blitzbirnen, die sich in Kreisen der Ultras aus Hannover aufhalten. Es bedarf nicht einmal der von Antisemit*innen vielzitierten „Antisemitismus-Keule“ (auch wenn sich diese im Gesicht der Ersteller*innen wohlfühlen würde), um dieses Handeln eindeutig zu benennen.

Das aktuellste der drei Bilder ist vor gut einer Woche in Magdeburg gemacht worden, als die Amateure von Hannover 96 dort gastierten. Die H-Amas, gesprochen Hamas, wie sie bereits seit mehreren Jahren liebevoll von ihren Fans genannt werden. Wer, wie hier bei den Hannover-Fans durch eine Zaunfahne im Fanblock geschehen, einen positiven Bezug zu einer islamfaschistischen Terrororganisation herstellt, hat nicht mehr alle Latten am Zaun.

Anfänglich wurde der offensichtliche Antisemitismus abgestritten – bis hin zu Versuchen, das eigene Tun als Provokation Jugendlicher, die „Grenzen austesten“ wollen, zu bewerten. Ein paar Stimmen aus dem Umfeld der Ultras aus Hannover distanzierten sich schon vor Jahren auf halbherzige Art und Weise. Erwartungsgemäß ohne Wirkung.

Festzuhalten bleibt, dass sowas weder eine Lapalie, noch durch irgendwas zu relativieren ist. Ausmaße wie bei Legia Warschau sind zwar noch nicht erreicht, aber ideologisch steht man offensichtlich so nah beieinander, dass man sich fast gegenseitig auf die Füße tritt.

Fans von Legia Warschau

Antisemitismus ist immer noch gesellschaftsfähig und somit auch im Mikrokosmos Fußballstadion präsent, das ist keine neue Feststellung. Diesen öffentlich zu machen, wenn er in Erscheinung tritt, ist notwendig. Wenn dann sogar über einen längeren Zeitraum so unverhohlen zur Schau gestellt wird, dass man Jüd*innen hasst, muss das Kind erst recht beim Namen genannt werden.

Ich bin eher selten ein Freund von Sanktionen, aber wenn Mechanismen wie Einlasskontrollen oder (im besten Falle) Selbstregulierung nicht funktionieren, darf auch gerne mal von höherer Stelle durchgegriffen werden.

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Neonazis bei 1860 München

Bei wohl keinem anderen süddeutschen Fußballverein stehen so viele aktive Neonazis in der Kurve wie beim TSV 1860 München. Und es werden offenbar immer mehr. Der Verein gibt sich machtlos gegen die Umtriebe von NPD-Kadern und rechten Kameradschaften.

Quelle: SPON

Manchmal hört man sie „Uh, uh, uh“ rufen, wenn ein schwarzer Spieler am Ball ist. Auch „Drecks-Türke“ schallte es schon aus ihrem Block. Meist aber halten sie sich aus Angst vor einem Stadionverbot mit ihren Gesängen zurück: rechtsextreme Fans des TSV 1860 München.

Sie stehen immer am gleichen Platz: Block 132, mitten in der Nordkurve, dem Herz der Löwenfans, gleich rechts vom Tor. Ein riesiger Pulk junger Männer, die keinen Hehl aus ihrer politischen Einstellung machen: Viele tragen Kleidung von „Thor Steinar“ oder andere Nazi-Erkennungsmarken. T-Shirts, auf denen mit der Aufschrift „Scheiß §86a“ gegen das Verbot verfassungswidriger Symbole gehetzt wird, gehören ebenfalls zu ihrem Repertoire.

„30 bis 50 Personen, die ganz klar dem rechten Spektrum zuzuordnen sind, stehen regelmäßig im Block 132″, sagt Thomas Emmes vom Fanprojekt München. Und das ist offenbar nur der harte Kern. Denn Herbert Schröger von den „Löwenfans gegen Rechts“ geht von bis zu 100 Nazis im Block 132 aus. Eine kleine Minderheit unter den mehreren tausend hartgesottenen Fans in der gesamten Nordkurve, aber eine besonders radikale. Aufkleber mit dem Slogan „Nationale Sozialisten – Bundesweite Aktion“ prangten schon im Block.

Rechtsradikale Gestalten in der Nordkurve sind beim TSV kein neues Phänomen. Doch: „Sie werden immer mehr und sie organisieren sich immer besser“, schreibt ein Fan des Vereins auf der Internetseite „Loewenfreun.de“. Schröger, dessen Initiative 2009 vom DFB ausgezeichnet wurde, sagt: „So schlimm wie jetzt war es noch nie.“ Die Braunen würden sich in der Allianz-Arena immer öfter „als Hausherren aufspielen“.

Der Nazi-Block ist eine Minderheit, aber eine besonders radikale

Noch geben bei den Auftritten der Sechziger die größtenteils unpolitischen Ultra-Gruppierungen den Ton an. Der Nazi-Block ist nur eine kleine Minderheit, dafür aber eine besonders radikale. In der U-Bahn nach den Spielen oder bei Auswärtsfahrten lassen die Rechtsradikalen ihre Masken fallen: Dann grölen sie völlig ungehemmt Lieder wie „Ajax ist ein Judenclub“ oder „Augsburger Zigeuner“ und fordern eine „U-Bahn von St. Pauli bis nach Auschwitz“.

Sogar bayerische NPD-Kader und braune Kameradschaften lassen sich gerne bei den Löwen blicken. „Mancher von denen ist Stammgast“, sagt Schröger. „Die NPD versucht mehr Einfluss im Block zu bekommen“, so Schröger. Selbst stadtbekannte Neonazis aus dem Umkreis des verurteilten Rechtsterroristen Martin Wiese sind schon in der Kurve gesichtet worden. Wiese hatte 2003 einen Bombenanschlag auf das Jüdische Zentrum in München geplant.

Offenbar rekrutieren die Rechtsextremen bei den Löwen auch Nachwuchs: Mehrfach verteilten Neonazis einschlägige Flugblätter, auf denen etwa für den „Heldengedenkmarsch“ geworben wurde. Der „Stern“ berichtete 2010 zudem, dass auch Mitglieder der Neonazi-Band „Feldherren“ oder der Skinhead-Schlägergruppe „Kraken“ regelmäßig Spiele des Zweitligisten besuchen würden.

Wer sich bei 1860 gegen braune Umtriebe engagiert, wird schon einmal als „Judenbraut“ tituliert. Das zumindest berichtet eine Löwen-Anhängerin. Manchmal werde Nazigegnern auch mit Schlägen gedroht, sagt Schröger. Im April, beim Spiel gegen Energie Cottbus (4:0), prügelten sich Rechtsradikale mit Ultras. Der Verein kündigte damals an, verstärkt gegen die Nazis vorgehen zu wollen. Passiert ist nach Ansicht von Schröger jedoch wenig.

Kritik am Verein

Er fühlt sich von der Clubführung im Stich gelassen. „Es ist Sache des Vereins, gegen die Umtriebe vorzugehen“, klagt er. Löwen-Vizepräsident Franz Maget weist den Vorwurf zurück: „Wir wollen keine Neonazis im Stadion.“ Das Problem sei aber, dass sich Rechtsradikale beim Kauf eines Tickets nicht als solche zu erkennen geben würden. Der TSV habe in seiner Satzung fest verankert, dass Rassismus zum Vereinsausschluss führe. Maget geht davon aus, „dass es in anderen Stadien im Freistaat genau so viele Nazis gibt wie bei 1860″.

Doch wer bei den Fanbeauftragten der süddeutschen Erst- und Zweitligaclubs anfragt, erhält eine abweichende Auskunft: Eine feste rechte Szene wie bei den Löwen gebe es in anderen bayerischen Stadien nicht, heißt es unisono. Im Gegenteil: Beim FC Bayern beispielsweise bekennt sich eine der großen Ultra-Gruppen sogar zu ihrer politisch linken Einstellung. Auch Schröger widerspricht Maget. Er fordert, der Verein müsse härter gegen Nazis vorgehen, etwa durch verstärkte Kontrollen der Rechten.

Da die braunen Schlachtenbummler im Stadion meist nicht straffällig werden, sind der Polizei oft die Hände gebunden. Laut bayerischem Innenministerium gab es in der vergangenen Bundesliga-Saison in München 14 Strafanzeigen wegen rechter Straftaten im Zusammenhang mit Fußballspielen. Dabei sind zwar auch Vergehen bei Begegnungen des FC Bayerns eingerechnet. Beim großen Rivalen der Löwen gibt es Thomas Emmes vom Fanprojekt München zufolge jedoch „keine aktive rechte Szene im Stadion“.

Zu 1860 pilgern dagegen Nazis aus ganz Süddeutschland. Ein Grund: die Geschichte der Löwen. Der Verein galt im „Dritten Reich“ als einer der Lieblingsclubs der NS-Oberen. Schon vor 1933 gab es bei den Sechzigern anders als bei den Bayern viele überzeugte Hitler-Anhänger. Wer sich auf der offiziellen Homepage über die Geschichte des Vereins informieren will, erfährt von all dem jedoch nichts: Nur der Verweis auf den Pokalsiegsieg von 1942 erinnert dort an die braune Vergangenheit der Löwen.

Immer die selbe Leier.

Es ist immer wieder dasselbe. Wenn es um Fußball und Neonazis geht, dann werden meistens die gleichen Beispiele herangezogen. Jeder schreibt von jedem ab. Selbst in den antifaschistischen Recherchemagazinen kann man selten mal etwas Neues lesen:

Für mediale Aufmerksamkeit sorgte etwa der Überfall auf Fans des links-alternativen Fußballvereins Roter Stern Leipzig von zirka 50 Neonazis aus der Region sowie von Hooligans aus dem Umfeld des 1. FC Lokomotive Leipzig während des Bezirksklassenspieles gegen FSV Brandis im November 2009. Aber auch Fans von Babelsberg 03, Tennis Borussia Berlin und anderen Vereinen waren schon Angriffen von Neonazis ausgesetzt.

Martin Endemann, Am Tatort Stadion, Lotta 39, Sommer 2010

Die Opfer der neonazistischen Bedrohung sind beinahe in jedem Bericht identisch. Kaum verwunderlich, da zum Beispiel in dem hier zitierten Fall der Autor namens Martin Endemann (BAFF) ein bekennender Fan von Tennis Borussia und Babelsberg 03 ist. Dies hat nicht nur ein wenig Geschmäckle. Es fragt sich nämlich, ob er mit Absicht die Vorfälle z.B. in Lübeck um den lokalen Roten Stern einfach unter den Tisch fallen lässt, um seiner großen Liebe mehr Platz in der Berichtserstattung einzuräumen. Denn konkrete Beispiele für Übergriffe von organisisterten Neonazis bei TeBe sind in letzter Zeit eher seltener geworden. In Lübeck, Halle und anderen Orten in Deutschland dafür aber nicht:

Nur durch einen massiven Polizeieinsatz konnte heute am frühen Nachmittag eine Auseinandersetzung unter Fußballfans verhindert werden. Nach Angaben der Polizei standen 70 bis 80 gewaltbereite Fans des VfB Lübeck rund 50 Sympathisanten des linken Fußballclubs Roter Stern Lübeck gegenüber.

Bei der Partie in der Kreisklasse D auf dem Sportplatz am Hansering brannten die VfB-Fans zunächst Feuerwerkskörper ab. Während des Spiels stürmten dann 15 bis 20 Hooligans aus dem VfB-Block auf das Spielfeld, um die Fans des Roter Stern Lübeck zu attackieren. Mit 45 Beamten verhinderte die Polizei Zusammenstöße. Auch nach dem Spiel musste die Polizei eingreifen, um eine Eskalation zu verhindern. Nach Angaben eines Sprechers begleiteten die Beamten die Fans von Roter Stern zum alternativen Jugend- und Kulturzentrum Walli.

Einem ausgewiesenen Experten wie Endemann müsste man jetzt nicht noch erklären, dass der Anhang des VfB Lübeck dafür bundesweit bekannt ist, dass sich viele lokale Neonaziskader in seinen Reihen tummeln. Und Lübeck ist nun wahrlich kein Einzelfall.

Auch in Halle ergeht es den Roten Sternen manchmal recht übel. Ab und zu tauchen nämlich bei den Spielen über 30 Stiernacken vom Halleschen FC auf. Dann beten die Stern-Spieler dafür, dass ihre mitgereisten Fans ja nicht den Mund aufmachen, ansonsten ist danach der Besuch beim Zahnarzt Pflicht. In Plauen kämpfen die subkULTuRAs seit Jahren gegen Neonazis im eigenen Block, doch das Vogtland liegt dem Endemann wohl viel zu weit südlich um darüber zu berichten. Ähnliches gilt wohl für Zwickau. Seitdem den Ultras von Red Kaos beinahe komplett ein Stadionverbot erteilt wurde, können die Neonazis vom Block A wieder tun und lassen was sie wollen.

Stattdessen liest man aber in den Berichten von Herrn Endemann immer wieder die gleiche Leier. Die Berliner Klubs Tennis Borussia und Babelsberg 03 sind höchstgradig gefährdet bei jedem Spiel von organisierten Neonazis platt gemacht zu werden. Und nicht etwa die linken Klubs, bzw. Fans aus der Provinz. Wer es glaubt, wird selig…

Jude, Judas, Judentor

Ein großes Spiel bringt neue Begriffe hervor. Da muss man weder ans Wembley- noch ans Helmer-Tor erinnern, da genügt auch ein Blick auf die aktuelle Premier League in England. 5:3 hatte dort Ende November Arsenal gegen Chelsea gewonnen, und ein Tor des Arsenal-Stürmers Robin van Persie wurde mit einem bis dato nur selten benutzten Begriff belegt.

Quelle: taz

Ein „Jew Goal“, ein „Judentor“, habe er geschossen, so war in englischen Fanforen zu lesen. In einem sich selbst als lustig verstehenden „Urban Dictionary“ findet sich diese Definition: „Der Begriff beschreibt den Typ eines im Fußball erzielten Tores, bei dem ein Spieler in einer Zwei-gegen-eins-Situation querspielt.“ Der Stürmer brauche also nur noch einzuschieben; man könne, heißt es im – kicher, kicher – satirischen Lexikon weiter, den Begriff „auch im wirklichen Leben verwenden“, denn so etwas sei ja „unter Zionisten üblich“.

Ist das nur vereinzelter Nazidreck, wie man ihn so oft in Internetforen findet? Hm, zumindest ist es derart vereinzelt, dass es schon eine Facebookgruppe „The Jew Goal“ mit über 9.000 Freunden gibt. Und so vereinzelt, dass es bei YouTube eine ganze Reihe an Beispielen für solche „Judentore“ gibt, die auch x-tausendfach geklickt werden. In den Foren heißt es, bei „Jew Goals“ würde sich der gefeierte Torschütze die ganze Arbeit von Kollegen machen lassen. Irgendwie parasitär halt.

Schon ahnt man, warum das Tor, das angeblich nicht nach dem Ehrenkodex anständiger Toreschießer erzielt wurde, nicht Christen-, nicht Buddhisten- und nicht Muslimtor heißt. Der Begriff knüpft an das antisemitische Bild vom Juden als Parasiten an, der von anderer Leute Arbeit lebe.

„Jude“ ist gleich „Schieber“

Also doch ein Begriff, der von Nazis erfunden wurde, um ihn dem Fußball, der doch an sich mit so etwas nichts zu tun hat, überzustülpen? Ein Missbrauch des Sports? Schön wärs. Bei Fans findet sich sehr oft eine Sicht auf den Fußball, die nicht allzu weit entfernt ist von der ekelhaften Rede über „Jew Goals“: Ein Profi, der den Verein wechselt, gilt oft als „Judas“. Unternehmer, die in den Fußball investieren, wie etwa Chelsea-Besitzer Roman Abramovich, werden antisemitisch angegriffen. Ein Schiri, dem Schiebung unterstellt wird, gilt als „Jude“.

Der Berliner Zweitligist Union wirbt gerade mit dem Spruch „Wir verkaufen unsere Seele. Aber nicht an jeden!“ für seine Stadionaktie. Zu sehen sind eine Dose Koffeintrunk aus dem Hause „Red Bull“ von Dietrich Mateschitz, Fifa-Boss Sepp Blatter und der Immer-noch-Besitzer des AC Mailand, Silvio Berlusconi.

Das Management und die PR-Firma von Union tun so, als ginge es bei ihrem Profifußball um die gute Mannesehre; anderswo hingegen beschmutze Geld das an sich reine Spiel. Sie schmeißen sich an mehr als nur Fangenörgel ran: Es gibt immer mehr Supporter, die sich gegen einen „modernen Fußball“, der nur mit Geld zu finanzieren sei, wehren.

Schon vor einer Weile fiel ein Dortmund-Fan auf, der bei einem Spiel gegen Hoffenheim ein Plakat mit einem Fadenkreuz und dem Spruch „Hasta la vista, Hopp“ hochhielt, gerichtet gegen Hoffenheims milliardenschweren Sponsor Dietmar Hopp. Doch hoppla: Gilt das alles etwa jetzt schon als judenfeindlich? Steht etwa jeder Widerstand gegen die Enteignung des Volkssports Fußball unter Antisemitismusverdacht? Nein, nicht jeder.

Das Prinzip der Sündenböcke

Aber vieles, was auf den Rängen geäußert wird, hat eine Tendenz zum Antisemitismus. Immer dann, wenn so getan wird, als seien schlechte Entwicklungen bloß dem bösen Willen einzelner Herren zu verdanken, wird der alte, von Antisemiten perfekt beherrschte Kniff angewandt, einzelne Sündenböcke zu suchen.

Völlig unwichtig ist übrigens der Einwand, dass Leute wie Hopp, Mateschitz, Blatter oder Berlusconi keine Juden sind. Schließlich ist die empirisch daherkommende Behauptung, Juden seien alle reich, ja auch falsch.

Die Wahrheit ist wie so oft traurig: Dass Fans glauben, von „Jew Goals“ und ähnlichem schwadronieren zu dürfen, ist nichts dem Sport Fremdes. Es kommt, leider, aus dem Fußball selbst, aus den Kurven, von den Fans.

Manege frei für den linken Zirkus.

Hauptwiderspruch vs. Nebenwiderspruch, so hat man noch vor einigen Jahren heftig argumentiert, wenn es um die Frage ging, was ist eher ins Visier einer fortschrittlichen Kritik zu nehmen: der Kapitalismus als Ganzes oder einzelne Phänomene wie zum Beispiel der notorische Hass auf Juden, Nichtdeutsche oder Schwule. Am Ende solcher Diskussionen gab es dann meistens eine Spaltung und jedes einzelne Individuum entschied sich nach seinem Gusto. Bald darauf gab es dann so lustig identitäre Sub-Subkulturen wie Antispeziesismus, Anti-Lookism und Frutarier.

Nun hat diese Art der Debatte die Initiative gegen Homophobie im deutschen Fußball erreicht. Der Blogger Manege frei wirft dieser Initiative vor, dass sie sich bei Red Bull Leipzig lieber nicht blicken lassen sollte, da dieses Projekt gerade von fortschrittlichen Fußballfans kritisch beäugt wird…

„Leider noch nicht auf dem Fußballfans gegen Homophobie – Blog veröffentlicht, dafür aber auf der dazugehörigen Facebook-Seite: Die nächste Station des Banners wird RB Leipzig sein – vielen wohl eher als RedBull Leipzig als RasenBall Leipzig bekannt.

RB Leipzig ist das zuletzt gestartete Projekt des Brauseherstellers, um auch in Deutschland einen eigenen Fußballclub zu Werbezwecken in der Bundesliga zu besitzen. Ganz so leicht war es nicht, aber mit reichlich Tüfftelei ist RedBull der Start des Projektes gelungen – Ziel: Champions League.

Nicht nur in Leipzig selbst, sondern bei nahezu allen anderen Vereinen in Deutschland rangiert RB als Angrifffläche seitdem noch vor dem Traditionsclub aus Hoffenheim.

Das nun die vom alternativen Verein TeBe Berlin ins Leben gerufene Initiative Fußballfans gegen Homophobie dort gastiert, dürfte für viele ein Schlag ins Gesicht sein. So wird (zwar durch deren Fans initiiert) dem Verein positive Öffentlichtkeit verschafft – Ist denn mittlerweile wirkliches jedes Mittel recht, um Aktionen in die Öffentlichkeit zu bringen? Heiligt der Zweck jedes Mittel?

Ich könnte viele Personen verstehen, die nun mit dieser Initiative brechen. Klar gilt auf das Problem Homophobie im Fußball aufmerksam zu machen, aber nach einem bisher so erfolgreichen Verlauf gibt es sicher andere Mittel und Wege, sie auch weiter fortzuführen, ohne seine Ideale aufzugeben. Irgendwo kommt mir hier der Vergleich mit den Nationalen Sozialisten für Israel in den Sinn, der sicher etwas weit gegriffen ist, aber wo sich auch völlig kontroverse Aussagen ineinander vermischten.

RedBull hat in Leipzig nichts verloren, sondern RedBull geht gilt es zu boykottieren – auch von der Fußballfans gegen Homophobie – Initiative.“

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Wild Germany?

Deutschland(halle) kaputt.

Der Aufbereitungsweltmeister bereitet wieder auf. Dieses Mal macht er es aber ausnahmsweise richtig: Mit Krach und Zerstörung. Nach nur 86 Jahre Sportpalastreden, blödem Sport und schlechten Konzerten macht die Deutschlandhalle sich auf ins Gebäude-Walhalla und folgt damit der Frauenkirche (zwischenzeitlich wiederbelebt), Rheinbrücken, ein paar Stadtteilen deutscher Städte und dem Atlantikwall. Dass ein paar Deutsche auf die Idee gekommen sind, da wieder was hinzubauen, macht nichts. Irgendwas muss bei der Revolution noch zum genüsslichen Abriss über sein.

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Amtsenthebung per E-Mail

Es gibt mal wieder eine Provinzposse zu bestaunen. Diesmal ereignete sie sich im beschaulichen Neunkirchen, irgendwo im Grenzland kurz vor Frankreich.

Gerade mal vier Monate ist es her, als Nicky Kassner von Vertretern des Vorstandes, Spielern und Fans einstimmig zum Fanbeauftragten des Fußball-Oberligisten Borussia Neunkirchen gewählt wurde. Heute vor einer Woche wurde Kassner vom Borussia-Vorstand seines Amtes enthoben. Pressesprecher Roland Eich, der den 34-Jährigen Ende Juli zur Wahl des Fanbeauftragten vorgeschlagen hatte, erklärt, wieso: “Es gab Beschwerden über die Art, wie er für den Erhalt des Ellenfeldstadions kämpft. Das schwächt die Verhandlungsposition des Vereins in den laufenden Gesprächen.

Stein des Anstoßes war ein Interview, dass Kassner dem deutschlandweit erscheinenden Fußball-Magazin 11Freunde gab und das am 20. November erschien. Dort betonte er die historische Bedeutung des Neunkircher Ellenfeldstadions für die Borussia und den deutschen Fußball. Diese sei der Grund für sein Engagement für den Erhalt des baufälligen Stadions. Auf die Frage, ob das die Vereinsführung genauso sehe, antwortete Kassner: “Das lässt sich nicht genau sagen, weil sich die Klubführung zu diesem Thema sehr bedeckt hält.

Dies berichtet die Saarbrücker Zeitung. Doch damit nicht genug. Dem Neunkirchner Vorstand liegen noch ganz andere Erkenntnisse über das Subjekt Nicky Kassner vor:

Ferraro betont, dass Kassners Interview nicht der einzige Grund für die Trennung sei: “Zuvor gab es auch schon E-Mails an den Verein, in denen politische Verlinkungen auf der privaten Homepage des Fanbeauftragten moniert wurden sowie ‘Beschwerden’ seitens politischer Vertreter – dies kann nicht im Interesse des Vereins sein”, heißt es auf der Borussen-Seite weiter.

Ei der Daus! Man gelangt doch tatsächlich von der privaten Internetseite Schwarz auf Weiß aus, auf die linke Wochenzeitung Jungle World, das linksalternative Infoportal Indymedia und diverse linke Ultrablogs, wie zum Beispiel dem Unsrigen. Das geht den politischen Vertretern aus Neunkirchen zuweit. Soweit darf der erst kürzlich von Angie ausgerufene Antifa-Winter nicht gehen. Klare Kante gegen links wie rechts, so stellen sich die Extremisten der Mitte ihre klinisch reine Welt vor. Das dabei auch engagierte Menschen abrasiert werden müssen, nennt man in diesem Kreisen bekanntlich Kollateralschaden. Hauptsache die Jungs mit den ordentlichen Haarschnitten fühlen sich wohl…