Neonazis unterwandern Kickbox-Szene

Rechtsextremisten finden Gefallen am Kampfsport. Sie knüpfen dabei ideologisch an den Straßenkampf-Kult der SA an und veranstalten eigene Wettkämpfe. Laut brandenburgischem Verfassungsschutz unterwandern sie aber auch lokale Vereine.

Quelle: Lausitzer Rundschau

Für den vor einem Jahr gegründeten Kampfsportverein im Oberspreewald-Lausitz-Kreis war es ein schöner Tag, als er vor vier Wochen einen selbst aufgemöbelten neuen Trainingsort beziehen konnte. Von der Eröffnungsfeier wurde eine Bildergalerie ins Internet gestellt. Dort war in Kampfpose vor dem Vereinslogo auch Pierre Dornbrach zu sehen.

Der gilt beim Brandenburger Verfassungsschutz als hartgesottener Neonazi und rechtsextremistischer Hetzer. Er wird im Jahresbericht 2010 namentlich genannt. Dornbrach ist Multifunktionär der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD mit Scharnierfunktion zur Neonaziszene. Der Lausitzer tritt als Redner auf rechtsextremistischen Veranstaltungen auf.

Nach einer Anfrage der RUNDSCHAU zu Dornbrachs Aktivitäten im Verein hat der sofort reagiert: Vorstandssitzung mit Anhörung Dornbrachs am Donnerstagabend. Nachdem der seine Zugehörigkeit zur NPD-Jugendorganisation offen einräumte, schloss ihn der Vorstand mit sofortiger Wirkung aus. Das Foto des Extremisten in Kampfpose wurde von der Internetseite des Clubs entfernt.

Doch Dornbrach ist offenbar kein Einzelfall. Wenn es sich jedoch nicht um relativ bekannte Aktivisten der Neonaziszene handelt, bekommen ehrenamtlich geleitete kleine Vereine kaum mit, dass Rechtsextremisten bei ihnen trainieren.

Sächsische Verfassungsschützer erwähnten bereits in ihrem Jahresbericht 2010 die zunehmende Popularität von Kampfsport unter Rechtsextremisten. Der Brandenburger Verfassungsschutz widmet dem Thema ebenfalls zunehmende Aufmerksamkeit. Regionaler Schwerpunkt ist dabei der Süden des Landes.

Die Mischung von Gewalt, Männlichkeitsritualen und Kameradschaft übt auf die Szene eine hohe Anziehung aus“, sagt Brandenburgs Verfassungsschutzchefin Winfriede Schreiber. Kampfsporttechniken ließen sich außerdem im „Straßenkampf“ gegen politische Gegner und Polizisten einsetzen.

Das aus der Spreewaldregion heraus agierende Neonazinetzwerk „Spreelichter“ organisiert seit einigen Jahren „nationale Kampfsporttage“. Der erste fand noch in einer angemieteten Garage im Spreewald statt. Vor einem Jahr trafen sich schon 200 Rechtsextremisten aus dem ganzen Bundesgebiet konspirativ in Sachsen, um unter dem Motto „Leben heißt Kampf“ aufeinander einzuschlagen.

Der braune Muskelkult feierte sich bei dem Kickboxturnier in einer Eröffnungsrede als „das Starke, Gesunde, Wehrhafte“, das alles „Schwache und Kranke verachtet“. Für den nächsten Wettkampf wurde danach bereits mit einem Video offen im Internet geworben.

Symbole als Tattoo

Doch rechtsextremistische Kämpfer steigen nicht nur in konspirativen Runden in den Ring. Sie sind auch auf öffentlichen Kampfsportveranstaltungen zu sehen. In Mecklenburg-Vorpommern sorgten Neonazis für Schlagzeilen, die mit anderen Kämpfern auf Plakaten für eine „Fight Night“ posierten und auf ihren nackten Oberkörpern Tattoos mit rechtsextremen Symbolen zur Schau stellten.

Im Elbe-Elster-Kreis marschierte im Frühjahr 2011 ein Kämpfer des Kickbox-Teams Cottbus (KBTC) bei einer „Fight-Night“ zu Musik der rechtsextremistischen Gruppe Blitzkrieg in die Halle. Als im Mai 2011 Mitglieder des KBTC und des Boxclubs Cottbus zu einem Länderkampf nach Israel fuhren, blieben zwei KBTC-Kämpfer zu Hause. Der Verein war auf Kontakte der beiden in die rechtsradikale Szene aufmerksam gemacht worden.

Steve Beier ist Kickboxer und ehrenamtlicher Vorsitzender des KBTC. Der Verein versuche sich mit viel Mühe und ehrenamtlichem Engagement von dem Dunstkreis von Rechtsradikalen, Hooligans und Rockern fernzuhalten. „Uns geht es um den Sport und wir haben eine klare Satzung“, so Beier. Ein Rocker sei zum Beispiel schon ausgeschlossen worden. Doch um zu handeln, brauche der Verein Fakten.

Aufklärung und Information

Der Stadtsportbund Cottbus und der Landessportbund (LSB) Brandenburg versichern, dass sie für das Thema Rechtsextremisten im Kampfsport sensibilisiert seien. „Wir wissen alle über die rechtsextreme Szene noch zu wenig“, räumt Stadtsportbund-Geschäftsführer Tobias Schick ein. Das sei eine Herausforderung für den Sport.

Auf „Aufklärung und Information“ setzt auch Robert Bosch, Jugendsekretär des LSB. Satzungen der über 3000 Vereine im LSB müssten aber auch angepasst werden, um bekannte Rechtsradikale vor die Tür zu setzen. „Das geschieht auch.“ Die Hinweise müssten aber durch Aufmerksamkeit an der Basis kommen. Durch den Körperkult und das Zurschaustellen von Stärke sei Kampfsport für Rechtsradikale sicher anziehender als Schach und Angeln, räumt Bosch ein.

Brandenburger Verfassungsschützer sehen im Bemühen von Rechtsextremisten, im organisierten Kampfsport Fuß zu fassen, einen weiteren Versuch, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. „Sie suchen dort Anerkennung und den schützenden Status von Normalität“, warnt Verfassungsschutzchefin Winfriede Schreiber. Gleichzeitig erhöhe Kampfsporttraining die Gefahr rechtsextremer Gewaltanwendung. Die Existenz eines rechtsextremistischen Kampfsportmilieus in Brandenburg sei deshalb eine „gefährliche Entwicklung“.


2 Antworten auf „Neonazis unterwandern Kickbox-Szene“


  1. 1 DrEvil 26. Dezember 2011 um 21:31 Uhr

    Das ganze gibts auch in Berlin. Beim Fight Club Turnier November 2009 in der Kulturbrauerei kämpte auch ein Recke vollgepackt mit NS Tatoos.

  1. 1 Brandenburg: Rechtes Engagement in Sportvereinen registriert « URS – Ultras Roter Stern Pingback am 09. Januar 2013 um 17:28 Uhr
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