Archiv für Februar 2012

Nicht aus heiterem Himmel

Am Sonntag wurde Kaiserslauterns Itay Shechter beim Training von Zuschauern als »Drecksjude« beschimpft. Wir sprachen mit FCK-Fanprojektleiter Erwin Ress über rechte Symbole am Betzenberg, Alt-Hools und Schulungen für Sicherheitskräfte.

Quelle: 11.Freunde

Erwin Ress, am Sonntag wurde der Israeli Itay Shechter beim Training der FCK-Profis von Anhängern als »Drecksjude« beschimpft. Hat der Klub ein Nazi-Problem?

Erwin Ress: Der FCK hat, wie fast alle anderen Vereine auch, einen geringen Zuschaueranteil mit einem rechten politischen Hintergrund. Das ist aber nicht nur ein Problem des Fußballs, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Man kann Nazis schließlich nicht verbieten, Fußballfans zu sein. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, dass sich die Vereine dessen bewusst sind und Flagge zeigen, so wie es der FCK in diesem Fall getan hat.

Es heißt, die Beschuldigten seien Alt-Hools und hätten seit langer Zeit Stadionverbot. Somit versucht man sie aus der Gruppe der Fans auszuschließen.

Erwin Ress: Dennoch sehen sich diese Leute vom Gefühl her als Fan, sie identifizieren sich mit dem Klub. Es hilft uns wahrlich nicht weiter, wenn man sagt, das sind keine FCK-Anhänger, das sind rechte Hooligans.

Warum tauchen diese Personen gerade jetzt auf?

Erwin Ress: Diese Personen sind da, auch wenn sie nicht immer wahrnehmbar sind. Dass man sie jetzt lauter gehört hat, liegt vielleicht daran, weil sie als Anhänger enttäuscht von der Mannschaft sind und vielleicht darauf spekulieren, in der gefrusteten Anhängerschaft mehr Unterstützung für ihre rechten Parolen zu bekommen.

Gehen Sie als Leiter des Fanprojektes auf solche Gruppen zu?

Erwin Ress: Nein. Diese Gruppe besteht aus Erwachsenen und hat ein geschlossen rechtes Weltbild. Da helfen keine jugendpädagogischen Maßnahmen. Das ist Sache des Verfassungsschutzes und der Polizei. Unsere Aufgabe ist es, Kinder und Jugendliche durch Aufklärungsarbeit von rechten Fängern fernzuhalten.

Wie ist es denn im Stadion? Gibt es dort noch FCK-Fans, die sich offen als Neonazis zeigen?

Erwin Ress: Ja. Die aktuelle Debatte um Pyrotechnik beim Fußball hat dazu geführt, dass Sicherheitskräfte und Vereine beinahe ausschließlich damit beschäftigt sind, Ultras abzutasten und per Kamera zu überwachen. Leute mit rechten Szene-Klamotten können hingegen oft unbehelligt durchs Stadion spazieren. Zwar sind dort keine rechten Gesänge zu hören, doch es gibt tatsächlich einige kleine Gruppen am Betzenberg, die sich durch rechte Dresscodes als Neonazis zu erkennen geben.

Sind diese Symbole und Klamotten am Betzenberg nicht verboten?

Erwin Ress: Doch, klar. Allein, die Ordner wissen bestimmte Dresscodes oft nicht einzuordnen, was ohne ständige Weiter- und Fortbildung in diesem Bereich auch sehr schwierig ist.

Wie positionieren sich denn die Ultragruppen »Generation Luzifer« oder »Pfalz Inferno« zu den Geschehnissen?

Erwin Ress: Ich möchte ausdrücklich davor warnen, Ultragruppierungen in solchen Zusammenhängen zu nennen. Die Ultragruppierungen in Deutschland sind eher unpolitisch bis links. Zudem besteht jede Gruppierung aus einzelnen Individuen und jeder Einzelne wird seine Meinung zu dem Vorfall haben.

Was ist denn jetzt die Aufgabe des FCK-Fanprojektes?

Erwin Ress: Wir müssen über solche Themen aufklären und die Öffentlichkeit, insbesondere Kommune und Verein, auf das Problem aufmerksam machen. Ich hoffe, dass die aktuelle Diskussion nicht so schnell verebbt, sondern gemeinsam Lösungsstrategien gefunden werden, um dieses Thema dauerhaft im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.

Der Verein hat bereits in einer Stellungnahme geäußert, dass man strafrechtliche Schritte erwägt.

Erwin Ress: Das finde ich sehr gut. Wenngleich ich denke, dass die Sache nicht so in der Öffentlichkeit bekannt geworden wäre, wenn die Kamera des SWR diesen Zwischenruf nicht per Mikrofon aufgenommen hätten. Ich hoffe, dass der Verein am Ball bleibt und durch weitere gezielte Kampagnen das Thema wach hält. Gut wäre es auch, den Sicherheitsleuten fundierte Schulungen zu ermöglichen, in denen sie lernen, rechte Codes und Symbole zu entschlüsseln.

FCK: Rechte Rotte beim Training

Rechtsradikale Gesten und antisemtische Beleidigungen haben das Training des 1. FC Kaiserslautern am Sonntag überschattet. Nach dem 0:4-Debakel in Mainz begleiteten rund 300 FCK-Anhänger die Einheit – eine knapp zehnköpfige Gruppe fiel dabei besonders negativ auf. Der Klub lässt die Vorfälle jetzt strafrechtlich auswerten.

Quelle: Kicker

Die Hitlergruß-Gesten und antisemitischen Schmähungen richteten sich gegen den israelischen Stürmer Itay Shechter, die Lauterer Verantwortlichen verurteilten die schlimmen Szenen aufs schärfste. „Rassismus und Diskriminierung haben beim FCK keinen Platz“, stellte Klubchef Stefan Kuntz klar. Trainer Marco Kurz fand die Vorfälle „beängstigend“: „Von so etwas distanzieren wir uns ganz, ganz kräftig.

Die Polizeibeamten, die am Sonntag vor Ort waren, entfernten die Radikalen nicht vom Stadiongelände – aus „deeskalierenden Gründen“, wie FCK-Sprecher Christian Gruber gegenüber dem sid erklärte. Gleichzeitig kündigte er an: „Wir haben die Ordnungsbehörden und die Polizei gebeten, den Vorfällen mit aller Schärfe nachzugehen und sie strafrechtlich auszuwerten. Möglicherweise ist der Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllt.

Die verantwortlichen Personen gehören laut Gruber einer alten Hooliganszene an und hätten seit Jahren Stadionverbot. Inzwischen rief der Klub in einer Mitteilung („Rassismus hat beim FCK keinen Platz!“) auch dazu auf, dass sich Zeugen des Vorfalls mit der Polizei in Verbindung setzen.

Fan-Aussprache – „heftigst und sehr emotional

Die Mehrzahl der rund 300 Zuschauer brachte ihren Frust gesitteter zum Ausdruck, dennoch sei das Sonntagstraining eine „Stress-Situation“ gewesen, bekannte Kurz in der „Rheinpfalz“. Hinterher hatten sich die Spieler den Anhänger gestellt. Kuntz nannte die Aussprache, bei der sich die anwesenden Fans von den Beleidigungen gegen Shechter distanzierten, „heftigst – sehr emotional“.

Er betonte: „Die Spieler haben aber auch die Meinung und Gefühle, die Ängste der Fans wahrgenommen. Als Fazit möchte ich das Positive sehen – nicht das nicht zu entschuldigende Auftreten von Radikalen.

Lautern ist aktuell seit 13 Spielen sieglos, verlor viermal in Folge und ist Tabellenvorletzter mit drei Punkten Rückstand zum rettenden Ufer.

Bomben als Hoffnung

Vor 25 Jahren starb der langjährige Vorsitzende des Fußballvereins Tennis Borussia Berlin, Hans Rosenthal.

Quelle: Jungle World

Der 5. Juni 1965 dürfte einer der symbolträchtigsten Tage im Leben Hans Rosenthals gewesen sein. Denkbar knapp, mit nur einem Punkt Vorsprung vor dem Spandauer SV, hatte Tennis Borussia Berlin, der Verein, dessen Präsident er seit einigen Monaten war, die Meisterschaft in der Stadtliga Berlin errungen und stand nun in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga. Das erste Spiel beim späteren Aufsteiger Bayern München hatten die Borussen zwar mit 0:2 verloren und mit Alemannia Aachen trafen sie im ersten Heimspiel ausgerechnet auf den heißesten Aufstiegskandidaten, aber für Hans Rosenthal war all das an diesem Tag ein bisschen weniger wichtig als bei anderen Spielen: Anders als die regulären Saisonspiele fanden die Begegnungen der Aufstiegsrunde wegen des zu erwartenden größeren Zuschauerandrangs im Olympiastadion statt, jenem Bau, in dem die Nazis nur 29 Jahre zuvor anläßlich der Olympischen Spiele der Weltöffentlichkeit ihre Scharade vom harmlosen Deutschland vorgespielt hatten.

Damals hatte Rosenthal noch im Prenzlauer Berg gewohnt und war gerade einmal elf Jahre alt. Sein Vater arbeitete bei der Deutschen Bank und spielte Klavier. Mit zwei weiteren Musikern hatte er eine Kapelle namens »Rosé« gegründet und trat in Bars und Kneipen auf. Rosenthals Mutter war Hausfrau und kümmerte sich um Hans und seinen kleinen Bruder Gert.

Vater Rosenthal verlor zunächst seinen Arbeitsplatz in der Bank, weil er Jude war, dann verlor Hans seinen Vater, weil der Stress und die Lebensumstände dessen Nierenleiden so verschlimmerten, dass er schließlich daran starb. Am 9. November 1938 fuhr der junge Hans Rosenthal mit seinem Fahrrad durch die Oranienburger Straße und sah die große Synagoge brennen, in Brand gesteckt von einem deutschen Volksmob. 1941 starb Hans Rosenthals Mutter an Krebs, er und Gert waren nun Vollwaisen. Während sein Bruder in ein Waisenhaus kam, musste Hans im Berliner Umland erst als Friedhofsgärtner, dann auf Bauernhöfen Zwangsarbeit verrichten. Später kam er in eine Blechemballagenfabrik in Torgelow im heutigen Vorpommern. Gert war zu jung für die Zwangsarbeit. Im Oktober 1942 wurde er deportiert und in einem KZ ermordet.

Dass Rosenthal noch lebte, verdankte er mehreren Zufällen: Kurz nachdem er, um näher bei seinem Bruder zu sein, ins Waisenhaus in der Schönhauser Allee gezogen war, wurde das Lager aufgelöst, in dem er zuvor hatte hausen müssen, alle Bewohner wurden deportiert. Als er von dort wiederum in ein Jugendwohnheim der jüdischen Gemeinde ziehen musste, wurde auch das Waisenhaus geschlossen. Auf seiner Flucht von Torgelow aus nach Berlin, wo er untertauchen wollte, wurde er von zwei Polizisten aufgegriffen, weil er keine Papiere hatte. Doch da die Beamten Hunger hatten und ihre Mittagspause nicht versäumen wollten, ließen sie ihn laufen.

In Berlin tauchte Rosenthal in einer Laubenkolonie in Lichtenberg unter. Eine Freundin der Familie und zwei Nachbarinnen versteckten und versorgten ihn, obwohl ihre Lebensmittelmarken kaum für eine Person reichten. Wenn die anderen, die »Volksdeutschen«, sich in ihre Bunker verkrochen, weil es wieder Bomben regnete, traute Rosenthal sich manchmal aus seinem Versteck. Er legte sich auf eine nahe Wiese und beobachtete die Lichter der Bomber am Himmel, die für ihn die Hoffnung auf die baldige Befreiung bedeuteten.

Die Befreiung kam. Rosenthal überlebte die Naziherrschaft und den Krieg. Als mittlerweile zwanzigjähriger Mann konnte er nun zum ersten Mal selbst bestimmen, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Er entschied sich für eine Karriere beim Rundfunk, für den er eine Faszination entwickelt hatte in all den Nächten, in denen er bei guter Witterung mit seinem kleinen Radio über Kopfhörer die BBC gehört hatte, in der Hoffnung auf Neuigkeiten über die Nähe der Front zu Berlin. Sein erster Arbeitgeber war der Berliner Rundfunk, der unter der Kontrolle der sowjetischen Besatzungstruppen stand. Da Rosenthal die rigide Rundfunkpolitik der Sowjets missfiel, landete er jedoch nur drei Jahre später beim RIAS, dem »Rundfunk Im Amerikanischen Sektor«. Was folgte, war eine Bilderbuchkarriere in Funk und Fernsehen, die ihn zum beliebtesten Quizmaster der Bundesrepublik machte.

Zudem engagierte sich Rosenthal in der Jüdischen Gemeinde in Berlin und im Zentralrat der Juden in Deutschland. Eine seiner Leidenschaften war überdies von jeher der Fußball. Schon als Kind war er glühender Anhänger der Hertha gewesen und hatte mit Leidenschaft mit anderen Kindern gekickt. Nach dem Krieg fing er wieder an, selbst Fußball zu spielen, und gründete zusammen mit anderen eine Prominentenelf, die Benefizspiele austrug. Als Hans-Rosenthal-Team besteht sie noch heute. Seine Freundschaft zu dem Boxer Bubi Scholz führte Rosenthal zu Tennis Borussia, jenem in Lila-Weiß spielenden Verein im Stadtteil Westend, der bis in die dreißiger Jahre eine lebhafte jüdische Tradition gehabt hatte. Als er in Zeiten, in denen es um den Verein finanziell äußerst schlecht stand, seine Meinung unverblümt äußerte und damit auf offene Ohren stieß, wurde er schließlich sogar der Präsident von Tennis Borrussia und trug zur Sanierung des Clubs bei.

An dem eingangs erwähnten, eher lauen Sommertag des Jahres 1965 ging es jedoch nur am Rande um die Finanzen des Vereins. Auch dass seine Borussia nach der Führung durch Erhard Foit in der 67. Minute nur eine Minute später den Ausgleich hinnehmen und sich am Ende mit einem Unentschieden begnügen musste, dürfte für Hans Rosenthal kein Weltuntergang gewesen sein. Denn er saß in der sogenannten »Führerloge« im Olympiastadion, genau dort, wo Adolf Hitler gesessen hatte. Doch Rosenthal hatte überlebt. »Der würde sich im Grabe umdrehen, dachte ich mir«, schrieb er Jahre später in seiner Autobiographie.

Noch bis 1973 blieb Rosenthal Vorsitzender des Vereins. Dann hatte er genug, obwohl er zeitlebens ein Anhänger von Tennis Borussia blieb. Vor 25 Jahren, am 10. Februar 1987, verstarb Hans Rosenthal nach kurzer Krankheit an Magenkrebs. Er wurde 61 Jahre alt.

Münster: Deviants vs. Vorstand

Nachdem Trainer Marc Fascher die Brocken in Münster hingeworfen hat, haben sich die aktiven Fans die Vetternwirtschaft innerhalb der Vereinsstrukturen zur Brust genommen. Hier mal ein kleiner Abriss ihrer Forderungen:

• Der Vorstand soll den sportlichen Leiter kontrollieren, faktisch sitzt der sportliche Leiter selbst im Vorstand.

• Der Aufsichtsrat hat laut Vereinssatzung die Funktion, den Präsidenten und den Vorstand zu kontrollieren, im Endeffekt sind Aufsichtsratschef Thomas Bäumer und Präsident Marco de Angelis sehr gut miteinander befreundet und greifen sich gegenseitig gerne unter die Arme.

• Der Ehrenrat hat eigentlich nur die Aufgabe die Ordnung im Verein zu wahren und Streit zu schlichten, praktischerweise ist auch hier der Ehrenratsvorsitzende in Person von Herrn Dr. Pfeiffer ein langjähriger Freund von Marco de Angelis und selbstverständlich auch mit Thomas Bäumer gut bekannt. Zudem mischt sich der Herr auch in Bereiche ein, die weit über seinen Kompetenzbereich hinausgehen. Der Ehrenrat entscheidet außerdem wer überhaupt geeignet ist um in den Aufsichtsrat zu kommen. Vor unliebsamen Bewerbern sind die Herren somit geschützt.

• Und wie verhält es sich mit den Medien? Die WN sitzt seit diesem Jahr wieder selbst im Aufsichtsrat, vertreten durch den Marketingleiter Mark Zahlmann und scheint bewusst auf vorstands- und aufsichtsratkritische Artikel zu verzichten.

Der Verein reagiert nervös. Kritische Spruchbänder werden vom Ordnungsdienst abgenommen und es wird mit einem Eingreifen der Polizei gedroht. Damit wird ziemlich deutlich, dass die Deviants den Finger in die richtige Wunde gelegt haben. Getreu dem Motto: „Lieber Becher auf dem Rasen, als Flaschen im Vorstand“ wünschen wir den Ultras in Münster viel Erfolg im Kampf um ihren Verein!

Der Präsident ist nackt

Werbung fürs eigene Blatt oder das bessere Mittel, um Missstände zu enttarnen? Warum ein Sportredakteur der „Taz“ DFB-Präsident werden will

Quelle: Freitag

Manchmal sind Medien einfach nur Medien: Mittel, die dazu da sind, Informationen zu transportieren. Wenn zum Beispiel der Deutsche Fußballbund (DFB) einen neuen Präsidenten ausrufen will, dann ist die Rolle der Sportmedien sehr einfach zu bestimmen: Sie sollen am Ort der Verkündung anwesend sein und den einzigen Kandidaten, der für das Amt auserkoren wurde, halbwegs richtig schreiben: Niersbach mit ie, Vorname: Wolfgang. So wird ab März der neue Präsident des größten Sportfachverbandes der Welt heißen.

Niersbach hat nämlich keinen Gegenkandidaten. Es sei denn, man nähme die Medien ernst. Andreas Rüttenauer ist Sportredakteur der Taz und hat seine Kandidatur angekündigt. Er wird aber nicht DFB-Präsident werden. Und zwar weil er es nicht darf: Nominiert werden kann ein Kandidat nur von einem Landesverband des DFB. Nicht von Vereinen, nicht von Fans und natürlich auch nicht von den Medien.

Was Rüttenauer will, hat er der Sport­öffentlichkeit mitgeteilt: den Fußball zu einer „Graswurzelbewegung“ machen, dem DFB „echte Demokratie“ beibringen und die „ungebremste Kommerzialisierung“ doch irgendwie ausbremsen. Was Rüttenauers – nennen wir ihn einfach mal so – Gegenkandidat Wolfgang Niersbach inhaltlich will, hat er noch nirgends gesagt. Keine Konzepte, nur Verlautbarungen à la er, Niersbach, sei ein „Mannschaftsspieler“, er kenne den DFB „in all seinen Facetten seit über 20 Jahren“. Und: „Ich habe höchsten Respekt vor diesem Amt.“ Ein Wulff im DFB-Dress also. Oder – mit einem Textil weniger formuliert: Der Präsident ist nackt, und nur eine kleine Tages­zeitung hat sich getraut, diese Wahrheit auszusprechen.

Farblose Bürokraten

Auch wenn die Kandidatur von Andreas Rüttenauer nicht dazu führen wird, dass die Taz künftig den DFB-Chef stellt, so hat sie doch offengelegt, wie undemokratisch eine der wichtigsten Chefpositionen in dem, was sonntags gerne Zivilgesellschaft genannt wird, vergeben wird. Und sie hat gezeigt, wie wenig Ideen ein farbloser Bürokrat braucht, um Präsident des wichtigsten Sportverbandes des Landes zu werden.

Den Trick, dass man Missstände mit anderen Mitteln als einem scharfen Kommentar viel effektiver offenlegen kann, haben Rüttenauer und die Taz nicht erfunden. Im Mai letzten Jahres hatte der FAS-Feuilletonredakteur Claudius Seidl sich für das Amt des ZDF-Intendanten beworben – und mit dem bloßen Akt der Kandidatur offenbart, wie ausgekungelt die Postenver­gabe bei dieser Anstalt abläuft, die sich so gerne als öffentlich-rechtlich preist. Und im Frühjahr 2011 hatte der amerikanische Fußballjournalist Grant Wahl eine Kampagne für das Amt des Präsidenten des Weltfußballverbandes Fifa gestartet. Auch Wahl wurde nicht erst zur Wahl vorgelassen, denn es hätte sich – ähnlich wie bei Rüttenauer – ein Fifa-Mitgliedsverband finden müssen, der ihn nominierte. Doch Wahl gelang, was ihm mit einer Story im Blatt seines Arbeitgebers Sports Illustrated nie gelungen wäre: einer möglichst großen Öffentlichkeit zu zeigen, wie undemokratisch es im Weltfußball zugeht.

Ein Taz-, ein FAS- und ein Sports-Illustrated-Redakteur – nutzen hier nicht Zeitungsverlage bloß eine Bühne, um Werbung für ihre Print-Titel zu betreiben? Könnte man vermuten – wenn da nicht die anderen wären, die Amtsinhaber. Der designierte ZDF-Intendant Thomas Bellut ist gelernter Journalist, Fifa-Präsident Sepp Blatter war früher Sportjournalist, und was hat eigent­lich Wolfgang Niersbach vor seiner Funktionärskarriere gemacht? Er war Redakteur beim Sportinformationsdienst.

»Ich würde Dietmar Hopp enteignen«

Diether Dehm, Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, Liedermacher und Musikproduzent erklärt, wie sein Lied »Was wollen wir trinken…« nach Hoffenheim kam, wie viel Geld er damit verdient und warum er als Kind auf dem Schoß von Herberger saß.

Quelle: 11.Freunde

Diether Dehm, die TSG Hoffenheim verwendet den von Ihnen komponierten Song »Was wollen wir trinken…« als Tormusik. Drücken Sie Hoffenheim die Daumen?

Diether Dehm: Ich bin kein richtiger Hoffenheim-Fan, auch wenn ich für jedes Heimtor des Klubs 17 Cent an Tantiemen bekom

Sie sind also nicht enttäuscht, dass die TSG in dieser Saison erst 15 Tore in Heimspielen geschossen hat?

Diether Dehm: Nein. Bisher habe ich etwas über zwei Euro verdient. Aber selbst, wenn Sie mehr Tore hätten, würde das keinen großen Unterschied machen.

Wie ist es dazu gekommen, dass Ihr Lied in Hoffenheim gespielt wird?

Diether Dehm: Offensichtlich hat Dietmar Hopp das Lied ins Herz geschlossen. Vielleicht weiß er nichts von meinen politischen Ansichten, und dass ich ihn als SAP-Chef gern enteignen würde.

Ihr Lied ist nicht nur ein Trinklied, sondern sogar politisch. Es geht um die Solidarität der Arbeiter. Hat man in Hoffenheim den Text nicht verstanden?

Diether Dehm: Das Lied läuft ja auf allen möglichen Partys und befindet sich auch auf CDs wie »20 rattenscharfe Partyhits«. Das ist das Schicksal eines Volksliedes, das quasi missverstanden werden muss. Es ist eines von vielen Beispielen von Liedern mit revolutionärem Ursprung, die später nicht mehr über ihr ursprünglich politisches Engagement hinauswachsen.

Wie ist die Entstehungsgeschichte des Liedes?

»7 Tage lang« haben Hans Sanders, der verstorbene Chef der »bots«, und ich zunächst die Drehleierversion von Alan Stivell in Popmusik transformiert, dann für »Rock gegen Rechts« anlässlich eines NPD-Parteitages in Frankfurt 1979 umgeschrieben. Das Lied sollte den Nazis unsere eigene Lebensfreude entgegensetzen. Ursprünglich basiert es auf einem uralten bretonischen Volkslied über den Cidre. Wir wollten ein antifaschistisches Trink- und Feierlied mit einem Hauch des Bauernmalers Brueghel.

Die TSG Hoffenheim gilt als ein kapitalistisches Kunstprodukt. Ärgert es Sie, dass Ihr Lied ausgerechnet dort gespielt wird?

Diether Dehm: Natürlich ist das ein bisschen ironisch, aber ich will doch nicht reglementieren, auf wen die Lebensfreude des Liedes überspringt. Ich glaube nicht, dass große Unterschiede zwischen Hoffenheim und Bayern München bestehen. Es gibt nur noch ganz wenige Vereine, bei denen man von Vereinskultur und nicht nur von Kommerzkultur sprechen kann. Ich denke da zum Beispiel an Werder Bremen. Die halten auch in schweren Zeiten an Trainer Thomas Schaaf fest, machen echte Jugend- und langfristige Kaderarbeit.

Sind Sie also Werder-Fan?

Diether Dehm: Schon, aber nicht ursprünglich, denn ich stamme aus Frankfurt. Für meinen Vater war Fußball eine Möglichkeit, zeitweise den armen Verhältnissen, aus denen er stammte, zu entfliehen. Er wurde Berufsfußballspieler beim FSV Frankfurt und Sepp Herberger, Helmut Schön und Bernd Trautmann wurden Freunde meiner Eltern. Es gibt wohl auch ein Foto, was zeigt, wie ich bei Sepp Herberger auf dem Schoß sitze. Später wurde mein Vater Vizepräsident des FSV. Mein zweiter Vorname ist Willi, benannt nach Willibald Kreß, ebenfalls ein ganz enger Freund unserer Familie, der Anfang der dreißiger Jahre Torhüter in Frankfurt und der deutschen Nationalmannschaft war. Das legendäre Bollwerk des FSV mit Willi Kress im Tor und meinem Vater Otto Dehm als linkem Verteidiger ist sogar heute noch bei Wikipedia vermerkt.

Die Affinität zum Fußball wurde Ihnen also in die Wiege gelegt.

Diether Dehm: Ja. Und die habe ich mir auch erhalten. In den achtziger Jahren war ich mit Petra Roth, der Frankfurter Oberbürgermeisterin, jahrelang im Verwaltungsrat des FSV Frankfurt. Mit meinem Weggang aus Hessen hat aber auch meine Verbindung zum FSV nachgelassen. Aber Fußballfan bin ich wie eh und je. Wenn es die Bundestagszeit zulässt, bin ich bei meinem Heimatverein VfL Eiterfeld, den ich auch finanziell etwas unterstütze und wo demnächst sogar linke Bandenwerbung hängt.

Waren Sie schon einmal im Stadion von Hoffenheim?

Diether Dehm: Ja, ich hatte in der Nähe ein Brecht-Konzert gegeben und war danach bei einem Spiel. Ich dachte, die freuen sich, wenn ich komme, aber irgendwie war man dort eher irritiert. Die Pressesprecherin meinte, der Präsident habe leider keine Zeit für mich, würde sich aber später bei mir melden. Das hat er jedoch nie getan. Aber: Wer nicht will, der hat schon.

1860 München: Angriff von Rechts

Zweitligist 1860 München hat ein Problem und das kommt von rechts. In der Fankurve machen sich immer mehr Nazis breit. Inzwischen ist das Problem zu groß, um es einfach weiter zu ignorieren. Eine große Verantwortung tragen die Ultras.

Quelle: 11.Freunde

Im Block 132 stehen die Nazis. Manchmal sind es nur zehn, häufig aber auch um die 50 Personen. In der Nordkurve der Allianz-Arena, Heimat der Fans von 1860 München, haben sie sich seit langem eingerichtet. Im Nachbarblock der Ultras versammeln sie sich, ohne ein Hehl aus ihrer Einstellung zu machen, aber auch ohne strafrechtlich in Erscheinung zu treten. Viele tragen rechtsextreme Erkennungszeichen, wie Kleidung der Modemarke »Thor Steinar«. Und auch einen Fanklub haben sie mittlerweile gegründet. Sie nennen sich »Outsiders«.

Doch die Rechten stehen nicht soweit abseits, wie der Name suggeriert. Im Verein haben sich in der Vergangenheit viele mit ihnen arrangiert, indem sie sie einfach ignoriert haben. Die Vereinsverantwortlichen, die argumentieren, ihnen seien die Hände gebunden, so lange nicht gegen die Stadionordnung verstoßen wird. Die umstehenden Fans, für die nur zählt, dass jemand ein »Löwe« und nicht etwa ein »Roter« ist. Und die Ultras, die sich »unpolitisch« nennen und sich öffentlich nicht positionieren. Eine Ausnahme sind die »Löwenfans gegen Rechts«, eine Initiative, die seit 17 Jahren gegen die Ignoranz ankämpft.

Bei Nazi-Aufmärschen werden stolz Fan-Utensilien gezeigt

Ihr Sprecher Herbert Schröger sagt im Gespräch mit 11FREUNDE: »In jüngster Zeit hat das Problem an Dramatik zugenommen, allein schon wegen ihrer schieren Anzahl.« Auch stehen nicht etwa nur ein paar verirrte Jugendliche und Mitläufer in der Kurve, sondern führende rechtsextreme Kader. Regelmäßig kommt es vor, dass »Größen« der lokalen Naziszene bei Aufmärschen und öffentlichen Auftritten stolz ihre Fanutensilien präsentieren.

Im Dezember erörterte Schrögers Initiative dem Aufsichtsrat der Sechziger das Problem und stieß erstmals auf offene Ohren. Geschäftsführer Robert Schäfer versprach im Anschluss endlich etwas »zu unternehmen«. Ein Maßnahmenkatalog wurde entworfen, künftig wolle man sich eindeutig positionieren. Unterstützung erhielten die Bemühungen auch durch die öffentliche Diskussion nach der Veröffentlichung eines Artikels auf Spiegel Online.

Als die Ultras protestierten, kamen die Nazis

Dass es höchste Zeit wird, den Nazis etwas entgegen zu setzen, beweisen Vorfälle aus der jüngsten Vergangenheit. Als im April die Ultra-Gruppe »Cosa Nostra« bei einem Heimspiel gegen Energie Cottbus aufgrund der bevorstehenden Übernahme des Vereins durch einen jordanischen Investor einen Stimmungsboykott startete, waren die Rechten sofort zur Stelle. Sie stimmten die Fangesänge an und versuchten die Kurve hinter sich zu bringen. Anscheinend berauscht von der Vorstellung, nun die neuen Hausherren zu sein, folgte im selben Spiel noch ein Angriff auf die Ultras, als Mitglieder der Jugendgruppe »Giasinga Buam« ein vereinskritisches Transparent entrollten. Zahlreiche Gegenstände flogen auf die Ultras, es kam zu einem Handgemenge, das erst durch den Einsatz von Ordnern und Polizei beendet werden konnte. In »Kurvenpate«, dem Fanzine der »Cosa Nostra« heißt es dazu später lapidar: »Es gab ein kurzes Scharmützel zwischen uns und den Nationalen Sozialisten im Block 132.«

»Sobald die Ultras nicht da sind, versuchen die Nazis, die Stimmungshoheit im Stadion zu erlangen«, sagt Andrea Sailer vom Fanprojekt München. Ein erneuter Beweis für diese Aussage lieferte das Testspiel von 1860 bei Red Bull Salzburg Ende Januar. Die aktiven Ultra-Gruppen boykottierten das Spiel aufgrund des Gegners, der den eigenen Vorstellungen traditioneller Fußball-Werte zuwider läuft und machten damit Platz für die Kameraden aus Block 132. Diese fuhren mit circa 50 Mann nach Salzburg und positionierten sich zentral im unteren Teil des Gästeblocks. Während Andrea Sailer vom Fanprojekt erwähnt, dass die Nazis nicht nur aus taktischen Gesichtspunkten zu den Spielen gehen, sondern auch weil sie »Fans von 1860« sind, ist sich Herbert Schröger sicher. Es handelt sich um eine »bewusste Strategie« der Rechtsextremen, die »gezielt jedes Vakuum nutzen.«

Noch fehlt eine klare Positionierung der Ultras

Die Gefahr eines unbegrenzten Freiraums für die Nazis bestand vor dieser Saison. Die bis dahin tonangebende Gruppierung »Cosa Nostra« hatte sich aufgrund der Investoren-Übernahme zurückgezogen und lange war nicht klar, ob die »Giasinga Buam« ihre Rolle übernehmen oder es ihnen womöglich gleich tun würden. »Ein Rückzug der Ultras wäre bitter gewesen«, ist sich Schröger sicher. Doch die sich nach außen hin unpolitisch artikulierenden Ultras waren sich ihrer Verantwortung bewusst, wie eine Stellungnahme auf ihrer Homepage beweist: »Wir haben uns entschlossen, die Kurve nicht Personen zu überlassen, deren Gesinnung und Ziele wir in keiner Weise tolerieren.«

Zu einer Positionierung, die das Problem beim Namen nennt, haben sich die Ultras jedoch nicht durchgerungen. Und das darf angesichts der Problemlage durchaus kritisiert werden. Allein dadurch, weiterhin selbst die Stimmung zu machen, sagt man den Nazis noch nicht den Kampf an. Die Vermutung liegt nahe, dass die Ultras sich mit ihrer Vorgabe unpolitisch zu sein, selbst im Wege stehen. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass sich Ultras, die sich gegen bestehende rechte Strukturen zur Wehr setzen, Gefahr laufen, zur Zielschreibe der Nazis zu werden. Beispiele gewalttätiger Übergriffe von rechten Hooligans auf Ultras sind unter anderem aus Bremen, Braunschweig und Aachen bekannt.

Zu viel Verantwortung für »diese jungen Menschen«?

Andrea Sailer nimmt die überwiegend sehr jungen Ultras gegen Kritik in Schutz: »Ich weiß nicht, ob man diesen jungen Menschen nicht zu viel Verantwortung zuschreibt. Entscheidend ist das Handeln des Vereins.« Und bei dem »hat sich in den vergangenen Wochen viel getan«. Und wenn Geschäftsführer Schäfer im Interview mit der Abendzeitung fordert, »alle Löwen müssen aufstehen und sich wehren«, sollte er auch an die Rolle der Ultras denken. Ihr Beitrag ist womöglich der Entscheidende.

Unterwegs mit Al-Ahly-Anhängern in Kairo

Einen Tag nach der Katastrophe von Port Said zogen tausende Al-Ahly-Anhänger durch das Chaos von Kairo und forderten den Sturz des Militärregimes. Unser Autor Raphael Thelen hat die aufgewühlten Fans begleitet.

Quelle: 11.Freunde

Auf eine Krücke gestützt steht Mohammed vor dem Vereinsheim von Ahly im Zentrum Kairos. Unter seinem roten Trikot trägt er einen Verband, sein rechter Fuß ist eingegipst. Er ist einer der vielen Verletzten der Krawalle nach dem Spiel seines Teams gegen Port Saids Al-Masry SC. »Die Fans von Al-Masry bewarfen schon auf dem Hinweg unseren Zug mit Steinen«, sagt Mohammed. »Das war eine geplante Sache.« Seine Stimme bebt.

Gewalt bei Fußballspielen ist in Ägypten keine Neuheit, doch normalerweise richtet sie sich gegen die Polizei. Der Vorfall am Mittwoch, bei dem 74 Menschen getötet wurden, hat das Land schockiert. Vor allem die Fans von Al-Ahly können nicht glauben was ihrem Verein angetan wurde. (mehr…)

Die Revolution frisst ihre Kinder

71 Tote, hunderte Verletzte ist die Bilanz eines Fußballspiel in Ägypten. Fans der Heimmannschaft Al-Masri stürmten das Spielfeld und griffen die Spieler und Fans der gegnerischen Mannschaft Al-Ahly aus Kairo an. Die meisten Toten sind Fans des Hauptstadtklubs. Vielen von ihnen waren in die Revolution vor einem Jahr politisch involviert. Sie selbst bezeichneten sich als die Speerspitze der Revolutionsbewegung. Deshalb wird jetzt spekuliert ob die Gewalt im Fußballstadion politisch motiviert war.

In Port Said soll ein Großteil der Polizisten bereits vor dem Schlusspfiff abgezogen worden sein. Die übrig gebliebenen Sicherheitskräfte, teils auf Klappstühlen sitzend, eilten niemandem zur Hilfe. Der Gouverneur von Port Said war bei dem Spiel nicht anwesend – zum ersten Mal in der Geschichte. Der Premierminister hat mittlerweile den Rücktritt des Gouverneurs angenommen.SPON

Die Spieler von Al-Ahly wollen auch zurücktreten. Aber aus ganz anderen Gründen. „Da sind Leute vor unseren Augen gestorben“, sagte Torhüter Ikrami der Presse gegenüber. Wie könne es möglich sein, da wieder Fußball zu spielen. „Wir können überhaupt nicht daran denken.

„Das ist die Rache der Revolutionsgegner an uns“, sagt Mahmoud Abol Fotouh, ein Al-Ahly-Ultra aus Kairo. Und auch Al-Ahly Spieler Mohamed Aboutrika ist sich sicher, dass das Massaker geplant war. „Das ist kein Fußball, das ist Krieg“, sagt er im clubeigenen Fernsehkanal. Es habe keine Sicherheitskräfte und keine Krankenwagen gegeben.

Gewöhnlich gibt es in Ägypten beim Einlass ins Stadion strikte Sicherheitskontrollen. Doch Augenzeugen zufolge fanden Kontrollen am Mittwochabend nur vereinzelt statt. Stattdessen sei ein Großteil der Polizei, die üblicherweise als letzte das Stadion verlässt, frühzeitig abgezogen. Die übrig gebliebenen Polizisten eilten niemandem zur Hilfe, schauten bei der Menschenhatz zu.SPON

Rainer Zobel, der in den vergangenen zwölf Jahren mehrfach in Ägypten gearbeitet hat, unter anderem als Trainer von Al-Ahly erzählt gegenüber 11.Freunde:

Die Partie wurde in der Presse schon vor Wochen als »Spiel der Vergeltung« angekündigt. Das impliziert einen politischen Hintergrund.

Auch in Kairo kam es zu Auseinandersetzungen bei einem Fußballspiel. Ob es einen Zusammenhang zwischen beiden Eregnissen gibt, ist bisher unklar.

Innenminister plant Gesichtsscanner in Stadien

Achtung, Aufnahme: Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz will Gesichtsscanner in Fußballstadien einsetzen lassen. Datenschützer und Fans laufen Sturm gegen die geplanten Überwachungsmaßnahmen, der DFB dürfte über einen neuen Konflikt nicht begeistert sein.

Quelle: SPON

Einmal schon war er wer. 2007, als die Mächtigen der Welt zu ihm nach Mecklenburg-Vorpommern kamen, als sich Zehntausende Polizisten und Demonstranten ein verschärftes Geländespiel in den Rapsfeldern rund um Heiligendamm lieferten und er die Truppen kommandierte: Lorenz Caffier, gelernter Forstfacharbeiter, diplomierter Ingenieur für Landtechnik und amtierender CDU-Innenminister. Jetzt, fünf Jahre später, steht er wieder auf der großen Bühne.

Inzwischen nämlich hat das nordöstlichste Bundesland, in dem auch der Wahlkreis Angela Merkels liegt, den Vorsitz der Innenministerkonferenz übernommen. Womit wiederum Lorenz Caffier für die Dauer eines Jahres einer der bedeutendsten Sicherheitspolitiker Deutschlands ist – und diese Zeit will sinnvoll genutzt sein. Der als bodenständig geltende Pastorensohn hat sich daher ein Projekt verordnet, das er wohl für ebenso wichtig wie schlagzeilenträchtig hält.

Es geht um Hooligans.

Caffier plant, künftig Gesichtsscanner in Fußballstadien einzusetzen. Damit sollten Randalierer, Caffier sagt „Chaoten“, zuverlässig aus den Arenen ferngehalten werden. Die Geräte könnten die Gesichter der Besucher mit Bildern aus der Datei „Gewalttäter Sport“ abgleichen und Alarm schlagen, wenn sich ein Problemfan in die Arena schleichen will. Der Minister geht davon aus, dass Stadionverbote derzeit nicht wirksam durchgesetzt werden, weil etwa bei Auswärtsspielen die Rowdys nicht zweifelsfrei identifiziert werden könnten.

Nach Auskunft des Schweriner Innenministeriums hat man daher eine Machbarkeitsstudie zum Einsatz der Gesichtsscanner in Auftrag gegeben. Eine Arbeitsgruppe soll nun die Möglichkeiten der Technik und deren rechtliche Einsetzbarkeit prüfen. Dabei würden auch internationale Expertisen berücksichtigt, heißt es. Anschließend werde man versuchen, in einem Pilotprojekt eigene Erfahrungen zu sammeln: Big Brother bei Hansa Rostock.

Fan-Kenner spricht von Armutszeugnis für die Demokratie

Datenschützer kritisieren die Pläne jedoch scharf. Auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage sagt der Kieler Thilo Weichert, dass er „massive Bedenken“ gegen Gesichtserkennungsmaßnahmen in Stadien habe. Betroffen wären „nicht nur Gewalttäter, sondern in der Hauptzahl unschuldige und unverdächtige Personen, die sich ein Fußballspiel anschauen wollen“. Es bestehe „eine hohe Gefahr“ von falschen Treffern, aus denen wiederum unangenehme polizeiliche Maßnahmen entstehen könnten.

Die Hoffnung, mit Gesichtserkennung Sicherheit in die Fußballstadien zu bekommen, ist absolut illusorisch“, so Weichert. Es gebe keine technischen Lösungen für soziale Probleme. „Gesichtserkennung ist derzeit noch ein untaugliches und perspektivisch weiterhin ein äußerst gefährliches Hilfsmittel.

Der Berliner Soziologe und ehemalige Sprecher des Fanbündnisses Baff, Gerd Dembowski, ist empört von den Überwachungsplänen: „Es ist ein Armutszeugnis für jede Demokratie, wenn an solche Methoden gedacht wird.“ Den Ursachen des Hooliganismus komme man nicht mit „Gesichtserkennungsrobotertum“ bei. Die dazu benötigten Finanzmittel sollten besser für Fachleute aufgebracht werden, die das Verhalten von Polizei und Fans analysierten und alternative Handlungsmöglichkeiten entwickelten.

Der bundesweite Dachverband der Fan-Organisationen lehnt den Vorstoß ebenfalls ab: Hier würden „unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Straftaten die Bürgerrechte noch weiter ausgehöhlt“, so der ProFans-Sprecher Philipp Markhardt. Es handele sich lediglich um den „Testballon“ einer Technik, die später auch auf anderen gesellschaftlichen Feldern zur Anwendung kommen werde.

Der Deutsche Fußball-Bund wollte sich zu dem Thema derzeit nicht äußern, dürfte allerdings kein Interesse an einer neuen Auseinandersetzung mit den Fans haben. Schließlich hat sich der Konflikt in der Debatte um den Einsatz von Pyrotechnik in den Stadien, der zwischenzeitlich eskaliert war, erst Anfang Januar ein wenig abgekühlt.

Polizeigewerkschaft spricht von „sinnvoller Sache

In der Praxis ist es mitunter tatsächlich so, dass die von den Vereinen ausgesprochenen Stadionverbote vor allem von sogenannten Szenekundigen Beamten der Polizei kontrolliert werden. Sie weisen die Clubs auf diejenigen hin, die eigentlich gar nicht mehr in den Arenen sein dürften. In der Praxis stelle das aber kein großes Problem dar, sagt der Sicherheitsbeauftragte eines Bundesligisten, die Undercover-Störer verhielten sich zumeist sehr unauffällig.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) begrüßt dennoch die Erprobung der Gesichtsscanner. „Ich halte das für eine sinnvolle Sache“, so der Bundesvorsitzende Rainer Wendt. „Wir müssen alle rechtlichen und technischen Möglichkeiten ausschöpfen, um Schläger aus den Stadien herauszuhalten.“ Die Datei „Gewalttäter Sport“ biete dazu eine hervorragende Grundlage.

In dieser Hooligan-Kartei, die im nordrhein-westfälischen Duisburg geführt wird, sind nach offiziellen Angaben derzeit etwa 13.000 Personen erfasst. Fan-Anwälte monieren seit geraumer Zeit, dass die Behörden nicht darüber informierten, wer in die Sammlung aufgenommen werde. Auch sei eine Löschung der Daten nur äußerst schwierig zu erreichen.

Ein erster biometrischer Feldversuch des Karlsruher Instituts für Technologie war bereits im vergangenen Sommer auf ganzer Linie gescheitert. Die Wissenschaftler hatten im Karlsruher Wildpark bei drei Heimspielen des KSC ihr Projekt „Parallele Gesichtserkennung in Videoströmen“ erproben wollen. Kameras sollten Testpersonen auf den Tribünen erkennen.

Doch der Protest der Fans fiel so heftig aus, dass das Experiment schließlich abgesagt werden musste. In einer Stellungnahme des baden-württembergischen Innenministers Reinhold Gall (SPD) auf eine parlamentarische Anfrage zweier Landtagsabgeordneter hieß es dann später, das Polizeigesetz enthalte keine Rechtsgrundlagen für derartige Überwachungsmethoden. „Besondere Vorsicht“, so war zu lesen, sei beim Einsatz dieser Techniken an „sensiblen Orten“ geboten – die da wären: Friedhöfe, Flughäfen, Fußballstadien.