Archiv für Juni 2012

Wie Ali gegen Liston

Wie viele Muskeln passen auf einen Oberkörper und wer zählt sie nach? Mit seinen beiden Toren und dem doppelten Bizeps hat sich Mario Balotelli endgültig zum Star dieser EM gepost. Ein ikonisches Bild, das seinen Anfang in den Katakomben nahm.

Quelle: 11.Freunde

Dartpfeile, Sportwagen, Strafzettel, Silvesterböller, Mafianähe, Why always me. Ja ja, bla bla. Die Skandale und Anekdoten von und zu Mario Balotelli sind hinlänglich beschrieben, fast ist man ihrer überdrüssig. Gerade deshalb nimmt sich das gestrige Halbfinale angenehm aus, will man endlich mal über Balotelli schreiben, ohne ihn gleich wieder als Egomanen oder Bad Boy, wahlweise auch als Querulanten oder Paradiesvogel zu stempeln. Denn gestern war gemäß dem alten Motto von Alfred Preißler entscheidend wirklich nur auf dem Platz. Und da überragte der Stürmer alle.

Seinen Lauf nahm das Schicksal, das sich für die Deutschen als kein günstiges erweisen sollte, schon im Kabinengang. Draußen kochte der Stadionanimateur die Stimmung hoch, drinnen versammelten sich die Gladiatoren, bereit zum Einmarsch in die Arena. Die Löw’schen Zöglinge blickten ernst an der Kamera vorbei, fast verkniffen. Man konnte das Fokus nennen oder positive Anspannung, aber es war eines sicherlich nicht: Über alle Maßen strotzendes Selbstbewusstsein, gepaart mit dieser Prise Lockerheit und Süffisanz. Beides braucht es indes manchmal, um dem Fußball besondere Momente abzutrotzen, und beides ließ eher sich am hinteren Ende der Katakomben feststellen.

Da stand Mario Balotelli und grinste, nein, eigentlich deutete er ein Grinsen nur an, die Mundwinkel hoben sich spöttisch, er guckte gleichsam an der Kamera vorbei, aber einmal guckte er auch direkt hinein. Als TV-Zuschauer wusste man sich von der bösen Ahnung nicht zu befreien, der Junge mit dem Hahnenkamm plane irgendeine Ungeheuerlichkeit.

Zerren und Reißen, wie ein kleines Kind

Balotelli ließ sich Zeit. Die Anfangsphase besah er sich zumeist im Mittelkreis, weil das deutsche Team drückte und drängte. Bis zur 20. Spielminute. Kollege Antonio Cassano kreiselte Boateng und Hummels schwindlig, seine Flanke senkte sich an den Fünfmeterraum. Weil ein böser Unbekannter Holger Badstuber mit Pattex an den Rasen geleimt hatte, drückte Balotelli den Ball ohne große Gegenwehr über die Linie. Es hätte aber auch keinen Unterschied gemacht, wäre Badstuber hochgestiegen. Die Art und Weise, wie der Stürmer gelauert, wie er sich in des Verteidigers Rücken geschlichen und mit zwei, drei schnellen Schritten vom Boden katapultiert hatte, ließe keinen Zweifel daran, dass Balotelli diesen Treffer wollte. Zur Erinnerung: Badstubers Mimik im Spielertunnel war irgendwo zwischen totaler Humorlosigkeit und Verstehen-Sie-Ernst gependelt. Ein solides Gesicht. Kein Grinsen.

Sein 1:0 bejubelte Balotelli wie ein kleines Kind, er spurtete in die Arme der Kollegen, riss und zerrte dabei an seinem Trikot. Fast schien es, als überlegte der Irokese von Manchester City jetzt schon, den Stoff über den Kopf zu reißen. Er tat es nicht. Weil das Tor zwar schön, aber nicht spektakulär gewesen war. Weil ein schönes, aber noch dazu spektakuläres Tor wartete. Das süffisante Grinsen. Balotelli musste es geahnt haben.

Er kam, sah – und zerschoss das Netz

In der 36. Minute hebelte Riccardo Montolivo die deutsche Abwehr aus, und während Philipp Lahm noch mit dem 50:50-Joker zwischen Manndeckung und Abseitsfalle zu entscheiden suchte, stampfte Mario Balotelli auf Manuel Neuer zu. Ähnliche Situationen hatte es im Viertelfinale gegen England en masse gegeben, erst recht natürlich im Auftaktduell mit Spanien, als sich ein einschlafender Balotelli noch von Sergio Ramos abgrätschen ließ. Gegen Deutschland wollte er sich diesen Vorwurf nicht machen lassen, nicht schon wieder. Balotelli kam, sah – und zerschoss das Netz.

Manuel Neuer, bei einem gefühlvolleren Versuch ob seiner linkischen Handballreaktionen vielleicht mit Abwehrchance, blieb so nur der leere Blick in den Knick. Mario Balotelli hatte nicht einfach nur ein Tor geschossen. Er hatte den Ball reingegrinst, süffisant und entschlossen zugleich. Das 2:0 war ein Ausrufezeichen mit 123 km/h. »Untrainierbar«, so einst die ätzende Kritik von José Mourinho am wankelmütigen, auf der Rasierklinge reitenden Balotelli. Die beiden Tore gegen Deutschland waren auch untrainierbar, auf ihre Art.

Ein einziger, jubelnder Muskel

Und als sei es damit noch nicht genug, zog er diesmal wirklich blank. Der Doppelpacker verschränkte die Arme, ballte die Fäuste, wartete auf die Kollegen. Der ganzer Körper wurde zu einem einzigen Muskel, sehnig und glatt und archaisch, und Mario Balotelli grinste, ohne zu grinsen. Genauso muss sich Muhammad Ali gefühlt haben, über Sonny Liston gebeugt, 1965. Ein ikonischer Moment dieser Europameisterschaft, vielleicht sogar der Fußballgeschichte. Das wird das Finale zeigen. Sollte Balotelli auch gegen die Spanier so urgewaltig auftreten, sprich: Tore schießen, Bälle behaupten, abschirmen und ablegen, Freistöße und Einwürfe holen, sich sogar defensiv bis zum Wadenkrampf aufreiben – dann ist er wirklich der Größte.

Hass im Spiel

Trotz Punktabzugs wegen antisemitischer Beleidigungen ist der Fußballverein BSV Hürtürkel in die Berlin-Liga aufgestiegen.

Quelle: Jungle World

Der Lilli-Henoch-Sportplatz befindet sich im Berliner Bezirk Kreuzberg. Das kleine Stadion ist nach einer jüdischen Leichtathletin benannt, die zehn Mal Deutsche Meisterin und vierfache Weltrekordlerin wurde, ehe die Nazis sie aus dem öffentlichen Leben verbannten und 1942 ermordeten. Auf dem Sportplatz trägt der Berliner Fußballclub BSV Al-Dersimspor seine Heimspiele in der 2. Staffel der siebtklassigen Landesliga aus. Vor anderthalb Wochen empfing Dersimspor zum Saisonabschluss den Neuköllner Club BSV Hürtürkel.

Der hatte eigentlich schon in der Vorwoche mit einem Sieg den Aufstieg in die Berlin-Liga geschafft. Doch zuvor hatte der Berliner Fußball-Verband (BFV) Hürtürkel drei Punkte abgezogen. Das Sportgericht des BFV sah es als erwiesen an, dass Spieler und Trainer des Neuköllner Vereins im März beim Punktspiel gegen TuS Makkabi Mitglieder des jüdischen Vereins antisemitisch und rassistisch beleidigt hatten. Auf der Website des TuS hieß es, »unsere Spieler und Offiziellen, sowie unsere Trainer« wurden »permanent sowohl von Zuschauern, als auch seitens der Bank der Gastgeber beschimpft und beleidigt«. Der Verein fragte: »Kann und darf eine solche durch blanken Hass geprägte Atmosphäre der Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen folgenlos bleiben?« Durfte sie nicht.

Inzwischen untersuche man bereits vor den Spielen, wo es Risikofaktoren gebe, und gehe auch Hinweisen aus den Vereinen nach, sagt Kevin Langner, der Pressesprecher des BFV, der Jungle World. Deswegen habe man die Partie im März auch durch eigene Beobachter überwachen lassen. Sie bestätigten im Gerichtsverfahren die Berichte der Mitglieder von Makkabi. Demnach wurden TuS-Spieler als »Scheiß-Nigger« beschimpft, einem Makkabi-Mitglied wurde gesagt: »Du stinkst schon wie ein Jude.« Hürtürkel-Trainer Vedat Beyazit soll, als sein Team den Siegtreffer erzielte, den Ersatzspielern von Makkabi auf Türkisch zugerufen haben: »Jetzt haben wir euch Juden gefickt!« Deswegen kam nun erstmals der vom BFV auf seinem Verbandstag 2010 beschlossene Paragraph 46, der »Diskriminierung und ähnliche Tatbestände« sanktioniert, in einer so hohen Spielklasse zur Anwendung. Darin heißt es: »Verhalten sich Spieler, Offizielle oder Zuschauer in irgendeiner Form rassistisch oder menschenverachtend«, werden »der betreffenden Mannschaft, sofern zuordenbar, beim ersten drei und beim zweiten Versuch sechs Punkte abgezogen.« Neben dem Abzug von drei Punkten wurde Hürtürkels Spieler Gzim Jahdauti für ein halbes Jahr und Trainer Vedat Beyazit für elf Monate gesperrt.

Auch wenn einige Beobachter diese Strafen für zu milde halten, zeigt der Vorgang, dass der BFV dazugelernt hat. Noch 2006 kam es bei ähnlichen Vorfällen beim Gastspiel des TuS Makkabi bei der VSG Altglienicke zu einer erstaunlichen Reaktion. Als ein Makkabi-Spieler den Schiedsrichter um Hilfe bat, stellte dieser ihn vom Platz. Der damalige TuS-Vorsitzende Tuvia Schlesinger warf dem Verband daraufhin Passivität vor. Weniger einsichtig als der BFV damals zeigen sich derzeit die Vertreter des BSV Hürtürkel. Schon am Freitag vor dem Gastspiel bei Dersimspor hatte der Club gegen das Sportgerichtsurteil Berufung eingelegt. Am Tag nach der Partie trat der Vorsitzende von Hürtürkel, Orhan Akcay, aus Protest gegen das »skandalöse Urteil« von seinem Amt zurück.

»Hürtürkel sagt Nein zu Rassismus«, hieß es auf T-Shirts, die Mitglieder am Spieltag trugen. »Wir sind ein multikultureller Verein, diese Anschuldigungen werfen ein schlechtes Licht auf uns«, sagte Akcay. Beides darf getrost bezweifelt werden. Insider berichten von personellen Verbindungen zwischen Hürtürkel und den nationalistisch-rassistischen »Grauen Wölfen«, die für ihren Hass auf Kurden und Juden bekannt sind. Deren Symbol soll jahrelang in der Hürtürkel-Geschäftsstelle gehangen haben. Nun machten die Spieler des Clubs mit einem 1:1 bei Dersimspor trotz des Punktabzugs den Aufstieg perfekt. Und treffen nächste Saison erneut auf den TuS Makkabi, der ebenfalls aufgestiegen ist.

Feuer über Kiew

Nicht nur die Femen-Frauen wettern gegen die EM, auch Ultras und Fans von Dynamo Kiew. Sie prangern die Korruptheit und Scheinheiligkeit der Machthaber an – und haben Logos mit dem Slogan »Fuck Euro 2012« entworfen.

Quelle: 11.Freunde

Vor einigen Tagen rief Igor Surkis an. Der Präsident von Dynamo Kiew klang aufgeregt, völlig durch den Wind. Er bestellte Ievgen Shchelkunov in sein Büro, und Ievgen ahnte, dass er ein Problem bekommt. Als er vor Surkis saß, hielt dieser ihm einen Brief unter die Nase, Absender war die Regierungsverwaltung. In dem Schreiben stand, dass Ievgen Anführer einer Anti-EM-Initiative sei. »Was soll das?!«, schrie Surkis.

Der junge Fan sitzt auf einem Sofa in einem kleinen Club, ein privater Treffpunkt einiger Dynamo-Kiew-Anhänger, ein Aufenthaltsraum im Souterrain, Sessel, Beamer, zwei Tische, eine Spanien-Flagge vor dem Fenster, hinter dem Tresen eine der Ukraine, ein Mann, Typ »Der Dude«, hängt in der Couch. Er trägt ein Schweden-Trikot. Zwei weitere Männer bereiten Essen in der Küche vor. Es riecht nach Fleisch. (mehr…)

Anpfiff für den Mob

Die Europameisterschaft ist für Migranten und Linke in Dresden nicht das friedliche Fußballfest, von dem in den Medien gern die Rede ist. Anhänger von Dynamo Dresden machen die Stadt unsicher.

Quelle: Jungle World

»Ob Sieg oder Niederlage ist uns gleich, wir reisen für dich durchs ganze Reich!« Das singt der HipHopper Budo44 in einer Hommage an den Fußballverein Dynamo Dresden. Der junge Mann gehört zum Umfeld der Fan- und Hooligan-Gruppe »Faust des Ostens«. Zum Auftaktspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2012 besuchte Budo44 gemeinsam mit seinen Freunden das Public Viewing am Elbufer. Mehr als zehn Personen aus dieser Gruppe von etwa 60 jungen Männern und Frauen reckten während der deutschen Nationalhymne den rechten Arm zum Hitlergruß. Anders als bei vergangenen Übertragungen von EM- oder WM-Spielen war der Veranstalter vorbereitet und filmte sie dabei. Die Polizei erhielt noch in der Halbzeitpause Fotos und konnte einige Täter identifizieren.

Thomas Geithner, Pressesprecher der Dresdner Polizei, sagt der Jungle World, das Videomaterial müsse noch weiter ausgewertet werden. Erst nach dem Abschluss der Ermittlungen könne man mit Sicherheit sagen, inwieweit das Zeigen des Hitlergrußes »vielleicht alkoholbedingt, vielleicht politisch motiviert« gewesen sei. Geithner betont, dass es sich bei den betreffenden Personen angesichts der vielen Tausend weiteren Zuschauer ohnehin nur um eine »Minderheit im Promillebereich« gehandelt habe. Bereits am Abend vor dem Spiel versammelten sich ungefähr 50 junge Anhänger von Dynamo Dresden an der Elbe. Sie feierten, zündeten Feuerwerkskörper, zeigten ebenfalls den Hitlergruß und grölten rassistische Parolen. Etwa die Hälfte von ihnen zog nachts in das Szeneviertel Neustadt und pöbelte vermeintliche Migranten sowie Linke an. Dabei kam es vereinzelt zu Handgreiflichkeiten. Gegen fünf Uhr morgens jagten dann einige der Dynamo-Fans einen dunkelhäutigen Deutschen und seine zwei Begleiterinnen durch die Straßen. Die Polizei schritt gerade noch rechtzeitig ein und verhinderte so, dass die drei ernsthaft verletzt wurden. (mehr…)

»Ich bin froh, dass ich anders bin«

Mutter Tschechin, Vater Äthiopier: Theodor Gebre Selassie fällt bei der EM nicht nur wegen seiner Hautfarbe auf. Der Rechtsverteidiger ist einer der Besten im tschechischen Team.

Quelle: 11.Freunde

Im letzten Oktober begrüßte Sparta Prag Slovan Liberec in der tschechischen Liga und das Team aus der Hauptstadt hatte zuvor neun Spiele in Folge gewonnen. Es sah so aus, als ob die Meisterschaft schon im Winter entschieden ist. Doch Liberec fegte Sparta mit perfektem Konterfußball 3:0 vom Platz. Besonders der dritte Treffer war ein Hochgenuss: Jiri Stajner passte den Ball mit der Hacke in den Lauf von Selassie, der in vollem Tempo auf dem Weg nach vorne stürmte und den Ball ebenfalls mit der Hacke an seinem Gegenspieler vorbei spielte und anschließend den Ball zentimetergenau auf Michal Breznanik flankte, der nur noch einzunicken brauchte. »Ich habe es einfach probiert und es hat geklappt«, sagte Selassie nachdem Spiel. »Wenn wir 0:2 im Rückstand gewesen wäre«, hätte ich es nicht gemacht.

Nach dem Tor verhöhnten ein paar Sparta-Fans Selassie mit Affenlauten. Später wehrten sich die Anhänger gegen diesen Vorwurf und meinten, dass die Buhrufe Breznanik galten, weil der mal in einem Freundschaftsturnier einem Sparta-Spieler den Fuß gebrochen hatte. Der Klub wurde trotzdem wegen rassistischer Gesänge bestraft.

Ein Versprechen für die Zukunft

Theodor Gebre Selassie fällt auf im tschechischen Fußball. Er ist ein äußerst talentierter Rechtsverteidiger, seine Vorstöße und punktgenauen Diagonalbälle sind tödlich für jede Abwehr. Und er ist schwarz. Seine Nominierung für ein Freundschaftsturnier in Japan 2011 durch Nationaltrainer Michal Bilek war eine Offenbarung und ein Versprechen für die Zukunft. »Theodor war eine Riesenüberraschung. Er hat sich wirklich ins Rampenlicht gespielt«, sagte Nationaltrainer Bilek. Im vergangenen August zeigte Tschechien beim 0:3 in Norwegen dann eine der schlechtesten Leistungen seit langem. Die Offensive präsentierte sich mau, die Abwehr plump. Es sollte das letzte Spiel vom erfahrenen Zdenek Pospech (Mainz 05) auf der rechten Seite werden. Die heftige Niederlage öffnete Bilek die Augen. Pospechs Erfahrung konnte nicht mehr mit der jugendlichen Energie und Ausdauer von Selassie mithalten. Die Position des Rechtsverteidigers war von nun an Eigentum von Selassie, der als Bestandteil einer Gruppe von jungen Spielern Tschechien im Endspurt der Qualifikation zur Europameisterschaft führte.

Allerdings gibt es immer noch Leute, die der Meinung sind, dass er wegen seiner Hautfarbe nicht ins Nationalteam gehört. »Ich finde das sehr merkwürdig und bin traurig darüber. Ich bin in Tschechien geboren, lebe seit meiner Geburt hier«, sagt Theo im perfekten Tschechisch. »Ich war nur einmal in Äthiopien und da war ich zwei Jahre alt. Das muss man sich mal vorstellen. Da ist ein Schwarzer der Anführer der mächtigsten Nation der Welt und dann diskutieren Leute darüber, warum ich in der tschechischen Nationalmannschaft spiele!«

Doch ganz langsam verschwindet der Rassismus in der tschechischen Gesellschaft. Die von Isolation geprägte kommunistische Vergangenheit stirbt aus, immer weniger Tschechen sehen Menschen mit anderer Hautfarbe als eine Bedrohung für die eigene Kultur an. Vorbei sind die Neunziger und die Zeit nach dem Jahrtausendwechsel, als Fans Bananen auf Zimbabwes Kennedy Chihuri schmissen, der bei Viktoria Zizkov spielte. Das hat auch Selassie bemerkt. Er muss »nur« noch mit vereinzelten Affengeräuschen umgehen, was ihm dank seines positiven Charakters, seiner Intelligenz und ausgeprägter mentaler Stärke leicht gelingt. »Ich bin froh, dass ich anders bin. So bin ich wenigstens besser zu sehen. Andererseits ist das auch ein Nachteil, wenn ich mal schlecht spiele«, scherzt Selassie lächelnd.

Zu Intelligent für einen Fußballer

Lächeln ist sein sowieso sein Ding. Es unmöglich ihm zu begegnen, ohne seine Zähne zu sehen. »Er hat den Vorteil, mit einem sonnigen Gemüt geboren zu sein, was ihm immer geholfen hat, negative Reaktionen zu verdauen. Einer seiner Lehrer hat mal gesagt, dass er sich durch die Schule gelacht hat«, erzählt Mutter Jana, selbst Lehrerin. Sie bringt den tschechischen Teil in Selassies Familie. Vater Chamola, von Beruf Arzt, stammt aus Äthiopien, dessen Geschichte typisch für die damalige Tschechoslowakei ist – ein Student oder Arbeiter aus einem Entwicklungsland verliebt sich in ein tschechisches Mädchen und heiratet sie.

Ihr Sohn ist bei der EM einer der auffälligsten Spieler. Für einige Trainer, die ihn zum Anfang seiner Karriere begleiteten, kommt das sicherlich unerwartet. In seiner Zeit bei Jihlava in der zweiten Liga wurde er an den Viertligisten Velke Mezirici ausgeliehen. Selassie erwägte, mit dem Fußball aufzuhören und stattdessen in Olmütz sein Studium des Katastrophenschutzes weiterzuführen, welches er im ersten Jahr begonnen hatte. »Theo hatte Problem mit seiner Ausdauer und körperliche Widerstandsfähigkeit«, erklärt sein Coach von damals, Milan Boksa. »Doch er hat immer zum richtigen Zeitpunkt einen Schritt nach vorne gemacht und zurückgeschlagen, wenn es nötig war.« Dadurch setzte er sich bei Jihlava doch noch durch, der endgültige Start für seine Karriere. Den größten Vorteil hat er seinen Genen zu verdanken. Mutter Lehrerin und Vater Arzt – Theodor erbte fast zu viel Intelligenz für einen Fußballer. Deshalb weiß er genau, wie er sich auf dem Feld zu bewegen hat. Seine Spielintelligenz und Auffassungsgabe ist überragend. Nur seine Mutter ist traurig, dass der Fußball den Kampf gegen die Bildung gewonnen hat. »Ich habe über ein halbes Jahr deswegen geweint, habe ihm vorgeworfen, dass er es nicht mal versucht hat, beides zu kombinieren. Doch ich weiß, dass dies sehr großen Willen erfordert und ich vielleicht etwas zu viel erwartet habe.«

Vielleicht gibt es noch Hoffnung für Mama Selassie. »Wenn ich etwas älter bin, werde ich darüber nachdenken«, lenkt ihr Sohn ein. »Mir ist schon klar, dass ich als Profi viel Zeit habe und ich mich eventuell wieder bei einer Universität einschreiben sollte.« Jetzt aber gilt die ganze Konzentration der EM. Und danach steht vielleicht ein Wechsel ins Ausland an, falls das Turnier gut laufen sollte. Es scheint so, dass die nächste Universität die Selassie besucht, außerhalb von Tschechien liegen wird.

Die Deutschen, die sind wieder da.

Laut einer leider etwas knappen dpa-Meldung wird der DFB für das Verhalten der deutschen Fans in der Ukraine bestraft werden:

Grund sind das “ungebührliche Verhalten von Fans” und das Zünden von Feuerwerkskörpern in der letzten Vorrundenpartie der DFB-Elf gegen Dänemark in Lviv, hieß es in einer Erklärung. Deutsche Fans hätten “unangemessene Fahnen und Symbole” gezeigt und “unangemessene Lieder” angestimmt.

Bei den “unangemessenen Fahnen und Symbolen” dürfte es sich um diese Fahne handeln, die den Wahlspruch der deutschen Kaiser, “Gott mit uns”, zeigt. Gott im Gepäck hatten nach eigener Ansicht auch die deutschen Wehrmachtsoldaten, die den Spruch auf ihren Gürtelschnallen trugen.

Im Zweiten Weltkrieg war der Spielort Lviv, deutsch Lemberg, 1941 an die Deutschen gefallen, die dort anschließend, Gott mit ihnen, eine halbe Million Menschen umbrachten:

Insgesamt wurden in Lemberg und der Lemberger Umgebung während der Zeit des Nationalsozialismus ca. 540.000 Menschen in Konzentrations- und Gefangenenlagern umgebracht, davon 400.000 Juden, darunter fast alle jüdischen Stadtbewohner (ca. 130.000). Die restlichen 140.000 waren russische Gefangene.

Welche Lieder der deutschen Fans als “unangemessen” erkannt wurden, lässt sich bisher leider nicht herausfinden. Vielleicht alle?

[via]

»Da flogen die Molotowcocktails«

Uli Borowka ist noch immer der einzige Deutsche, der jemals die polnische Meisterschaft gewann. Sein Trainer in der Saison 1996/97, Franciszek Smuda, trainiert heute Polens Nationalmannschaft.

Quelle: 11.Freunde

Uli Borowka, Sie sind im Frühjahr 1997 als einer der ersten Deutschen in die polnische Ekstraklasa gewechselt. Ihr Trainer bei Widzew Lodz war Franciszek Smuda, der aktuelle polnische Nationaltrainer. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
Smuda war schon damals ein richtiger Fachmann. Als ehemaliger Spieler von Jupp Heynckes und Otto Rehhagel war ich ja ein gewisses Niveau gewöhnt, in Lodz wurde ich nicht enttäuscht. Sein Training war sensationell. Abwechslungsreich, unterhaltsam – und furchtbar anstrengend.

Steigerungsläufe auf die polnische Art?
Von wegen. Acht gegen Acht auf dem großen Feld, Mann gegen Mann, eine halbe Stunde lang. Danach brennen die Socken.

Smuda hat sowohl einen deutschen, als auch einen polnischen Pass. Wie haben Sie sich miteinander verständigt?
Natürlich auf deutsch. In den wenigen Monaten, die ich für Widzew gespielt habe, unterhielten wir uns häufig über den deutschen Fußball, seine Kollegen aus Deutschland, meine Erfahrungen mit Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach. Ein äußerst sympathischer Zeitgenosse. Und gleichzeitig eine absolute Respektsperson. Wenn er sagte: »Mannschaft, rennt 90 Minuten rückwärts«, dann sind wir eben 90 Minuten rückwärts gelaufen. Diese Autorität versprüht er auch noch heute.

Sie waren 1997 bereits im Herbst Ihrer Karriere, warum hat sich Smuda trotzdem für Sie entschieden?
Gute Frage. Außerdem war ich ja damals auch schon schwer alkoholkrank. Ein Bekannter von mir hatte mich Smuda empfohlen, dem gerade ein Verteidiger nach dem anderen verletzt ausgefallen war. Er kannte mich, er mochte meinen Spielstil – und ich habe ihn nicht enttäuscht.

Kein Alkohol, nur harte Arbeit auf dem Platz?

Nein, ich soff in Polen gnadenlos weiter. Mein Gehalt verzockte ich abends in den Kasinos der Stadt und in den Kneipen der Stadt bestellte ich die Biere mit dem einzigen polnischen Wort, das ich kannte: dwanascie, zwölf. Meine Rückennummer. Aber im Training und in den Spielen ackerte ich dann wie gewohnt über den Rasen.

Sehr zur Freude von Ihrem neuen Trainer, vermuten wir mal.
Vor dem ersten Spiel sagte Smuda zu mir: »So, Uli, jetzt zeig mal, was du noch alles drauf hast.« Mein Gegenspieler war ein junger Kerl mit hellblauen Schuhen. Was soll ich sagen? Nach fünf Minuten flog der das erste Mal über die Seitenlinie. Die Zuschauer waren begeistert, Smuda stand nur neben seiner Trainerbank und grinste sich einen. Da wusste ich: Hier bist du richtig.

Trotzdem verschwanden Sie zum Saisonende schon wieder aus Polen. Warum?
Ich half noch mit, dass Widzew die Meisterschaft feiern konnte (Borowka ist damit der einzige Deutsche, der jemals polnischer Meister geworden ist, d. Red.), aber schon vor der offiziellen Meisterfeier verließ ich die Stadt wieder. Meine Zeit als Leiharbeiter war vorbei. Lodz war meine letzt richtige Station als Profifußballer, danach ging es brutal bergab. Erst 2000 habe ich in der Entzugsklinik die Kurve bekommen.

Polen und die Ukraine stehen als Gastgeber der EM ganz besonders unter Beobachtung. Was erwarten Sie sich von dem Turnier?
Was die Polen angeht, bin ich mir ziemlich sicher, dass Sie den Gästen eine tolle Veranstaltung bieten werden. Höchstens die Hooligan-Problematik macht mir Sorgen, ich habe den blinden Fanatismus von einigen Vollidioten damals am eigenen Leib erfahren müssen: Bei einem Auswärtsspiel gegen Legia Warschau schmissen die Hools während der ersten Halbzeit Molotowcocktails in unsere Kabine, wir mussten uns im Mannschaftsbus umziehen. Ich hoffe, solche Szenen bleiben der Europameisterschaft erspart.

»Rechts zu sein, ist in der Ukraine cool«

Ultras und Hooligans sind in der Ukraine nahezu dasselbe. Und die Szene ist durchsetzt mit rechtem Gedankengut. Das sagen die Ultras von Arsenal Kiew und behaupten, als einzige Gruppierung im ukrainischen Profifußball linkspolitisch und antifaschistisch zu denken.

Quelle: 11.Freunde

Pawel trägt ein hellblaues Hemd, beige Hose. Er sieht ein wenig aus wie der junge Andrei Schewtschenko. Er arbeitet momentan in den EM-Stadien. Dort beobachtet er die Fans. Falls sie mit faschistischen Symbolen oder rassistischen Sprechchören auffällig werden, gibt nach den Spielen seinen Report an die Stadionoffiziellen ab. Bislang gab es wenig zu berichten. Pawel ist ein moderater Ultra von Arsenal Kiew, er studiert momentan Europäische Wirtschaft in Wien und ist 24 Jahre alt. Nach dem Studium, in ein oder zwei Jahren, will er nach Kiew zurückkehren.

Neben ihm sitzt Sasha. Er hat auf seinen Handgelenken zwei Tätowierungen. Wenn er sie aneinanderhält, ist dort Straight Edge zu lesen. Sasha trägt eine sehr kurze Sporthose, Turnschuhe und ein T-Shirt mit drei X – dem Symbol für Straight Edge. Der 25-Jährige ist einer er führenden Köpfe der Arsenal-Ultras. Er heißt eigentlich anders, doch er möchte seinen echten Namen nicht in der Presse lesen.

Wir treffen uns in einem Restaurant nahe der Khreschatyk Allee und sprechen zunächst über die Dokumentation Stadiums Of Hate, die die BBC kurz vor Turnierbeginn ausstrahlte. Es ging um Neonazis im ukrainischen Fußball. Der ehemalige englische Nationalspieler Sol Campbell wurde für diese Doku interviewt. Er warnte dunkelhäutige Menschen ausdrücklich davor, in die Ukraine zu reisen. Sasha und Pawel haben den Film gesehen. (mehr…)

Rassismus im ukrainischen Fußball

Pawel Klimenko kämpft gegen Rassismus in ukrainischen Stadien. Das kann lebensgefährlich sein. Fußballfunktionäre und Politiker leugnen das Problem.

Quelle: taz

Pawel Klimenko ist zuversichtlich. Vor dem ersten Spiel in Kiew zwischen der Ukraine und Schweden hat er nicht allzu viele Problemfans ausgemacht in der Innenstadt. „Nur ein paar wenige russische Nazis“, meint er.

Klimenko streift durch die Fanzone und sieht sich um. Das ist seine Aufgabe am Tag des Spiels zwischen Schweden und der Ukraine. Er ist einer jener engagierten Fans, die von der Uefa gefördert, das Geschehen in und um die Stadien beobachten und rassistische, antisemitische oder faschistische Vorkommnisse protokollieren sollen.

An diesem Montag bereiten ihm die Aussagen ukrainischer Offizieller und Politiker indes mehr Kopfzerbrechen als rechte Fans oder rassistische Zuschauer. Sowohl der ukrainische Ministerpräsident Mikola Asarow als auch Nationaltrainer Oleg Blochin hatten vehement abgestritten, dass überhaupt Rassismus in der Ukraine existiere.

Klimenko kann das nicht verstehen. Er ist Anhänger des Erstligisten Arsenal Kiew. Dessen Fans engagieren sich gegen Rassismus und Neofaschismus in den Kurven der ukrainischen Stadien. Ein gefährliches Engagement. Klimenko erzählt, dass er sein Gesicht verhüllt, wenn ukrainische Medien auf ihn zukommen, um über ihn und seine Arbeit für die von ihm mitgegründete Organisation „Fußball gegen Vorurteile“ zu berichten.

Überfall mit Schwerverletztem

Gesicht zu zeigen im Kampf gegen finstere Fanseilschaften ist gefährlich in der Ukraine. T-Shirts mit der Aufschrift „Love football – hate racism“ zu verteilen, so wie es Arsenal-Anhänger getan haben, ist nicht selbstverständlich. Unvergessen ist der Überfall von 50 organisierten Nazi-Anhängern auf 30 Arsenal-Fans nach einem Ligaspiel im August 2010. Mit Messern und Schlagringen wurden die Arsenal-Fans angegriffen. Einer wurde durch Messerstiche in die Brust lebensgefährlich verletzt. Klimenko ist heilfroh, dass er nicht dabei war. Es war Zufall. Er weiß, dass es auch ihn hätte treffen können, es ihn jederzeit treffen kann.

An diesem Tag hat er indes keine Angst. „Ich habe den Eindruck“, sagt er, „dass sich die Nazifans vom Turniergeschehen bis jetzt bewusst fernhalten.“ Damit generell nichts passiert, engagiert er sich, holt sich Rat bei internationalen Fanvereinigungen wie Footbal against Racism in Europe (Fare) oder Football Supporter Europe (FSE).

Klimenkos Arbeit ist bekannt in der Ukraine, und er dachte, das Problem des Rassismus im Fußball sei auch in seiner Heimat erkannt worden. „Das Leugnen des Problems verschließt wieder alle Türen, die wir zumindest ein Stück öffnen konnten.

Er schüttelt den Kopf. Nicht nur Oleg Blochin reagiert regelrecht genervt auf das Thema. Als er bei einer Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Schweden auf das Rassismusproblem angesprochen wurde, nahm er den Kopfhörer für die Simultanübersetzung ab und hätte das Podium am liebsten verlassen. Dabei konnte er froh sein, dass ihn keiner auf seine früheren Äußerungen angesprochen hat.

Nicht von irgendwelchen Zumba-Zumbas

Er selbst war Teil des Rassismusproblems, als er sich 2006 darüber beklagte, dass zu viele Nichtukrainer in der heimischen Liga spielen würden. Auf den ukrainischen Nachwuchs anspielend sagte er damals: „Lass sie von Schewtschenko oder Blochin lernen und nicht von irgendwelchen Zumba-Zumbas, die sie vom Baum geholt und ihnen zwei Bananen gegeben haben, damit sie in der ukrainischen Liga spielen.“ Am Sonntag sagte er: „Ich habe keine Lust, über Rassismus zu sprechen.

Es ist, als hätte sich nichts getan im EM-Gastgeberland. Dabei setzte Pawel Klimenko große Hoffnungen auf die Uefa und ihr Programm Respect Diversity, unter dessen Label auch das Fan-Monitoring läuft. Doch die Uefa tut sich schwer, das schöne Label mit echten Engagement zu unterfüttern, und weiß nicht so recht, wie weit sie gehen soll in ihrer antirassistischen Haltung.

Einerseits fordert sie die Bürgermeister der 16 Orte, in denen EM-Teams wohnen, trainieren oder spielen, dazu auf, mit polizeilicher Gewalt gegen alle rassistischen Einlassungen vorzugehen. Andererseits hat Uefa-Präsident Michel Platini kein Verständnis für Spieler, die nach rassistischen Beleidigungen das Spielfeld verlassen wollen.

Während Klimenko über seine Arbeit berichtet, ruft eine Kollegin aus Donezk an. „Da gibt es Probleme mit der Akkreditierung“, meint Klimenko. Er macht sich mit dem schwedischen Fanbeobachter am frühen Nachmittag auf den Weg zum Olympiastadion. Es könnte ja sein, dass es auch hier Probleme mit dem Zutritt zur Arena geben könnte.

Scheiß Deutsche, verkackte Nazis!

2012

Heute ist es wieder soweit, die Fussball-EM beginnt und mit ihr kommen wieder die Fahnen. Während die einen einem -der Gott Fussball sei gepriesen- „entspannten Patriotismus“ frönen, organisiert sich z.B. in einem Leipziger Stadtteil ein Bürger-Mob, um gegen ein geplantes Flüchtlingsheim vorzugehen. Die entspannten und doch so toleranten Deutschen wollen nämlich keine Ausländer in ihrer Nachbarschaft und sind bereit, einiges zu tun, dass das auch nicht passiert. Man kennt sie ja, die Deutsche Gründlichkeit.

Das weckt zumindest bei uns nur allzu finstere Asoziationen.

Wer also meint, seinen beschissenen Wimpel schwingen zu müssen, schwingt diesen für genau diese Scheiße mit. Deshalb sagen wir: Fickt euch und euren abgefuckten Patriotismus und wünschen dem Deutschen Team ein gelungenes Vorrundenaus!

NIE WIEDER DEUTSCHLAND!

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