Archiv für Juli 2012

against all odds

Erfolg schafft Neider: Der Turmspringer Tom Daley hat bereits im zarten Alter von 18 Jahren seine Autobiographie veröffentlicht – und steht als Wachsfigur bei Madame Tussauds.

Quelle: Berliner Zeitung

Zum Weltcup in Sheffield im April 2011 schiebt die Mutter den Vater im Rollstuhl in die Schwimmhalle. Die Chemotherapie hat sein Gesicht aufgedunsen. Zwei Hirntumore hat er besiegt, nun ist der dritte nachgewachsen. „Ich frage mich, werde ich Olympia in London noch sehen? Ich habe doch schon die Eintrittskarte“, sagt der Vater.

Der Sohn, Tom Daley, Weltmeister 2009 im Turmspringen, redet über die Krankheit seines Vaters vor Journalisten mit derselben Offenheit, derselben Natürlichkeit wie über die Risiken des viereinhalbfachen Saltos vom 10-Meter-Turm oder die chinesischen Fans, die ihm Heiratsanträge schicken. Tom Daley ist 18 und hat sich daran gewöhnt, auch intime Momente mit den Fernsehkameras zu teilen.

Daley ist größer als sein Sport

Vor vier Jahre verliebte sich Großbritannien in ihn. Da stand dieser 14-jährige Junge aus Plymouth mit den strubbeligen Haaren und riesigen Rehaugen auf dem Sprungturm und wurde Siebter bei den Spielen in Peking. Turmspringen als Sport interessiert heute weiterhin bloß Hunderte in Großbritannien, aber das Synchronspringen an diesem Montag werden Millionen gebannt anschauen, um zu erleben, was Tom Daley mit seinem Partner Peter Waterfield erreicht. Gelegentlich wird eine Person größer als ihr Sport, es ist ein kurioses Phänomen der Massenkultur.

Tom Daley hat mit 18 eine Autobiografie veröffentlicht und steht als Wachsfigur im Kabinett von Madame Tussauds. Es kam als eine Überraschung, dass der Junge, den doch alle lieben, auch das Opfer von Schulmobbing war.

Beim Mobbing unter Schülern sieht man vor dem inneren Auge den Schwächsten, den stillen, blasen Jungen, tollpatschig im Sport. Doch hat es seine traurige Logik, dass Neid und Bosheit auch den Besten, Beliebtesten treffen können. Nachdem er als plötzliches Lieblingskind der Nation aus Peking zurückkehrte, flogen die Worte im Pausenhof, „Taucherbaby“, „wir brechen dir die Beine“. Dann trafen ihn Papierkugeln, Trinkbecher, und das jeden Tag.

Er hasste die Schule

Tom Daley, der die Schwimmhallen mit kichernden Mädchen füllte, wollte nicht mehr auf den Schulhof. Er sagt: „Ich versuchte, in der Pause irgendwie im Klassenzimmer zu bleiben.“ Manchmal hasste er die Schule, und er hasste, was er doch liebte, das Turmspringen, weil es ihm diesen Schikanen aussetzte. Er erzählte niemandem von seiner Tortur.

Der Vater merkte, dass etwas nicht stimmte. Robert Daley pflegte das raue Aussehen der britischen Arbeiterklasse mit kahlem Schädel und ordentlichem Bauch, und weinte oft vor Rührung, wenn Tom gewann. Als der Sohn ihm vom Mobbing erzählte, machte er den Fall öffentlich.

Mobbing lebt vom Schweigen. Dass in Daleys Fall alles ans Licht kam, hat hoffentlich andere Kindern ermutigt. Daley selbst hat es nur bedingt geholfen. Er wechselte auf eine Privatschule, um die Gesichter seiner Peiniger hinter sich zu lassen. Mittlerweile ist er dabei, sein Abitur zu machen.

Kate Moss steht Modell

Fotografie gehört zu seinen Leistungskursen. Als er bei einem Modeshooting das Supermodell Kate Moss kennenlernte, fragte er sie, ob sie nicht auch für ihn, für eine Schulaufgabe Modell stehen könne. Moss machte mit. Bei Tom Daley wirkt das Absurde natürlich: Kate Moss für die Schularbeit einspannen, morgens in die Schule gehen und nachmittags für seine 850000 registrierten chinesischen Anhänger im Internet Nachrichten schreiben – als Turmspringer ein Star sein.

An diesem Montag hofft er im Synchronspringen auf eine Medaille, ehe in zehn Tagen sein Duell mit dem Chinesen Bo Qui um Gold im Einzelspringen einer der Momente von London 2012 werden soll. Ein Platz auf der Tribüne wird dann unbesetzt bleiben.

Sein Vater starb im Mai 2011 am dritten Hirntumor. Bei Wettkämpfen in der ganzen Welt hatte der Vater immer eine kleine britische Fahne geschwenkt, das war sein Erkennungszeichen. Wenn er bei Olympia nach dem Sprung, beim Auftauchen eine britische Fahne im Publikum sehe, sagt Tom Daley, werde er den Vater sehen.

Kein Ponyhof im Hotel Palace

Vorgestern trafen sich die deutschen Innenminister, um über das vermeintlich vorhandene Gewaltproblem im Fußball zu reden. Anschließend luden “Pro Fans” und “Unsere Kurve” zur Pressekonferenz in einem Hotel nebenan, in der Hoffnung, auch ihre Standpunkte in den Medien unterbringen zu können.

Quelle: Verbochenes

Die Konferenz selbst hatte die für Innenminister üblichen Ergebnisse: härtere Strafen, mehr Überwachung und die Androhung von noch härteren Strafen und noch mehr Überwachung. Interessant war dann die spärlich besuchte Folgeveranstaltung der Fanorganisationen, und spannend ist auch der Blick auf den gesamten Vorgang, der einiges über politische Prozesse zu Tage fördert.

So ließ der Präsident des FC Köln, der irreführend Spinner heißt, obwohl er keiner ist, keinen Zweifel daran, dass ihn vor allem die 200.000 Euro Strafe stören, die der FC für eine Menge schwarzen Rauch in der Kölner Fankurve zahlen musste. Angenehmerweise macht sich außer den Kaspern von TV und Zeitung keiner mehr die Mühe, auf die Gefahr durch Pyrotechnik zu verweisen, auf Frauen und Kinder und das ganze Elend. Da allein die Zahl der bei Polizeieinsätzen verletzten Menschen die der Pyro-Opfer um ein Vielfaches übersteigen dürfte, wäre das ohnehin ein peinliches Unterfangen. Nun beklagt der Spinner aber nicht die Pyrotechnik, sondern die Strafe dafür. Das führt allerdings nicht dazu, dass er sich in dem Verband, dessen Mitglied er und sein Verein sind, für die Abschaffung der Strafe einsetzen würde. Stattdessen fordert er von den Fans, damit aufzuhören.

Denn die Frage, wie mit Pyrotechnik umzugehen ist, ist längst entschieden worden: Sie soll aus den Stadien verbannt werden. Bemerkenswert ist, dass diese Entscheidung allein von autoritären Politikern und Funktionären getroffen wurde. Und ganz besonders bemerkenswert ist die Begründung und Rechtfertigung – ganz ohne geht es nicht. Die Begründung für das Verbot ist das Verbot selbst: Das ist halt so!

Dabei ist das natürlich nicht so, weil es halt so ist, sondern weil Leute entschieden haben, dass es so sein soll. Pyrotechnik ist in Deutschland bekanntlich nicht verboten, sondern zu diversen Anlässen üblich. Wie man sie sicher in Stadien einsetzen kann, war schon Gegenstand vieler Diskussionen, an denen auch der DFB beteiligt war. Dass es geht, ist relativ unstrittig. Eine vernünftige Regelung zu finden, hat der Verband allerdings letztes Jahr nach den genannten Gesprächen mit Fans plötzlich abgelehnt und gleichzeitig beschlossen, die Gesprächspartner von eben zu den Feinden von gleich zu erklären. Seitdem hat sich die Geschichte so fortgesetzt, dass inzwischen 17 Minister sich darüber unterhalten, wie man Menschen daran hindern kann, Feuerwerke anzuzünden, und die Massenmedien in Düsseldorfer Kleinfamilien den schlimmsten Feind der öffentlichen Ordnung entdeckt haben.

Natürlich war kein Innenminister zur Fan-PK gekommen, dafür wurde die Bräsigkeit ihrer Denke vom Vertreter von Darmstadt 98 vorgeführt. Der heißt Tom Eilers, war früher Torwart und ist Sport-Manager bei den Darmstädtern. Dass er die Fan-Vertreter ungefragt duzte, war schon kein Versehen, sondern Haltung. Eilers meint, dass in einer vernünftigen Regelung erlaubte Pyrotechnik tendenziell sowieso nicht mehr benutzt werden würde, weil dann der Reiz des Verbotenen fehlen würde, und dass z.B. auch Blockfahnen deutlich weniger zum Einsatz kommen würden, bräuchte man sie nicht mehr zum verdeckten Zünden von Pyrotechnik. Aber natürlich käme es ihm nie in den Sinn, sich dementsprechend für eine Legalisierung und die seiner Theorie nach daraus folgende friedliche Abschaffung einzusetzen. Stattdessen macht er sich, wie ausnahmslos alle zur Konferenz angereisten Vereinsvertreter, zum Komplizen von autoritärer Law-&-Order-Politik, die den Raum für Diskussionen genau da einrichtet, wo alle Entscheidungen schon gefallen sind: Pyro müsst ihr euch abschminken, das ist nun so, und ihr werdet ja sehen, was die Innenminister machen – machen müssen! – wenn noch mal irgendwo eine Fackel hochgehalten wird.

Demgegenüber sitzen nun die Fanvertreter, die vor Jahren Politik und Demokratie als ihre Spielwiese entdeckt haben (auch yours truly ist als Besucher zahlreicher Fankongresse vermerkt), und die mit dem unter der Annahme eines demokratischen Gemeinwesens selbstverständlichen Wunsch an die Sache herangegangen sind, sich zusammenzusetzen und eine vernünftige Regelung zu finden, und die nun recht barsch die Grenzen der Mitbestimmung aufgezeigt bekommen. Die intransparente Entscheidungsfindung führte hier schon recht unmittelbar zu Verschwörungstheorien, nach denen die Abschaffung der Stehplätze eigentlich schon beschlossen sein soll. Wolfgang Niersbach, der Verschwörungstheorien selbst nicht ganz abgeneigt ist – »80 Prozent der amerikanischen Presse sind in jüdischer Hand« –, nährt solche Überlegungen mit seiner etwas linkisch präsentierten Attitüde, nach der auch der DFB völlig machtlos sei und sich nur bemühe, “die Politik” nicht zu auch für ihn persönlich schlimmen Maßnahmen hinzureißen.

Nichts Neues, kennt man alles schon, na klar, Demokratie ist kein Ponyhof. (FC-Spinner sagte tatsächlich, irgendwas sei “kein Ponyhof”. Recht hat er.) Was die Kameraden aber allesamt vollkommen vergessen haben, ist, dass sie in diesem Falle diejenigen sind, die was wollen, nämlich den Status quo verändern, in dem wie seit Jahrzehnten Pyro zum Fußball gehört. Da sie den Dialog abgebrochen haben und immer wieder erklären, dass sie für einen Kompromiss nicht zu haben sind, müssen sie sich nun etwas Neues einfallen lassen. Dass ihre Lösung am Ende – im Gegensatz zu Pyrotechnik – ganz entschieden illegal sein könnte, sagen sie heute noch nicht. Denn wer will schon auf einer Pressekonferenz verkünden, dass er in Bälde Prügeltrupps mit Pfefferspray und Schlagstöcken in voll besetzte Fanblöcke mit Frauen und Kindern zu schicken gedenkt? Diese Drohung schwingt nur mit, wenn die Fans gefragt werden, was sie denn glauben, wie es denn weiterginge, wenn es denn so weiterginge.

Wäre es früher besser gewesen, ließen sich diese Prozesse wohl passend unter den Begriff der “Postdemokratie” fassen. Und ginge es um mehr als um das Recht, eine Fackel in einem Fußball-Stadion hochzuhalten, könnte man sich auch ausführlicher darüber ärgern.

Ohne meine Tochter.

Der Olympia-Start der saudi-arabischen Judoka Wojdan Shahrkhani droht zu platzen. Ihr Vater sagte der Zeitung „al-Watan“, dass er seine Tochter nicht starten lassen werde, wenn sie ohne Kopftuch antreten müsse. Genau dies hatte der Judo-Weltverband IJF in der vergangenen Woche jedoch zur Bedingung für die Starterlaubnis der 16-jährigen Kämpferin gemacht.

Quelle: SPON

Das Kopftuch widerspreche dem Geist der Spiele und des Judosports, so IJF-Präsident Marius Vizer. Außerdem verwiesen die Verantwortlichen auf die Verletzungsgefahr, die von dem Hidschab ausgehe.

Wenn die Funktionäre auf dieser Haltung beharrten, werde seine Tochter am Freitag nicht zu ihrem Erstrunden-Kampf gegen Melissa Mijoca aus Puerto Rico antreten, sagte Ali Shahrkhani. Das Olympische Komitee Saudi-Arabiens unterstütze diese Position. Derzeit fänden Gespräche zwischen dem IJF und den saudi-arabischen Sportfunktionären statt, in denen nach einer Lösung für den Streit gesucht werde. Wie diese angesichts der verhärteten Positionen aussehen soll, ist jedoch unklar.

Sharkhani ist eine von zwei Sportlerinnen, die von Saudi-Arabien für die Spiele in London nominiert wurden. Außer ihr geht die in den USA lebende Leichtathletin Sarah Attar über 800 Meter an den Start. Sie wird mit Kopftuch, langen Ärmeln und Hosenbeinen antreten. Es ist das erste Mal, dass das streng islamische Königreich Sportlerinnen bei Olympischen Spielen zulässt.

In ihrem Heimatland selbst ist die Teilnahme der beiden höchst umstritten. Kritiker beschimpften die jungen Frauen, die auch an der Eröffnungsfeier teilgenommen hatten, im Internet und starteten auf Twitter eine Kampagne unter dem Motto: „Die saudischen Frauen bei den Olympischen Spielen repräsentieren uns nicht.

Ein Leben im Flutlicht

Ryan Giggs ist so etwas wie der Anti-Beckham – und genau deshalb hat es der Waliser in das gesamtbritische Fußball-Team geschafft. Mit 39 Jahren geht bei Olympia ein Jugendtraum in Erfüllung.

Quelle: FAZ Online

Als Walliser kann man, auf welche Art auch immer, ganz nach oben kommen im Weltfußball – Sepp Blatter macht es im Internationalen Fußball-Verband seit Jahrzehnten vor. Als Waliser hat man es viel schwerer. Da kann man einer der Weltbesten sein und trotzdem nie die ganz große Bühne bekommen. Ryan Giggs geht es so seit mehr als zwanzig Jahren. Hätte er sich als junger Mann nicht für Wales entschieden, wo er geboren wurde, sondern für England, wo er aufwuchs, er wäre heute wohl auch als Nationalspieler der Weltstar, der er als Vereinsspieler wurde.

Mit Manchester United, dem einzigen Klub, für den er je spielte, kam er auf zwölf englische Meisterschaften und zwei Champions-League-Siege. Mit Wales kam er auf null WM- und EM-Teilnahmen. So musste Giggs fast 39 Jahre alt werden und London die Olympischen Spiele bekommen, damit er endlich einmal ein großes Fußballturnier bestreiten darf: Wenn er an diesem Donnerstag das gesamtbritische Team gegen Senegal als Kapitän aufs Feld führen wird.

Beckham hatte die Wirkung, Giggs die Umfangsform

Dass Trainer Stuart Pearce ihm die späte Ehre erwies, hat nichts mit Ehrfurcht vor dem großen Namen oder der fabelhaften Karriere zu tun, sondern allein mit sportlichen Gründen und mit der britischen Hoffnung, nach hundert Jahren endlich mal wieder eine olympische Fußball-Medaille zu gewinnen. Andernfalls hätte der anderthalb Jahre jüngere David Beckham den Posten bekommen. Pearce entschied sich gegen Beckhams globale Markenwirkung und gegen dessen Verdienste als olympischer London-Lobbyist – und für das Können von Giggs, der anders als Beckham nicht in der zweitklassigen US-Liga spielt, sondern beim besten Klub der stärksten Liga der Welt seit 22 Jahren einen Stammplatz hat.

Alex Ferguson, sein ewiger Trainer, stellt in Aussicht, ihm auch nach der nächsten Saison wieder eine Verlängerung zu geben: „Ryan kann auch mit 40 noch spielen.“ Giggs geht in die 23. Profisaison, seine Mitspieler gehen ins 23. Lebensjahr. Er gehört zu den drei Spielern, die vom Alterslimit im britischen Olympiateam ausgenommen sind. Neben dem 24 Jahren alten Verteidiger Micah Richards und dem 33 Jahre alten Stürmer Craig Bellamy benötigte Pearce noch einen Mittelfeldspieler, so fiel die Wahl für seinen dritten „Overage Player“ fast von allein auf Giggs, nicht auf Beckham.

Das hat zudem den Vorteil, dass der Rummel um das von vielen auf der Insel abgelehnte vereinigte Team GB nicht auch noch durch den Hollywood-Star der Ballbranche zusätzlich angetrieben wird. Von den Stars, die Anfang der neunziger Jahre aus der legendären United-Jugend kamen, hatte Beckham immer die beste Außenwirkung, Giggs aber die besten Umgangsformen am Ball. Der eine ist der größte Marketing-Star de

Die Langlebigkeit der Leistung ist phänomenal. 909 Spiele für United, nie eine Rote Karte. Giggs ist nicht mehr ganz so wendig wie in seinen Tagen als Flügeljäger. Damals behaupteten Gegenspieler, er sei so leichtfüßig, dass man ihn nicht kommen höre. Das gleicht er heute mit makelloser Technik und disziplinierter Lebensweise aus. Giggs trinkt keinen Alkohol, isst kaum Fleisch, treibt regelmäßig Yoga. Er bleibt gern im Hintergrund, und so saß er auch die negativen Schlagzeilen des letzten Jahres aus, als eine langjährige Affäre mit der Frau seines Bruders publik wurde. Er schwieg, und irgendwann verlor der Boulevard wieder das Interesse an ihm. Privat ist er ein Anti-Beckham: ein Leben im Flutlicht, nicht im Rampenlicht.

Schon am Montag zog er mit den Kollegen ins Olympische Dorf ein und zeigte sich von der Jugendherbergsstimmung angetan. Die einzelnen britischen Verbände waren gegen das vereinigte Team, weil sie um ihre traditionelle Selbständigkeit im Internationalen Fußballverband fürchteten. Für Giggs war diese Verweigerung nie ein Thema: „Ich bin Waliser und stolz darauf. Aber für mich war es eine Chance, die ich nicht verpassen durfte: Am größten Sportereignis der Welt teilzunehmen.“ Zwar erscheinen die sportlichen Möglichkeiten des Teams eher begrenzt – es war im letzten Test ohne Chance beim 0:2 gegen den Olympiafavoriten Brasilien mit Stars wie Neymar, Hulk oder Pato.

Doch will Giggs eine positive Außenwirkung und eine Wiederholung des Projekts erreichen. „Ich hoffe, dass es keine Eintagsfliege ist. Und dass es bei künftigen Olympischen Spielen noch mehr Teams von Großbritannien geben wird.“ Und das vielleicht wieder mit ihm – dann aber wohl in veränderter Rolle. Schon jetzt lässt Pearce seinen Kapitän, ein ungewöhnlicher Schritt, an den Trainerbesprechungen teilnehmen: „Das zeigt den Respekt, den wir vor ihm haben.“ Der Waliser zeigt sich angetan: „Ich werfe einen immer genaueren Blick auf das Coachen.“ So ist Olympia für den Debütanten Giggs beides: ein nachgeholter Jugendtraum – und ein Praktikum für die zweite Lebenshälfte.

Kopftuchverbot für Judoka bei Olympia

Die saudische Judokämpferin Ali Seraj Abdulrahim Shahrkhani darf bei den olympischen Wettkämpfen keine Kopfbedeckung tragen. Damit steht ihre Teilnahme bei den Spielen auf der Kippe.

Quelle: Welt Online

Es sollte einer der größten Momente im Leben der Ali Seraj Abdulrahim Shahrkhani werden. Vor wenigen Wochen gab das saudische Nationale Olympische Komitee (NOK) nach monatelangen Verhandlungen mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bekannt, erstmals in der Geschichte des ultra-konservativen, islamischen Königreichs weibliche Athleten zu den Olympischen Spielen zu entsenden.

Und die Judokämpferin sollte neben der 800-Meter-Läuferin Sarah Attar eine von zwei Sportlerinnen sein, die eine Wildcard erhalten.

Beim Judo zu gefährlich

Doch der Traum könnte nun platzen: Nun wurde bekannt, dass es der 78-Kilogramm schweren Athletin bei den olympischen Wettkämpfen nicht gestattet sein wird, ein Kopftuch zu tragen.
Athletinnen aus Saudi-Arabien sind erstmals dabei

Dies sei bei Judo-Kämpfen zu gefährlich und verstoße zudem gegen „den Geist der Sportart“, begründete der Internationale Judo-Verband am Donnerstag seine Entscheidung.

Mit der Verbandsentscheidung steht nun einen Tag vor der Eröffnungsfeier der Sommerspiele in London die Teilnahme Shahrkhanis auf der Kippe. Hintergrund: Der Sportminister und Vorsitzende des saudischen NOK, Prinz Nawaf bin Faisal, hatte stets betont, die beiden Sportlerinnen nur dann zu den Spielen zu entsenden, wenn sie dort die Möglichkeit hätten, sich „gemäß den islamischen Vorschriften zu kleiden“.

Olympia-Aus nach rassistischem Kommentar

Wegen eines rassistischen Twitter-Kommentars ist die griechische Dreispringerin Voula Papachristou am Mittwoch von den Olympischen Spielen ausgeschlossen worden. „Kommentare dieser Art werden nicht akzeptiert. Sie wurde ausgeschlossen“, sagte der Chef der griechischen Olympia-Mannschaft, Isidoros Kouvelos, im griechischen Radio. Die Athleten, allen voran aus Griechenland, dem Geburtsort der modernen Spiele, dürften solche Kommentare nicht abgeben. Papachristou werde nicht nach London reisen, hieß es.

Papachristou hatte am Mittwoch den Satz „Mit so vielen Afrikanern in Griechenland werden die Mücken aus dem West-Nil zumindest Essen von zu Hause bekommen“ getwittert. In den vergangenen Monaten waren in Griechenland mehrere Menschen nach Mückenstichen an West-Nil-Fieber erkrankt. Die Athletin löschte inzwischen ihr Twitter-Konto.

Quelle: Welt Online

Kiryat Schmona: Mit Pauken und Raketen

Ironi Kiryat Schmona ist die große Überraschung im israelischen Fußball. Der Club schaffte es vom No-Name-Team zum Meister und könnte nun sogar die Champions League erreichen. Möglich machte dies ein ehrgeiziger Geschäftsmann.

Quelle: SPON

Die Ankündigung war vollmundig: „In zehn Jahren holen wir die Meisterschaft und spielen Champions League.“ Das versprach 1999 der reiche Geschäftsmann Izzy Sheratzky aus Tel Aviv bezüglich des Fußballs in der israelischen Grenzstadt Kiryat Schmona. Inzwischen muss man sagen: Es war kein Größenwahn, er hat weitgehend recht behalten.

Am heutigen Dienstag spielt der Club Ironi Kiryat Schmona gegen MSK Zilina um den Einzug in die dritte Qualifikationsrunde zur Champions League. Das Hinspiel hatte Kiryat Schmona in der Slowakei 0:1 verloren.

Sheratzky hatte 1999 in den Nachrichten gesehen, wie in Kiryat Schmona wieder einmal Raketen einschlugen, abgefeuert von der libanesischen Hisbollah-Miliz. Die Kleinstadt mit etwa 23.000 Einwohnern liegt im äußersten Norden Israels, fast direkt an der Grenze zum Libanon. Der südliche Libanon ist Hisbollah-Gebiet und Kiryat Schmona ein leichtes Ziel.

Sheratzky wollte der Stadt helfen und investierte damals zunächst in soziale Projekte. Dann brachte er mit dem Versprechen auf reichliche finanzielle Unterstützung die beiden örtlichen Fußballteams Hapoel und Maccabi zu einer Fusion. Mit den erfolgreichen Teams Hapoel aus Tel Aviv und Maccabi aus Haifa hatten sie nur den Namen gemein, sie kickten in den Niederungen des israelischen Fußballs.

Der neue Verein machte sich gut. Ironi Kiryat Schmona kämpfte sich nach oben, 2007 gelang der Aufstieg in die Liga ha‘Al, der höchsten Spielklasse Israels. Der Neuling schloss die erste Saison als Dritter ab, scheiterte aber in der Qualifikation zur Europe League.

In der folgenden Spielzeit lief es hingegen gar nicht, der Club stieg als Tabellenletzter wieder ab. Doch Ironi kam zurück: Der direkte Wiederaufstieg gelang. Das Konzept, auf junge, zumeist aus dem eigenen Nachwuchs stammende Spieler zu setzen, ging auf. In der vergangenen Saison 2011/2012 dominierte die Mannschaft von Trainer Ran Ben Shimon trotz fehlender Stars die Liga.

Die Außenseiterrolle haben wir nicht mehr inne

Dennoch überwarfen sich im Februar Clubeigentümer Sheratzky und Coach Shimon. Die Meisterschaft in greifbarer Nähe drängte Sheratzky auf eine frühzeitige Vertragsverlängerung. Shimon erbat sich Bedenkzeit, wartete wohl auf lukrativere Angebote von finanzkräftigeren israelischen Vereinen oder gar aus Europa.

Von den Querelen ließ sich die Mannschaft jedoch nicht beirren und machte fünf Spieltage vor Saisonende die Prophezeiung Sheratzkys mit ein bisschen Verspätung wahr: Kiryat Schmona holte den Titel. Nach dem letzten Spieltag lag Ironi 14 Punkte vor Verfolger Hapoel Tel Aviv. 30 Jahre lang hatten Vereine aus Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa die Meisterschaft unter sich ausgemacht.

Nun hat die Mannschaft um den neuen Trainer Gili Landau die Chance, für eine weitere Sensation zu sorgen: den Einzug in die Gruppenphase der Champions League. „Das Rückspiel wird ein Spiel, in dem Leidenschaft gefragt ist“, sagt Landau. Die Partie muss Ironi in Haifa austragen, da das eigene Stadion nicht den offiziellen Bestimmungen der Uefa für internationale Pflichtspiele entspricht.

Sollte Kiryat Schmona Zilina ausschalten, müsste das Team nur noch zwei Runden überstehen. Mit etwas Losglück könnten dann Spiele gegen prominente Gegner wie Bayern München, Manchester United oder FC Barcelona anstehen.

Trainer Landau blickt den Herausforderungen optimistisch entgegen: „Außenseiter sind wir nicht mehr. Wir wissen, wie wir uns auf dem Platz verhalten müssen. Wir haben Selbstvertrauen getankt.

Das lange Erwachen

Filip Krstic lebte vor fünf Jahren den Traum eines jeden Jugendkickers. Der Deutsch-Serbe wechselte von Hertha BSC zum FC Valencia und trainierte zusammen späteren Europa- und Weltmeistern. Weil die Spanier seine Ablöse nicht zahlten, war er jedoch nie spielberechtigt. Es war der Anfang einer verhinderten Karriere.

Quelle: 11.Freunde

Ein Hauch von Don Vito Corleone lag in der Luft. »Ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann«, nennt Filip Krstic rückblickend den Vertrag, der seine Fußballkarriere verändern sollte. Es läuft die Saison 2006/07, als ihn der FC Valencia haben will. Er soll einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschreiben, dazu gibt es eine Option auf 36 weitere Monate. Nur Formsache, dass diese irgendwann gezogen wird, erzählen ihm die Spanier. Krstic ist 18 Jahre jung, serbischer Juniorennationalspieler, er hat sich bei der U17-EM mit Englands Theo Walcott duelliert. Er ist Linksverteidiger, die werden bekanntlich immer gesucht, und aktuell Kapitän der A-Jugend von Hertha BSC. Zuvor spielte er jahrelang im Nachwuchs des FC Bayern München. Krstic könnte auch in Berlin versuchen, über die U23 in den Profikader vorzustoßen, einen Ein-Jahres-Vertrag hat er dort noch. Dazu rät ihm sein Vater. Der Berater Dusan Bukovac tut es nicht. Er hat den Valencia-Deal eingefädelt, die große Karriere geplant. Krstic hat eine Woche Bedenkzeit. Dann unterschreibt er. Der Traum kann beginnen.

Juli 2012. Filip Krstic sitzt in einem Hotel in Berlin-Mitte. Es gehört den Eltern seiner Freundin. Der gebürtige Münchner ist zurück in seiner Wahlheimat. Statt FC Valencia heißt sein Verein heute Berliner AK. Regionalliga Nordost statt Primera División. Die große Fußballwelt ist für ihn passé. Manchmal wird er noch daran erinnert, zuletzt bei der EM. Dort sah er die Weggefährten von einst, David Villa, Mats Hummels, Raul Albiol, Thomas Müller. Doch das ist lange her. »In meiner Karriere sind sehr viele Dinge sehr unglücklich gelaufen«, sagt der 23-Jährige und nippt an seinem Wasser. Aus den anvisierten fünf Jahren beim FC Valencia wurden gerade einmal sechs Monate. Gespielt hat für den spanischen Topklub nie. Der Traum war kurz. Das Erwachen dauert bis heute an.

Herumalbern mit David Villa

Als Krstic im Sommer 2007 nach Valencia kommt, scheint alles organisiert zu sein. Das Gehalt fließt regelmäßig. Genaue Zahlen will er nicht nennen, den Zehntausend-Euro-Bereich pro Monat gibt er zur Orientierung preis. Er bekommt eine eigene Wohnung, ein Auto, eine Mitarbeiterin auf der Geschäftsstelle spricht deutsch und kümmert sich um sämtliche Anliegen. Nur bei einer Sache sind auch ihr die Hände gebunden: Die Spielerlaubnis fehlt. »Der Sportdirektor Armadeo Carboni wurde entlassen, kurz bevor ich in Valencia ankam. Er hatte mich verpflichtet und wollte mich langsam ins Team einbauen. Der neue Sportdirektor (Angel Ruiz, d. Red.) hatte eine andere Philosophie, wollte lieber auf spanische Jugendspieler und nicht auf junge Ausländer setzen. Er plante nicht mit mir«, erläutert Krstic. Ruiz passt es in diesen Tagen sehr gut, dass Carboni die fällige Ablöse für Krstic – rund 350000 Euro – noch nicht nach Berlin überwiesen hat. Die Hertha pocht auf das Geld, Valencia weigert sich, es zu zahlen – Krstics Spielerlaubnis hängt in der Luft. Sie wird nie in Valencia ankommen.

Krstic trainiert fleißig. Der Trainer, Quique Sánchez Flores, lässt ihn mittun, auch wenn er ihn nicht einplanen kann. Der Großteil der Mannschaft akzeptiert ihn. »Wirklich große Spieler erkennt man daran, dass sie einem jungen Spieler immer helfen wollen«, lernt Krstic in dieser Zeit. David Villa, später Europa- und Weltmeister, ist so einer. Der Starstürmer muntert ihn immer wieder auf, nimmt ihn in den Arm, albert mit ihm herum. Nikola Zigic, der wie Krstic aus Serbien stammt, lernt mit ihm die spanische Sprache, isst mit ihm regelmäßig zu Mittag. »Ich habe mich nie einsam gefühlt in Valencia«, sagt Krstic. Doch bei Spielen in der Primera Divison, in der Champions League oder im Pokal sitzt er nur auf der Tribüne. Ein unbefriedigender Zustand, an dem sich auch nach Monaten nichts ändert. Krstic zieht die Konsequenzen, sieht sich nach Alternativen um. »Ich wollte nicht einfach meinen Vertrag absitzen.« Er spricht mit Berater Dusan Bukovac, der die nächsten Angebote an der Angel hat: FC Genua oder AS Livorno. Serie A, Italien. Nicht mehr die ganz großen Vereine Europas, aber das ist Krstic egal. Er will spielen, zu einer Mannschaft gehören. Er unterschreibt nach einem Probetraining für drei Jahre in Livorno. »Weil ich mich dort sehr gut aufgenommen gefühlt habe.«

Der AS Livorno steckt im Abstiegskampf, aber was für Krstic viel schlimmer ist: Das Warten auf die Spielerlaubnis geht zunächst weiter. Auch Livorno zahlt die von Hertha geforderte Ablöse erst mit Verzögerung. Erst Anfang März ist auch der letzte Cent seiner Ablöse in Berlin angekommen, darf Krstic in Pflichtspielen auflaufen. Es kommt zum Duell mit Giovanni Pasquale um den Linksverteidigerposten. Pasquale, der heute bei Udinese Calcio spielt, schenkt Krstic nichts. Um den neuen Kontrahenten einzuschüchtern, beginnt er immer früher mit dem Training als es der Trainer verlangt. Krstic eifert ihm nach. Nicht selten sind die beiden die ersten am Trainingsplatz. Doch letztlich spielt immer der erfahrenere Pasquale. Krstic kommt nur einmal, am letzten Spieltag – mittlerweile ist Livorno abgestiegen – zum Einsatz, wird bei der 1:2-Niederliage in Empoli eingewechselt. Es ist bis heute sein einziger Einsatz in einer europäischen ersten Liga.

Den erkrankten Vater stolz machen

Wenn es nach Dusan Bukovac gegangen wäre, hätte sich Krstics Reise quer durch die Welt fortgesetzt. Nach dem Ende der Saison 2007/08 holte er Angebote aus den ersten Ligen in Portugal, Zypern, ja sogar Dubai für seinen Klienten ein. »Ich war 19. Das war doch keine Perspektive für mich. Ich wollte lieber in Livorno bleiben.« Sein sechs Monate zuvor abgeschlossener Vertrag mit den Italienern galt jedoch nicht für die zweite Liga. Livorno bot ihm einen neuen Kontrakt an, allerdings mit weitaus weniger Gehalt. »Das wäre mir egal gewesen. Ich fühlte mich wohl, sah dort die Perspektive, zu spielen.« Doch die Verhandlungen gerieten schnell ins Stocken. Von Bukovac trennen mag sich Krstic zunächst aber nicht. »Berater haben sehr viel Einfluss auf einen jungen Spieler«, sagt er dazu heute. Sätze wie »Du bist wie ein Sohn für mich« beeindruckten ihn. So hielt sich Krstic in Livorno ein halbes Jahr fit, ohne dass sich vertraglich etwas tat. Erst dann trennte er sich von Bukovac. Zu spät: Livorno hat auf seiner Position mittlerweile für Nachschub gesorgt. Krstic muss endgültig gehen.

Eineinhalb Jahre hat der Deutsch-Serbe als aktiver Spieler auf dem Buckel, in der Bilanz stehen bis zur Winterpause der Saison 2008/09 lediglich 32 Pflichtspiel-Minuten. »Als junger Spieler musst du spielen«, betont Krstic. Was er dort an Praxis verlor, wird er nie wieder aufholen können. Dazu kommt ein privater Schicksalsschlag. Krstics Vater erkrankt schwer an Kehlkopfkrebs. Da hat sich Krstic gerade Arminia Bielefeld angeschlossen. Jede freie Minute macht er sich auf den rund 700 Kilometer langen Weg nach München, um bei der Familie zu sein. »Ich hatte den Kopf nicht frei für Fußball. Mittlerweile habe ich gelernt, damit umzugehen. Doch das verpasste meiner Karriere einen Knick.« Krstic läuft parallel in der zweiten Bielefelder Mannschaft in der Oberliga auf und schielt nach oben. Er hat einen Förderer: Jörg Böhme, damals Kotrainer der Arminia-Reserve, empfiehlt den Cheftrainern (erst Michael Frontzeck, später Thomas Gerster) immer wieder, Krstic mal eine Chance zu geben. Doch sie kommt nicht. »Ich frage mich noch heute, warum man mich überhaupt geholt hat.« Nach einem Jahr bricht er in Bielefeld seine Zelte ab.

SV Babelsberg, SpVgg Unterhaching, FSV Frankfurt II – die weiteren Stationen offenbaren bei seiner Vorgeschichte einen sportlichen Absturz. Ein Probetraining bei New England Revolution hätte ihm um ein Haar einen Fünf-Jahres-Vertrag in der amerikanischen Major League Soccer gebracht. Warum er nicht unterschrieb? »In den USA wechselt man nicht zu einem Verein, sondern bindet sich an die Liga. Es besteht die Gefahr, herumgereicht zu werden, ein halbes Jahr hier, ein halbes Jahr dort zu spielen.« Davon hatte Krstic genug. Die großen Angebote werden vorerst nicht mehr kommen, das weiß er. Und ist gerade deshalb froh, zurück in Berlin zu sein. Dort kennt er das Umfeld und hat in Jens Härtel einen Trainer, der auf ihn baut. »Mein größter Fehler war es, in so jungen Jahren Berlin zu verlassen und zu Valencia zu wechseln«, gibt er zu. Mit dem großen Fußball hat er allerdings noch nicht zu 100 Prozent abgeschlossen. Aus einem ganz speziellen Grund. »Ich will versuchen, nochmal weiter nach oben zu kommen. Damit mein Vater stolz auf mich sein kann.«

Ein Schlag ins Gesicht der Fans

Die Verbände stellten auf dem Sicherheitsgipfel Maßnahmen vor, um die Politik zu beruhigen. Die Vereinsvertreter reisten zwar an, für Diskussionen blieb ihnen aber keine Zeit. Außen vor blieben wieder diejenigen, um die es ging: die Fans. Deren Angebot zum Dialog wurde abermals mit Füßen getreten.

Quelle: 11.Freunde

Es war, als hätte ihr Verein ein entscheidendes Gegentor kassiert. Im Hotel Palace in Berlin verharrten die Fanvertreter und verfolgten auf ihren Laptops, was einige hundert Meter weiter passierte. Vertreter von DFB und DFL sowie der Innenminister verkündeten die Ergebnisse ihres Sicherheitsgipfels. Was die Fans sahen und hörten, verschlug ihnen die Sprache. Die Dauer von Stadionverboten soll nun von bisher drei auf bis zu zehn Jahren erhöht werden. Jakob Falk von der Fan-Organisation »Pro Fans« bezeichnete das »als Schlag ins Gesicht«.

2007 war die Dauer der Stadionverbote noch von fünf auf drei Jahre zurückgesetzt worden. Fanvertreter mahnten immer wieder die teils willkürliche Praxis der Verbote an. Als exemplarisch dafür gilt der Fall eines Nürnberger Fans, der für das Aufhängen einer Fanklub-Fahne ein einjähriges, bundesweites Stadionverbot erhielt. »Die Stadionverbotsrichtlinien verstoßen gegen geltendes Recht«, sagte René Lau von der AG Fananwälte. Der DFB plante zwar eine AG Stadionverbote, die sich mit dieser Thematik befassen und der auch ein Fanvertreter angehören sollte. Mit der neuen Maßgabe jedoch scheint dieses Ansinnen hinfällig. »Wenn wirklich durchgesetzt wird, dass Fans zehn Jahre ausgesperrt werden, dann ist der Dialog endgültig gescheitert«, sagte Philipp Markhardt von »Pro Fans«.

Verband schlägt Dialogangebot aus

Rund um den Sicherheitsgipfel machten die Verbände und Vereine allerdings wiederum deutlich, wie wenig ihnen an einem Dialog gelegen ist. Zunächst hatten sie die Anfrage der Fanvertretungen abgeschmettert, am Sicherheitsgipfel teilzunehmen. Dann ignorierten sie das abermalige Gesprächsangebot der Fans. Die führenden Fanorganisationen veranstalteten am Dienstag eine Pressekonferenz im Hotel Palace – gerade mal fünf Minuten Fußweg vom Sicherheitsgipfel entfernt. »Das hier ist keine Gegenveranstaltung, sondern ein Gesprächsangebot«, stellten sie bereits zu Beginn klar.

Sachlich und reflektiert präsentierten sieben Männer im Alter von Mitte 20 bis Ende 40 der Presse ihre Ansichten – zu Fanprojektarbeit, Pyrotechnik, Stadionverboten und Gewalt im Fußball. »Wir wissen, wie die Leute in der Kurve ticken. Wir können mit diesem Expertenwissen helfen«, sagte Philipp Markhardt. Die Presse füllte am Mittag den großen Konferenzraum des Hotels, am Nachmittag wäre genug Platz gewesen für die über 100 Verbands- und Vereinsvertreter, die persönlich von den Fans eingeladen worden waren. Es kamen nicht hundert, nicht fünfzig, nicht zehn. Es kamen vier. Keiner von der DFL oder vom DFB.

Reinhard Rauball, der Chef der Deutschen Fußball-Liga, begründete die Absage an die Fans mit den Worten: »Heute saßen diejenigen zusammen, die für das, was passiert, auch geradestehen müssen.«

Womit eigentlich auch die Fans gemeint wären. In Rauballs Aussage wurde der eigentliche Sinn des Sicherheitsgipfels deutlich: Es ging mitnichten um eine Diskussionsrunde von Politik, Vereinen und Verbänden, sondern um Beteuerungen der Verbände an die Politik. Ein Schüler, der zum Rapport beim Lehrer muss. Union Berlin blieb dem Treiben fern, Pressesprecher Christian Arbeit sprach von einer »Akklamationsveranstaltung«. Eine Einschätzung, der auch mancher Teilnehmer nicht widersprechen wollte. »Man kann schon den Eindruck gewinnen, dass wir nur zum Abnicken gekommen sind«, sagte ein Klubfunktionär hinter vorgehaltener Hand.

Am Montag gegen 16:00 Uhr sendeten DFB und DFL ihren ausgearbeiteten Verhaltenskodex an die Vereine, denen damit keine Zeit blieb, das Papier mit allen Verantwortlichen zu besprechen. Am Dienstag um elf Uhr traten die Funktionäre zusammen. Der Kodex wurde dort circa 45 Minuten zwar heftig diskutiert, Änderungen wurden jedoch nicht vorgenommen. Die Zeit drängte, denn schließlich kamen wenig später die Politiker hinzu. »Da hieß es, dass man ein Signal der Geschlossenheit abgeben muss«, erklärte ein Vereinsvertreter.

Bereits um 14:30 Uhr wurde die Pressemitteilung veröffentlicht, die neben dem Ehrenkodex auch die Maßnahmen wie die Erhöhung der Stadionverbotsdauer auflistete. Auch dieser Schritt irritierte so manchen Klubfunktionär, der davon ausgegangen war, dass lediglich der Kodex veröffentlicht werde. Denn die Maßnahmen haben zunächst einmal nur Empfehlungscharakter für die Vereine, intern firmierte der »Maßnahmenkatalog« als »Möglichkeitenkatalog«.

Angst vor Radikalisierung

Dennoch werden heftige Reaktionen aus der Fanszene wohl nicht ausbleiben. Für den Start der Dritten Liga am kommenden Wochenende rechnen auch Vereinsvertreter mit Protesten und Pyrotechnik. »Wir haben die Chance, diese Leute zu erreichen«, sagte Jakob Falk von »ProFans«. »Doch wenn wir nicht gehört werden, scheint es auf ein Kräftemessen hinauszulaufen.« Durch die Missachtung des Verbandes verlieren die moderaten Kräfte an Einfluss in den Kurven. Falk sagt: »Wenn wir nicht Erfolge unserer Arbeit präsentieren, werden sich Teile der Fans radikalisieren.«

Das Rezept von Coca-Cola, der Algorithmus von Google, der Bibel-Code oder der Ort des Bernsteinzimmers – die größten Rätsel der Menschheit müssen um ein Kapitel ergänzt werden: Die konsequente Ablehnung der Fußballverbände für einen Dialog mit den Fans.

Der Cassius Clay vom Waldhof

Sie riefen ihn „Negerkind“, später wurde er Profiboxer und saß im Gefängnis. Jetzt zeigt Charly Graf Jugendlichen, worum es im Leben geht: Ums Austeilen und Einstecken.

Quelle: Tagesspiegel

Wie er da so durch die muffige Sporthalle ruft, während der alte Holzboden unter seinen Füßen knackt, ist es, als sage er die Worte nicht nur zu seinen Schülern, sondern auch zu sich selbst. Sie klingen wie eine Kurzversion seines bislang 61 Jahre währenden Lebens.

Mehr Dampf.

Durchhalten.

Du sollst boxen und nicht schlagen.

Mit Kopf.

Weglaufen kann jeder Idiot.

Stopp.

Charly Graf leitet seinen dritten und letzten Boxkurs an diesem Tag. Hier kann er zeigen, was er kann und was Sport kann. Zieht man die unseriösen Dinge ab, ist Boxen das Einzige, was der Mann richtig gelernt hat. Bis an die Spitze schaffte er es und sucht jetzt doch die Basis. Schon seit acht Uhr morgens tingelt er durch Mannheimer Hauptschulen und lässt es knacken.

Der Holzboden ächzt von den flinken Tippelschritten der Jugendlichen, während sie mit ihren Fäusten in den Boxhandschuhen gegen eine dicke blaue Matte trommeln, die nur einen dumpfen Knall zur Antwort gibt. Pause. Der Schweiß suppt durch die T-Shirts. Dann: weitertrommeln, Pause, weitertrommeln. Trommeln für ein besseres Leben. (mehr…)