Archiv für August 2012

Der Philosoph Robert Pfaller über Sport heute

Biopolitik ist ein Teil von Pseudopolitik, aber nicht alles. Die Rauchverbote zum Beispiel sind nicht nur gesundheitspolitische Maßnahmen; sie zielen auch darauf ab, den Anspruch der Individuen auf Gesellschaft zu ersetzen durch den sehr viel bescheideneren Anspruch der Individuen auf Schutz vor Belästigung durch Gesellschaft.“ Auszug aus einem lesenswerten Interview mit dem Philosophen Robert Pfaller in der aktuellen Jungle World.

Kiel: Kein Ort für Neonazis?

Am Samstag, 8. September 2012 will die Mettenhofer Freizeitfußballmannschaft Bollstein Kiel auf dem städtischen Nordmarksportfeld ihr fünfjähriges Bestehen feiern. Was gegen diese und jede andere Form der Unterstützung für Bollstein Kiel einzuwenden ist, dokumentiert der folgende Artikel über die knietiefe Verstrickung von altbekannten Neonazis in das von städtischen Einrichtungen wohlwollend akzeptierte Projekt, die an den entsprechenden Stellen längst kein Geheimnis mehr ist.

Quelle: Antifa Kiel

Wer ab und zu bei lauen Temperaturen und mit offenen Augen durch Kiel spazieren geht, dem_der werden mitunter vielleicht schonmal martialisch gestalteten T-Shirts mit der Aufschrift „Bollstein Kiel“ aufgefallen sein, die nicht selten von Thorshämmern oder anderen fragwürdigen Symboliken untermalt sind. Hinter dem Namen „Bollstein Kiel“ verbirgt sich ein Freizeitfußballclub aus Mettenhof, der sich laut der offiziellen Internetpräsenz des Stadtteils im Jahr 2007 als unabhängige Selbsthilfeinitiative von Betroffenen sozialer Benachteiligung gegründet hat, um über die wöchentlichen Trainings, gelegentliche Turniere und gemeinsame Feiern „weg von der Straße“ zu kommen. So weit so gut, sollte man meinen. Tut man die Außendarstellung des „Straßenfußballclubs“ auf ihren T-Shirts jedoch nicht vorschnell als zufällige Geschmacksverirrung ab, sondern schenkt dem glauben, was in Mettenhof und darüber hinaus vielerorts offen oder hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird, schaut also mal etwas genauer hin, erscheint die etwa 30-köpfige „Bollsteiner Crew“, die über ein Umfeld von bis zu 150 Personen verfügen soll, schnell in einem deutlich problematischeren Licht.

Jährlich veranstaltet Bollstein Kiel im Spätsommer ein eigenes Fußballturnier auf dem Nordmarksportfeld der Stadt Kiel. Dieses Jahr will man am Samstag, 8. September die bereits fünfte Auflage feiern, weshalb „dieses Jubiläums-Turnier sich von allen anderen merkbar abheben soll“, wie es in der Einladung heißt. Zeltplätze seien vorhanden und Livemusik beim anschließenden Lagerfeuer in Planung. An sich kein Problem, stutzig macht jedoch neben der heutzutage sonst hauptsächlich nur noch im rechten bzw. militaristischen Sprachgebrauch üblichen Anrede „Kameraden/innen“, mit der der Text eingeleitet wird, die Randbemerkung, dass man sich erhoffe, „das sich weitere deutsche Straßenfußballclub´s dem Jubiläums-Turnier anschließen werden“.

Dass es sich auch bei diesen Formulierungen wieder nicht um ungeschickte Wortwahl, sondern um das bewusste Programm von Bollstein handelt, wird spätestens dann offenkundig, wenn man sich etwas durch das offizielle Vereinsforum im Internet klickt. In einer dort dokumentierten Rede, die der Club-“Präsi“ offenbar anlässlich des vierjährigen Bestehens von Bollstein Anfang 2011 gehalten hat, wird eine deutlichere Sprache gesprochen: „Nun ist es schon bald vier Jahre her, als sich ein Paar wagemutige Mettenhofer Jungs sich in den Kopf setzten, eine Organisation ins Leben zu rufen. Die besonders Deutschen Menschen, die in diesen Antideutschen System verloren haben, neue Hoffnung zu geben. Die es zulässt auf Freundschaft, Kameradschaft und Zusammenhalt auf der Strasse zu kämpfen. Aus einer Schnapsidee dieser tapferen Mannen Wurde alsbald zum schrecklichen aller Ausländer und Linken Spinnern. Bittere Realität!“.

Diese in der Tat bittere Realität besteht darin, dass sich in Mettenhof eine Freizeitfußballmannschaft als Zufluchtsort sozial ausgegrenzter Menschen etabliert hat, an dem gezielt nationalistische und rassistische Hetze verbreitet wird. Dies nicht nur clubintern, sondern auch in aller Öffentlichkeit: So wurde Bollstein Kiel der Wiederantritt bei einem Turnier der Brücke e.V. in Eckernförde verwehrt, nachdem Mettenhofer Spieler dort 2010 durch rassistische Äußerungen negativ aufgefallen waren. Im Bollstein-Internetforum sah man sich daraufhin im schlechtesten NPD-Jargon als Opfer vermeintlicher „Inländerfeindlichkeit“ gegen Deutsche.

Dass hinter diesen Äußerungen noch mehr als bloße Stumpfheit rechtslastiger deutscher Stammtische steht, wird in der Jubiläumsrede wenig später ganz offen eingestanden, als den Bollsteinern Dankesgrüße „von den inhaftierten Kameraden Für Pakete, Julfestkarten und Briefmarken, die sie über Post erhalten haben [im] Rahmen einer Spendenaktion, die wir Bollsteiner auch dieses Jahr durchgeführt haben“ übermittelt wurden, mit der „vier Gefangenen in Schleswig Holstein eine kleine Freude“ gemacht und „somit unsere Solidarität für Politische Inhaftierten Kameraden“ ausgedrückt werden sollte. Als politisch inhaftierte Kameraden werden nachfolgend u.a. keine Geringeren als Peter Borchert, lange Jahre führender schleswig-holsteinischer Neonazi-Aktivist und heutiges Bandidos-Mitglied, und der Nazi-Mörder Kai Diesner, der seit 1997 in Lübeck inhaftiert ist, genannt.

Die Flut an Hinweisen darauf, dass bei Bollstein eine bewusste Strategie verfolgt wird, mittels der Bereitstellung einer sozialen Anlaufstelle eine niedrigschwellige Schnittstelle zur Neonazi-Szene zu schaffen, verdichtet sich dann zu einem Fakt, wenn man führende Personalien des Clubs ins Visier nimmt. Die offizielle Internetpräsenz Mettenhofs nennt als Pressesprecher und Gründungsmitglied von Bollstein einen „Mario“. „Marios“ voller Name ist Mario Hermann, der Beobachter_innen der lokalen Naziszene seit den früheren 1990ern ein Begriff und auf zahlreichen Bollstein-Fotos unschwer zu erkennen ist. Zunächst als Neonazi-Skinhead in verschiedene Gewaltdelikte verwickelt, war Hermann um die Jahrtausendwende zusammen mit Neonazis wie Peter Borchert, Peter von der Born oder Patrick Thiele in der Kieler Kameradschaft und im damals offen nationalsozialistischen Flügel der NPD aktiv. Des Weiteren galt er auch später noch als Schnittstelle zwischen politisch organisierter und subkultureller rechter Szene. Dass Hermann, der auch namentlich als Betreiber des Internetforums angegeben wird, politischer Stichwortgeber bei Bollstein und Urheber der zitierten Äußerungen ist, ist wahrscheinlich.

Dass auf zahlreichen offen einsehbaren Fotos von Bollsteiner Zusammenkünften Personen den Hitlergruß zeigen bzw. andeuten, dass die deutsche Nationalflagge omnipräsent ist und dass zahlreiche Bollstein-Mitglieder in ihrem äußerlichen Auftreten gängigen Neonaziklischees entsprechen, sind in Anbetracht der gewichtigen Faktenlage nur noch als folgerichtige Bestätigungen dafür zur Kenntnis zu nehmen, dass es sich bei Bollstein Kiel um ein maßgeblich von Neonazis beeinflusstes und genutztes Projekt handelt.

Die Stadt Kiel nutzt diesen offenkundigen und scheinbar durchaus erfolgreichen Versuch von Neonazis im städtischen Leben Fuß zu fassen, um sich ihrer Verantwortung für den zunehmenden Mangel an unkommerziellen Anlaufstellen und Freizeitangeboten in der Landeshauptstadt, insbesondere für die vielen Verlierer_innen des alltäglichen kapitalistischen Konkurrenzkampfes, bequem zu entledigen. Sie hofiert Bollstein nicht nur, indem sie den Club im Internet bewirbt und Sportplätze wie den der Max-Tau-Schule zum Training oder das Nordmarksportfeld für Turniere wie am 8. September zur Verfügung zur Verfügung stellt. Das st@rtbüro Mettenhof, ein Projekt des jobcenter.kiel und der Brücke e.V., hält es sogar für unbedenklich, wider ihres spätestens seit dem Eklat beim Brücke e.V.-Turnier 2010 in Eckernförde besseren Wissens von deren rechten Tendenzen, ausgerechnet den bekannten Bollsteiner Gesichtern im Rahmen des Projektes „WohnWissen in Mettenhof“ die Betreuung eines Spielmobils im Freizeit- und Bewegungspark am Heidenberger Teich zu übertragen.

All dies entlarvt inszenierte städtische Werbekampagnen wie „Kein Ort für Neonazis“ als bloße Imagepolitur ohne jegliche Konsequenz. „Kein Ort für Neonazis“ ernst genommen bedeutete mindestens die Verweigerung jeglicher Unterstützung für Bollstein durch städtische Infrastruktur: Löschung der Vereins-Vorstellung auf www.mettenhof.de, Aufkündigung der Sportplatznutzung an der Max-Tau-Schule, keine Entledigung städtischer Sozialarbeit in Mettenhof an Bollstein-Mitglieder und Absage des bevorstehenden Bollstein-Turniers am 8. September auf dem Norder.

Energie: Verantwortung bis zum Stadionzaun

Für den Verfassungsschutz ist es die größte rechtsextremistische Hooligangruppe in Brandenburg. Für den FC Energie Cottbus sind es normale Fans. Dafür, wie sich Inferno auswärts präsentiert, fühlt sich der Lausitzer Profiklub nicht zuständig.

Quelle: Lausitzer Rundschau

Kurz vor dem Start in die neue Spielsaison saßen Geschäftsführung, Fanbeauftragter und Pressesprecher des FC Energie mit den Vertretern der wichtigsten Fangruppierungen zusammen, um sich für die vorherige, „äußerst komplikationslose“ Saison zu bedanken. Für die Gruppe Inferno saß „Willi“ mit am Tisch.

Der Forster gehört nach RUNDSCHAU-Recherchen zu den Rechtsextremisten, die das Brandenburger Innenministerium der kürzlich verbotenen Neonazigruppe „Widerstand in Südbrandenburg“ zurechnet. Deshalb gab es am Tag des Verbotes auch bei „Willi“ eine Hausdurchsuchung. „Er kam drei Tage später und hat uns das selbst erzählt“, so Energie-Sprecher Lars Töffling. „Willi“ habe jedoch versichert, er habe mit diesen Neonazis nichts zu tun.

Auch auf einem Foto der Firma 18 in Forst, einer rechtsradikalen Fußball-Clique, über die die RUNDSCHAU berichtete, will er nur zufällig aufgetaucht sein. Er sei zu einer Geburtstagsfeier eingeladen gewesen, bei der dieses Bild entstand, habe er erzählt. „Wir haben das zur Kenntnis genommen“, so Energie-Sprecher Töffling. Befragt habe man zu möglichen Verbindungen in die rechtsextreme Szene nur „Willi“ selbst und seine „Mitstreiter“, wie Töffling auf Nachfrage einräumt.

Hinweis auf Datenschutz

Thomas Lange ist der Fanbeauftragte des Profi-Vereins. Etwa 60 Fan-Gruppen und Clubs betreut er. Mit ihm über Inferno zu sprechen, erweist sich als schwierig. Weder will er sagen, wie groß diese Gruppe ist noch wer außer „Willi“ deren Kontaktpersonen zum Verein sind: „Datenschutz.

Vielleicht fällt es ihm auch schwer, kritisch über Inferno zu reden, weil die Gruppe zu den Aktivisten zählt, die im Stadion auf der Nordtribüne mit Sprechchören und Choreografien für Stimmung sorgen.

Lange fährt zu fast jedem Auswärtsspiel und versteht sich dort vor allem als Vermittler, wenn es Konflikte zwischen Energie-Anhängern und Ordnern gibt. Dort sieht er immer wieder auch ein Banner, das Inferno bei Auswärtsspielen wie Ende April in Ingolstadt an den Absperrzaun in der Stadionkurve hängt.

Darauf zu sehen sind IC für Inferno Cottbus, die 99 für das Gründungsjahr, ein Sensenmann in einem Kreis und darunter der Schriftzug „Die Halben hol‘ der Teufel!“ Was der Spruch bedeuten soll, lässt ihn kalt. „Warum soll ich mir etwas dabei denken“, sagt Lange.

Die scheinbar harmlose Zeile stammt aus einem Zitat der Romanfigur Gilbert Wolzow, einem Antihelden in dem antifaschistischen, im Osten früher weitverbreiteten Roman „Die Abenteuer des Werner Holt“. Wolzow hält darin eine flammende Durchhalte-Rede: „Wer . . . Deutschland in seiner schwersten Stunde im Stich lässt, der ist ein Schweinehund. Alles oder nichts. Die Halben hol‘ der Teufel. Wir stehen zum Führer.

Zitat als Schalaufdruck

In der Rechtsextremistenszene ist der Spruch von den Halben, die der Teufel holen soll, deshalb weit verbreitet. Er dient als Code für unbedingten Gehorsam, Durchhaltewillen und Führertreue. Die als kriminelle Vereinigung verbotene Szeneband Landser verwendete das Wolzow-Zitat als Liedtext. Ein sächsischer Versandhandel von Neonazi-Devotionalien verkauft Schals mit dem Aufdruck: „Die Halben hol‘ der Teufel!

Doch das Stadion-Banner mit diesem Zitat ist nicht die einzige Spur, die von der Fangruppe Inferno in den braunen Sumpf führt. Auf der Facebook-Seite der Gruppe findet sich ein Banner mit der Aufschrift „Unterwegs im Reich. Auswärts mit Energie Cottbus.“ Daneben die Karte von Deutschland in den Grenzen von 1937. Ein anderes Inferno-Banner trägt die Aufschrift „Widerstand lässt sich nicht verbieten“. Dazu wurden betont eckige Buchstaben gewählt, sodass das Doppel-S in dem Wort „lässt“ wie SS-Runen aussieht.

Beim Spiel gegen St. Pauli in Hamburg Ende März wurden vor dem Cottbuser Fanblock weiße Buchstaben auf schwarzem Grund gezeigt, die zusammen die Zeile „Ein Sieg heilt unsere Wunden“ ergaben. Ein Teil der Buchstaben soll jedoch, so Beobachter, zeitverzögert gezeigt worden sein, sodass für einen Moment „Sieg heil“ zu lesen war.

Im Cottbuser Energiestadion ist bei Heimspielen davon nichts zu sehen. Bis vor etwa zwei Jahren hatte die Gruppe sogar ein mehrjähriges Darstellungsverbot für das heimische Stadion wegen gewalttätiger Zwischenfälle bei Auswärtsspielen. Jetzt darf Inferno wieder Fahnen und Banner mitbringen, doch die müssen, wie von anderen Gruppen auch, vom Verein genehmigt werden.

Kein Pass für Runen-Banner

Für das Banner mit dem SS-Runen ähnlichen Doppel-S hatte Inferno eine Genehmigung beantragt, aber den Fahnen-Pass nicht bekommen. „Die wollen wir hier nicht haben“, sagt der Fanbeauftragte Thomas Lange. Wegen der Runenschrift könne „eine Gesinnung gemutmaßt und eine Verbindung hergestellt werden“, die beiden Seiten nicht gut täte, formuliert Lange auf Nachfrage eine verschlungene Begründung.

Energie-Sprecher Lars Töffling lässt mehr Problembewusstsein erkennen: „Uns gefällt das auch nicht, wenn die solche Fahnen beim Auswärtsspiel zeigen.“ Doch er fügt gleich hinzu, dass er froh sei, dass der Verein mit der Gruppe im Gespräch sei und die sich im Cottbuser Stadion an die Regeln halte. Was die außerhalb des Stadions machten, sei nicht Sache des Vereins: „Uns sind da die Hände gebunden.

Töffling weist immer wieder darauf hin, dass für Energie Cottbus der Stadionzaun und strafrechtlich relevante Vorfälle die Handlungsgrenze markierten: „Wir sind keine Ermittlungsbehörde und werden nicht auf Verdacht tätig.“ Die Grenze sei klar das Zurschaustellen verbotener Dinge.

Kein Strafverfahren bekannt

Auch gegen „Willi“ gebe es, soweit der Verein wisse, kein Strafverfahren. Deshalb darf er im Wechsel mit einem anderen Fan weiter am Megafon den Energie-Fanblock dirigieren. „Wir verlassen uns auch auf einen gewissen Selbstreinigungsprozess in der Fanszene“, sagt Energiesprecher Töffling.

Sicherheitskreise beobachten bei Inferno ein gewisses Geschick und Vorsicht, mit ihren Aktionen bis dicht an die Grenze der Strafbarkeit zu gehen, diese jedoch nicht zu überschreiten. Im Brandenburger Verfassungsschutzbericht 2010 wurde Inferno namentlich erwähnt, weil etwa 150 Rechtsextremisten aus Cottbus und Spree-Neiße das elfjährige Bestehen der Gruppe in einer Gaststätte im Norden der Stadt feierten.

Von Fachleuten wird etwa die Hälfte der rund 50 Mitglieder und Sympathisanten von Inferno dem rechtsextremen Milieu zugerechnet. Darunter soll sich nach RUNDSCHAU-Recherchen neben „Willi“ ein weiteres mutmaßliches Mitglied des verbotenen Widerstand in Südbrandenburg befinden.

Sven Graupner glaubt, dass nicht alle, die irgendwo hinter einem Banner von Inferno mit rechtsextremistischem Subtext stehen, sich dessen auch bewusst sind. Graupner gehört zum Fanprojekt des Vereins Jugendhilfe Cottbus, der völlig unabhängig vom Fußballclub agiert. Graupner hat auch zu Inferno-Mitgliedern Kontakt. „Es lässt sich aber nicht jeder dort auf ein Gespräch mit uns ein“, sagt er.

Pyrotechnik und Gewalt

Auch Graupner plädiert deshalb für einen Dialog mit problematischen Fans, die dazu bereit seien: „Das muss jedoch inhaltlich geschehen.“ Natürlich könnte mancher Spruch auch Zufall sein, doch manchmal gebe es einige Zufälle zu viel. Der rechtsextreme Hintergrund der Halben, die der Teufel holen soll, ist Graupner bestens bekannt.

Er sieht bundesweit in der Fanarbeit zurzeit eine ausschließliche Konzentration auf Pyrotechnik und Gewalt. Rechtsextremismus in Fangruppen sei da kaum ein Thema.

In der Lausitz, so Graupner, gebe es jedoch gut funktionierende Netzwerke, die sich damit auskennen. Ob Energie Cottbus dieses Wissen nutzen will, sei jedoch Sache des Vereins.

Es war legen, wartet, DÄÄÄÄÄÄÄÄRRRRRR!

Die zweite Mannschaft hat die Vögel abgeschossen! Am vergangenen Samstag konnte man es mal wieder beobachten: Fortschritt, was auch immer, ist einfach überbewertet. Mittels einer furiosen Aufholjagd zerlegten unsere Goldfüße diese komische Suppentruppe aus dem nördlichen Kreuzberg und holte sich somit zum Auftakt nicht nur drei Punkte, sondern auch noch zwei Kästen Bier. Aber hier mal das endgültige Wort zum Samstag:

„Bei bestem Wetter ging es letzten Samstag für unsere Zweite, gegen Fortschritt Friedrichshain, an den Start der neuen Saison. Die Sterne fingen etwas verhalten an, es mangelte ein bisschen am Zusammenspiel, und der Gegner nutzte diese Verhaltenheit aus und drückten die vom Trainer Antonio angedachte Viererkette weit in die eigene Hälfte zurück. Nach 10 Minuten Dauerdruck blieb dem defensiven Mittelfeldspieler Tobi keine andere Wahl, als einen Elfmeter zu provozieren. Obwohl Torwart Jerome, die richtige Ecke gewählt hatte, konnte er das 0-1 nicht verhindern.

Die Sterne waren etwas geschockt, der Platz nass vom Vorabend und der Ball rutschig. Die Kombination dieser drei Faktoren trug dazu bei, dass bei einem hohen Ball, sowie einem merkwürdigen Schulter-Ball des Gegners der Ball ins eigene Tor kullerte. So stand es bereits nach 12 Minuten 0-2

Nach dem zweiten Tor fingen die Sterne an aufzuwachen, aber irgendwie wollte es nicht klappen. Das Zusammenspiel im Mittelfeld funktionierte nicht wie vom Trainer angedacht, der Gegner hatte fast immer die Überzahl und störte schon im Aufbau das Spiel der Sterne. In der 32. Minute war es dann soweit; das 0-3 fiel. Es sah nicht besonders gut aus für die Zweite.

In der Zwischenpause, entschied sich das Team nicht in die Kabine zu gehen. Wir blieben am Platz! Die Aufstellung wurde zu einer Dreierreihe in der Abwehr geändert, um so vielleicht doch eine Überlegenheit im Mittelfeld zu schaffen. Diese Änderungen erwirkten in der zweiten Hälfte das komplette Aufwachen des Teams. Die Sterne pressten, drückten, stocherten und spielten den Gegner immer wieder aus. Die Friedrichshainer konnten kein vernünftiges Spiel mehr aufbauen, die Abwehr befand sich unter ständigen Druck und die konditionelle Überlegenheit fing an sich zu zeigen.

So entstanden immer mehr Möglichkeiten für die Sterne, bis es dann in der 62. Minute soweit war. Nach einem langen Pass zu Tobi vom Mittelfeld in dem Rücken der Abwehr hatte den gegnerischen Torhüter keine Chance, und es stand plötzlich 1-3. So ging es in den nächsten Minuten weiter, eine Chance folgte der Nächste. Dann in der 70. Minute, ein langer Pass vom Mittelfeld in die Spitze zu Julian. Julian schoss den Ball durch die Beine des Torhüters, welcher jedoch am Pfosten landete und sich von dort aus entschied wieder beim Schützen zu landen – Julian zog in die Mitte und verwandelte zum 2-3. Das Team blieb hartnäckig, und bewies eine Menge Courage. Die zum Spiel gekommenen Fans halfen dabei sehr.

Der Gegner, komplett beeindruckt vom Einsatz und der spielerischen Stärke der Sterne, konnte das dritte Tor nicht mehr verhindern. Nach einem von Daniel ausgeführten Einwurf, welcher von Julian verlängert wurde, tauchte Bev blitzschnell in der Mitte des Sechszehners auf und versenkte den Ball mit dem Kopf in der linken Ecke. Allerdings, reichte den Sternen ein Unentschieden nicht mehr. In der Schlussphase, konnte sich der Gegner nur noch durch harten Einsatz versuchen, das Unentschieden zu halten. So kam es zu einem Strafstoss gegen F’hain und für die Sterne zur Chance das Spiel zu drehen. Nach kurzer Diskussion, wer sich an die Aufgaben herantrauen würde, nahm Tobi den Ball, legte die Pille auf den Punkt und verwandelte den Elfmeter eiskalt und das Spiel war gedreht. Ab jetzt dann stand es bis zum Schlusspfiff 4-3.“

[Quelle]

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen

Reden ist Gold

Uh, uh, uh. Die unsäglichen »Affenrufe« von Chemnitz haben eine Debatte ausgelöst, wie man auch den letzten rassistischen Dumpfbacken im Stadion Einhalt gebieten kann. Einfach ignorieren, wie manche fordern, ist vielleicht die schlechteste Variante.

Quelle: 11.Freunde

Jeder Fan von Dynamo Dresden kennt Mickaël Poté. Seit 2011 spielt der in Lyon geborene Franzose mit beninischen Vorfahren in Dresden. In der vergangenen Saison gelangen dem Angreifer in 27 Saisonspielen zwölf Tore und fünf Torvorlagen, in dieser Spielzeit ist seine Quote sogar noch besser: In den ersten beiden Spielen gegen Bochum und 1860 München erzielte Poté jeweils ein Tor.

Auch im DFB-Pokal hat Poté getroffen. In der Erstrundenbegegnung gegen den Chemnitzer FC schoss der Franzose das zweite Tor des Spiels. Dresden gewann mit 3:0. Und den Namen Mickaël Poté kennen seither auch Fußballfans, die sich sonst nicht für Dynamo Dresden interessieren. Was leider nicht an Potés Tor lag.

Der 27-Jährige ist dunkelhäutig und weil er dunkelhäutig ist, meinten einige Zuschauer im Chemnitzer Fanblock, den Dresdener Stürmer mit Affenrufen beleidigen zu müssen. »Uh, uh, uh.« Die vielleicht widerlichste Form der verbalen Diskriminierung im Fußballstadion.

Poté schoss ein Tor und legte den Finger auf die Lippen

Poté hat diese Rufe natürlich gehört. Er hat erstaunlich gut reagiert. Für einen Moment schaute er fassungslos rauf zu den Arschlöchern, dann kratzte er sich selbst die Achselhöhlen. Die Affengeste als Antwort auf die Affenrufe. Erstaunlich auch deshalb, weil man selbst als Zuschauer vor dem Bildschirm am liebsten in die Chemnitzer Kurve geklettert wäre, um den Idioten die Fresse zu polieren, so wütend machte dieses »Uh, uh, uh«. Poté kletterte nicht, er zeigte den Fans auch nicht den Finger (was angemessen gewesen wäre), er kratzte sich die Achseln. Später schoss er ein Tor, blickte zornig auf die Tribüne und legte den Finger auf die Lippen. Es muss eine großartige Genugtuung gewesen sein.

Das war am Montag. Natürlich ist seitdem viel über das »Uh, uh, uh« von Chemnitz berichtet worden, selbstverständlich hat der Vorfall eine Debatte ausgelöst, wie man auch den letzten rassistischen Dumpfbacken Einhalt gebieten kann. Das ist gut, weil es zeigt, dass Deutschland sehr sensibel mit diesen Themen umgeht. Die Zeiten in denen Neonazis im Stadion unbehelligt ihren Führer grüßen durften, in denen dunkelhäutige Fußballer mit Bananen beworfen wurden und die Werfer dafür dann auch noch Schulterklopfer erhielten, sind zum Glück vorbei. Wenn heute jemand in den oberen Ligen den rechten Arm ausstreckt, die U-Bahn nach Auschwitz fordert oder »Uh, uh, uh« grölt, dann ist er entweder Einzeltäter oder Angehöriger einer Minderheit. Von extremen Beispielen oder dunkelbraunen Amateurvereinen einmal abgesehen. Im Idealfall bekommen die Einzeltäter oder Minderheiten gleich schon im Stadion die Quittung, werden niedergesungen, biergeduscht oder ein paar Mal geohrfeigt. Distanziert sich der Verein von ihnen, bestraft, ergreift Gegenmaßnahmen, arbeiten die Fanprojekte auf Hochtouren. In Chemnitz wurde immerhin ein bisschen niedergesungen, für Bierduschen und Ohrfeigen fehlen bislang die Beweise. Der Klub hat sich distanziert, die Strafe ist angedroht. Das Fanprojekt arbeitet ohnehin auf Hochtouren. Das kommt dem Idealfall schon recht nahe.

»Helfen kann nur Zivilcourage!«

Und der schlimmste Fall? Heißt: schweigen. »Gebt diesen Chemnitzern Idioten doch nicht noch so eine Plattform. Ignoriert sie und sie wissen gar nichts mehr mit sich sich anzufangen«, postete ein User auf die Facebook-Seite von 11FREUNDE. Falsch. Ignorieren heißt hier weggucken, heißt unter den Teppich kehren, heißt: so schlimm war es dann doch nicht. Der Autor dieser Zeilen wird es möglicherweise nicht so gemeint haben. Aber sein Lösungsansatz ist nicht richtig.

»Helfen«, sagt Torsten Rudolph vom Fanprojekt Dresden, »kann nur dauerhafte Zivilcourage.« Heißt: Mund aufmachen, bierduschen, was auch immer. Zeigen, was man scheiße findet. Das erfordert Mut, selbst bei Einzeltätern. Wann trainiert man es schon, einem fremden Menschen ins Gesicht zu sagen, dass er sich bitteschön samt seiner Meinung verpissen möge? Je größer und zahlreicher der Gegner, desto schwieriger wird es.

Auf der Dresdener Anzeigetafel steht: »Rassismus ist kein Fangesang!«

In Dresden kennen sie sich damit aus. Dort waren (und sind) die Arschlochgruppen oft ziemlich zahlreich, aggressiv und einfach unheimlich. Mit solchen Typen will man sich eigentlich nicht anlegen. Deshalb: »Wer Courage zeigt, muss dafür vollste Unterstützung vom Verein bekommen«, so Rudolph. Im Fall von Dynamo waren das zum Beispiel Trikots mit der Aufschrift »Love Dynamo, hate racism« oder die Anzeigetafel, auf der bei Heimspielen regelmäßig der Slogan »Rassismus ist kein Fangesang« aufleuchtet. Der Klub und das Fanprojekt arbeiten seit Jahren eng zusammen, viele kleine Schritte sind bislang getan worden, die einst zu Recht gefürchtete Fanszene ist zwar noch immer kein Hord der Nächstenliebe und Aufgeklärtheit, hat sich aber deutlich in eine positive Richtung entwickelt. Die Krawalle von Dortmund vor einem Jahr haben diese Entwicklung glücklicherweise nur überschattet, nicht rückgängig gemacht.

»Hate racism«-Trikots, Anti-Rassismus-Slogans, eine gemeinsam aufgenommene CD zur finanziellen Unterstützung von antirassistischen Projekten, Aufklärungsarbeit an der Fanbasis – es sind, was die Außenwirkung angeht, winzige Schritte im Vergleich zu dem medialen Echo von ein paar »Uh, uh, uh«-Idioten. »Wer tatsächlich glaubt, dass die Affenlaute ausgestorben sind, ist weltfremd«, weiß auch Rudolph, »passieren kann das jederzeit überall – natürlich auch bei uns in Dresden.« Aber alles ist besser, als ignorieren und schweigen. Jede Maßnahme ist ein Zeichen, ein kleines Symbol, ein leiser »Wir wollen den Scheiß nicht bei uns haben!«-Ruf. Steter Tropfen höhlt den Stein. Das wissen sie ganz sicher auch in Chemnitz.

Antisemitische Ausfälle bei Testmatch

Das „Freundschaftsspiel“ zwischen Ungarn und Israel wird von hässlichen Zwischenfällen überschattet.

Quelle: kurier.at

Ungarische Fußballfans haben am vergangenen Mittwoch bei einem Match zwischen Israel und Ungarn in Budapest antisemitische Tiraden beim Abspielen der israelischen Nationalhymne „Hatikva“ ausgestoßen. Wie israelische Medien am Wochenende weiter berichteten, dauerten die Störaktionen und während des gesamten Spiels an und sind auch in einem auf YouTube veröffentlichten Videoclip zu sehen.

Aus der Menge der ungarischen Fans waren Rufe wie „dreckige Juden“, „Buchenwald“ oder „Viva Mussolini“ zu vernehmen. Manche drehten während des Abspielens der Hatikva dem Spielfeld den Rücken zu. Peter Morvay, Redakteur des Privatsenders ATV, erklärte, die antisemitischen Ausfälle seien nicht nur von ein paar „Verrückten“ ausgegangen, der „ganze Haufen“ der Anhänger des ungarischen Teams habe sich so verhalten. Zudem seien palästinensische und iranische Fahnen geschwenkt worden.

Efraim Zuroff, der Direktor des Simon Wiesenthal Centers in Israel, fordert bereits seit Jahren ein entschiedenes Vorgehen der ungarischen Behörden gegen den Antisemitismus im Lande. Vorfälle wie die während des Länderspiels seien Indizien für ein größeres Problem, nämlich einem wachsenden Antisemitismus. Dieser werde durch die ultranationalistische Jobbik-Partei ermutigt, die die ungarische Mittäterschaft an den Verbrechen des Holocaust leugne und Sympathien für die iranische Sicht auf Israel hege.

Wie die Jerusalem Post kritisiert, hätten sich die ungarischen Behörden noch nicht für die antiisraelischen und antisemitischen Ausfälle während des sogenannten „Freundschaftsspiels“ am 15. August entschuldigt. Das Match endete übrigens 1:1.

Lübecks anderer Fußball

Der Fußballverein Roter Stern Lübeck hat einen erstaunlichen Aufstieg hinter sich. Aber die egalitären Kicker werden immer wieder zur Zielscheibe von Hooligan-Angriffen aus der Fanszene des VfB Lübeck

Quelle: taz.de

Eine Stadt, die Besucher und Bewohner zwischen Bismarck und Wilhelm I. zu Pferde – beide Furcht einflößend groß – durch schickt, bevor sie in die Altstadt, zum Holstentor, oder sonst wohin dürfen, brauchte dringend einen Roten Stern.

Dass sie einen hat, liegt an Millo Dohmen. Der Erste Vorsitzende und Mitgründer des Fußballvereins Roter Stern Lübeck steigt aus seinem Auto, aus dem erstaunlich laute Rockmusik dringt. Er trägt die Koteletten englisch, also zu den Wangen hin breiter werdend. Er ist 44, Altenpfleger. Dohmen wollte einen Sportverein wie den auf St. Pauli, ohne nach Hamburg fahren zu müssen. Es gab ihn nicht, und so gründete er den Roten Stern, mit ein paar Kumpels zusammen, ziemlich genau vor vier Jahren. Damals hatte der Rote Stern 80 Mitglieder, inzwischen sind es 120. „Die FDP in Lübeck hat weniger“, sagt Dohmen und grinst.

Es gibt Rote Sterne unter anderem in Leipzig, in Halle, in Nordost-Berlin, in Flensburg – und den FSV Roter Stern Kickers 05 – Ahrensburg. Es gibt ein Netzwerk der Roten Sterne. Veranstaltet ein Roter Stern ein Turnier gegen Rassismus, Homophobie, oder für die „Rote Hilfe“, kommen – wenn es irgendwie geht – die anderen Sterne und kicken mit.

Die Roten Sterne sehen sich in der Tradition der Arbeitersportbewegung. Arbeiter gründeten am Ende des 19. Jahrhunderts Sportvereine, weil sie nicht von den bürgerlichen Turnvereinen aufgenommen wurden, und wenn doch, gingen ihnen Sedanfeiern, Monarchismus, Militarismus, das Provinzielle und der Chauvinismus der Turner auf den Senkel. Mal ganz abgesehen von den Sportarten.

Im Stadion Buniamshof, wo Roter Stern Lübeck trainiert, kann man noch eine Ahnung von jener Zeit bekommen: Turner erinnern dort mit einem gewaltigen Gedenkstein mit zwei Adlern an ihre Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Am 26. Mai 1933 um 20.30 Uhr fanden im Buniamshof Bücherverbrennungen statt, Der Lübecker General-Anzeiger schrieb am Tag danach: „Daraufhin zog alles geschlossen mit Musik zum Buniamshof, wo die undeutschen Schriften und Bücher verbrannt wurden. Tausende schlossen sich an und Tausende warteten bereits auf dem Platze, wo Studienrat Schmiedel das Wort ergriff und den undeutschen Geist anprangerte. Unter dem Jubel der begeisterten Massen – die Jugend Lübecks war wohl fast vollzählig erschienen! – wurde der große Stoß angezündet.“ Auch Thomas Manns Bücher wurden verbrannt.

Komischer Ort für einen Club wie den Roten Stern, in dem Migranten willkommen sind. Keine Diskriminierung. Ein etwas anderer Umgang, Meinungsbildungsprozesse öffentlich, Diskussionen, wenig Druck, undogmatisch. „Wir haben Mitglieder aus allen Parteien“, sagt Dohmen, und zählt auf: „SPD, Grüne, Linke, Piraten, Nichtwähler“.

Die erste Männermannschaft ist jede Saison aufgestiegen und kickt jetzt in der Kreisklasse A. Im Pokal darf der Rote Stern in dieser Saison gegen die Zweite des VfB Lübeck ran. „Traumlos“, schwärmt Dohmen, dreht eine Fluppe und steckt sie hinters Ohr. Über der Fluppe hinterm Ohr sitzt eine schwarze Mütze, daran ein roter Stern mit Holstentor drauf. Zu Weihnachten gibt es rote Sterne aus Marzipan.

Der große Stadtrivale VfB Lübeck ist ein Club mit großer Vergangenheit, bescheidener Gegenwart und teilweise problematischer Fanszene. Von Anfang an spielte die dritte Mannschaft des VfB Lübeck in der gleichen Liga wie der Rote Stern. Sind immer zusammen aufgestiegen. „Mit denen hatten wir arge Probleme“, sagt Dohmen, „diese Begegnungen ziehen Rechtsradikale an.

Im Schnitt kommen 120 Zuschauer zu den Heimspielen von Roter Stern ins Stadion Holstentor Süd. Gegen den VfB kommen schon mal 500 zur Lohmühle. Dohmen holt die Fluppe hinterm Ohr vor, steckt sie an, und erinnert sich an eine Partie, bei der die Rechten den Platz stürmten, „die Polizei musste das Spiel sichern“. Das war in der Kreisklasse D. Einmal waren 400 Nazis aus dem Umland beim Spiel gegen die Dritte des VfB Lübeck: „Rassistische, homophobe, sexistische Lieder, Drohungen, Bierflaschenwürfe – die wollten uns Angst einjagen“, sagt Dohmen. Das mit der Angst klappte nicht. Nach einem anderen Spiel an der Lohmühle lauerten Nazi-Hooligans der Clubs SG Dynamo Schwerin und FC Anker Wismar den Fans des Roten Stern auf. „Die haben Frauen und Kinder auf dem Weg nach Hause angegriffen“, sagt Dohmen.

Am kommenden Sonntag spielt der Rote Stern wieder an der Lohmühle, gegen die Dritte des VfB, mittags um eins. „Das letzte Spiel war friedlich, was daran liegt, dass die Polizei die Nazis dran gehindert hat, ins Stadion zu kommen oder unsere Fans anzugreifen“, erklärt Dohmen.

Trainer Jens Schmidt, Pflegedienstleiter, Kollege von Dohmen, kommt zum Training. „Der VfB ist nicht unser Feindbild“, sagt er, „wir haben auch kein Problem mit der Mannschaft.“ Es gebe sogar Menschen, die in beiden Vereinen Mitglied seien. Aber distanzieren könnte sich der VfB Lübeck schon von den Leuten, die bei den Spielen des Roten Sterns auf der Lohmühle randalieren. „Pressemitteilungen reichen nicht“, findet Dohmen.

Die Spieler trudeln ein. Trainer Schmidt glaubt, „dass die Struktur, also etwa die Trainingsmöglichkeiten, nicht mehr hergibt als Kreisklasse A“. Trainiert wird auf Grand, den Rasenplatz auf dem Buniamshof kriegt der Rote Stern nicht, einen Kunstrasenplatz auch nicht, weil er kein Vereinsgelände hat. Ein Vereinsheim gibt es auch nicht. Zwölf bis 14 Spieler kommen zum Training, der Altersdurchschnitt liegt bei 27 Jahren. „Wir hätten gerne Nachwuchs, da gibt es häufig Anfragen, aber das ist schwierig“, sagt Dohmen, er denkt über eine Spielgemeinschaft mit einem anderen Verein nach.

Zum offenen Training am vorigen Mittwoch kamen 34 Leute, davon zehn Frauen. Der Verein könnte noch schneller wachsen. Mit den Mitgliedsbeiträgen kommt er nicht weit: ab ein Euro pro Monat für diejenigen ohne, ab drei Euro pro Monat für die mit festem Einkommen. „Nach oben offen“, sagt Schatzmeister Ragnar Harald Lüttke. Zusätzlich gibt er Anteilsscheine über 50 Euro aus. Der größte Sponsor zahlt 400 Euro. Bei den Sponsoren gucken Dohmen und Lüttke, dass die zum Roten Stern passen. Firmen ohne Betriebsrat, mit Kinderarbeit, Bezahlung unter Tarif, die ihr Geld mit Tierquälerei machen, „gehen nicht“, sagt Lüttke und schüttelt den Kopf.

Das Training beginnt. Die Spieler sollen den Ball fangen. Auf einem kleinen Rasenstück. Ist verboten. Geht, weil der Hausmeister gerade nicht da ist. Wenn er kommt, jagt er sie runter.

Der VfB Lübeck, finden sie beim Roten Stern, soll sich von randalierenden Nazis distanzieren.

Schnüffler in der Fankurve

Gerüchte gab es schon länger, nun wird ein konkreter Fall bekannt: Die Polizei setzt in der Fußball-Fanszene vermehrt auf den Einsatz von V-Leuten. Das Verhältnis zwischen Anhängern und Ordnungshütern wird damit weiter belastet, es herrscht eine Atmosphäre des Misstrauens.

Quelle: SPON

Der Treffpunkt befindet sich im „Goldenen Posthorn“, direkt gegenüber der ältesten Nürnberger Pfarrkirche, dem Heiligen St. Sebald. Doch das, was Ralf Peisl und ein Mann namens Klaus zu berichten haben, hat mit Frömmigkeit nur wenig zu tun. Die beiden Männer wirken misstrauisch, schauen sich vor dem Betreten des Restaurants mehrfach um. Der Tisch, den sie für das Gespräch ausgesucht haben, liegt im hintersten Eck des Hauses, Peisl nennt ihn „konspirativ“. Hier, im sonst so beschaulichen Teil Nürnbergs, geht es nun um eine Geschichte, die die deutsche Ultra- und Fanszene seit über zwei Wochen in wilde Diskussionen und Verschwörungstheorien stürzt.

Das Ganze ist der Hammer, unfassbar“, flüstert Klaus, ein kerniger Kerl, der weder Polizisten noch Journalisten leiden kann. Seinen wirklichen Namen nennt er zwar, will ihn aber nirgendwo lesen. „Bei uns allen herrscht große Verunsicherung“, sagt Peisl. Er vertritt als Anwalt die Rot Schwarze Hilfe (RSH). Der Solidarverein hilft Fans des 1. FC Nürnberg, wenn sie Probleme mit der Polizei haben. Klaus arbeitet ehrenamtlich für das Projekt und kümmert sich um Fanbelange.

Am 18. Juli, einen Tag nach dem Berliner Sicherheitsgipfel, auf dem erneut die vermeintliche Fan-Brutalität und -Kriminalität Gegenstand der politisch-polizeilichen Diskussionen war, erreichte die RSH ein Anruf eines Mitglieds der Ultras Nürnberg 94 (UN). Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE handelte es sich bei dem Angerufenen um „Chris“, eines der führenden UN-Mitglieder. (mehr…)

Erneuter rechter Angriff auf die Aachen Ultras.

Zum wiederholten Male wurden die Aachen Ultras am Dienstag nach
 einem
 Spiel ihres Teams in Saarbrücken Opfer eines gezielten und äußerst
 brutalen Angriffs rechter Gruppen aus der Aachener Fanszene. BAFF
 fordert alle Fans, den Verein sowie alle direkt oder indirekt
 beteiligten Institutionen auf, endlich klar Stellung zu beziehen
 und zu
 handeln. Schluss damit! Sofort!


Es geht hier nicht um einen Konflikt zwischen zwei Fangruppen. Es
 handelt sich um den politisch motivierten Versuch rechtsoffener,
 rechter
 und neonazistischer Kreise, eine ihnen missliebige, antirassistische
 Gruppierung mit der Hilfe von Gewalt mundtot zu machen, sie aus dem
 Stadion, der Fanszene und dem Umfeld der Alemannia zu vertreiben. Dies
 darf ihnen nicht gelingen!


Die politischen Motive der rechten Schläger sind klar: Seitdem
 sich die
 “Aachen Ultras“ öffentlich gegen Rassismus und andere
 Diskriminierungsformen engagieren und positioniert haben, sind sie mit
 Provokationen und Einschüchterungsversuchen konfrontiert. Des Weiteren
 kam es ihnen gegenüber in den letzten Monaten mehrmals zu
 körperlichen Angriffen. Der jetzige Angriff ist dabei nur der traurige
 Höhepunkt einer Reihe von körperlichen Übergriffen. So kam es schon am
 11. Dezember 2011 beim Heimspiel gegen Aue zu einem Angriff von ca. 20
Männern auf die Aachen Ultras. Am 5. Januar wurden bei einem
 Hallentunier in Aachen Mitglieder der ACU von ca. 10 Personen
 angegriffen und aus der Halle gejagt. In der Innenstadt von Aachen
 wurden
 am letzten Freitag Autos von ACU Mitgliederen zum Teil erheblich beschädigt.
 Die Täter bei all diesen Übergriffen entstammen offensichtlich immer
 demselben Personenkreis: Sie gehören entweder zu den “Karlsbande
 Ultras“
 oder sind Mitglieder von Hooligangruppierungen wie “Supporters“ und
 “Westwall“. Manche von ihnen sind auch aktive Neonazis aus der
 Kameradschaftsszene im Aachener Land. Jedes Gerede von der angeblich
 unpolitischen Haltung der Angreifer wird schon angesichts dieser
 Zusammenarbeit als Lüge und Verharmlosung entlarvt.
 Die Brutalität, mit der diese rechten Gruppen gegen die Aachen
 Ultras
 vorgehen, hat mit dem jüngsten Überfall in Saarbrücken erschreckende
 Ausmaße erreicht.

Gezielt wurden die “Aachen Ultras“, nachdem sie von
 der Polizei zum Verlassen des Blocks aufgefordert wurden, von bereits
 draußen wartenden Rechten, rechten Hools und
 “Karlsbande“-Mitgliedern attackiert. An der damit beginnenden
 Schlägerei gegen die Aachen Ultras haben sich nach
 Augenzeugenberichten schließlich über 100 Angreifer beteiligt, die zum
 Teil Fahnenstangen, Flaschen und Gürtel als Waffen einsetzten.
 Auch auf
 am Boden liegende Angegriffene wurde weiter eingeschlagen und
 eingetreten. Es entwickelten sich über mehrere Minuten regelrechte
 Jagdszenen im Stadionbereich, bei denen weder Ordnungskräfte noch
 Polizei ernsthaft eingriffen. Angesichts der Schilderungen
 erscheint es
 als pures Glück, dass niemand bleibende körperliche Schäden oder gar
 Schlimmeres erlitten hat. Spätestens jetzt muss jeder und jedem klar
 sein, dass diese rechtsmotivierten Schläger vor nichts
 zurückschrecken.


Schon nach dem Angriff beim Spiel gegen Aue im Dezember schloss sich
 BAFF einem offenen Brief der Ultras von Racaille Verte aus
 Bremen an,
 die an Alemannia Aachen gerichtet forderten:
 “Als Verein sind Sie in der Verantwortung, sich hinter diejenigen zu
 stellen, die sich gegen Diskriminierung und für eine bunte Fankurve
 einsetzen, und diejenigen zu verurteilen und auszuschließen (nicht nur
 aus dem Stadion, sondern aus dem gesamten Diskurs), die sich Hass und
 die gewaltsame Verdrängung andersdenkender Menschen auf die Fahnen
 geschrieben haben.“
 Auch damals schon wurde der Verein für sein zurückhaltendes Vorgehen
 gegenüber der gewalttätigen Angriffe der Karlsbande kritisiert.


Seitdem hat sich offensichtlich nichts zum Positiven verändert. Im
 Gegenteil: Die Einschüchterungsversuche und wiederholten körperlichen
 Angriffe gegen die Aachen Ultras dauern an und nehmen in der
 Intensität sogar zu. Es ist längst überfällig Position zu beziehen und
 zu handeln.

In der Pflicht ist der Verein Alemannia Aachen. In der
 Pflicht sind die Institutionen der Aachener Fanszene und alle Fans der
 Alemannia. In der Pflicht sind all diejenigen in Verbänden und Politik, die sich
 gerne öffentlich mit einer bunten Fankultur ohne Diskriminierung
 schmücken wollen.
 Das vermeintliche Vergehen der Aachen Ultras war und ist es, sich
 gegen die Ideologie der rechten Schläger zu wenden. Sie verdienen
 Solidarität und Unterstützung. Damit Schluss ist mit der rechten
 Gewalt!


BAFF-Pressemeldung vom 09. August 2012

Bündnis aktiver Fußballfans e.V.