Rückkehr des Propheten

Der Kreuzberger Traditionsklub Türkiyemspor startet nach einer Insolvenz in der Berlin-Liga einen Neuanfang. Nach den ersten Erfolgen in der Vergangenheit üben die Fußballer sich nun in Demut und wollen sich aufs Sportliche konzentrieren.

Quelle: Berliner Zeitung

Es ist nicht gerade ein gut bezahlter Traumjob, den Bülent Gündogdu vor rund zwei Monaten angenommen hat. Denn die Aufgabe, die zu erfüllen ist, scheint schwierig bis fast unmöglich zu sein: Als sportlicher Leiter des insolventen Fußballklubs Türkiyemspor soll er eine Mannschaft formen, die in der Berliner Verbandsliga bestehen kann, der Berlin-Liga. Die startet am kommenden Wochenende.

Die Voraussetzungen hätten schlechter nicht sein können: Die Spieler waren weg, als zu Beginn des Jahres der Betrieb eingestellt werden musste, ebenso das Geld, Bälle, Ausrüstung. „Es war ein Schock, das muss ich zugeben“, sagt Gündogdu. Doch wie das so oft ist mit einer großen Liebe, konnte Gündogdu den Avancen des Vereins nicht widerstehen. Er ließ sich überreden, an der Rettungsaktion mitzuwirken.

Hochmut nach den ersten Erfolgen

Was ich bin, verdanke ich Türkiyemspor“, sagt Gündogdu in überschäumendem Pathos. Das beruht offenbar auf Gegenseitigkeit. Denn auch im Klub sind alle wie auf Knopfdruck voll des Lobes, wenn der Name Bülent Gündogdu fällt. Das Engagement von ihm sei für den Verein von unschätzbarem Wert, heißt es. Dass sich hier offenbar die Richtigen gefunden haben, wird schnell klar beim Blick in die Vergangenheit: Die größten Erfolge erreichte Türkiyemspor mit dem Trainer Gündogdu. Als 26-Jähriger übernahm er Anfang der Achtzigerjahre den Verein in der C-Klasse und führte ihn bis in die Oberliga – die damals dritthöchste Spielklasse in der Bundesrepublik. Sogar der Aufstieg in die Zweite Bundesliga erschien möglich.

Doch mit dem Erfolg kehrte auch der Hochmut in Kreuzberg ein. Der Verein verschuldete sich. „Ich habe schon früh gesagt, dass dieser Ballon irgendwann platzen wird“, erzählt Gündogdu über die Zeit kurz nach der Wende. Er war mittlerweile in Bayern. Aus der Ferne sah er zu, wie sich seine Prognosen allmählich bestätigten.

Die Situation weckte den Ehrgeiz in ihm. „Es wäre für mich nicht zu ertragen gewesen, dass der Name irgendwann verschwindet. Also haben wir uns zusammengerauft, um den Verein zu retten“, sagt Gündogdu.

Die Hoffnung im Verein ist groß, dass sich Türkiyemspor mit Gündogdus Einsatz und der Rückkehr ins Ligageschäft sanieren lässt. Die Politik hat sich schon positioniert und sitzt im Aufsichtsrat. Robert Schaddach, für die SPD im Abgeordnetenhaus, steht dem Gremium vor, ihm zur Seite stehen Kurt Wansner (CDU) und Özcan Mutlu (Grüne) sowie die Friedrichshainer Bürgermeisterin Cornelia Reinauer (Die Linke).

Spender gesucht

Bis die 60.000 Euro Schulden getilgt sind, ist der Verein dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist. Noch ist Türkiyemspor weit von diesem Ziel entfernt, doch es zu erreichen, erscheint nicht unmöglich. Wenn 600 Unterstützer 100 Euro spenden, dann sollte es gelingen. Bislang kommt der Klub auf 51 Spender plus Sponsoren. Wenn die Anhänger sehen, dass der Spielbetrieb wieder läuft, könnten weitere Spender hinzukommen. Das ist nun die Hoffnung. Um eben jene Anhänger zu mobilisieren, steigt am Freitag die große Saisoneröffnungsparty am Kottbusser Tor. „Wir werden den Leuten zeigen: Schaut, wir sind wieder da“, sagt Gündogdu.

Wo Türkiyemspor sportlich heute steht, wird sich am Sonntag zeigen, wenn die Mannschaft beim SC Gatow antritt. Seit mehr als einem halben Jahr hat der Klub kein Pflichtspiel mehr ausgetragen, der Start in der Berlin-Liga ist nur mit Hilfe einer Sondergenehmigung möglich gewesen. In einem wochenlangen Casting auf dem Sportplatz in der Kreuzberger Blücherstraße hat der sportliche Direktor inzwischen 24 Spieler zusammen, die das Trikot des stolzen Vereins tragen sollen. Illusionen macht sich Gündogdu aber nicht. „Wir können überhaupt nichts versprechen. Es kann auch sein, dass wir die Liga nicht halten können. Aber es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit sieht: Türkiyemspor kann eine Mannschaft auf den Platz schicken“, sagt der sportliche Leiter.

Einstellung gefunden

Seine junge Mannschaft hat eine andere Devise. Sie lautet: Vollgas geben. „Wir sind gute Leute, alle hochmotiviert, und wir werden diese Saison locker schaffen“, sagt Onur Yoldas, der mit seinen 23 Jahren schon einer der Älteren im Team ist. Auch im Training machen die Spieler schnell klar, dass sie sich aufopfern werden, um ihren Klub würdig zu vertreten. Bülent Gündogdu weiß, wie er die euphorische Stimmung weiter anheizen kann: „Ihr müsst euch klar sein: Ab heute seid ihr Türkiyemspor.

Der Rückkehrer freut sich über den Einsatz der jungen Spieler, die auf den Platz gehen, ohne einen Cent dabei zu verdienen. Die Ergebnisse sind für ihn zweitrangig. Es geht hier um das große Ganze, um ein Projekt das Vorzeigecharakter hat, sagt er. „In diesem Verein wurde von jeher Integration gelebt. Es geht hier um Sport, aber die sozialpolitische Bedeutung ist ebenso wichtig.

Für den sportlichen Leiter wäre es völlig indiskutabel, die Frauenabteilung zu Gunsten der Männer zu schließen, wie es in jüngster Zeit bei anderen Vereinen immer mal wieder der Fall war. „Auf die Herren könnten wir verzichten“, sagt Gündogdu, „nicht aber auf die Frauen- und Kindermannschaften.