Die Inseln der Anderen

Am Freitag trifft die DFB-Elf in der WM-Qualifikation auf die Färöer Inseln. Früher belächelte man deren Nationalmannschaft. Heute geht das nicht mehr, denn es gibt bekanntlich keine Kleinen mehr – nur noch Andere. Wie kam es dazu?

Quelle: 11.Freunde

Vielleicht ist das so. Vielleicht ist Fußball auf den Färöern eines der letzten großen Abenteuer. Etwas, das in den Ideen der genormten UEFA- und FIFA-Welt eigentlich nicht vorgesehen ist. Ein Fußball, der, so werden uns die TV-Kommentatoren auch dieses Mal vor Anpfiff informieren, von Schafhirten, Landwirten und Elektrikern gespielt wird. Ein Fußball, für den es bis vor wenigen Jahren nicht mal Naturrasenplätze gab. Ein Fußball, für den Berge gesprengt wurden. Ein Fußball der Anderen.

Die Zeit vor dem 12. September 1990

Der Tag, der alles veränderte, war der 12. September 1990. Davor waren die Färöer vor allem für zwei Dinge bekannt: Wale und Schafe. Über die Wale – genauer: Grindwale – wurde berichtet, wenn sie vor den Küsten auftauchten, getötet und dann gegessen wurden. Über die Schafe wurde berichtet, dass sie viele sind. Angeblich verteilen sich über 70.000 auf 18 Inseln. Daher auch der Name: Färöer, zu deutsch: »Schafinseln«.

Was wusste man noch? Vielleicht, dass neben den 70.000 Schafen etwa 45.000 Menschen auf den Inseln leben, dass es circa 280 Tage im Jahr regnet, dass es im Winter sehr lange sehr dunkel ist und dass Starkbier viele Jahre verboten war.

An dem Tag, der alles veränderte, schoss Torkil Nielsen ein Tor gegen Österreich. Es war kein gewöhnliches Tor, sondern der Siegtreffer, erzielt im ersten EM-Qualifikationsspiel der färöischen Fußballgeschichte. Torkil Nielsen ist auf den Färöern seitdem das, was Maradona in Argentinien ist: ein Fußballgott. Er brachte den Fußball auf die Inseln.

Die »Times« nannte die Färöer »Europe’s Joke-Team«

Natürlich gab es auch schon vor jenem 12. September 1990 Fußball auf den Färöern. Manchmal hatte der färöische Verband sogar über einen Uefa-Aufnahmeantrag nachgedacht. Die Idee wurde allerdings immer wieder verworfen, da die Ergebnisse in inoffiziellen Freundschaftsspielen einfach nichts Gutes verhießen. Selbst gegen Fußballzwerge wie Shetland oder Island verloren die Insulaner in Serie. Noch 1985 setzte es gegen Island eine 0:9-Klatsche. Erst im April 1990 wagten die Färöer einen Versuch – mit Erfolg. Die Nationalelf durfte bei der Qualifikation zur EM 1992 teilnehmen und heimste prompt den Spott der ausländischen Presse ein. Die »Times« bezeichnete die Mannschaft als »Europe’s Joke-Team«.

An jenem 12. September 1990 aber machte die Witz-Mannschaft ernst. Österreich war mit Andreas Herzog, Peter Pacult und Toni Polster angereist. Der Mittelstürmer vom FC Sevilla galt damals als einer der besten Spieler in der Primera Division. Bei den Färöern stand Jens Martin Knudsen im Tor, ein Kraftfahrer einer Fischfabrik in Runavík. Er lief mit einer weißen Wollmütze auf, weil er sich in seiner Jugend mal eine Kopfverletzung zugezogen hatte und seine Mutter danach glaubte, Fußball sei ein zu gefährlicher Sport für ihn. Also versprach er ihr, fortan seinen Kopf zu schützen.

Der Triumph gegen Österreich

Da es zu jener Zeit auf den Färöern nur Kunstrasenplätze gab, die nicht den UEFA-Auflagen für offizielle Länderspiele entsprachen, fand das Spiel im 2000 Kilometer entfernten schwedischen Landskrona statt. Gegen Österreich verirrten sich 1250 Besucher in das Landskrona IP. Doch vor den Fernsehgeräten auf den Inseln saßen 48.000 Menschen, und als Schiedsrichter Egil Nervik aus Norwegen das Spiel abpfiff, liefen sie auf die Straßen und schrien und warfen ihre Hände in die Luft. Sie feierten mit Leichtbier und Cola, sie gingen zwei Tage nicht zur Arbeit, nicht zur Schule, nicht zu Uni. Es tauchten Reporter und Trainer auf und plötzlich waren die Inseln voll. Alle suchten nach dem neuen Supertalent, die Superfans, die Supermenschen. Torkil Nielsen bekam ein Angebot aus Norwegen. Doch er lehnte ab. Seine Frau hatte gerade ein Kind bekommen.

Ein neues Stadion mit Naturrasen

In den folgenden Jahren brach der Hype um die Wunderkicker von 1990 nie richtig ab. Es gab Männer, die sich auf beschwerliche Reisen machten, um das Nationalteam auf Auswärtsspielen zu begleiten. Zum Beispiel den 70-jährigen Andrew Thomssen, der einst als einziger Färöer-Fan mit zu einem Qualifikationsspiel nach Moskau flog. Und selbst deutsche Fußballfans wie Martin Schürmann aus dem Sauerland bekannten sich plötzlich zu ihrem Färöer-Fantum und reisten mit färöischen Klubs wie KI Klakksvik zu UEFA-Pokal-Spielen nach Ungarn.

Fußball wurde groß. Größer als die Schafherden, größer als Walfang, größer als alles, was es zuvor auf den Färöern gab. Schon nach ihrer Heimkehr aus Schweden hatten sich Funktionäre eines Fußballvereins aus Toftir bei den Männer des färöischen Verbands gemeldet und angeboten, ein neues, ein richtiges Stadion zu errichten. Eines mit Naturrasen, so wie es die Uefa vorsah. Man wollte dafür 200.000 Tonnen Gestein aus einem Felsen wegsprengen. In der Euphorie sagten die Männer zu und die Sprengmeister schritten zur Tat.

Das neue Stadion bot 5000 Zuschauern Platz. Und hier konnten der gemeine Fußballfan sogar endlich richtig Fan sein, er konnte richtiges Bier trinken, denn 1992 endete die Prohibitionszeit. Trotzdem gefiel den Menschen das Stadion nicht. Es war zu weit entfernt von der Hauptstadt, zu windig, zu kalt. Die Zuschauer blieben fern und schauten sich die Spiele lieber im TV an. In der Folge entfachte ein Streit zwischen den Sendern und dem Fußballverband. Am Ende wurde es dem TV untersagt, Spiele zu übertragen.

Deutschlands Beinahe-Blamage 2003

Heute steht das größte Stadion in der Hauptstadt Torshavn. Es wurde im Jahr 2000 eröffnet und fasst 6000 Zuschauer. Andere Plätze, wie der von Vagur auf der Insel Suouroy, haben eine Kapazität von 500 Plätzen. Wenn der Wind hier besonders stark über das Feld peitscht, darf bei Elfmetern ein dritter Spieler hinzugezogen werden. Dieser hält den Ball fest, damit er nicht wegweht.

Die Färöer haben seit dem Spiel gegen Österreich noch elf weitere WM -oder EM.Qualifikationsspiele gewonnen. Die Gegner hießen Luxemburg, San Marino oder Estland. Einige Spieler schafften den Sprung in die großen Profiligen. Joan Simun Edmundsson aus Toftir zum Beispiel. Er kam bei Newcastle United allerdings nie über eine Reservistenrolle hinaus. Anders der aktuelle Torhüter Gunnar Nielsen, der 2011 ein Spiel für Manchester City in der Premier League machte.

Zweimal, in der Qualifikation zu EM 2004, trafen die Färöer auf Deutschland. »Man darf sie nicht unterschätzen, auch wenn der Torwart mit einer Pudelmütze aufläuft«, sagte Josef Hickersberger vor den Spielen. Hickersberger wusste, wovon er sprach. Er war am 12. September 1990 Trainer der österreichischen Nationalelf gewesen. Doch die deutschen Spieler hörten nicht hin und so schrammten sie nur knapp an einer Blamage vorbei. In Hannover gewann die DFB-Elf mühsam mit 2:1, in Torshavn stand es bis zu 89. Minute 0:0, ehe Miroslav Klose und Fredi Bobic zum deutschen Sieg trafen. Von diesem Spiel gibt es eine Gedenk-Briefmarke auf der Insel.

Vom Spiel gegen Österreich erzählen Männer am Hafen. Jens Martin Knudsen ist immer noch ihr Held. Er wird am Freitag auf der Bank sitzen. Er tauschte irgendwann seine selbstgestrickte Bommelmütze gegen eine modische Adidas-Mütze ein, heute ist er Sportdirektor von NSI Runavik und Torwarttrianer der Nationalelf. Der andere Held, Torkil Nielsen, stieg kurz nach dem großen Triumph mit seinem Klub SIF Sandavagur in die zweite färöische Liga ab. Dort wurde er Torschützenkönig in der Zweiten Liga. Heute interessiert er sich für Schach. Er belegt momentan Platz 16 der färöischen Landesrangliste.