Stimmungsboykott in den Stadien

Zwölf Minuten und zwölf Sekunden Stille – tagelanges Thema. Der Stimmungsboykott der Fans am 14. Bundesliga-Spieltag hat eine gewaltige Wirkung entfaltet. Verantwortliche nannten die fehlende Atmosphäre „grausam“. Doch nicht alle wussten über die geplante Aktion Bescheid.

Quelle: SPON

Es ist eigentlich paradox: Da wird am 14. Spieltag der Fußball-Bundesliga für zwölf Minuten und zwölf Sekunden geschwiegen – und anschließend gibt es kaum ein größeres Gesprächsthema. Die bedrückende Stille, die in den Stadien beim Auftakt der Aktion „Ohne Stimme – keine Stimmung“ geherrscht hatte, hat Verantwortliche wie Aktive gleichermaßen beeindruckt. So sprach BVB-Kapitän Sebastian Kehl nach dem 1:1 (1:0) gegen Fortuna Düsseldorf von einem „komischen Gefühl“.

In allen Partien der ersten und zweiten Liga hatte das Gros der Fans aus Protest gegen das Sicherheitskonzept der DFL zunächst auf Gesänge und Choreografien verzichtet, erst nach Ablauf von zwölf Minuten und zwölf Sekunden wurde es laut in den Arenen. Besonders in Dortmund, wo sonst mehr als 80.000 Zuschauer das Stadion in einen Hexenkessel verwandeln, erzeugte die fehlende Stimmung eine beinahe beklemmende Atmosphäre.

Auch in anderen Stadien entfaltete die Aktion große Wirkung. Frankfurts Trainer Armin Veh sagte: „Ich fand die Atmosphäre grausam.“ Sein Mainzer Kollege Thomas Tuchel erklärte: „Das war einmalig. So macht es keinen Spaß.

Um Irritationen zu vermeiden, hatten die Fans einiger Clubs zuvor auf die Aktion hingewiesen. So wurden beispielsweise die Werder-Profis vor der Partie gegen Leverkusen darüber informiert, dass die Stille nicht ihren Leistungen gelte, sondern einzig dem Protest gegen das Sicherheitskonzept der DFL.

Ich dachte zuerst, sie protestieren, weil wir schlecht gespielt haben

In Hamburg war genau das offenbar ausgeblieben. „Ich habe mich erst gewundert, weil ich nicht wusste, worum es geht. Das musste ich mir erst mal auf der Bank erklären lassen. Ich dachte zuerst, sie protestieren, weil wir in Düsseldorf so schlecht gespielt haben“, sagte Hamburgs Trainer Thorsten Fink.

Nun weiß auch er, worum es geht. „Der Protest soll den Vereinen vor Augen führen, wie die Situation sein würde, wenn wir nicht da wären“, sagte Philipp Markhardt, Sprecher von ProFans.

Für Ben Praße von der Initiative „Unsere Kurve“ ist die Aktion ein Erfolg: „Auf jeden Fall haben DFL und DFB jetzt mitbekommen, dass selbst rivalisierende Fangruppen in dieser Sache an einem Strang ziehen. Das wird die Herren sicher beeindruckt haben.

Mit ihrem Schweigen haben sich die Fans Gehör verschafft. Ihrer Ansicht nach bedroht der Plan der DFL, über den am 12. Dezember in Frankfurt am Main die 36 Proficlubs in ihrer Mitgliederversammlung abstimmen werden, die Fankultur in Deutschland. Als Entgegenkommen der DFL soll das Konzept im Vorfeld allen Fans zugänglich gemacht werden.

Unabhängig davon soll aber auch an den kommenden zwei Spieltagen zu Spielbeginn geschwiegen werden. Und für den Fall, dass auch das überarbeitete Sicherheitskonzept bei den Fanorganisatoren auf Ablehnung stößt, droht der Stimmungsboykott zum Dauerthema zu werden. „Sollten wir unsere Ziele bis zum 12. Dezember nicht erreichen, könnte es weitergehen“, kündigte Markhardt an.