Das Uefa-Glücksrad

Die Uefa belegte Ajax Amsterdam mit einer Geldstrafe von 10.000 Euro. Der Grund: Fans hatten beim Champions-League-Spiel gegen Manchester City ein »provokantes« Banner gezeigt. Ein Kommentar über die Absurdität von Strafen.

Quelle: 11.Freunde

Manchmal ist die Uefa gnadenlos. Als Nicklas Bendtner im EM-Spiel gegen Portugal seine Unterhose entblößte, müssen einige Funktionäre regelrecht Schnappatmung bekommen haben. Denn auf dem Bund der Hose stand der Name einer Wettfirma. Tags darauf verhängte der Verband gegen den Spieler eine Strafe von 100.000 Euro. Rio Ferdinand twitterte danach: »Uefa, meinst du das ernst? Alle Rassismus-Strafen zusammen ergeben nicht diese Summe.«

Das stimmt so natürlich nicht. Trotzdem wirkte diese Summe astronomisch im Vergleich zu Strafen, die die Uefa in den Tagen und Monaten zuvor wegen rassistischen Verhaltens aussprach. Dabei ist die Uefa stets vorne mit dabei, wenn es um Initiativen und Slogans gegen Rassismus geht.

»Nicht verantwortlich für gesellschaftliche Entwicklungen«

Wenn es allerdings konkret wird, ist das Problem keines, das die Uefa lösen kann oder will. Vor der EM 2012 tobte etwa Michel Platini, weil Mario Balotelli ankündigt hatte bei rassistischen Schmähungen den Platz zu verlassen. »Denken Sie, ich bin verantwortlich für die Rassisten in Europa, in England oder Frankreich?«, sagte er in einem Interview mit dem »Guardian«. Und dann: »Wir sind nicht verantwortlich für gesellschaftliche Entwicklungen.«

Als die holländische Mannschaft ihr erstes Training in Krakau abhielt, wurden ihre dunkelhäutigen Spieler von polnischen Fußballanhängern mit rassistischen Schmähungen bedacht. Die Uefa dementierte die Berichte zunächst und behauptete, die Rufe hätten keine politische Motivation gehabt.

Strafen – wie mit dem Glückrad erdreht

Erst als sich Mark van Bommel im »De Telegraaf« zu Wort meldete (»Wir haben die Affenlaute gehört und wir können das nicht akzeptieren«), kündigte der Verband eine Untersuchung des Falles an. Später im Turnier verhängte man noch eine Strafe gegen die kroatischen Fans wegen rassistischer Gesänge im Spiel gegen Italien mit einer Geldstrafe von 80.000 Euro. Eine Summe, die erscheint wie mit dem Glückrad erdreht. Dennoch möchte man meinen: Mehr als nichts. Allerdings betrug die Strafe immer noch 20.000 Euro weniger als die, die Bendtner für seine Unterhosen-Lappalie berappen musste.

Immerhin hat Michel Platini seine Meinung bezüglich Spielern, die nach rassistischen Vorfällen den Platz verlassen, überdacht. Gestern, zwei Wochen nachdem Kevin-Prince Boateng im Testspiel gegen Pro Patria wegen rassistischen Schmähungen den Platz verlassen hatte, sagte er: »Das ist wunderbar, das hat mir wirklich sehr gut gefallen.« Michel Platini widersprach damit Sepp Blatter, der die Aktion von Boateng missbilligte.

Und doch: So ganz beisammen scheint die Uefa immer noch nicht. Momentan geistert ein Foto durchs Internet, auf dem ein Banner zu sehen ist, dass Ajax-Fans während der Champions-League-Partie gegen Manchester City am 24 Oktober 2012 hochhielten. Darauf ist ein zur Comicfigur stilisierter Scheich zu sehen. Dieser hält einen Geldbeutel in der Hand, er ist durchgestrichen. Darunter halten andere Fans ein Banner mit der altbekannten Aufschrift »Against modern football« hoch.

So weit, so harmlos. Eigentlich.

Denn die Uefa hat Ende letzter Woche eine Strafe von 10.000 Euro gegen den Verein verhängt. Der Banner, auf dem weder der Verband noch eine Person namentlich angegangen wurde, sei »unangemessen« und »provokativ« gewesen, außerdem könne er »Unruhen« im Stadion auslösen. Unruhen? Provokation? Diesem Denkmuster zufolge dürfte man kein einziges Fußballspiel in der Premier League mehr anpfeifen, ohne dass man Minderjährigen in der ersten Reihe die Ohren zuhält.

10.000 Euro wegen weiterer Banner?

Im Internet wird nun spekuliert, dass nicht diese zwei Banner zur Strafe führten, sondern andere Transparente, die ebenfalls während des besagten Spiels hochgehalten wurden. Darauf stand etwa: »80 Euro für ein Auswärtsticket sind lächerlich!« Auf anderen Transparten konnte man die Namen von Klubs lesen, die wie Manchester City von externen Geldgebern gebuttert werden – etwa Red Bull Salzburg oder FC Chelsea. Darunter sah man ein kleineres Transparent mit der Aufschrift: »Fuck you!« War es also das, was den Verband so erzürnte, dass er diese irrwitzige Geldstrafe aussprach?

Heute nahm der Verband auf Anfrage von 11FREUNDE Stellung. »Die Strafe wurde wegen dem Cartoon und dem Slogan ›Against modern football‹ verhängt. Das ist alles«, sagte ein Verbandssprecher. Was daran »provokativ« sei und warum das Banner nicht unter die Meinungsfreiheit fällt, wird nicht beantwortet. Wurde also wieder das Strafen-Glücksrad gedreht? Oder fällt es nicht unter die Redefreiheit, weil die »Grenzen des Jugendschutzes erreicht« sind? Gibt es gar als »geheim klassifizierte Informationen« weiter? Übt es »übermäßige Kritik an eigenen (…) Staatsvertretern wie Staatsoberhaupt«? Ja, durchaus.

Die Strafe für den FC Malaga

Doch einigen wir uns darauf: Das Banner ist hochgradig skandalös, weil es verleumdend ist. Schließlich wird der Uefa mit dem Banner auch eine Handlungsunfähigkeit in Sachen »Financial Fairplay« unterstellt. Dabei hat sie erst vor Weihnachten mit großem Tamtam den FC Malaga wegen Verstößen für ein Jahr vom Europapokal ausgeschlossen und mit einer Geldstrafe von 300.000 belegt. Der FC Malaga! Fünfter in der spanischen Liga, größter Erfolg der Vereinsgeschichte: UI-Cup-Sieger 2002. Der spanische Klub musste als Exempel dafür herhalten, dass die Uefa es ernst meint. Oder auch nicht.

Man darf sich also weiter wundern. Und festhalten: Die Uefa ist zumindest für fußballgesellschaftliche Entwicklungen selbst verantwortlich.