Archiv für Januar 2013

»Wir sind hier nicht in fucking Germany!«

Ein etwas älteres Interview mit Karl-Heinz Riedle, der als Profi bei Liverpool ein pralles Leben zwischen Pferderennen und schlüpfrigen Weihnachtsfeiern führte.

Quelle: 11.Freunde

Karl-Heinz Riedle, was klingt Ihnen in den Ohren, wenn Sie sich an die Anfield Road erinnern?
»You’ll Never Walk Alone« natürlich.

Das die Liverpool-Fans seit Jahrzehnten vor jedem Heimspiel singen.
Besonders emotional war es, wenn ich an die traditionelle Gedenkveranstaltung für die Opfer der Hillsborough-­Katastrophe im April 1989 denke. Wir Spieler kamen aus den Katakomben, die Stehtribüne »The Kop« war mit 8000 Zuschauern voll, und das ganze Stadion sang. Da kamen einem unweigerlich die Tränen, selbst wenn man, wie ich, nicht direkt mit der Geschichte in Sheffield zu tun hatte.

Mit welchen Empfindungen wechselten Sie 1997 von Borussia Dortmund zum FC Liverpool?
Für mich ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Kenny Dalglish, Graeme Souness, Kevin Keegan, Ian Rush – das waren Helden meiner Jugend. Das Rot des Klubs hatte für mich seit jeher eine magische Anziehungskraft.

Hatten Sie keine Sorgen, dass es für einen Deutschen schwer werden könnte?
Die Sorge wurde beim ersten Pub-Besuch ausgeräumt. Ich wollte mit einem Freund in den Tagen der Vertragsunterzeichnung was trinken gehen. Wir standen an einem Tisch, da kam ein Engländer daher, stellte uns zwei Bier hin und wir waren im Gespräch: »Wo kommt ihr her? Was macht ihr hier?« Der kannte mich überhaupt nicht. Da wusste ich: »Hier bist du richtig!« (mehr…)

Ultras im Visier

Das Buch zum Feuer im Stadion: Politologen und Pädagogen erobern sich eine neue Subkultur

Quelle: Junge Welt

Die Ultras sind in aller Munde. Es vergeht kaum ein Tag, an dem das Jugendphänomen mit Gewaltproblem nicht prominent in den Medien auftaucht. Schon der Bilder wegen: Brennende Pyrotechnik im Stadion ist immer ein attraktives Motiv für die Titelseite. Daß dann in schöner Regelmäßigkeit von Gewalt gesprochen wird statt nur über das verbotene Abbrennen von Feuerwerkskörpern ist eine jener verkaufsfördernden, aber der Wahrheit abträglichen Maschen der deutschen Journalistenzunft.

Auf diesen propagandistischen Zug wollen nun auch Politologen und Pädagogen aufspringen. Denn mit renitenten Jugendsubkulturen läßt sich in einer immer älter werdenden Gesellschaft immer noch gutes Geld verdienen. Was auch für Kriminologen gilt.

Martin Thein und Jannis Linkelmann, der eine Politologe, der andere Kriminologe, legen mit ihrem Buch »Ultras im Abseits. Porträt einer verwegenen Fankultur« einen Sammelband vor, den man getrost als eine Anleitung für Sozialpädagogen und andere Sachverwalter des Elends sofort wieder ins Bücherregal zurückstellen kann. Organisierte Ultras kommen in dem Buch zumeist nur in domestizierter Form vor. Hauptsächlich sind es Politologen, Soziologen und Polizisten, die über die nonkonforme Jugendsubkultur herfallen, deren Anspruch, sich dem erwachsenen Gestus des Nicht-mehr-verändern-wollens zu entziehen sie ja gerade erst so sympathisch macht. Durch die ablehnende Haltung gegenüber Autoritäten und mit dem Versuch, sich gegen die Eventkultur beim Fußball zu stemmen, geraten die Ultras selbstverständlich ins Schußfeld aller Konformisten.

Dementsprechend schlägt das Imperium nun an allen Fronten zurück. Mit allem, was es hat. In diesem konkreten Fall einem alternativen Fußballfanschutzbericht: Auf den ersten Seiten des Buches zerpflücken mehrere Soziologen die Subkultur der Ultras in ihre einzelnen Bestandteile, einige Seiten später beschäftigen sich die Politologen mit den Auswirkungen auf die Gesellschaft, und am Ende werden die alternativen Kettenhunde des Kapitals, also die Sozialpädagogen, auf die ahnungslose Meute losgelassen. Es gilt wie immer folgende Faustregel: Umso komplexer dem geneigten Zuschauer das »soziale Gebilde« erscheint, umso länger können die Politologen und Soziologen den Gegenstand ihres Interesses erforschen, während gleichzeitig die Pädagogen die daraus gewonnenen Erkenntnisse am lebendigen Objekt durchexerzieren dürfen. Und am Ende räumt die Polizei dann die besonders renitenten Teile der Subkultur ab.

Die Autoren geben vor, die Subkultur der Ultras in Deutschland näher zu beleuchten, statt dessen bieten aber Soziologen, Journalisten und Politologen auf über 200 Seiten nur ihre Meinung feil. Bis auf die dreißig Seiten, auf denen leider ziemlich langweilige Interviews mit einzelnen Ultras dokumentiert sind, handelt es sich um eine paternalistische Veranstaltung, wie sie jeder junge Fan längst zu hassen gelernt hat. Eine der Hauptforderungen der Autoren ist folglich nicht die Legalisierung von Pyrotechnik und der Rückzug der Bereitschaftspolizei aus dem Umfeld der Fußballpartien, sondern die Einrichtungen von Fanprojekten, die – siehe da – von kompetenten Pädagogen mit Kompetenz im Bereich Fußball betreut werden sollen.

Ganz allein zu diesem Zweck wurde das Buch veröffentlicht: Es ist eine Stellenbeschreibung. Und eine Aufforderung nach Stellenausschreibung durch DFB, DFL oder die Vereine. Die einzelnen Beiträge sind Bewerbungen. Nur wer dabei ganz genau die derzeitigen Richtlinien beim Ausverkauf der Fußballkultur einhält, hat eine Chance, in Zukunft einen Job als Fanbeauftragter oder beim neuen Institut für Fankultur zu ergattern. Mit dem Ultragedanken hat das alles nichts zu tun.

Martin Thein/Jannis Linkelmann (Hg.): Ultras im Abseits – Porträt einer verwegenen Fankultur. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2012, 272 Seiten, 14,90 Euro

Wir wollen MAS hörn!