Archiv der Kategorie 'Arbeitersport'

Lübecks anderer Fußball

Der Fußballverein Roter Stern Lübeck hat einen erstaunlichen Aufstieg hinter sich. Aber die egalitären Kicker werden immer wieder zur Zielscheibe von Hooligan-Angriffen aus der Fanszene des VfB Lübeck

Quelle: taz.de

Eine Stadt, die Besucher und Bewohner zwischen Bismarck und Wilhelm I. zu Pferde – beide Furcht einflößend groß – durch schickt, bevor sie in die Altstadt, zum Holstentor, oder sonst wohin dürfen, brauchte dringend einen Roten Stern.

Dass sie einen hat, liegt an Millo Dohmen. Der Erste Vorsitzende und Mitgründer des Fußballvereins Roter Stern Lübeck steigt aus seinem Auto, aus dem erstaunlich laute Rockmusik dringt. Er trägt die Koteletten englisch, also zu den Wangen hin breiter werdend. Er ist 44, Altenpfleger. Dohmen wollte einen Sportverein wie den auf St. Pauli, ohne nach Hamburg fahren zu müssen. Es gab ihn nicht, und so gründete er den Roten Stern, mit ein paar Kumpels zusammen, ziemlich genau vor vier Jahren. Damals hatte der Rote Stern 80 Mitglieder, inzwischen sind es 120. „Die FDP in Lübeck hat weniger“, sagt Dohmen und grinst.

Es gibt Rote Sterne unter anderem in Leipzig, in Halle, in Nordost-Berlin, in Flensburg – und den FSV Roter Stern Kickers 05 – Ahrensburg. Es gibt ein Netzwerk der Roten Sterne. Veranstaltet ein Roter Stern ein Turnier gegen Rassismus, Homophobie, oder für die „Rote Hilfe“, kommen – wenn es irgendwie geht – die anderen Sterne und kicken mit.

Die Roten Sterne sehen sich in der Tradition der Arbeitersportbewegung. Arbeiter gründeten am Ende des 19. Jahrhunderts Sportvereine, weil sie nicht von den bürgerlichen Turnvereinen aufgenommen wurden, und wenn doch, gingen ihnen Sedanfeiern, Monarchismus, Militarismus, das Provinzielle und der Chauvinismus der Turner auf den Senkel. Mal ganz abgesehen von den Sportarten.

Im Stadion Buniamshof, wo Roter Stern Lübeck trainiert, kann man noch eine Ahnung von jener Zeit bekommen: Turner erinnern dort mit einem gewaltigen Gedenkstein mit zwei Adlern an ihre Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Am 26. Mai 1933 um 20.30 Uhr fanden im Buniamshof Bücherverbrennungen statt, Der Lübecker General-Anzeiger schrieb am Tag danach: „Daraufhin zog alles geschlossen mit Musik zum Buniamshof, wo die undeutschen Schriften und Bücher verbrannt wurden. Tausende schlossen sich an und Tausende warteten bereits auf dem Platze, wo Studienrat Schmiedel das Wort ergriff und den undeutschen Geist anprangerte. Unter dem Jubel der begeisterten Massen – die Jugend Lübecks war wohl fast vollzählig erschienen! – wurde der große Stoß angezündet.“ Auch Thomas Manns Bücher wurden verbrannt.

Komischer Ort für einen Club wie den Roten Stern, in dem Migranten willkommen sind. Keine Diskriminierung. Ein etwas anderer Umgang, Meinungsbildungsprozesse öffentlich, Diskussionen, wenig Druck, undogmatisch. „Wir haben Mitglieder aus allen Parteien“, sagt Dohmen, und zählt auf: „SPD, Grüne, Linke, Piraten, Nichtwähler“.

Die erste Männermannschaft ist jede Saison aufgestiegen und kickt jetzt in der Kreisklasse A. Im Pokal darf der Rote Stern in dieser Saison gegen die Zweite des VfB Lübeck ran. „Traumlos“, schwärmt Dohmen, dreht eine Fluppe und steckt sie hinters Ohr. Über der Fluppe hinterm Ohr sitzt eine schwarze Mütze, daran ein roter Stern mit Holstentor drauf. Zu Weihnachten gibt es rote Sterne aus Marzipan.

Der große Stadtrivale VfB Lübeck ist ein Club mit großer Vergangenheit, bescheidener Gegenwart und teilweise problematischer Fanszene. Von Anfang an spielte die dritte Mannschaft des VfB Lübeck in der gleichen Liga wie der Rote Stern. Sind immer zusammen aufgestiegen. „Mit denen hatten wir arge Probleme“, sagt Dohmen, „diese Begegnungen ziehen Rechtsradikale an.

Im Schnitt kommen 120 Zuschauer zu den Heimspielen von Roter Stern ins Stadion Holstentor Süd. Gegen den VfB kommen schon mal 500 zur Lohmühle. Dohmen holt die Fluppe hinterm Ohr vor, steckt sie an, und erinnert sich an eine Partie, bei der die Rechten den Platz stürmten, „die Polizei musste das Spiel sichern“. Das war in der Kreisklasse D. Einmal waren 400 Nazis aus dem Umland beim Spiel gegen die Dritte des VfB Lübeck: „Rassistische, homophobe, sexistische Lieder, Drohungen, Bierflaschenwürfe – die wollten uns Angst einjagen“, sagt Dohmen. Das mit der Angst klappte nicht. Nach einem anderen Spiel an der Lohmühle lauerten Nazi-Hooligans der Clubs SG Dynamo Schwerin und FC Anker Wismar den Fans des Roten Stern auf. „Die haben Frauen und Kinder auf dem Weg nach Hause angegriffen“, sagt Dohmen.

Am kommenden Sonntag spielt der Rote Stern wieder an der Lohmühle, gegen die Dritte des VfB, mittags um eins. „Das letzte Spiel war friedlich, was daran liegt, dass die Polizei die Nazis dran gehindert hat, ins Stadion zu kommen oder unsere Fans anzugreifen“, erklärt Dohmen.

Trainer Jens Schmidt, Pflegedienstleiter, Kollege von Dohmen, kommt zum Training. „Der VfB ist nicht unser Feindbild“, sagt er, „wir haben auch kein Problem mit der Mannschaft.“ Es gebe sogar Menschen, die in beiden Vereinen Mitglied seien. Aber distanzieren könnte sich der VfB Lübeck schon von den Leuten, die bei den Spielen des Roten Sterns auf der Lohmühle randalieren. „Pressemitteilungen reichen nicht“, findet Dohmen.

Die Spieler trudeln ein. Trainer Schmidt glaubt, „dass die Struktur, also etwa die Trainingsmöglichkeiten, nicht mehr hergibt als Kreisklasse A“. Trainiert wird auf Grand, den Rasenplatz auf dem Buniamshof kriegt der Rote Stern nicht, einen Kunstrasenplatz auch nicht, weil er kein Vereinsgelände hat. Ein Vereinsheim gibt es auch nicht. Zwölf bis 14 Spieler kommen zum Training, der Altersdurchschnitt liegt bei 27 Jahren. „Wir hätten gerne Nachwuchs, da gibt es häufig Anfragen, aber das ist schwierig“, sagt Dohmen, er denkt über eine Spielgemeinschaft mit einem anderen Verein nach.

Zum offenen Training am vorigen Mittwoch kamen 34 Leute, davon zehn Frauen. Der Verein könnte noch schneller wachsen. Mit den Mitgliedsbeiträgen kommt er nicht weit: ab ein Euro pro Monat für diejenigen ohne, ab drei Euro pro Monat für die mit festem Einkommen. „Nach oben offen“, sagt Schatzmeister Ragnar Harald Lüttke. Zusätzlich gibt er Anteilsscheine über 50 Euro aus. Der größte Sponsor zahlt 400 Euro. Bei den Sponsoren gucken Dohmen und Lüttke, dass die zum Roten Stern passen. Firmen ohne Betriebsrat, mit Kinderarbeit, Bezahlung unter Tarif, die ihr Geld mit Tierquälerei machen, „gehen nicht“, sagt Lüttke und schüttelt den Kopf.

Das Training beginnt. Die Spieler sollen den Ball fangen. Auf einem kleinen Rasenstück. Ist verboten. Geht, weil der Hausmeister gerade nicht da ist. Wenn er kommt, jagt er sie runter.

Der VfB Lübeck, finden sie beim Roten Stern, soll sich von randalierenden Nazis distanzieren.

Jakob Moneta: We will not forget him!

Würde man mich fragen, woher meine unverrückbare Zuversicht stammt, daß Menschen Habsucht, Jagd nach Geld, Konkurrenzneid, Selbstsucht, Unterwürfigkeit – jene zum großen Teil vom Kapitalismus mühsam anerzogenen ‚menschlichen‘ Eigenschaften – ablegen können; würde man mich fragen, wo die tiefste Wurzel meines Glaubens daran liegt, daß Menschen ohne jeden äußeren Zwang als Gleiche und Freie im Kollektiv ihr Leben selbst gestalten können, ich würde antworten: Das hat mir meine Erfahrung in der Praxis des damaligen Kibbuz bewiesen.

Am 3. März diesen Jahres verstarb der Genosse Jakob Moneta im Alter von 97 Jahren. Der ehemalige Arbeitersportler, Gewerkschafter und Kommunist war immer ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man in jeder Lebenslage und an jedem Ort der Welt für seine Ideale eintreten kann, nein muss. Als Zionist in Israel arbeitete er in der Gewerkschaft mit Arabern zusammen, als Antistalinist unterstützte er Wolfgang Biermann als dieser noch alle Tassen im Schrank hatte und als Gewerkschafter kämpfte er in der IG Metall für eine gerechte Entlohnung der Arbeiter.

(mehr…)

„Sport, der die Arbeiter befreit“

In der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg existierte in Europa eine eigenständige Arbeitersportbewegung, die insgesamt drei Arbeiterolympiaden durchführte. In den meisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts populären Sportarten fanden sich Arbeitersportvereine, die in eigenen Verbänden organisiert waren und eigene Meisterschaften austrugen. Von 1913 an schlossen diese sich in der Confédération Sportive Internationale du Travail (CSIT) mit Sitz in Belgien zusammen, die internationale Veranstaltungen organisierte.

Der Ursprung des organisierten Arbeitersports liegt nicht zuletzt in der Ausgrenzung durch bürgerliches Vereinswesen begründet: Arbeitern war zumeist die Mitgliedschaft verwehrt, nicht selten ausdrücklich durch die Satzung. Auch Frauen war zunächst der Beitritt zu bürgerlichen Sportvereinen unmöglich; so sperrte sich etwa Pierre de Coubertin, Begründer der modernen Olympischen Bewegung, vehement gegen die Beteiligung von Frauen an den Spielen. Es blieb gar nichts anderes übrig, als eigene Vereine zu gründen. In Deutschland entstanden erste Arbeiterturnvereine Anfang der 1890er Jahre, die ersten Frauensportriegen um 1895. Mit der zunehmenden Begeisterung für den Fußball nahm auch der Arbeitersport einen Aufschwung, und Mitte 1919 wurde schließlich der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) als Dachverband gegründet. (mehr…)

Fußball in KZ´s: Brot und Spiele.

Kaum zu glauben, aber in fast allen Konzentrationslagern wurde Fußball gespielt. Der Historiker Martin Krauss hat das makabre Nebeneinander von Mord und Vergnügen erforscht.

Quelle: 11.Freunde

Der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertesz, ein jüdischer Überlebender des Holocaust, hat einst verstörende Worte gewählt, um den Alltag in Auschwitz zu beschreiben: »Es war alles da, verlockend, frisch, in allerbestem Zustand und größter Ordnung.« In seinem Buch ‚Roman eines Schicksallosen‘ heißt es außerdem: »Wir Jungen haben dann auch gleich gesagt: Na, da spielen wir nach der Arbeit Fußball.« Man mag es kaum glauben, doch in fast allen deutschen Konzentrationslagern gab es organisierten Sport. »Meist wurde Fußball gespielt«, sagt die Berliner Historikerin Veronika Springmann, »auf extra dafür angelegten Plätzen. In Auschwitz lag der Platz unmittelbar neben dem Krematorium.« (mehr…)

Zehn Arbeiter und ein Streich.

Joachim Streich war einst der beste Fußballer der DDR. Seine Tore für Hansa Rostock, den 1. FC Magdeburg und die Nationalmannschaft machten ihn zum »Gerd Müller des Ostens«. Heute wird er 60. Wir sprachen mit ihm.

Quelle: 11. Freunde

Joachim Streich, Sie sind der erfolgreichste Torjäger der DDR. Beim legendären Spiel zwischen BRD und DDR bei der WM 1974 saßen Sie aber nur auf der Bank. Sind Sie neidisch auf Ihren Kollegen Jürgen Sparwasser, dem das Spiel zu ewigem Ruhm verholfen hat?

Wissen Sie, ich habe über 100 Länderspiele gemacht. Ich bin froh, dass ich dieses Tor nicht gemacht habe. Dann wäre meine gesamte Karriere bis heute auf ein Tor reduziert.

Würden Sie uns trotzdem sagen, welches Ihr schönstes Tor war?

Vor der WM 1974 haben wir in Leipzig gegen England gespielt. Ich habe das Tor zum 1:1-Endstand geschossen. Von links kam ein langer Pass auf die halbrechte Seite, ich nahm ihn an und schlenzte den Ball an Peter Shillton vorbei ins lange Eck. Eine Zeitung schrieb anschließend: »Die DDR hat zehn Arbeiter und einen Streich.«

Mittlerweile arbeiten Sie als Verkäufer in einem großen Sportgeschäft in Magdeburg. Werden Sie dort oft von ehemaligen Fans heimgesucht?

Hin und wieder schon. Ich schreibe ja noch manchmal eine Kolumne für den »kicker«, weswegen sich viele Leute an mich erinnern. Meine Generation, die älteren Herren, kommen dann oft mit ihren Enkeln im Geschäft vorbei und sagen: »Guck mal, das war einer unserer größten Fußballer.«

Liegen die Autogrammkarten dann schon bereit?

Viele wollen ein Foto machen, oder eine Unterschrift auf den Sportschuhen, die ich ihnen verkauft habe. Autogrammkarten habe ich auch bei der Arbeit liegen. Ich hatte das Glück, dass ich nach 1990 in der Uwe Seeler Traditionsmannschaft gespielt habe. Die haben damals so viele Autogrammkarten gedruckt – das reicht wohl für die Ewigkeit.

Schon seit 1997 sind Sie nicht mehr im Fußballgeschäft aktiv. Warum sind Sie ausgestiegen?

Ich war damals Trainer beim FSV Zwickau in der zweiten Liga. Mein Ziel war es, den Klassenerhalt zu schaffen, was nach einem tollen Endspurt auch geklappt hat. Aber am Ende der Saison habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr motiviert war. Ich war die meiste Zeit in Zwickau, meine Frau in Möckern, meine Kinder in Magdeburg. Da habe ich zu mir gesagt: Irgendwann musst du auch mal ein normales Leben führen.

Damit endete Ihre Trainerkarriere, die Sie 1985 nicht ganz freiwillig begonnen haben.

Stimmt. Eigentlich wollte ich 1985, nach dem Ende meiner aktiven Karriere, beim 1. FC Magdeburg in den Nachwuchsbereich einsteigen. Aber dann kam auf einmal die Verbandsführung auf mich zu und sagte: »Du wirst Oberliga-Trainer beim FC Magdeburg.«

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe natürlich abgelehnt. Aber wie das damals so war, musste ich zum Generalsekretär des DFV (Deutscher Fußball-Verband, der Fußballverband der DDR, d. Red.), Klaus Zimmerman, und der hat mir gesagt: »Du wirst es.« Ich habe trotzdem abgelehnt. Da meinte er nur: »Weißt du, Klaus Sammer hat sich auch gesträubt, Trainer in Dresden zu werden. Den habe ich zig Mal nach Berlin geholt, bis er nicht mehr ´Nein´ sagen konnte.« Da war mir klar: Das wird nichts mehr mit der Nachwuchsarbeit. Also trat ich am Tag nach meinem Karriereende den Job als Cheftrainer beim 1. FC Magdeburg an.

Schon als Spieler hatte der Verband Sie 1975 gegen Ihren Willen nach Magdeburg gelotst.

Wir waren mit Rostock in die zweite Liga abgestiegen und Hans Meyer, damals Trainer bei Carl-Zeiss Jena, wollte mich verpflichten. Und da in Jena seinerzeit sehr professionell gearbeitet wurde, habe ich mich dort angemeldet. Dann kam allerdings die Anweisung aus Berlin: »Entweder du gehst zu Magdeburg, oder du bleibst in Rostock.« Und da ich nicht zweite Liga spielen wollte, bin ich natürlich nach Magdeburg gegangen.

War das Leben eines Fußballers in der DDR trotz der Fremdbestimmung angenehmer, als für andere Sportler?

Wir konnten unter Profi-Bedingungen spielen, außerdem konnte ich ein Sportstudium absolvieren. Uns ging es gut. Besser als dem Durchschnitt. Andere Sportler hatten es trotz guter Leistungen wahrscheinlich nicht so leicht wie wir.

Woran lag das?

Fußball war auch in der DDR der wichtigste und beliebteste Sport. Das konnte selbst die Staatsführung nicht verhindern, denn sonst hätten die den Fußball sicherlich in den Hintergrund gedrängt. In anderen Sportarten war die DDR schließlich deutlich erfolgreicher.

Ihnen ließ man sogar die langen Haare durchgehen.

(lacht) Die Fußballer sind schon ein wenig aus der Art geschlagen und entsprachen sicherlich nicht dem Idealbild des Sportlers in der DDR. Wir hatten schon mal längere Haare oder Locken und wurden, wenn wir im Trainingslager mit anderen Sportlern zusammen trainiert haben, komisch angeguckt. Die anderen Sportler waren wohl hin und wieder neidisch auf uns Fußballer. Sie haben herausragende Leistungen gebracht, waren aber trotzdem nicht so populär wie wir.

Andere bekannte Fußballer der DDR fühlten sich trotz dieses Ruhms von der Bundesliga angezogen und flohen in den Westen. War das für Sie nie eine Option?

Es gab nur eine Situation, in der ich daran dachte, in den Westen zu gehen. 1969, ich war gerade 18 Jahre alt, spielten wir mit Hansa Rostock im Europapokal bei Panonios Athen. Nach einem Einkaufsbummel in der Stadt traf ich zwei Mitspieler, die überlegten, die Botschaft der BRD aufzusuchen. Letztlich fehlte uns allen aber einfach der Mut. Wir wussten ja nicht, was passieren würde, wenn wir abhauen. Was wäre dann mit meinen Eltern passiert? Oder mit meinem Bruder? Zwei Jahre später habe ich geheiratet, 1972 wurde ich Vater. Da hatte sich das Thema Flucht für mich endgültig erledigt.

Wie dachten die Daheimgebliebenen über jene nach, die trotz aller Probleme in den Westen geflohen sind?

Wir haben sie nicht verdammt, falls Sie das meinen. Die Meisten kannte ich ja persönlich. Es brauchte viel Mut, diesen Schritt zu gehen. Wir hatten Respekt vor diesen Leuten.

Obwohl Sie nicht geflohen sind, haben Sie 1989 den Fall der Berliner Mauer im Ausland erlebt.

Ich habe damals beim PSV Eindhoven hospitiert und dort unter anderem mit Huub Stevens gearbeitet, der zu der Zeit Nachwuchstrainer beim PSV war. Eine tolle Chance. Die Bilder vom Mauerfall habe ich dann im Fernsehen gesehen und mich natürlich gefreut. Aber auch wenn ich zu Hause in Magdeburg gewesen wäre, hätte ich mich nicht auf den Weg nach Berlin gemacht. Es hört sich vielleicht blöd an, aber für mich war das nichts Neues. Als Fußballer und als Trainer war ich schon vorher oft im kapitalistischen Ausland. Das gehörte für mich fast zur Normalität.

Zur Saison 1990/91 wurden Sie bei Eintracht Braunschweig als erster Ostdeutscher Trainer eines westdeutschen Profiklubs. Wie groß war der Rummel um Ihre Pioniertat?

Ach, das lief alles ganz ruhig ab. Bei den vielen Spielerwechseln wie Sammer, Thom oder Kirsten ging meine Verpflichtung fast schon unter. Ich war ja auch nur Zweitliga-Trainer.

Sie waren nicht mal eine Saison lang Cheftrainer in Braunschweig. Warum?

In der Bundesliga wurde viel schneller abgerechnet. Immer von Spiel zu Spiel. Ein gutes Spiel zählte am nächsten Wochenende nichts mehr. Außerdem waren die Rivalitäten zwischen den einzelnen Spielern viel größer, als ich es aus Magdeburg gewohnt war. Und die Medienlandschaft war natürlich auch eine ganz andere, als in der DDR. Das alles war Neuland für mich.

Mit 229 Toren in 378 Spielen sind Sie Rekordtorschütze der DDR-Oberliga und mit 55 Toren in 102 Länderspielen zudem der erfolgreichste Torjäger der DDR-Geschichte. Wie fühlt es sich an, Rekorde für die Ewigkeit zu halten?

(lacht) Tja, das ist das Schöne an der Wende! Meine Rekorde sind unantastbar. Viel wichtiger ist für mich aber, dass die Leute meine Leistung immer noch anerkennen. Wenn jemand sagt: »Mensch, Achim, Ihr wart damals ja auch nicht so schlecht!«, dann ist das für mich schöner, als diese Rekorde zu halten.

Sie haben wegen Ihrer vielen Tore den naheliegenden Spitznamen »Gerd Müller des Ostens« verpasst bekommen. Warum wurde Gerd Müller eigentlich nicht der »Streich des Westens« genannt?

Ganz einfach Erklärung: Gerd hat in der Bundesliga gespielt und ich in der DDR-Oberliga. Außerdem, ist der Gerd einmalig, die wahre Nummer Eins. Ich freue mich, dass ich mit ihm verglichen werde. Ich habe seine Karriere aufmerksam verfolgt.

Eines haben Sie Gerd Müller aber voraus. Ein Comeback im American Football. Erzählen Sie uns davon.

Das ist jetzt schon fast sechs Jahre her. Ein jüngerer Kollege hat mich bei der Arbeit gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, mal bei den Magdeburg Virgin Guards als Kicker auszuhelfen. Die spielten damals in der dritten Liga und wollten einfach etwas Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Also habe ich ein paar Mal trainiert, dieses Ei zu kicken und dann beschlossen, mitzuspielen.

Haben Sie getroffen?

Aber natürlich!

Arbeitersport in Deutschland. Teil IV.

Das Ende der Überparteilichkeit 1928.

Die Spaltung der Arbeiterbewegung Ende der zwanziger Jahre, der vertiefte Graben zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten und der aufkommende Stalinismus konnten auf die Dauer nicht ohne Wirkung auf die Arbeiterkultur- und Sportorganisationen bleiben. Bisher waren diese Organisationen weitgehend überparteilich organisiert. Aber ähnlich wie bei den Gewerkschaften kam es im Laufe der zwanziger Jahre erst zu sehr heftigen politischen Kämpfen zwischen den verschiedenen Lagern und letztendlich zur organisatorischen Spaltung im Jahre 1928.

In der Zentrale des ATSB betrieben die führenden Sozialdemokraten eine Annäherung an die bürgerlichen Vereine. Sie verwässerten den Klassencharakter des Bundes und begannen mit Ausschlüssen von oppositionellen Mitgliedern und sogar ganzen Vereinen. Das Ziel war die Kommunisten und Ultralinken von der übrigen Mehrheit zu trennen. Gleichzeitig organisierten kommunistisch orientierte Arbeitersport- funktionäre wie Bruno Lieske und Paul Zobel – entsprechend den Direktiven der Roten Sport-Internationale (RSI) – 1923, 1925 und 1927 gegen den Willen der ATSB-Führung publikumswirksame Wettspielserien zwischen deutschen und sowjetischen Arbeiterfußballern mit zum Teil über 20.000-30.000 Zuschauern.

Die in der Presse ausgetragenen Auseinandersetzungen um diese „Russenspiele“ bildeten schließlich den Anlass für die Spaltung der Arbeitersportbewegung in einen sozialdemokratisch und einen kommunistisch orientierten Zweig. Die Streitigkeiten innerhalb der KPD führten zur selben Zeit zum Ausschluss der sogenannten Rechtskommunisten um den ehemaligen Parteivorsitzenden Heinrich Brandler. So wurden zum Beispiel Paul Zobel und Fritz Wiest aus der kommunistischen Reichssportfraktion ausgeschlossen. Beide waren zu dieser Zeit im Ostberliner Arbeitersport fest verwurzelt, gehörten nach ihrem Ausschluss der KPD (O) an.

Die Sportpolitik der KPD war ebenso wie die Gewerkschaftspolitik, eigene Organisationen zu schaffen, fein säuberlich von denen der sozialdemokratischen Arbeitern getrennt. Hans Pfeiffer formuliert das Ziel der kommunistischen Mehrheitsfraktion 1928 wie folgt:

Die Sozialdemokratie hat vor 35 Jahren die Arbeitersportbewegung gegründet. Die KPD ist heute stärker als die SPD damals. Warum sollten wir nicht ebenfalls eine Arbeitersportbewegung aufrichten können?

Diese neue Linie führte zu heftigen Auseinandersetzungen in den Sportfraktionen der KPD. Die linientreuen Funktionäre suchten nun Vorwände für weitere ‚nicht-bundestreue‘ Veranstaltungen und lieferten damit der sozialdemokratischen Führung des ATSB die willkommenen Ausschlussgründe für ganze Vereine. In einem Jahr – bis Mitte 1929 – wurden etwa 350 Vereine mit ungefähr 20-30.000 Arbeitersportlern ausgeschlossen, besonders betroffen waren Berlin, Halle und das Rheinland.

Den ausgeschlossenen Vereinen wurde jedoch dann ihre Sport-Tätigkeit von den bürgerlichen Verwaltungen erschwert durch den Entzug der Turnhallen und Sportplätzen oder der Fahrpreisermäßigungen. Das wiederum führte dazu, dass manche dieser Vereine sich bürgerlichen Vereinen anschlossen. Während zeitgleich zahlreiche kommunistische Sportfunktionäre sich lieber in Gegensatz zur KPD stellten, anstatt aus ihren alten Vereinen auszutreten.

Zwei Jahre nach Beginn der Spaltungspolitik konnte der führende Sozialdemokrat Fritz Wildung auf dem 11. Bundestag des ATSB behaupten, der Bund sei in den Mutterschoß der SPD zurückgekehrt, aus dem er hervorgegangen sei. 34.000 Mitglieder in 594 Vereinen waren ausgeschlossen worden. Die von der KPD ins Leben gerufene Sportorganisation wurde in Kampfgemeinschaft für die rote Sporteinheit umbenannt und überall offen Kurs auf Schaffung eigener Vereine genommen, was jedoch nicht viel Zulauf brachte.

_________________________________________________________
Fritz Wiest
Nach der Volksschule lernte er als Gürtler, trat 1910 dem Deutschen Metallarbeiter-Verband bei. Er war im Arbeitersport, bei den Naturfreunden und in der Arbeiterjugend aktiv. 1913 trat er der SPD bei und gehörte dort dem marxistischen Flügel an. Er war als Soldat im ersten Weltkrieg und wurde schwer verwundet.

1918 wurde er wegen seiner Aktivität im Spartakusbund verhaftet. Nach der Märzaktion 1920 wurde er mit der Stuttgarter Bezirksleitung der KPD erneut für kurze Zeit verhaftet. Ab 1922 war er beim ZK der KPD angestellt, wo er zuständig für den Arbeitersport war. Anfang 1929 aus der KPD ausgeschlossen, war er dann in der KPD(O) aktiv. Als Arbeitersportler wandte er sich gegen den Kurs der reformistischen Führung des ATSB und zugleich gegen die neue Politik der KPD, die auf die Gründung selbstständiger roter Sportvereine abzielte. Im Oktober 1930 wurde er u.a. deshalb aus dem ASV Fichte ausgeschlossen.

Danach versuchte er in seinem Stadtteil in Ost-Berlin, die Arbeiterorganisationen zu gemeinsamen Aktionen gegen die nationalsozialistische Gefahr zu mobilisieren. Nach 1933 illegal aktiv, emigrierte er schlussendlich nach England. Erst 1957 kehrte er als Rentner nach Deutschland zurück und verstarb 1983 in Stuttgart.

Paul Zobel
Paul Zobel zählte in der Weimarer Republik zu den führenden Mitgliedern der kommunistischen Arbeitersportbewegung. Er trat u.a. als Sportredakteur hervor, war Abgeordneter im Preußischen Landtag für die KPD und Mitglied der Reichsleitung im Bereich Sport. Ende der zwanziger Jahre aus der KPD ausgeschlossen, schloss er sich der kommunistischen Opposition an.

Bereits im Februar 1933 kurz inhaftiert, verschleppte man ihn im Juli ins KZ Sonnenburg, wo er erst im Dezember 1933 freigelassen wurde. Mit Hermann Tops arbeitete er Ende der 30 Jahre in der von Robert Uhrig gebildeten Gruppe mit, konnte aber bei deren Zerschlagung unentdeckt bleiben. Über den Sportfunktionär Bernhard Almstadt stieß Zobel dann zur Saefkow/Jacob-Gruppe. Im Juli 1944 verhaftet und ins KZ Dachau transportiert, verstarb er dort infolge der Misshandlungen und Entbehrungen am 22. März 1945.
_________________________________________________________

Darüber hinaus wurde der Fraktionskampf innerhalb der KPD gegen die sogenannten ‚Rechten‘ in die neugegründeten Vereine hineingetragen. So wurde z.B der größte deutsche Arbeitersportverein Fichte Berlin allmählich gesäubert. Die oppositionellen Kommunisten gründeten dann die Freie Sportvereinigung Fichte (FSF) und kehrten schlussendlich zum ATSB zurück.

Wenig später zeigte sich, dass die staatlichen Organe die bundestreuen Vereine ähnlich benachteiligten, u.a. durch erhöhte Besteuerung, ungerechte Verteilung der öffentlichen Mittel und die Verdrängung von den Sportanlagen der Reichswehr. So waren die Sportvereine beider Richtungen gleichermaßen in ihrer Existenz bedroht.

Doch anstatt den Kampf gegen Staat und die Nationalsozialisten gemeinsam in Angriff zu nehmen, setzten die IG für rote Sporteinheit und ATSB ihren Kampf gegen einander fort. Im letzten Jahr vor Hitlers Machtübernahme kam es außer dem immer heftigeren Nazi-Terror gegen Heime und Veranstaltungen der Arbeitersportler auch noch zu weiteren staatlichen Schikanen: Der Groener-Plan nahm konkrete Formen an mit der Bildung eines Reichskoratoriums für Jugend-Ertüchtigung, das schon recht offen die vormilitärische Ausbildung sowie einen Arbeitsdienst organisierte. Leider nahmen einige von der KPD-beherrschte Arbeitersportvereine und beinahe der gesamte ATSB an diesem Arbeitsdienst teil.

Ähnliche Entwicklungen der Polarisierung und Spaltung hat es im gesamten Netz der überparteilichen Arbeiter-Organisationen gegeben: Ob nun Internationaler Bund der Opfer des Krieges und der Arbeit, die proletarischen Vereine für Sexualaufklärung, Arbeiter-Samariter-Bund, oder Freidenkerverband, sogar der Arbeiter Mandolinisten-Bund wurde gespalten. Genutzt hat es am Ende leider niemandem, außer den Nationalsozialisten…

Zur Sonne.Zur Freiheit! Ausgabe 7

Arbeiterfußball in Deutschland. Teil III.

Die Jahre 1920 bis 1923

Drei Formen des friedlichen Klassenkampfes kannte die Arbeiterbewegung bis 1933 (zumindest in der Theorie): Den von Gewerkschaften und Genossenschaften geführten ökonomischen Kampf, den politischen Kampf durch die linken Parteien und schließlich den Kulturkampf, der die gewünschte Weltanschauung befördern sollte. Zur dritten Kategorie gehörte wegen der mit ihm verbundenen Agitation der Arbeitersport. Sport diente im linken Lager also nicht nur der Ablenkung von den oft bedrückenden materiellen Verhältnissen.

Darüber hinaus sollte er gesundheitlichen Schäden vorbeugen, die sich aus einseitiger Belastung bei der Lohnarbeit, schlechten Wohn- verhältnisse, Armut und Unterernährung ergaben. Arbeiterfußball steigerte bei fairer Spielweise Lebenskraft und Lebensfreude und diente dadurch dem Erhalt der Arbeitskraft, dem einzigen Kapital des Proletariers.

Mengenverhältnis von ATSB- und DFB-Kickern

Der Arbeitersport boomte wie das bürgerliche Lager in den 1920er Jahren, konnte seinen Rückstand in der Mitgliederentwicklung aber nicht aufholen. Der bürgerliche Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen (DRA) gab am 5. Mai 1925 bekannt, dass den ihm angeschlossenen 46 Sportverbänden (darunter DFB, Deutsche Turnerschaft usw.) 41.751 Vereine 5,6 Mio. Mitglieder angehörten. Dieser Masse standen immerhin 1,2 Mio. proletarisch organisierte Sportler gegenüber. Die Diskrepanz zwischen dem Stimmanteil der Linken bei Reichstagswahlen und ihrer prozentualen Unterstützung der linksgerichteten Sportbewegung war im Fußball besonders krass. Die Mitgliederzahl im DFB lag während der Weimarer Zeit immer etwa zehnmal höher als im Arbeiter-Turn- und Sportbund, der auch nicht umhin kam, dies zuzugeben. In der ATSB-nahen Sportpolitischen Rundschau vom 15. April 1928 wird der Anteil an Proleten und kleinen Angestellten in bürgerlichen Vereinen auf 80 geschätzt, bei den Spielern sogar auf 95 Prozent!

Interessanter Weise nahmen also die allermeisten links wählenden Fußballfreunde lieber bürgerliche Angebote wahr, also die des vorgeblichen Klassengegners. Vielleicht identifizieren sie sich nicht restlos mit ihrer Klasse, litten sogar an ihrer Zugehörigkeit, hegten im Stillen den verständlichen Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg. Oder sie genossen einfach den höheren Unterhaltungswert im DFB-Liga-Zirkus, der durch Starkult, Ansätze von Merchandising sowie eine aktuelle und gut aufgemachte Sportpresse zusätzlich befeuert wurde.

Obwohl es keine Vergleiche zwischen hochklassigen Vereinen der beiden Verbände gab, darf man wohl annehmen, dass die führenden DFB-Mannschaften klar besser waren, als die führenden ATSB-Teams. Im bürgerlichen Fußball bekamen die Spitzenkönner für ihre Bemühungen heimliche finanzielle Zuwendungen, Anstellungen bei wohlhabenden Mäzenen oder eigene Geschäfte. Im Kicker fanden sich damals Inserate wie diese: „Tüchtiger Maschinenmeister und Schriftsetzer für größere Druckerei nach Norddeutschland gesucht. Guter Fußballspieler (Innenstürmer) bevorzugt.“ Oder: „Erstklassiger Spieler sucht Laden oder Stellung als Filialleiter (Zigarrengeschäft)“. Im Arbeiterfußball waren diese Formen verdeckten Berufssports verpönt und auch gar nicht möglich. Den proletarischen Ballathleten blieb konsequenter Weise nur übrig, weiter in den Betrieben ihrer Ausbeuter zu arbeiten – wenn sie ideologisch sattelfest waren.

Ein Arbeiterfußballer, der das nötige Können hatte, konnte zu einem DFB-Verein wechseln – und viele taten das auch, um ihre ökonomische Stellungen zu verbessern – ging dadurch aber seiner ursprünglichen Bewegung verloren. Und es gab noch einen gewichtigen Grund für DFB-Fußball: Er bot eine patriotische, aber wohltuend unpolitische Nische in einer Zeit, die durch Klassenkämpfe und politische Instabilität gekennzeichnet war.

Zudem steckten bürgerliche Vereine ihre Einnahmen vor allem in die Anschaffung von Sportplätzen, Spielgeräten und vielleicht auch in das Gehalt eines Sportlehrers. Arbeitervereine mussten von ihrem ohnehin schmalen Budget auch noch etwas für politische Propaganda abknapsen. Die meisten Proleten wollten wahrscheinlich einfach mal abschalten und nicht auch noch im Sportverein agitiert werden. Von den Mitgliedern der ATSB-Vereine wurde aber politisches Engagement erwartet, wenigstens die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft, besser noch aktive Beteiligung bei Wahlkämpfen, Demonstrationen und Agitationen. Das schmeckte gerade den freiheitsliebenden Fußballern nicht so besonders. In der Presse des Arbeitersports wird immer wieder beklagt, dass die eigenen Kicker für politische Arbeit zu undiszipliniert seien, bei Großkundgebungen durch Abwesenheit glänzten und lieber gleichzeitig auf dem Fußballplatz herumtollten, wo sie die böse Welt um sich herum ausblendeten. Tatsächlich finden sich unter den heute noch bekannten Namen von Antifaschisten, die aus dem Arbeitersport hervorgingen (Werner Seelenbinder, Paul Zobel, Bruno Plache, Willi Sänger, Hanns Zoschke, Paul Greifzu etc.), vor allem Turner und Zweikämpfer, aber kaum Fußballer!

Fast ein neuer Zuschauerrekord in Leipzig

Im vorigen Teil unserer Serie holte der TSV Fürth 1920 die erste ausgetragene Bundesmeisterschaft im deutschen Arbeiterfußball. In der darauf folgenden Saison konnte er sich nicht für die Titelverteidigung qualifizieren. Und auch im Bereich der Märkischen Spielvereinigung MSV kam es zu Wachablösungen. Der vorjährige Lausitz-Meister TuS Süden Forst wurde vom Ortsrivalen Tasmania Forst entthront, in Berlin siegte im Norden der BFC Nordiska von 1913 und im Süden der Neuköllner SC „Rüstig Vorwärts!“ von 1913.

Im Osten des MSV-Gebiets holte sich der Turnverein Jahn Landsberg/Warthe (heute Gorzów Wielkopolski) das Krönchen. Aus dem Kreise dieser vier Bezirksmeister holte der auf dem Exerzierplatz „Einsame Pappel“ (heute Jahn-Sportpark) ansässige BFC Nordiska den MSV-Titel von 1921, anschließend auch die Ostdeutsche Meisterschaft durch ein 3:2 gegen die Freie Turnerschaft Breslau-Süd, schließlich zog Nordiska sogar ins Endspiel um die Meisterschaft des ATSB ein.

Hier aber unterlagen die Nordost-Berliner am 10. Juli 1921 dem Arbeiter-Turn und Sportverein Stötteritz aus Leipzig glatt mit 0:3. Das Finale fand in Dresden an der Saalhauer Straße vor 4.500 Zuschauern statt. 1922 hieß der MSV-Meister Lichtenberger SC Brandenburg von 1902. Das Gründungsjahr, nach alter deutscher Sitte praktischerweise im Vereinsnamen stehend, zeigt an, dass der Verein schon vor Einführung des Arbeiterfußballs existierte. Tatsächlich trat der in Rot-Weiß auflaufende LSC Brandenburg 02 zunächst im Verband Brandenburger Ballspielvereine VBB (heute Berliner Fußballverband) an, ehe er im Schwung der Novemberrevolution mit dutzenden anderen Clubs zur MSV übertrat. Auch in der Ostdeutschen Meisterschaft triumphierten die Lichtenberger, wobei die Gegner wie üblich aus Stettin und der Lausitz kamen und nicht ganz an das Berliner Leistungsniveau heranreichten.

Die ATSB-Endrunde kam diesmal im Rahmen des I. Arbeiter-Turn- und Sportfestes in Leipzig zur Austragung. Auf dem Vorwärts-Platz in Connewitz schied Berlins Hoffnung gegen Vorjahres-Champion Stötteritz nach 0:3 Toren aus. Während des Endspiels auf dem Turnfestplatz (in der Nähe der Deutschen Bücherei) befanden sich etwa 50.000 Arbeiterturner und –sportler auf dem Gelände. Da es aber nur Tribünenplätze für wenige Tausend gab, werden die meisten Anwesenden nicht so viel vom Spiel gesehen haben. Andernfalls wäre es der damalige Zuschauerrekord im deutschen Fußball gewesen. Wie auch immer, der ATSV Stötteritz gewann 4:1 gegen Kassel 06 und verteidigte damit die höchste Fußballkrone des ATSB.

Hattrick für Stötteritz

1923 gab es mal wieder einen neuen Meister in der Märkischen Spielvereinigung. Diesmal setzte sich der erst im Vorjahr gegründete BFC Alemannia von 1922 durch, errang auch ungefährdet die Ostdeutsche Meisterschaft, schlug anschließend in der ATSB-Vorrunde Komet Altona-Klein Flottbeck 1:3 – übrigens im Stadion Altona, heute steht an jener Stelle das HSV-Stadion – und ehe die Alemannen sich versahen, standen sie auch schon im Bundesfinale. Hier lauerte erneut Branchenprimus ATSV Stötteritz. Doch vor dem Anpfiff musste man sich noch für einen Spielort entscheiden. In Berlin wurde als solcher das Stadion Lichtenberg annonciert, dann aber auf Weisung der in Leipzig ansässigen ATSB-Führung ein Platz im dortigen Eutritzsch angesetzt. Dort fand das Endspiel am 1. Juli 1923 auch statt. Stötteritz siegte vor immerhin schon 7.500 Zuschauern 1:0 über Alemannia. Die legte aber Protest gegen den Spielort ein, und so kam es eine Woche später zur Wiederholung in Berlin auf dem Platz von Norden-Nordwest.

Stötteritz bestritt noch am Vortag der Revanche ein Freundschaftsspiel, der Gegner aus Aussig zählte zur Spitze des sudetendeutschen Arbeiterfussballs, verlor aber in Leipzig-Stötteritz 0:5. Nach der Feier mit den Gästen, bei der sicher auch die Kehlen gut geölt wurden, ging es nach kurzer Nachtruhe per Zug in die deutsche Hautstadt und von dort, um Geld zu sparen, zu Fuß vom Anhalter Bahnhof zum NNW-Platz in Gesundbrunnen. Die Märkische Spielvereinigung hatte als Veranstalter auf bis zu 15.000 Zuschauer gehofft, doch bei Temperaturen um 40 Grad im Schatten fanden sich nur 3.700 ein. Die Wiederholung begann mit allen Feierlichkeiten wie das Spiel vor einer Woche, doch aus der Revanche wurde nichts, denn der ATSV Stötteritz nahm seine Rolle als Hecht im Karpfenteich des Arbeiterfußballs ernst und gewann diesmal sogar 3:1. Das Ehrentor für Alemannia 22 resultierte auch nur aus einem Elfmeter.

Während es damals in den Endspielen um die Deutsche Meisterschaft des DFB immer wieder zu wahren Schlachten mit Fouls und Verletzten bis zum Abwinken kam (im Vorjahr fiel wegen solchen Umständen die reguläre Entscheidung zwischen Nürnberg und dem Hamburger SV aus), zeugt die folgende Zeitungsnotiz von einer anderen Ethik: Siegen ja, aber nicht um jeden Preis!

Alemannia spielte durchaus anständig und gab ebenfalls einen Beweis von echtem Arbeitersportgeist. Der sonst sehr gute, umsichtige Schiedsrichter, Genosse Bühring-Magdeburg, fällte einmal eine zu scharfe Entscheidung.

Einem Stötteritzer Spieler war die Hose heillos geplatzt. Er sprang hinaus, zog eine Reservehose über und trat wieder ein, sich beim Schiedsrichter meldend. ‚Sie haben sich nicht abgemeldet, ich kann Sie nicht mehr spielen lassen‘, sagte dieser. Er protestierte selbstverständlich in höflichster Form – der Stötteritzer Spielführer. Der Schiedsrichter befragte den Alemannia-Spielführer, ob er den Mann weiterspielen lassen wollte. Ohne Besinnen sagte dieser ‚Ja!‘ Bravo! Das zählt mehr als ein Sieg!

Freie Sportwoche vom 25. Juli 1923

Die Ursprünge des Fußballs…

Der Sportjournalist und Konrad-Koch-Biograph Malte Oberschelp im Gespräch über deutsches Bürgertum, Wehrertüchtigung und Daniel Brühl als Fußballpädagogen.

Quelle: Jungle World.

Warum kennt in Deutschland jedes Kind den Turnvater Jahn, während bis vorige Woche niemand Konrad Koch kannte, über dessen Leben jetzt ein großer Film angelaufen ist?

In der Tat, Turnvater Jahn kennt jeder. Das geht aber nicht einher mit einer größeren Kenntnis der Turn- und Sportgeschichte. Ein historisches Interesse am Fußball gibt es in Deutschland seit gerade mal zehn Jahren. Und da hat man sich vor allem mit Themen wie dem Fußball im Nationalsozialismus oder auch mit dem Arbeitersport beschäftigt. Das Kaiserreich aber lag den meisten als spannendes Thema zu weit weg. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass sich auch viele Hardcore-Fußballfans nicht für die Geschichte ihres Sports und ihrer Leidenschaft interessieren. Die begnügen sich oft sehr selbstzufrieden mit der Mär vom proletarischen Ursprung des Fußballs.

Mär?

Ja, Mär. Oder besser: Wunschvorstellung. Da werden die Ursprünge des Fußballs in die Weimarer Republik verlängert, als es den Massensport gab: große Stadien, umjubelte Mannschaften und sowohl Fans als auch Spieler mit proletarischen Biographien. Am Anfang der Fußballgeschichte war das überhaupt nicht so.

Konrad Koch gilt ja als Begründer des Fußballs in Deutschland. Was war er für einer?

Er war Lehrer, also Gymnasialprofessor. Und zwar nicht an irgendeiner Schule, sondern an einer Anstalt, die man heute als Elitegymnasium bezeichnen würde und die auch heute noch eines ist: das Martino-Katharineum in Braunschweig. Hier gingen Hoffmann von Fallersleben, Carl Friedrich Gauß oder Friedrich Gerstäcker zur Schule. Dass an einem solchen Ort der Fußball entstand, ist kein Zufall. Fußball war ein Sport, der in diesem Milieu gut vertreten war: bürgerlich bis großbürgerlich, teilweise auch Adel.

War Konrad Koch dort ein Außenseiter, einer, der zu modern war für seine Zeit?

Nein, durchaus nicht. Er war beispielsweise aktiv im Zentralausschuss zur Förderung der Volks- und Jugendspiele in Deutschland – das ist eine Organisation, die 1891, als die Bismarckschen Sozialistengesetze ausliefen, gegründet wurde und die explizit die Aufgabe hatte, die Arbeiterjugend zu befrieden. Das passte in die Zeit.

Aber 1891 gab es noch keinen Achtstundentag, wo sollte denn die Arbeiterjugend die Zeit zum Fußball herholen?

Richtig, das Projekt hat auch hinten und vorne nicht geklappt. Es gab aber damals erste Arbeitszeitregelungen, die immerhin für ein bisschen Freizeit sorgten. So gesehen hätte es eventuell funktionieren können.

Wenn nicht nur an der fehlenden Arbeiterfreizeit, woran lag es dann?

Der Zuschnitt des Spiels hatte zunächst auch nichts, was für das Proletariat attraktiv gewesen wäre. Das Spiel, das damals gespielt wurde, sprach eher die Mittel- und Oberschicht an.

Fußball in der damaligen Zeit gilt als englisch, also modern, während andere Leibesübungen, vor allem das Turnen, als deutsch, also reaktionär gelten. Stimmt das noch?

Fußball war in gewisser Weise sehr modern, und Konrad Koch hat das früh erkannt. Das Turnen war ja paramilitärisch organisiert: Der Turnlehrer gibt alle Bewegungsabläufe und deren Tempo exakt vor. Fußball hingegen ist ein Spiel der freien Entscheidungen, und in diesem Umstand erkannte Koch ein persönlichkeitsbildendes Programm. Fußball spiegelt damit in gewisser Weise auch den Wirtschafts­liberalismus.

Kann man vereinfacht sagen, dass Kochs Programm in der Zurichtung der männlichen Jugend auf kapitalistische Erfordernisse bestand? Und dass er folglich moderner und intelligenter war als die Turn- und Vaterlandspropagandisten?

Koch war ein Mann des Turnens, und er war gegen den Sport.

Das müssen Sie erklären.

Kochs Idealvorstellung war der Fußball als Turnspiel. Er hatte den Fußball entwickelt als Entlastung für die Defizite, die sich beim Turnen einstellten. Das war vor allem das Angebot von Fußball an der frischen Luft anstelle der stickigen Turnhalle. Den englischen Fußball aber hat Koch sein ganzes Leben lang abgelehnt. Das Spiel und die Regeln hat er übernommen, auch die englische Pädagogik an den Public Schools, wo ja der Fußball historisch entstanden war, faszinierte ihn. Aber alles andere, was mit dem englischen Fußball zusammenhing, wollte er nicht: Das Training lehnte er ab, das Ligensystem, das Spielen in Trikots und vor allem den Professionalismus.

Ist der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte, gescheitert?

In einer bestimmten Hinsicht war er eine tragische Figur. Der Fußball, der ihm vorschwebte, setzte sich nicht durch. Schon in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts war Fußball kein Turnspiel im Kochschen Sinne mehr. Und die ersten Ligaspiele in Deutschland gab es auch in den frühen neunziger Jahren. Koch hatte Fußball als Erziehungsmodell verstanden, der Gedanke eines zweckfreien Spiels war ihm völlig fremd.

Der Film »Der ganz große Traum« ist vergangene Woche angelaufen. Wird er Koch und seiner Rolle in der Fußballgeschichte gerecht?

Nicht wirklich, aber das ist ja auch nicht die Aufgabe eines Spielfilms. Ich finde es nicht schlimm, dass die historische Figur Koch nicht der Filmfigur Koch, die Daniel Brühl spielt, entspricht. Der Film zielt auf ein großes Publikum und hat sehr gute Darsteller. Das ist doch okay.

Welche Geschichte erzählt der Film denn?

Koch wird fortschrittlicher dargestellt, als er wirklich war. Insoweit ist er im Film mehr englischer Sportler als deutscher Turner. Und in dem Film wird Koch mehr Widerstand entgegengesetzt, als es historisch gab. Die Schulbehörde des Herzogtums Braunschweig, die im Film den Fußball im Film verbietet, hat in Wirklichkeit einen Etat von 200 Reichsmark für den Fußballbetrieb eingerichtet. Damit konnten Bälle und anderes besorgt werden. Die Schule förderte also Koch und seinen Fußballunterricht.

Was bedeutet es, wenn Daniel Brühl nun Konrad Koch als fortschrittlichen Sportpädagogen spielt?

Zum Beispiel hat Koch im Film einen deutlich pazifistischen Zug. Damit aber hatte der historische Koch nichts zu schaffen. Der Sieg bei Sedan 1870 und die deutsche Reichsgründung 1871 waren konstituierende Elemente seines Denkens, darauf war er so stolz wie beinah alle deutschen Pädagogen dieser Zeit. Koch hat in Braunschweig »Sedan-Festspiele« ins Leben gerufen, wo die männliche Jugend leichtathletische Übungen durchführte. Bei Koch spielte auch immer der Gedanke des Militärs und der Wehrertüchtigung mit. Das wird jetzt verdrängt.

Es gab in den vergangenen Jahren einige große deutsche Fußballfilme, am berühmtesten sind vermutlich die Dokumentation »Deutschland. Ein Sommermärchen« und der Spielfilm »Das Wunder von Bern«, beide von Sönke Wortmann. Reiht sich »Der ganz große Traum« da in eine große Erzählung ein?

Mit dem »Wunder von Bern« kann man den Film gut vergleichen. Die Dramaturgie entspricht in beiden Fällen dem Genre eines Fußballfilms: Am Schluss kommt es zum großen Spiel, das auf jeden Fall gewonnen werden muss.

Malte Oberschelp: Der Fußball-Lehrer: Wie Konrad Koch im Kaiserreich den Ball ins Spiel brachte. Werkstatt-Verlag, Göttingen 2010, 160 Seiten, 16,90 Euro

Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball. Werkstatt-Verlag, Göttingen 2003, 512 Seiten, 26,90 Euro

Der DDR-Fußball vor sechzig Jahren.

Man schrieb das Jahr 1950. Die Deutsche Demokratische Republik war gerade erst ein Jahr alt. Anfang September begann die zweite Auflage der DDR-Fußball-Oberliga. Mit 18 Vereinen ging es an den Start, darunter gleich drei aus Ostberlin. Apropos Berlin. Gemeinsam mit der BSG Rotation Babelsberg und der BSG Lokomotive Stendal waren die drei Berliner Vertreter die nördlichsten Vereine der DDR-Oberliga. In den späteren Bezirken Neubrandenburg, Schwerin und Rostock gab es keinen einzigen Oberligisten. Noch nicht.

Quelle: turus.net

Die Saison 1950/51 sollte eine echte Neuerung mitbringen, die ihrer Zeit extrem weit voraus war. Kurz vor Ende der Spielzeit wurde beschlossen, dass der Torwart und ein Feldspieler ausgewechselt werden durften. Beim DFB und vielen anderen europäischen Verbänden trat diese Regelung erst Ende der 60er Jahre in Kraft. Probleme mit der FIFA gab es von Seiten der DDR nicht, denn noch war der DDR-Fußballverband kein Mitglied im Weltverband.

Wer waren eigentlich die Vereine der damaligen DDR-Oberliga? Vergeblich sucht man nach vertrauten Namen. Den BFC Dynamo, die SG Dynamo Dresden, den FC Hansa Rostock, den 1. FC Lokomotive Leipzig und den FC Karl-Marx-Stadt gab es zu jener Zeit noch nicht in der späteren Form.

So trat zum Beispiel das Team aus Dresden noch als SG Volkspolizei Dresden an. Vorwärts Berlin gab es erst ab dem Jahre 1953. Bereits mit dabei waren allerdings die SG Union Oberschöneweide, aus der 1966 der 1. FC Union Berlin hervorging, und die BSG Chemie Leipzig, heute bekannt als FC Sachsen Leipzig.

Neben der SG Union Oberschöneweide traten die Ostberliner Vereine VfB Pankow und SG Lichtenberg 47 an. Beide belegten am Ende der Saison 1950/51 die letzten Plätze, wobei Pankow mit 7:61 Punkten und einem Torverhältnis von 29:131 um einiges schlechter war als die Kollegen aus Lichtenberg, die immerhin 20 Punkte auf der Habenseite verbuchen konnten.

Weitere Vereine jener Oberligasaison waren: BSG Turbine Erfurt, BSG Aktivist Brieske-Ost, BSG Turbine Halle, BSG Stahl Thale, BSG Motor Dessau, BSG Fortschritt Meerane, BSG Stahl Altenburg, BSG Rotation Dresden, BSG Motor Gera und BSG Turbine Weimar.

Als Titelverteidiger ging Motor Zwickau – zuvor Horch Zwickau, später dann Sachsenring Zwickau und in der Gegenwart FSV Zwickau – an den Start. Mit zwei Punkten Vorsprung gewannen sie in der Saison 1949/50 vor der SG Dresden-Friedrichstadt die Meisterschaft.

Auch in der Saison 1950/51 spielte Zwickau eine gute sportliche Rolle allerdings reichte es diesmal nur für den dritten Rang. Ganz vorn lieferten sich Chemie Leipzig und Turbine Erfurt einen packenden Zweikampf. Da beide Vereine am Ende der Saison punktgleich (50:18) waren, musste ein Entscheidungsspiel her. Gespielt wurde im Chemnitzer Ernst-Thälmann-Stadion (die Stadt hieß erst ab 1953 Karl-Marx-Stadt) vor rund 60.000 Zuschauern. Mit 2:0 bezwang Chemie Leipzig die BSG Turbine Erfurt.

Turbine Erfurt? In der Tat handelt es sich hierbei um den späteren FC Rot-Weiß Erfurt, der seit 1966 diesen Namen trägt. Man könnte eventuell schlussfolgern, dass es sich bei Turbine Halle demzufolge um den späteren HFC Chemie / Halleschen FC handelt. Dies ist jedoch nur zum Teil richtig. In der Tat schloss sich 1954 ein Großteil der Oberligamannschaft der BSG Turbine Halle an den SC Chemie Halle-Leuna (später SC Chemie Halle).

Turbine Halle hatte weiter Bestand, spielte jedoch fortan nur noch in den unteren Gefilden. Derzeit ist der Verein in der Landesklasse Sachsen-Anhalt / Staffel 4 angesiedelt.

Zurück zur Spielzeit 1950/51. Torschützenkönig wurde Johannes Schöne, der das Trikot der BSG Rotation Babelsberg trug. Ganze 38-mal fanden seine Torschüsse das Ziel im gegnerischen Gehäuse. 32 Tore schoss Günter Schröter der SG Volkspolizei Dresden, 31 Treffer erzielte Werner Oberländer von der BSG Stahl Thale.

Apropos: Die 38 Treffer des Johannes Schöne stellten ein Rekord dar, der bis zum Ende der DDR nicht mehr gebrochen wurde. 1954 stand er dreimal mit dem DDR-Nationaltrikot auf dem Rasen.

Immerhin rund 8.600 Zuschauer besuchten im Schnitt die Oberligapartien, in der Saison zuvor waren es allerdings noch über 10.000. Ein Zuschauermagnet war Turbine Halle, rund 21.000 Fans strömten im Schnitt zu den Heimspielen der Hallenser.

In der folgenden Spielzeit 1951/52 kamen ligaweit wieder über 10.500 Zuschauer pro Spiel. Mit dabei dann das erste Mal die BSG Wismut Aue (zwischenzeitlich SC Wismut Karl-Marx-Stadt, heute FC Erzgebirge Aue) und nun auch ein Vertreter aus dem hohen Norden: Die BSG Motor Wismar (heute Anker Wismar).

Arbeiterfußball in Deutschland. Teil II.

Erster Weltkrieg und die erste Bundesmeisterschaft.

Der erste Teil unserer Serie endete am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Heute wollen wir schaun, wie die weitere Entwicklung bis zur ersten deutschen Meisterschaft im Arbeiterfußball verlief. Kurz vor Kriegsausbruch hatte sich sogar noch ein internationaler Verband für Arbeitersport konstituiert. Doch mit Kriegsbeginn stellte er jede Tätigkeit ein. Proletarier verschiedener Länder schossen nun nicht friedlich die Lederkugel auf das gegnerische Tor, sondern aufeinander mit scharfer Munition allen Kalibers. Ähnlich wie die SPD, die im August 1914 für die Bewilligung von Kriegskrediten gestimmt hatte, verhielten sich viele sozialdemokratischen Parlamentarier anderer Kriegsparteien. Die Arbeiter-Internationale zerbrach am jeweiligen nationalen Kriegstaumel, also genau zu jenem Zeitpunkt als man sie am dringendsten brauchte…

Der Sportbetrieb ruhte zunächst in Deutschland und den sonstigen kriegstreibenden Staaten. Man hoffte ja auf einen kurzen Waffengang und einen schnellen Frieden. Als sich die Nationen dann auf einen längeren Kriegsverlauf einstellten, startete der Sportbetrieb langsam wieder. Hierzulande fiel zwar bis 1920 die Ermittlung des DFB-Meisters aus, doch Regionalmeisterschaften kamen im DFB-Bereich zur Durchführung. In Berlin gewannen Hertha (1915, 1917, 1918) und Viktoria 89 (1916) die sogenannten Kriegsmeisterschaften. Im Arbeiterfußball sind in dieser Zeit nicht einmal die Regionalbesten ermittelt worden. Zumindest schweigen sich die Quellen dazu aus. Wahrscheinlich war der Prozentsatz an Kriegsteilnehmern hier weitaus höher als im bürgerlichen Fußball. Trotzdem wuchs die Fußballbegeisterung auch während des großen Völkerringens weiter an. Viele Männer lernten erst als Soldaten das Spiel kennen, indem sie es in Kampfpausen zur Entspannung und zu Hebung der Moral spielten.

Und ihre Söhne füllten in der Heimat die Mannschaften der noch lebensfähigen Vereine auf. Im Arbeitersport hatte der Fußball gerade erst vor ein paar Jahren Einzug gehalten und sich noch längst nicht in allen Turnerschaften und Sportvereinen durchgesetzt. Nun, wo die Turnväter im Feld oder in der Etappe standen, nutzten die Jugendlichen das Machtvakuum und etablierten das Fußballspiel auch dort, wo es zuvor nicht gern gesehen war. So gab es auch im Arbeiter-Turner-Bund eine Kontinuität, aber eben ohne überlieferte Titelträger.

Die Meisterschaft der Märkischen Spielvereinigung 1919/20

Nach Kriegsende stieg das Sportinteresse der deutschen Bevölkerung rapide an. Die Vereine hatten einen großen Zulauf, an Aktiven ebenso wie an Zuschauern. 1920 ermittelte der DFB mit dem 1. FC Nürnberg seinen ersten Nachkriegs- oder besser Zwischenkriegsmeister. Und auch im Arbeitersport taten sich große Dinge: Bei seinem Bundestag im Juni 1919 benannte sich der Arbeiter-Turner-Bund um in Arbeiter-Turn- und Sport-Bund (ATSB). Und er beschloß die Austragung einer reichsweiten Bundesmeisterschaft! Dazu ersann der Fachausschuss einen Modus, der bis zum gewaltsamen Ende dieser Bewegung aktuell blieb. Zuerst ermittelten die Länder und größeren Städte ihre Bezirksmeister, diese untereinander den Kreismeister. Der Kreismeister kämpfte um eine der vier Regionalmeisterschaften. Die vier Regionalmeister fochten dann im K.o.-System den Titel im ATSB aus, der in Abgrenzung zum DFB nicht Deutscher Meister hieß, sondern Bundesmeister.

In Berlin und Umgebung lief der „linke“ Spielbetrieb über die Märkische Spielvereinigung. Im April standen die vier Kreismeister fest, die am 25. April 1920 die MSV-Meisterschaft ausfochten. Auf dem Reinickendorfer Gemeindespielplatz, ganz in der Nähe des dortigen Rathauses, nutzte vor 1.500 Zuschauern der Reinickendorfer BC seinen Heimvorteil gegen die Freie Turn- und Sportvereinigung 1894 Nowawes. Er führte schon 2:0, als in der 86. Minute ein Unwetter den Abbruch erzwang. Nowawes verzichtete auf eine Wiederholung, so daß Reinickendorf im Finale stand. Zur selben Stunde qualifizierte sich auch der Lausitzmeister TuS Süden Forst 07 durch ein 2:1 gegen die Freie Turnerschaft Wilmersdorf. Allerdings nicht ohne Skandal: Damals war es noch üblich, nach verlorenen Spielen Protest einzureichen. Das Zeitalter der Tatsachenentscheidungen harrte noch seiner Dämmerung, und so legte Wilmersdorf wegen eines nicht gegebenen Handelfmeters Widerspruch ein. Der Spielausschuss der Märkischen Spielvereinigung setzte das Spiel neu an. Nun protestierte Forst, lehnte die Wiederholung ab und schied aus. Am 2. Mai 1920 besiegte Wilmersdorf am Reinickendorfer Rathaus 4:1 den Reinickendorfer BC. Der Berliner Meister im bürgerlichen Verbande Brandenburgischer Ballspielvereine (VBB) war übrigens kein geringerer als der SC Union 06 Oberschöneweide.

Um die erste Bundesmeisterschaft

Reinickendorf durfte als MSV-Meister zunächst um die Ostdeutsche Meisterschaft antreten. Und das mit Erfolg. Die Kicker von der Freien Turnerschaft Nemitz-Stettin wurden daheim mit sechs zu null auseinander genommen. Am 30. Mai 1920 fand das Endspiel gegen Wacker Görlitz auf dem Sportgelände des bürgerlichen Berliner BC 03 statt. Den Platz gibt es übrigens noch, er liegt an der Markgrafenstraße 19 – 24 in Mariendorf. Damals stand dort sogar eine Holztribüne. Da die Meisterschaft des VBB schon vorbei war und der Platzwart des BBC 03 im Urlaub, musste das Spiel auf fast kniehohem Gras stattfinden. Da es sich kaum abkreiden ließ, mussten zur Spielfeldmarkierung Fahnen aufgestellt werden. Die Spieler und die etwa 1.500 Zuschauer hatten Probleme, dem Ball zu folgen. Unter diesen kuriosen Umständen gewann Wilmersdorf 6:1.

Am Titel Ostdeutscher Meister 1920 konnten sie sich aber nur einen Tag erfreuen. Der ATSB als höchstes Gremium gab am folgenden Morgen dem Protest von Süden Forst statt und sprach ihm die beiden Titel MSV- und Ostdeutscher Meister zu. Die weiteren Regionalmeister hießen Dresdner SV 1910 (Mitteldeutschland), TSV Fürth (Süddeutschland) und TSV Waldau (Nordwestdeutschland).

Berlin hatte damit keine Chance mehr, als erster Bundesmeister in die Lehrbücher einzugehen. Der MSV-Verteter Süden Forst machte seine Sache aber auch recht gut und siegte am 20. Juni 5:1 gegen TSV Waldau (bei Kassel). Im zweiten Vorrundenspiel schied der Dresdner SV von 1910 nach einem 2:3 gegen den TSV Fürth aus. Das Endspiel stieg wenig später auf dem Platz der SpVgg. 1899 Leipzig. Fürth gewann auch diesmal mit 3:2 und ging damit als erster Deutscher – pardon – Bundesmeister des deutschen Arbeiterfußballs vom Platz.

Der Platz, auf dem das historische Ereignis vor 5.000 interessierten Zusehern stattfand, ist 90 Jahre später noch originalgetreu erhalten, der TSV Fürth existiert leider nicht mehr.

Wo spielten eigentlich die Arbeiterfußballer?

In Berlin besaß der Turnverein Fichte Südost seit 1897 den ersten und lange Zeit einzigen eigenen Platz im Arbeitersportbereich. Dieser befand sich in Baumschulenweg an der Köpenicker Landstraße. In Preußen und anderen deutschen Staaten blieb Arbeitersportlern bis 1914 die Nutzung kommunaler Plätze und Turnhallen verwehrt. Das änderte sich dann, indem die Zustimmung der Sozialdemokraten im Reichstag für die Kriegskredite unter anderem mit der Freigabe von Sportanlagen honoriert wurde. Danach durften die SPD-nahen Vereine sich mit den „bürgerlichen“ die Gemeindesportplätze teilen.

Besonders reges Treiben herrschte auf dem Tempelhofer Feld, das damals noch kein Flughafen, aber Deutschlands größter Sportplatz war, und auf dem Exerzierplatz „Einsame Pappel“ (heute Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark). Die wichtigsten hier ansässigen Vereine der Märkischen Spielvereinigung hießen BSC Bavaria 09, BFC Nordiska 13, Wacker 20, SC Helvetia 22, Fichte Nordost, Amateure 24 und SC Sowjet. Mitte der 1920er Jahre tummelten sich auf dem „Exer“ zeitweilig sogar mehr MSV- als VBB-Mannschaften.

Dazu zum Abschluß der heutigen Geschichtsstunde noch folgende Anekdote aus dem VBB-Zentralorgan RASENSPORT, Nr. 7/1924, S.6: „Fährt da ein Bezirksverein der Provinz nach Berlin, um auf dem Exer ein fälliges Verbandsspiel auszutragen. Wie die Spieler aber auf das Feld kommen, sind sämtliche Fußballplätze von anderen Mannschaften belegt. So hat den für dieses Spiel in Aussicht genommenen Platz ein Verein aus dem MSV in Beschlag belegt.

Auf den entrüsteten Protest beider Bezirksvereine hielt ihnen der Vorsitzende des Arbeitervereins mit lächelnder Miene ein behördliches Schreiben unter die Nase, worin stand, dass die MSV-Mannschaft berechtigt sei, jeden Sonntag von 2 – 6 Uhr auf dem Exer zu spielen! Alles Protestieren beim Verwalter half nichts, und unverrichteter Sache mussten die Provinzler die einstündige Rückfahrt nach ihrem Heimatort antreten, mit der nicht gerade tröstlichen Hoffnung, dass es das nächste Mal wahrscheinlich genauso werden wird.

Wer trägt die Schuld hieran? Dem Exer-Verein kann man gewiss keinen Vorwurf machen. Er ist genauso der Leittragende wie sein Gegner aus der Provinz. Wer ersetzt letzterem nun die unnütz vergeudete Zeit und das Fahrgeld? Und wer garantiert vor allen Dingen dafür, dass die Plätze beim nächsten Verbandsspiel nicht wieder besetzt sind?

Der vergebens angereiste Provinzverein holte sofort Erkundigungen ein und stieß dabei auf folgenden Sachverhalt: Vor einiger Zeit hatte das Sportamt Vertreter der beiden um Plätze und Seelen konkurrierenden Fußball-Verbände einbestellt und u.a. nach der Anzahl ihrer Exer-Mannschaften befragt. Der Abgesandte des „preußisch-blauen“ VBB konnte diese Zahl nicht genau benennen, sein Gegenspieler von der „roten“ Märkischen Spiel-Vereinigung stand nicht auf der Leitung, verdoppelte geistesgegenwärtig die tatsächlichen Anzahl seiner Mannschaften und bekam entsprechend viele Spielfelder zugesprochen. 1:0 für „Rot“ gegen „Blau“!

In der nächsten Ausgabe unseres Fanzines „Zur Sonne.Zur Freiheit!“ geht es weiter mit der Serie Arbeiterfussball in Deutschland. Die aktuelle Ausgabe Numero 5 findet Ihr hier…