Archiv der Kategorie 'Steen & Urs'

An einem Samstag im roten Oktober

Steen & Urs. Bald auch als Comicstrip!

Pokal! „Roter Steen, datt wird bestimmt historisch.“ Urs Störenfried schaut melancholisch in den Himmel: Europa! Da wollen wir hin? „Da gehören wir hin!“ erinnert Steen nachdrücklich. Flutlicht. Südländische Stimmung: Fett Pyro! UEFA-Pokal. Gänsehaut! „Wir beide mit Rolator im ausverkauften Familienblock, stell Dir das mal vor!. Beste Aussicht auf die Action.“ Urs kann sich die Tränen kaum verkneifen. Träumen darf ja noch erlaubt sein! Jetzt steht vorerst die zweite Runde des Holger-Blichmann-Pokal an. Auf dem Boden der Tatsachen muß zuerst einmal die Ernte eingefahren werden. Noch ist der Bär nicht erlegt. Auf geht es. Rotsport!

Alle sindse da. Außer die verhinderten Lohnsklaven. „Wir sind nicht alle! Es fehlen die Gefangenen!“ Haltung wahren ist die Devise. Fahnen raus. Stimmung! Auch wenn es sich falsch anfühlt. Wir spielen – aus welchen Gründen auch immer – nicht auf unserem heiligen Rasen, sondern uffm Nebenplatz. Sonderlich. Die ersten Minuten unserer Goldfüße versprechen einiges. Über außen schnell vorgetragene Angriffe werden aber zu unserem Bedauern zwecks Spannung nicht in Tore umgemünzt. „Nicht gut!“ Erstaunlich viele Nachzügler. Womöglich Erfolgsfans. Der Jugend von heute sei an dieser Stelle noch einmal gesagt: Pünktlichkeit ist eine Tugend!

Auf dem Platz entwickelt sich ein schönes Spiel. Beiden Seiten sind bemüht den Ball ins gegnerische Tor zu bugsieren. Klappt aber irgendwie nicht. Unser Stammtorhüter ist immer zur Stelle. Unsere Angreifer nicht. Einer unserer Besten steht abseits. Rotsperre. Komische Regel: wer im Ligabetrieb eine rote Karte erhielt, kann die Sperre auch im Pokal absitzen. Der Gegner spricht russisch. Interessant. Selbst der Trainer ist dieser Sprache akzentfrei mächtig. Wir kramen alten Unterrichtsstoff hervor. „Menja sawuut Urs.“ Steen kontert: Dostoprimelschatelnosti, Tawarischiii… oder irgendwie so!“. Der Gegner muss auswechseln. Ein Spieler hat sich unglücklich verletzt.

Unsere Goldfüße bauen zum Ende der ersten Halbzeit stark ab. Der Gegner hofft auf eine Sensation. Zuviel Hektik herrscht in den roten Reihen. Leichte Abspielfehler schleichen sich hier und da ein. Und da ist sie plötzlich, die Sensation: ein satter Weitschuß schlägt in unserem Gehäuse ein. Unser Torhüter war machtlos. Die Abwehr eigentlich ebenso. Das Mittelfeld hatte wohl gepennt. Der Schütze kam unbedrängt zum Schuß. Fassungslosigkeit nicht nur am Spielfeldrand. Ein Pfiff. Erst einmal Halbzeitpause. Scheiße! Nebenplatz! Scheiß Nebenplatz?

Die zweite Halbzeit beginnt wie die Erste. Druckvoll. Man merkt unsere Goldfüße wollen den Bock hier noch umstoßen. Der neu eingewechselte Spieler macht mächtig Dampf über die rechte Außenseite. „Ja? Jaa? Jaaa! Nein!“ Eine Großchance nach der Nächsten wird versemmelt. Unruhe macht sich langsam breit. Bisher geizten die Unsrigen in dieser Saison mit Toren. Heute braucht es vorerst nur eins. Doch das will nicht fallen. Mit fortschreitender Spieldauer erlahmt der Angriffswille zusehens. Wieder schleichen sich leichte Fehler ein. Im Mittelfeld fehlt die ordnende Hand. Die aufkommende Nervosität wirft letztlich die taktischen Ordnung komplett um. Und: das letzte Aufbäumen scheitert vorallem immer wieder an der fehlenden Passgenauigkeit. „Schiete!

Trotzdem, bis zur letzten Minute versuchen unsere Goldfüße alles. Es klappt nur leider nichts. Dringend benötigte Anspielstationen verstecken sich hinter den gegnerischen Spielern. Anstatt es mal mit einem Fernschuß zu probieren, wollen Sie den Ball ins Tor tragen. Erneut eine Ecke. „Vielleicht jetzt noch der späte Ausgleich?“ Die nächste Schlüsselszene. Und wieder nichts. Es bleibt dabei: die Rettung in die Verlängerung will nicht gelingen. Abpfiff. Überall frustrierte Gesichter. Es war machbar. Doch es gelang zum wiederholten Mal nicht.

Der Europapokal liegt in weiter Ferne, Steen.“ Urs Störenfried macht gute Miene zum bösen Spiel. Es bleibt kein Raum für Spekulation: „Urs, Klassenerhalt ist das erste Ziel.“ Steen erntet ein kleines Lächeln beim Gegenüber. „Klassenbewußtsein, meinteste doch eher, du unverbesserlicher Kommunist.“ Kurzes Schweigen. Haltung wird eingenommen: „Der Erhalt der Klasse stärkt das Klassenbewußtsein!“ Die Revolution wird bekanntlich auf dem Fußballplatz entschieden. Und nicht auf der Couch während Scheiße-Sky im Flimmerkasten läuft. Word!

Steen schlendert gedankenversunken dem Ausgang entgegen: „Urs, war eigentlich sonst noch etwas?“ Störenfried nickt hippelig: „Ja, gib Dir folgenden Traum: Der rote Oktober 2020, Roter Stern Nordost Berlin führt frühzeitig mit 10 Punkten Vorsprung die Tabelle an…“. Roter Steen hört mit einem halben Ohr den aufgeregten Ausführungen zu: “… und wir haben den Aufstieg fest im Visier, dann…“. Urs überlegt kurz ob er sein größtes Geheimnis wirklich Preis geben soll:. „… dann, dann lass icke mich ooch nochmal einwechseln!“ Allenortes Gelächter.

Nur der Rote Stern!
Ballsport, Beischlaf, Büchsenbier?
Wer A sagt muß auch B nachlegen!

Ein Kater gegen drei Punkte.

Steen & Urs am Morgen!

Frühmorgens im roten Wedding. Fußball. Freizeitliga. Fieser Abstiegskampf. Das Katerfrühstück riecht nach Fisch. Es streunert im Magen herum. Das Klo ist nicht weit. Am Vorabend war es hell, als die letzte Flasche zu Bett ging. Zum Glück ist es ein Heimspiel. Auswärts. Im roten Wedding. Urs Störenfried torkelt das erste Mal zu Fuß zum Spiel. Gesagt, gelaufen. Im Gänsemarsch geht es zur die Zonengrenze. Ohne Ausweiskontrolle! Hell Yeah!

Komische Gestalten überall im Latte Machiatto-Kiez. Kein schöner Land. Nur schnell rüber zu den Arbeitern. Optisch auch kein großer Zugewinn. Aber ästhetisch. Brause-Cola-Mix macht wach. Anwesenheit ist Pflicht. Scheiß Ultras! Die ersten Mitstreiter trinken hart weiter. Der Haufen ist motiviert. Motto: Fußball, piep, Alkohol. Frühmorgens im roten Wedding. 13 Spieler stehen bereit um die rote Laterne an den Meistbietenden abzugeben. Trotzdem fehlt etwas. Die Stimmung ist noch mässig.

Urs ist hellwach. Das erste Tor verpennt er, ebenso wie roter Steen. Der kam etwas später. Polizeikontrolle? Alkoholiker! Egal, unsere Goldfüße liegen in Führung. Erstmalig in dieser Saison. Spitze. Im Tor steht unser Titan. Das erste Mal in dieser Saison. Auch das ist Spitze. Hoffnung macht sich langsam breit. Die Fahnen werden ausgepackt. Roter Steen hat die dringend benötigten Utensilien dabei. Eine rote Fahne weht im Wind. Frühmorgens im roten Wedding. Das Spiel läuft gut an. Der Support lässt immer noch zu wünschen übrig. Rotfront!


Ian Stenhouse / No Dice Magazine

Zerknischte Gesichter im herbstlichen Sonnenschein. Steen hat seine Sonnenbrille vergessen. Urs ooch! Konnte ja keiner ahnen. Sonnencreme ist etwas für Wikinger. Fußball für die erste Bundesliga. Auf dem Platz ein munterer Kick. Am Rand fehlt Koffein. Kollektives Wachwerden. Erste Gerüchte machen die Runde. Steen soll die SPD am letzten Sonntag gewählt haben. Eine große Koalition. Laut Gerücht war es nicht nur Steen. Unverständnis. Ganz Deutschland einig Muttiland! Ganz Deutschland? Nein, ein kleines Häuflein unverbesserlicher Weltverbesserer hat den Mann mit dem ausdruckstarken Stinkefinger gewählt. Warum? Wegen der Haltung. Was nützt einem die Taube auf dem Dach?

So spielt auch die Mannschaft. Aus einer stabilen Abwehr heraus gelingen mit dem nötigen Glück einige gute Kombinationen. Vor dem 16er ist aber meistens Schluß. Der gegnerische Schlußmann ist nicht aus Pappe. Unsere Goldfüße beißen sich die Zähne aus. Die gegnerische Mannschaft dagegen ist zum Ende der ersten Halbzeit pappsatt. Elf Freunde werden die nicht mehr. Sie liegen weit unter den Erwartungen. Vorallem für ihre Fans. Die loten ein Faß ohne Boden aus. Der Spaß am Spiel geht Ihnen ab. Wedding White Trash. Frühmorgens im roten Wedding!

Die zweite Halbzeit wird für pöbelden Frührenter zur verbalen Dritten. Die Müdigkeit weicht langsam dem Entsetzen. Verbale Entgleisungen von gegnerischer Mannschaft und Fans sind Legion. Unsere Goldfüße lassen nur konditionell nach. Starke Nerven hammse ja. Der Gegner drückt, ist im Abschluß aber viel zu nervös. Warum wohl? Verdammt! Aus dem Nichts: unsere Sturmabteilung dezimiert sich von selbst. Rote Karte! Auslegungssache. An der Seitenkinie gegenüber drehen jetzt einige der häßlichen Rumpelstiltzchen frei. Der Schiedsrichter reagiert routiniert. Unsere Antwort ist einfach, aber laut. „Roter Stern! Roter Stern!


Ian Stenhouse / No Dice Magazine

Die letzten Minuten werden zur Zitterpartie. High Noon im roten Wedding. Die Arbeiter erwachen. Erste Lieder werden angestimmt. „Roter Wedding.“ Was sonst? Urs legt seinen Arm über die Schulter von Steen. Bange Minuten. Die gegnerische Mannschaft kommt noch mal. Unser Titan steht sicher. Langsam, aber sicher. Jeder Abschlag dauert eine halbe Ewigkeit. Zeitspiel? Auf jeden! Vom Feinsten. Steen zittert wie Espenlaub. Urs zieht hektisch an seiner Zigarette. Geht das hier heute gut? Unsere Goldfüße pfeifen auf dem letzten Loch. Zu zehnt. Bläser ertönen im Hintergrund.

90 Minuten. Eine Ewigkeit? Zwei, drei, vier, viele! 100% Action. 100% Adrenalin. Viel zu früh für Streß. Aufregung vor dem Tor. Schon wieder? Alles safe. Der Titan lässt sich Zeit. Der Rote braucht Alkohol. Der Urs braucht den Roten! „Lasst zusammen Fußball schaun, Fußball schaun“. Es bleibt spannend. Sekunden verstreichen, gefühlte Minuten. „Pfeif ab!“ Die Sonne strahlt um die Wette. Das dreckige Dutzend ist beinahe komplett. Wer nicht dabei ist, muß sich den Spaß gefälligst woanders besorgen. Shit! Sonnenbrand. Und wieder eine Gurke vom Gegner. Der Titan lässt sich noch mehr Zeit. Abfiff. No App fiff, stupid.

Endlich! Die ersten drei Punkte. Licht am roten Wedding. Rotsport! Steen ist aus dem Häuschen. Störenfried ist immer noch nicht wach. Trance? Kater! Abklatschen mit der Mannschaft. Ein schönes Gefühl! Männerschweiß. Glückshormone. Freude. Hunger! Durst! Alles durcheinander. Die absolute Mehrheit! Drei Punkte. Dem Aufstieg entgegen. Vielleicht. Langes Palaver. Wie Meinungen: Die Cowboys gehen auseinander. „See you next week?!“ Pferde werden gesattelt. Das Ziel fest im Blick. Die Einen bevorzugen köstliche Rinder, die Anderen ein Fränkisches gegen den Kater.

13:00 Uhr in Deutschland. Mutti? Feierabend!

Nur der Rote Stern!
Nordost Asozial?
Bis zum nächsten Mal…