Archiv der Kategorie 'ZSZF'

Der Neid. Die Gier. Und das Unverständnis.

Der ZSZF- Fortsetzungsroman. Teil III.

:::::::::: Teil II.
:::::::::: Teil I.

Trotz der Umstände suchen sie beharrlich weiter, die Schäferhunde schnüffeln ihrem Instinkt folgend hinter jedem Stein. Doch sie haben schon lange nicht mehr angeschlagen. Dementsprechend angespannt sind die Hundeführer. Der Wettlauf mit der Zeit neigt sich seinem Ende zu. Auf diesem Trümmerfeld noch Verschüttete zu finden, würde einem Wunder, ähnlich dem der unbefleckten Empfängnis, gleichen. Ob sie die Hoffnung an ein solches oder der in diesen Breiten tief verankerte Arbeitsethos antreibt, ist schwerlich zu ergründen. In den herben Gesichtern ist jedenfalls nur selten eine Regung wahrzunehmen.

Den Bahnhof Alexanderplatz, besser gesagt seine Überreste, langsam hinter mir lassend, versuche ich, die Umrisse des Fernsehturms zu erspähen. Den Telespargel, jenes Ostberliner Wahrzeichen, welches für mich als Kind eine ähnliche Bedeutung hatte wie die Freiheitsstatue für die osteuropäischen Einwanderer in New York. Ich laufe, besser gesagt taste mich mit den Füßen voran. Ständig muss ich über irgendwelche Trümmer steigen. Es ist etwas peinlich, ich ertappte mich bei dem Gedanken, einige besonders schöne Trümmer als Souvenir mitzunehmen. Einzelne Teile von Reklameschildern fallen mir sofort ins Auge. Die könnten sich bestimmt neben den eingestaubten Mauerstücken im heimischen Setzkasten gut machen.

Vielleicht auf dem Rückweg. Wegen dem Tinnef bin ich nicht hier. Der Nebel wird dichter. Die zu den Stimmen gehörenden Menschen verschwinden hinter einer grauen, milchigen Wand, auch wird es noch wärmer. Ich komme nur noch langsam voran. Die letzten Trümmer, über die ich stieg, waren zum Teil ziemlich heiß. Mir geht immer mehr die Muffe, der geborene Actionheld bin ich nicht. Eher ein mittelprächtiger Pfandfinder, der ungern in Zelten schläft und ein Restaurant den aufgewärmten Fraß aus der Dose vorzieht.

Mein Hang zur Zivilisation ist ziemlich ausgeprägt. Ich bin hier nur wegen dem Spektakel. Oder weil ich womöglich sonst einen weiteren Augenblick des immer wiederkehrenden Schreckens in diesem Land verpassen könnte.

Durch einen komischen Zufall bin ich ein unfreiwilliger Chronist des deutschen Wahns geworden. Manche meinen, besser als in einem Bürgerkriegsgebiet aufgewachsen zu sein, doch so groß ist der Unterschied für mich nicht. Meine bisherige Ausbeute ist schon relativ groß: Erst – in der Deutschen Demokratischen Bakschischrepublik – die unzähligen kollektiven Inszenierungen, an denen ich als Jungpionier teilnehmen musste und an deren Ende ebenfalls nichts weiter als die nächste anti-individualistische Aufführung stand.

Danach jahrelang die vielen völkisch inspirierten ‚Lichterfeste‘ im wiedervereinten Deutschland, die einen so genannten Asylkompromiß evozierten, der für Menschen aus anderen Bürgerkriegsgebieten in zweierlei Hinsicht den Tod bedeuten konnte. Schon irgendwie komisch, da nimmt die BRD über 16 Millionen renitente Ossis, die erklärtermaßen nur auf das Westgeld und die dafür erhältlichen Waren scharf sind, in das Land auf, aber einige hunderttausende Wirtschaftsflüchtlinge, die meist weit mehr können, als nur faulenzen und ewig herum nörgeln, müssen draußen bleiben. Volkswirtschaftlich ziemlich unlogisch.

Das war auch bei den Germanen kaum anders. Die zogen es bekanntlich vor, auf dem moosbedeckten Waldboden zu schlafen, anstatt in Häusern, die über Fußbodenheizung und Betten verfügten. Kein Wunder, dass heutzutage fast jeder zweite Bewohner der BRD eine komplette Ausrüstung an Outdoor-Klamotten sein eigen nennt, obwohl er den Großteil seiner Lebenszeit in wohl temperierten Räumen verbringt. Sie sind der zeitgemäße Ersatz für die Tierfelle, die man vor tausend Jahren noch um seinen nackten Körper wickelte.

Auch ich trage diesen gegen jegliche Zivilisation gerichteten Wahnsinn in meinen Genen. Mein T-Shirt ist das letzte Baumwollbollwerk vor dem wetterfesten und atmungsaktiven 4-Schicht-GoreTex-Massaker darüber. Zu tief verwurzelt ist das Erbe meiner Vorfahren, als dass ich so einfach diesem Dilemma entkommen könnte. Wenn die Tage kürzer werden, überkommt einen automatisch der Reflex, sich gegen die Witterung abzudichten. Allein gegen die – das ganze Jahr anhaltende – soziale Kälte hilft dies nicht. Kein Gespür für die Gefühlsregungen anderer Menschen, aber Thermosocken an, so läuft hier der Hase.

Das geht an keinem spurlos vorbei: Was früher einmal das Land der Dichter und Denker gewesen sein soll, ist spätestens seit der arischen Selbstreinigung unter Anleitung eines simplen Anstreichers zum Land der Schlächter und Henker mutiert. Leichen pflastern hier die Straßen, damit die lebenden Toten auf den selben phlegmatisch umher wandeln können. Selbst als halbwegs der völligen Unvernunft abgewandter Mensch ist es beinahe unmöglich, diesem morbid-romantischen Flair zu entfliehen.

Genau in jenem Moment, wo man es schafft, sich gegen den Wahnsinn, der aus der Vergangenheit kommt, hermetisch abzudichten, hat man – individuell gesehen – eine potenziell menschlichere Gegenwart schon längst verraten. Wenn auch angesehene Historiker gerne etwas anderes behaupten, aber das Ende der Geschichte, ausgerufen als der Eiserne Vorhang fiel, war schon längst Realität als Winston Churchill das neue Reich des Bösen in Stalins Sowjetunion und seinen Satellitenstaaten zu erkennen glaubte. Zu diesem Zeitpunkt war die Büchse der Pandora schon viel zu lange sperrangelweit geöffnet.

Obwohl militärisch besiegt, konnte der Geist des Nationalsozialismus nicht mehr zurück in die Flasche gedrängt werden. Der Wahn blieb in der Welt. Wenngleich die Menschheit sich nachhaltig befreit wähnte, so waren ihre Fesseln nur kurz gelockert. Das ideologische Gift des NS entfaltete recht bald wieder seine Wirkung. Heutzutage ist inzwischen sogar „Jedem das Seine“ zu einer universalen Werbeparole geronnen mittels der man Cornflakes oder Zahnpasta ebenso gut wie ein Konzentrationslager anpreisen kann.

Ohne beinharten Zynismus gepaart, mit etwas melancholischer Menschenverachtung inklusive der regelmäßig auftretenden Depressionen, ist die immer weiter fortschreitende Verrohung der Menschheit nur schwer zu ertragen. Oder man stellt sich tot, also geistig, wie die Mehrheit der Bewohner dieses Planeten und geht am Wochenende mit der Familie ins völlig überfüllte Planschbecken der Konsumgesellschaft, auch bekannt unter dem Namen ‚Spaßbad‘. Am Ende kommt fast immer das Gleiche heraus, nämlich ein körperliches oder geistiges Leiden, dass zum frühzeitigen Ableben führt.

Männer trifft es statistisch gesehen immer zuerst. Welch Ironie, auf den letzten Metern zum Paradies fängt das starke Geschlecht kollektiv an zu schwächeln. Im Altersheim kommt dementsprechend ein Mann auf drei Frauen, in der Hölle drei Männer auf eine Frau, ein Jammer. In solchen Fällen sollte die Gleichstellungsbeauftragte mal für eine faire Quotierung sorgen. Fragt sich nur wie.

Warum kratzen wir überhaupt früher ab? Eventuell hat dies etwas mit unserer Begeisterung für Sport zu tun, oder es liegt einfach nur daran, dass wir nicht über unsere Probleme reden wollen. Statt dessen fliehen wir ja lieber in den heimischen Hobbykeller oder über den Umweg Autobahn gleich gen Himmel. Dort soll ja bekanntlich auch verdammt viel Ruhe herrschen. Mit dieser ist es hier nicht weit her.

Der Geräuschpegel bringt mich wieder auf den Boden der Tatsachen. Und der ist verdammt heiß. Meine materiellen Verluste wollen heute einfach kein Ende nehmen: Nach und nach lösen sich jetzt die Sohlen meiner Schuhe in Wohlgefallen auf. So wie früher bei den grauenvollen Tretern von Germina. Bei denen konnte man nach einem Jahr immer davon ausgehen, dass sich das große Ganze in mindestens zwei Teile auflöst. So wie bei fast allen Produkten aus sozialistischer Produktion.

Ja, verdammt nochmal, ich bin im Osten Deutschlands groß geworden. Sneaker waren mir deshalb schon immer wichtig. Wenn man ständig den individuellen Reflex, aus der kollektiv organisierten Einöde zu entfliehen, verspürt, braucht man dringend gutes Schuhwerk. Die Flucht an sich, ausgelöst durch den allgegenwärtigen Fluch einer zementierten Realität, kenne ich seit Kindes Beinen nur zu gut. Seitens der unermüdlichen Staatsmaschinerie angetrieben, zogen meine Eltern von einem Ort zum nächsten, und wieder zurück. Kaum hatte ich mir ein paar Feinde gemacht, lernte ich schon wieder neue kennen. Und immer wieder tauchten diese fremden Männer vor unserer Tür auf und fragten nach meiner Mutter.

Dieser permanente Ausnahmezustand war für mich Normalität. Graue Normalität, die Farben fehlten ja nicht nur auf den Wänden. Aber im Gegensatz zu den ungezählten unerträglichen Verbrechen namens realsozialistischer Architektur, dem alltäglichen Tugendterror und der Sicherheit, die nächsten hundert Jahre wird sich garantiert rein gar nichts an diesem Zustand ändern, war der Telespargel das einzig vernünftige, was jemals die verfickten Planungsbüros in der Zone verließ.

Ich liebe den Fernsehturm. Er zeigte mir immer, dass ich aus der armseligen sächsischen Provinz mitten ins volle Leben kam. Aus dem Tal der Ahnungslosen in die Metropole mit Anschluß an den Rest der Welt. Auch wenn dies ein von viel Naivität geprägtes Trugbild war. Ich kam ja nur in die damalige Hauptstadt der DDR, so kam ich aber wenigstens in Reichweite mit dem, was mir als Leben vorschwebte. Der Betonspargel mit seiner gläsernen Kugel am oberen Ende zeigte immerhin an, dass es ab jetzt wieder Westfernsehen und -radio gab.

Amerikanische Popmusik aus dem Äther, Sesamstraße in Farbe, das symbolisierte für mich der Fernsehturm. Ich war jung und brauchte die Zerstreuung vom grauen Ostalltag und der dörflichen Tristesse. Da kamen die bunte westliche Warenwelt und ihre Medien gerade richtig. Auch wenn ich Jahre später ihre Nachteile äußerst nachhaltig kennen lernen sollte, ihrem Einfluss ist es hauptsächlich zu verdanken, dass aus mir keiner jener abartig veranlagten Ureinwohner aus den fünf neuen Bundesländern wurde.

Die mit Geburtsjahr und -ort verbundene Raum-Zeit-Falle, also falscher Raum zur unpassendsten Zeit, brach vielen meiner Jugendfreunde irgendwann das Genick. Entweder landeten sie auf der schiefen Bahn, wurden Neonazis, Graffiti-Selbstmordkandidaten oder diese prototypischen grau-braunen Spießer mit dem sentimentalen Hang der Sicherheitsverwahranstalt DDR wegen der sozialen Geborgenheit nach zu trauern. Irgendetwas ging immer schief.

Meine Zeit im Tal der Ahnungslosen war nicht so lange, als das ich nun genau eine jener Klatschen mein eigen nennen müsste, die fast jeder in diesen Gefilden unter seinem streng gescheitelten Pony spazieren trägt. Zum Glück! Meine rebellische Ader hat mich niemals im Stich gelassen. Ob die übergeordnete Autorität nun Honecker, Kohl oder Präsident Matschdattel hieß, ich war in jedem Fall dagegen.

Mal ganz ehrlich, es ist auch völlig egal ob, nachdem man die grauen Wände eigenmächtig bunt gemacht hat, der Abschnittsbevollmächtigte oder der Bundesgrenzschutzbeamte dir hinterherjagt…

Zur Sonne.Zur Freiheit! Ausgabe 7

Der Neid. Die Gier. Und das Unverständnis.

Der ZSZF- Fortsetzungsroman. Teil II.

:::::::::: Teil I.

Ein Lächeln huscht mir über das Gesicht bei der Vorstellung, mit meinem fetten Bluterguss zu dem hier ja gerade zahlreich versammelten Fachpersonal zu gehen. Doch ich belasse es bei der Erwägung, stattdessen gehe ich ein wenig vorsichtiger und langsamer vorwärts. Mann will ja später unten herum nicht aussehen wie ein blau-weißer Flickenteppich.

Es wird spürbar wärmer, je weiter ich laufe und auch der Nebel lichtet sich nach und nach. Langsam erkenne ich neben mir die Umrisse der Bahnhofsvorhalle, gleich um die Ecke war einmal die Franchisefreßmeile mit Burger King und Mc Donalds. Und direkt hier war eigentlich mal eine Rolltreppe. Jetzt nicht mehr. Der gesamte Bahnhof hat sich in wenig Wohlgefallen und sehr viel Staub aufgelöst.

Einfach zerbröselt, so als wäre er wie staubtrockenes Gras zwischen den Fingern zermalmt worden. Nur, dass der Schutt und die Asche keinen guten Joint ergeben würden, sondern einen Albtraum ohne vorherigen Rauschzustand. Alles weg und doch irgendwie da. Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: Die Fetzen waren wirklich Überreste vom MoMa-Plakat.

Nach und nach ergeben die einzelnen Fragmente ein verstörendes Gesamtbild. Die Dimension ist nicht einmal annähernd komplett zu erschließen, was eigenartige Prozesse in meinem Gehirn auslöst. Was, wenn das erst der Anfang ist? Stück für Stück entgleitet mir meine Wahrnehmung. Was ist mit meinen Freunden? Wo sind gerade meine Eltern und wie geht es Anne? Meine Gedanken laufen Amok, und das immer schön im Kreis. Als hätte ich eine handvoll Ectasy auf einmal geschluckt, treiben meine Hirnwindungen immer weiter ins Abseits. Panisch versuche ich einen Ausweg aus diesem Kreislauf aus Unwissenheit, den daraus resultierenden Ängsten sowie dem Wissen um den Wahnsinn, den die Menschheit bisher zustande gebracht hat. Man denke da nur an New York. Oder Ruanda. Letztendlich Auschwitz.

Meine Schritte werden langsamer. Verdrängung heißt das neue Zauberwort. Ich drehe mich um, doch nichts ist, außer dem, was ich vorher nicht auch schon in Umrissen sah, zu sehen. Ein Bild der Zerstörung, egal wohin ich meinen gedankenschwangeren Kopf auch drehe.

Alles liegt schon in Trümmern, doch das hindert mich komischerweise nicht im Geringsten daran, weiter zu gehen. Viel zu oft schon hatte die Realität meinen Fluchtreflex überstrapaziert. Und, weiß Gott, bisher ist es meinen Gehirnwindungen nicht gelungen, einen gut durchdachten Plan zu präsentieren. Um endlich diesem irdischen Wahnsinn zu entfliehen, braucht es wohl mehr als die üblichen Kräfte.

In meinem Kopf geht es zu wie auf dem Rummel. Statt Lichter blitzen überall Gedanken auf. Katastrophen wie diese ziehen weitere nach sich, das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Andererseits wann ist das letzte Mal überhaupt etwas Gutes passiert? Und folgte darauf nicht sofort auch wieder eine Katastrophe? Seit dem ich denken kann, wird es immer, einfach immer, beschissener. Die Technik macht es möglich.

Klar! Das Problem war doch nie die Utopie des vollkommenen menschlichen Glücks, sondern die Aussichtlosigkeit, mit der diese Utopie behaftet ist. Und es ist ja nicht so, dass es theoretisch nicht machbar wäre. Praktisch ist es aber mehr als ein kleines Kunststück, wenn man es als Individuum wenigstens ab und zu schafft, über den Zustand des Dahinvegetierens hinaus zu kommen. Wie soll das dann erst bei geschätzten 7 Milliarden Vollpfosten klappen?

Ohne professionelle Anleitung von irgendwelchen TV-Predigern kann die Mehrheit der Menschheit doch noch nicht einmal allein aufs Töpfchen gehen. Geschweige den sich wirklich eine eigene Meinung bilden. Wie immer haben diese aussichtslose Gesamtsituation dann jene Gerechten auszubaden, die noch auf der Welt übrig geblieben sind.

Eine kleine Gruppe Helfer erscheint in Umrissen in meinem Blickfeld. Sie sehen sehr mitgenommen aus. Wahrscheinlich kommen sie, ihrer durch den Staub schwach zu erkennenden blauen Kleidung nach zu urteilen, vom Technischen Hilfswerk. Meine Neugierde hat die besseren Argumente. Ich gehe schnurstracks weiter in Richtung Fernsehturm, direkt zum Zentrum der Katastrophe.

Was nicht bedeutet, dass meine Gedanken aufgehört hätten Autoscooter, zu spielen. Was werden die THWler wohl ihren Vorgesetzten über das Ausmaß der Misere berichten? Und vor allem: Wie kann man etwas in Worte fassen, wofür es noch gar keine Worte gibt? In Tschernobyl wurde der Größtmöglichste Anzunehmende Unfall (GAU) geboren. Welches Wort wird dieses Mal das Licht der Welt erblicken?

Hektisch wuseln immer mehr Menschen umher. Die Freiwillige Feuerwehr kümmert sich hier fast nur noch um das, was von den Menschen übrig geblieben ist. Im wahrsten Sinne des Wortes übrig geblieben. Auch die Überreste von Armen, Rumpfteilen oder auch nur einzelne Ohren werden fein säuberlich aufgesammelt, in Tüten verpackt, und wahrscheinlich später ins Labor abtransportiert. Sie machen es mit der gewohnten deutschen Gründlichkeit.

Ich inhaliere den Tod. Oder inhaliert der Tod gerade mich? Ekel kommt in mir hoch. Solche Einzelheiten sind nicht mein Ding. Weder will ich es hören, noch sehen, weil mir diese beiden und alle weiteren Sinne komplett dabei vergehen. Zwischen der Betrachtung des Ausmaßes der Zerstörung und dem morbiden Verlangen nach totem Fleisch ist ein himmelweiter Unterschied.

Jedenfalls für mich, und dass nicht nur ästhetisch. Derart abgestumpft bin ich nicht. Gleichwohl drängt mich meine Neugierde stetig vorwärts, während überall die Katastrophenschützer verzweifelt versuchen, noch irgendwelche Überlebende zu finden…

Zur Sonne.Zur Freiheit! Ausgabe 6

Arbeitersport in Deutschland. Teil IV.

Das Ende der Überparteilichkeit 1928.

Die Spaltung der Arbeiterbewegung Ende der zwanziger Jahre, der vertiefte Graben zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten und der aufkommende Stalinismus konnten auf die Dauer nicht ohne Wirkung auf die Arbeiterkultur- und Sportorganisationen bleiben. Bisher waren diese Organisationen weitgehend überparteilich organisiert. Aber ähnlich wie bei den Gewerkschaften kam es im Laufe der zwanziger Jahre erst zu sehr heftigen politischen Kämpfen zwischen den verschiedenen Lagern und letztendlich zur organisatorischen Spaltung im Jahre 1928.

In der Zentrale des ATSB betrieben die führenden Sozialdemokraten eine Annäherung an die bürgerlichen Vereine. Sie verwässerten den Klassencharakter des Bundes und begannen mit Ausschlüssen von oppositionellen Mitgliedern und sogar ganzen Vereinen. Das Ziel war die Kommunisten und Ultralinken von der übrigen Mehrheit zu trennen. Gleichzeitig organisierten kommunistisch orientierte Arbeitersport- funktionäre wie Bruno Lieske und Paul Zobel – entsprechend den Direktiven der Roten Sport-Internationale (RSI) – 1923, 1925 und 1927 gegen den Willen der ATSB-Führung publikumswirksame Wettspielserien zwischen deutschen und sowjetischen Arbeiterfußballern mit zum Teil über 20.000-30.000 Zuschauern.

Die in der Presse ausgetragenen Auseinandersetzungen um diese „Russenspiele“ bildeten schließlich den Anlass für die Spaltung der Arbeitersportbewegung in einen sozialdemokratisch und einen kommunistisch orientierten Zweig. Die Streitigkeiten innerhalb der KPD führten zur selben Zeit zum Ausschluss der sogenannten Rechtskommunisten um den ehemaligen Parteivorsitzenden Heinrich Brandler. So wurden zum Beispiel Paul Zobel und Fritz Wiest aus der kommunistischen Reichssportfraktion ausgeschlossen. Beide waren zu dieser Zeit im Ostberliner Arbeitersport fest verwurzelt, gehörten nach ihrem Ausschluss der KPD (O) an.

Die Sportpolitik der KPD war ebenso wie die Gewerkschaftspolitik, eigene Organisationen zu schaffen, fein säuberlich von denen der sozialdemokratischen Arbeitern getrennt. Hans Pfeiffer formuliert das Ziel der kommunistischen Mehrheitsfraktion 1928 wie folgt:

Die Sozialdemokratie hat vor 35 Jahren die Arbeitersportbewegung gegründet. Die KPD ist heute stärker als die SPD damals. Warum sollten wir nicht ebenfalls eine Arbeitersportbewegung aufrichten können?

Diese neue Linie führte zu heftigen Auseinandersetzungen in den Sportfraktionen der KPD. Die linientreuen Funktionäre suchten nun Vorwände für weitere ‚nicht-bundestreue‘ Veranstaltungen und lieferten damit der sozialdemokratischen Führung des ATSB die willkommenen Ausschlussgründe für ganze Vereine. In einem Jahr – bis Mitte 1929 – wurden etwa 350 Vereine mit ungefähr 20-30.000 Arbeitersportlern ausgeschlossen, besonders betroffen waren Berlin, Halle und das Rheinland.

Den ausgeschlossenen Vereinen wurde jedoch dann ihre Sport-Tätigkeit von den bürgerlichen Verwaltungen erschwert durch den Entzug der Turnhallen und Sportplätzen oder der Fahrpreisermäßigungen. Das wiederum führte dazu, dass manche dieser Vereine sich bürgerlichen Vereinen anschlossen. Während zeitgleich zahlreiche kommunistische Sportfunktionäre sich lieber in Gegensatz zur KPD stellten, anstatt aus ihren alten Vereinen auszutreten.

Zwei Jahre nach Beginn der Spaltungspolitik konnte der führende Sozialdemokrat Fritz Wildung auf dem 11. Bundestag des ATSB behaupten, der Bund sei in den Mutterschoß der SPD zurückgekehrt, aus dem er hervorgegangen sei. 34.000 Mitglieder in 594 Vereinen waren ausgeschlossen worden. Die von der KPD ins Leben gerufene Sportorganisation wurde in Kampfgemeinschaft für die rote Sporteinheit umbenannt und überall offen Kurs auf Schaffung eigener Vereine genommen, was jedoch nicht viel Zulauf brachte.

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Fritz Wiest
Nach der Volksschule lernte er als Gürtler, trat 1910 dem Deutschen Metallarbeiter-Verband bei. Er war im Arbeitersport, bei den Naturfreunden und in der Arbeiterjugend aktiv. 1913 trat er der SPD bei und gehörte dort dem marxistischen Flügel an. Er war als Soldat im ersten Weltkrieg und wurde schwer verwundet.

1918 wurde er wegen seiner Aktivität im Spartakusbund verhaftet. Nach der Märzaktion 1920 wurde er mit der Stuttgarter Bezirksleitung der KPD erneut für kurze Zeit verhaftet. Ab 1922 war er beim ZK der KPD angestellt, wo er zuständig für den Arbeitersport war. Anfang 1929 aus der KPD ausgeschlossen, war er dann in der KPD(O) aktiv. Als Arbeitersportler wandte er sich gegen den Kurs der reformistischen Führung des ATSB und zugleich gegen die neue Politik der KPD, die auf die Gründung selbstständiger roter Sportvereine abzielte. Im Oktober 1930 wurde er u.a. deshalb aus dem ASV Fichte ausgeschlossen.

Danach versuchte er in seinem Stadtteil in Ost-Berlin, die Arbeiterorganisationen zu gemeinsamen Aktionen gegen die nationalsozialistische Gefahr zu mobilisieren. Nach 1933 illegal aktiv, emigrierte er schlussendlich nach England. Erst 1957 kehrte er als Rentner nach Deutschland zurück und verstarb 1983 in Stuttgart.

Paul Zobel
Paul Zobel zählte in der Weimarer Republik zu den führenden Mitgliedern der kommunistischen Arbeitersportbewegung. Er trat u.a. als Sportredakteur hervor, war Abgeordneter im Preußischen Landtag für die KPD und Mitglied der Reichsleitung im Bereich Sport. Ende der zwanziger Jahre aus der KPD ausgeschlossen, schloss er sich der kommunistischen Opposition an.

Bereits im Februar 1933 kurz inhaftiert, verschleppte man ihn im Juli ins KZ Sonnenburg, wo er erst im Dezember 1933 freigelassen wurde. Mit Hermann Tops arbeitete er Ende der 30 Jahre in der von Robert Uhrig gebildeten Gruppe mit, konnte aber bei deren Zerschlagung unentdeckt bleiben. Über den Sportfunktionär Bernhard Almstadt stieß Zobel dann zur Saefkow/Jacob-Gruppe. Im Juli 1944 verhaftet und ins KZ Dachau transportiert, verstarb er dort infolge der Misshandlungen und Entbehrungen am 22. März 1945.
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Darüber hinaus wurde der Fraktionskampf innerhalb der KPD gegen die sogenannten ‚Rechten‘ in die neugegründeten Vereine hineingetragen. So wurde z.B der größte deutsche Arbeitersportverein Fichte Berlin allmählich gesäubert. Die oppositionellen Kommunisten gründeten dann die Freie Sportvereinigung Fichte (FSF) und kehrten schlussendlich zum ATSB zurück.

Wenig später zeigte sich, dass die staatlichen Organe die bundestreuen Vereine ähnlich benachteiligten, u.a. durch erhöhte Besteuerung, ungerechte Verteilung der öffentlichen Mittel und die Verdrängung von den Sportanlagen der Reichswehr. So waren die Sportvereine beider Richtungen gleichermaßen in ihrer Existenz bedroht.

Doch anstatt den Kampf gegen Staat und die Nationalsozialisten gemeinsam in Angriff zu nehmen, setzten die IG für rote Sporteinheit und ATSB ihren Kampf gegen einander fort. Im letzten Jahr vor Hitlers Machtübernahme kam es außer dem immer heftigeren Nazi-Terror gegen Heime und Veranstaltungen der Arbeitersportler auch noch zu weiteren staatlichen Schikanen: Der Groener-Plan nahm konkrete Formen an mit der Bildung eines Reichskoratoriums für Jugend-Ertüchtigung, das schon recht offen die vormilitärische Ausbildung sowie einen Arbeitsdienst organisierte. Leider nahmen einige von der KPD-beherrschte Arbeitersportvereine und beinahe der gesamte ATSB an diesem Arbeitsdienst teil.

Ähnliche Entwicklungen der Polarisierung und Spaltung hat es im gesamten Netz der überparteilichen Arbeiter-Organisationen gegeben: Ob nun Internationaler Bund der Opfer des Krieges und der Arbeit, die proletarischen Vereine für Sexualaufklärung, Arbeiter-Samariter-Bund, oder Freidenkerverband, sogar der Arbeiter Mandolinisten-Bund wurde gespalten. Genutzt hat es am Ende leider niemandem, außer den Nationalsozialisten…

Zur Sonne.Zur Freiheit! Ausgabe 7

Arbeiterfußball in Deutschland. Teil III.

Die Jahre 1920 bis 1923

Drei Formen des friedlichen Klassenkampfes kannte die Arbeiterbewegung bis 1933 (zumindest in der Theorie): Den von Gewerkschaften und Genossenschaften geführten ökonomischen Kampf, den politischen Kampf durch die linken Parteien und schließlich den Kulturkampf, der die gewünschte Weltanschauung befördern sollte. Zur dritten Kategorie gehörte wegen der mit ihm verbundenen Agitation der Arbeitersport. Sport diente im linken Lager also nicht nur der Ablenkung von den oft bedrückenden materiellen Verhältnissen.

Darüber hinaus sollte er gesundheitlichen Schäden vorbeugen, die sich aus einseitiger Belastung bei der Lohnarbeit, schlechten Wohn- verhältnisse, Armut und Unterernährung ergaben. Arbeiterfußball steigerte bei fairer Spielweise Lebenskraft und Lebensfreude und diente dadurch dem Erhalt der Arbeitskraft, dem einzigen Kapital des Proletariers.

Mengenverhältnis von ATSB- und DFB-Kickern

Der Arbeitersport boomte wie das bürgerliche Lager in den 1920er Jahren, konnte seinen Rückstand in der Mitgliederentwicklung aber nicht aufholen. Der bürgerliche Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen (DRA) gab am 5. Mai 1925 bekannt, dass den ihm angeschlossenen 46 Sportverbänden (darunter DFB, Deutsche Turnerschaft usw.) 41.751 Vereine 5,6 Mio. Mitglieder angehörten. Dieser Masse standen immerhin 1,2 Mio. proletarisch organisierte Sportler gegenüber. Die Diskrepanz zwischen dem Stimmanteil der Linken bei Reichstagswahlen und ihrer prozentualen Unterstützung der linksgerichteten Sportbewegung war im Fußball besonders krass. Die Mitgliederzahl im DFB lag während der Weimarer Zeit immer etwa zehnmal höher als im Arbeiter-Turn- und Sportbund, der auch nicht umhin kam, dies zuzugeben. In der ATSB-nahen Sportpolitischen Rundschau vom 15. April 1928 wird der Anteil an Proleten und kleinen Angestellten in bürgerlichen Vereinen auf 80 geschätzt, bei den Spielern sogar auf 95 Prozent!

Interessanter Weise nahmen also die allermeisten links wählenden Fußballfreunde lieber bürgerliche Angebote wahr, also die des vorgeblichen Klassengegners. Vielleicht identifizieren sie sich nicht restlos mit ihrer Klasse, litten sogar an ihrer Zugehörigkeit, hegten im Stillen den verständlichen Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg. Oder sie genossen einfach den höheren Unterhaltungswert im DFB-Liga-Zirkus, der durch Starkult, Ansätze von Merchandising sowie eine aktuelle und gut aufgemachte Sportpresse zusätzlich befeuert wurde.

Obwohl es keine Vergleiche zwischen hochklassigen Vereinen der beiden Verbände gab, darf man wohl annehmen, dass die führenden DFB-Mannschaften klar besser waren, als die führenden ATSB-Teams. Im bürgerlichen Fußball bekamen die Spitzenkönner für ihre Bemühungen heimliche finanzielle Zuwendungen, Anstellungen bei wohlhabenden Mäzenen oder eigene Geschäfte. Im Kicker fanden sich damals Inserate wie diese: „Tüchtiger Maschinenmeister und Schriftsetzer für größere Druckerei nach Norddeutschland gesucht. Guter Fußballspieler (Innenstürmer) bevorzugt.“ Oder: „Erstklassiger Spieler sucht Laden oder Stellung als Filialleiter (Zigarrengeschäft)“. Im Arbeiterfußball waren diese Formen verdeckten Berufssports verpönt und auch gar nicht möglich. Den proletarischen Ballathleten blieb konsequenter Weise nur übrig, weiter in den Betrieben ihrer Ausbeuter zu arbeiten – wenn sie ideologisch sattelfest waren.

Ein Arbeiterfußballer, der das nötige Können hatte, konnte zu einem DFB-Verein wechseln – und viele taten das auch, um ihre ökonomische Stellungen zu verbessern – ging dadurch aber seiner ursprünglichen Bewegung verloren. Und es gab noch einen gewichtigen Grund für DFB-Fußball: Er bot eine patriotische, aber wohltuend unpolitische Nische in einer Zeit, die durch Klassenkämpfe und politische Instabilität gekennzeichnet war.

Zudem steckten bürgerliche Vereine ihre Einnahmen vor allem in die Anschaffung von Sportplätzen, Spielgeräten und vielleicht auch in das Gehalt eines Sportlehrers. Arbeitervereine mussten von ihrem ohnehin schmalen Budget auch noch etwas für politische Propaganda abknapsen. Die meisten Proleten wollten wahrscheinlich einfach mal abschalten und nicht auch noch im Sportverein agitiert werden. Von den Mitgliedern der ATSB-Vereine wurde aber politisches Engagement erwartet, wenigstens die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft, besser noch aktive Beteiligung bei Wahlkämpfen, Demonstrationen und Agitationen. Das schmeckte gerade den freiheitsliebenden Fußballern nicht so besonders. In der Presse des Arbeitersports wird immer wieder beklagt, dass die eigenen Kicker für politische Arbeit zu undiszipliniert seien, bei Großkundgebungen durch Abwesenheit glänzten und lieber gleichzeitig auf dem Fußballplatz herumtollten, wo sie die böse Welt um sich herum ausblendeten. Tatsächlich finden sich unter den heute noch bekannten Namen von Antifaschisten, die aus dem Arbeitersport hervorgingen (Werner Seelenbinder, Paul Zobel, Bruno Plache, Willi Sänger, Hanns Zoschke, Paul Greifzu etc.), vor allem Turner und Zweikämpfer, aber kaum Fußballer!

Fast ein neuer Zuschauerrekord in Leipzig

Im vorigen Teil unserer Serie holte der TSV Fürth 1920 die erste ausgetragene Bundesmeisterschaft im deutschen Arbeiterfußball. In der darauf folgenden Saison konnte er sich nicht für die Titelverteidigung qualifizieren. Und auch im Bereich der Märkischen Spielvereinigung MSV kam es zu Wachablösungen. Der vorjährige Lausitz-Meister TuS Süden Forst wurde vom Ortsrivalen Tasmania Forst entthront, in Berlin siegte im Norden der BFC Nordiska von 1913 und im Süden der Neuköllner SC „Rüstig Vorwärts!“ von 1913.

Im Osten des MSV-Gebiets holte sich der Turnverein Jahn Landsberg/Warthe (heute Gorzów Wielkopolski) das Krönchen. Aus dem Kreise dieser vier Bezirksmeister holte der auf dem Exerzierplatz „Einsame Pappel“ (heute Jahn-Sportpark) ansässige BFC Nordiska den MSV-Titel von 1921, anschließend auch die Ostdeutsche Meisterschaft durch ein 3:2 gegen die Freie Turnerschaft Breslau-Süd, schließlich zog Nordiska sogar ins Endspiel um die Meisterschaft des ATSB ein.

Hier aber unterlagen die Nordost-Berliner am 10. Juli 1921 dem Arbeiter-Turn und Sportverein Stötteritz aus Leipzig glatt mit 0:3. Das Finale fand in Dresden an der Saalhauer Straße vor 4.500 Zuschauern statt. 1922 hieß der MSV-Meister Lichtenberger SC Brandenburg von 1902. Das Gründungsjahr, nach alter deutscher Sitte praktischerweise im Vereinsnamen stehend, zeigt an, dass der Verein schon vor Einführung des Arbeiterfußballs existierte. Tatsächlich trat der in Rot-Weiß auflaufende LSC Brandenburg 02 zunächst im Verband Brandenburger Ballspielvereine VBB (heute Berliner Fußballverband) an, ehe er im Schwung der Novemberrevolution mit dutzenden anderen Clubs zur MSV übertrat. Auch in der Ostdeutschen Meisterschaft triumphierten die Lichtenberger, wobei die Gegner wie üblich aus Stettin und der Lausitz kamen und nicht ganz an das Berliner Leistungsniveau heranreichten.

Die ATSB-Endrunde kam diesmal im Rahmen des I. Arbeiter-Turn- und Sportfestes in Leipzig zur Austragung. Auf dem Vorwärts-Platz in Connewitz schied Berlins Hoffnung gegen Vorjahres-Champion Stötteritz nach 0:3 Toren aus. Während des Endspiels auf dem Turnfestplatz (in der Nähe der Deutschen Bücherei) befanden sich etwa 50.000 Arbeiterturner und –sportler auf dem Gelände. Da es aber nur Tribünenplätze für wenige Tausend gab, werden die meisten Anwesenden nicht so viel vom Spiel gesehen haben. Andernfalls wäre es der damalige Zuschauerrekord im deutschen Fußball gewesen. Wie auch immer, der ATSV Stötteritz gewann 4:1 gegen Kassel 06 und verteidigte damit die höchste Fußballkrone des ATSB.

Hattrick für Stötteritz

1923 gab es mal wieder einen neuen Meister in der Märkischen Spielvereinigung. Diesmal setzte sich der erst im Vorjahr gegründete BFC Alemannia von 1922 durch, errang auch ungefährdet die Ostdeutsche Meisterschaft, schlug anschließend in der ATSB-Vorrunde Komet Altona-Klein Flottbeck 1:3 – übrigens im Stadion Altona, heute steht an jener Stelle das HSV-Stadion – und ehe die Alemannen sich versahen, standen sie auch schon im Bundesfinale. Hier lauerte erneut Branchenprimus ATSV Stötteritz. Doch vor dem Anpfiff musste man sich noch für einen Spielort entscheiden. In Berlin wurde als solcher das Stadion Lichtenberg annonciert, dann aber auf Weisung der in Leipzig ansässigen ATSB-Führung ein Platz im dortigen Eutritzsch angesetzt. Dort fand das Endspiel am 1. Juli 1923 auch statt. Stötteritz siegte vor immerhin schon 7.500 Zuschauern 1:0 über Alemannia. Die legte aber Protest gegen den Spielort ein, und so kam es eine Woche später zur Wiederholung in Berlin auf dem Platz von Norden-Nordwest.

Stötteritz bestritt noch am Vortag der Revanche ein Freundschaftsspiel, der Gegner aus Aussig zählte zur Spitze des sudetendeutschen Arbeiterfussballs, verlor aber in Leipzig-Stötteritz 0:5. Nach der Feier mit den Gästen, bei der sicher auch die Kehlen gut geölt wurden, ging es nach kurzer Nachtruhe per Zug in die deutsche Hautstadt und von dort, um Geld zu sparen, zu Fuß vom Anhalter Bahnhof zum NNW-Platz in Gesundbrunnen. Die Märkische Spielvereinigung hatte als Veranstalter auf bis zu 15.000 Zuschauer gehofft, doch bei Temperaturen um 40 Grad im Schatten fanden sich nur 3.700 ein. Die Wiederholung begann mit allen Feierlichkeiten wie das Spiel vor einer Woche, doch aus der Revanche wurde nichts, denn der ATSV Stötteritz nahm seine Rolle als Hecht im Karpfenteich des Arbeiterfußballs ernst und gewann diesmal sogar 3:1. Das Ehrentor für Alemannia 22 resultierte auch nur aus einem Elfmeter.

Während es damals in den Endspielen um die Deutsche Meisterschaft des DFB immer wieder zu wahren Schlachten mit Fouls und Verletzten bis zum Abwinken kam (im Vorjahr fiel wegen solchen Umständen die reguläre Entscheidung zwischen Nürnberg und dem Hamburger SV aus), zeugt die folgende Zeitungsnotiz von einer anderen Ethik: Siegen ja, aber nicht um jeden Preis!

Alemannia spielte durchaus anständig und gab ebenfalls einen Beweis von echtem Arbeitersportgeist. Der sonst sehr gute, umsichtige Schiedsrichter, Genosse Bühring-Magdeburg, fällte einmal eine zu scharfe Entscheidung.

Einem Stötteritzer Spieler war die Hose heillos geplatzt. Er sprang hinaus, zog eine Reservehose über und trat wieder ein, sich beim Schiedsrichter meldend. ‚Sie haben sich nicht abgemeldet, ich kann Sie nicht mehr spielen lassen‘, sagte dieser. Er protestierte selbstverständlich in höflichster Form – der Stötteritzer Spielführer. Der Schiedsrichter befragte den Alemannia-Spielführer, ob er den Mann weiterspielen lassen wollte. Ohne Besinnen sagte dieser ‚Ja!‘ Bravo! Das zählt mehr als ein Sieg!

Freie Sportwoche vom 25. Juli 1923

Zur Sonne. Zur Freiheit! Nummer 7

EDITORIAL.

Zum Mitschreiben: Leider folgen viele falschen Vorbildern und lern‘s nie. Das Publikum zu rocken, dass auf einer anderen Frequenz liegt. Was uns nicht betrifft, da man unsere Ideen liebt! Und Sachen sieht, die sich der Vorstellungskraft vieler Linker entzieht.

Der Magen knurrt wie Sau, ich hau ab aus meinem Bau. Verschließ die Tür, ziehe durchs Revier, markiere hier und da mal, dass wir da warn…

Refrain? Refrain, äh ja egal, der Refrain ist fett, der Refrain ist fett: Und wenn alle Stricke reißen, dann sind wir endlich den Galgen los. Oder so ähnlich. Herbert: Wo ist bloß das nächste Bier? Danke, …ey Adelskrone yeah, Prost!

Zwei Monate keine Sonne. Zwei Monate keine Freiheit! Sorry Mädels, wir waren in der inneren Emigration. Ein gesunder Winterschlaf ist bekanntlich die Voraussetzung für ein erfolgreiches Jahr. Wer denkt, dass man einfach immer alles bekommt im Leben, wenn man nur bereit ist immer einen Fick zu geben: Der liegt eindeutig daneben! Auch wir leiden unter dem Boykott der ersten Mannschaft. Auch wir wollen mit jedem, dem der Stern am Herz liegt, Freundschaft.

Genug der schlechten Reime, jetzt gibt es, jawohl, Klartext: Der Boykott gilt noch. Die Gründe sind beim Ultra eures Vertrauens nachzufragen. Aber wer denkt jetzt Trainer, Spieler oder andere Verantwortliche mit Haßtriraden belegen zu können, der täuscht sich gewaltig!!

War sonst noch etwas? Lybien bleibt grün, Württemberg wird es und in Tschernobyl lernen sie gerade japanisch. Völkerverständigung auf höchstem Niveau: Der Kapitalismus macht es möglich.

Zum Heft: Rechtschreibfehler und Formulierungsfallen sind absichtlich eingebaut um den Leser zu irritieren. Wir setzen natürlich unsere Arbeitersportserie fort, es gibt Kommentare zu den Themen Liebig 14, Extremismusdoktrin und am Ende wird noch eine Menge literarische Finesse in unserem Fortsetzungsroman geliefert.

Noch Fragen? Nö! Ultras Roter Stern (B)

INHALTSVERZEICHNIS

Seite 3
Das Ende der Überparteilichkeit: 1928
Arbeitersport in Deutschland. Teil Vier.

Seite 7
Schönes Leben. Schicke Läden.
vollzitiert von teilnahmebedingungen.blogsport.de

Seite 12
Deutsche Demokraten.
Foul gegen Linksaußen. Faul gegen Rechtsaußen.

Seite 14
Der.Die.Das. Wieso.Weshalb.Warum
Der Neid, die Gier und das Unverständnis… Teil EinsPunktDrei

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Foul gegen Linksaußen. Faul gegen Rechtsaußen.

Es war mal wieder soweit: wohlfeile Worte werden dem versammelten Publikum feilgeboten, wie sonst nur auf Beerdigungen. „Agieren statt reagieren“, „Vernetzung statt Einzelaktionen“ und „konsequentes Vorgehen“ sind die Phrasen des Abends. Worum geht es? Die sogenannten Spitzen aus Sport und Politik wollen mal wieder ihre Absicht unterstreichen, „künftig noch enger und entschiedener gegen jegliche rechtsextremistische Erscheinungsformen vorzugehen.

Bei der Eröffnungsveranstaltung zur Kampagne ‚Foul gegen Rechtsaußen – Sport und Politik verein(t) für Toleranz, Respekt und Menschenwürde‘ im Januar diesen Jahres ging es also mal wieder um den ganz großen Wurf. Angetreten zum Stammeln gegen Rechts waren solch wichtige Koryphäen wie der DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach, der DFB-Präsident Theo Zwanziger, der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière und die Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schröder. Allein diese prominente Besetzung sollte dem geneigten Beobachter demonstrieren, hier wird heute Geschichte gemacht…

Damit dies auch keiner der Mitwirkenden jemals in seinem Leben vergisst, wird ein Handlungskonzept unter dem wundervoll knackigen Titel: „Verein(t) gegen Rechtsextremismus – Handlungskonzept von Sport und Politik zur Förderung von Toleranz, Respekt und Achtung der Menschenwürde“ in das virtuelle Netz gestellt. Darin geht es, wie so üblich in solchen Publikationen, hauptsächlich um eine „bessere Vernetzung“, um die „Effektivität im Handeln“ sowie um weitere „Problembereiche“ der holden Zivilgesellschaft…

Hauptanliegen dieses Rahmenplanes ist es, die Aktivitäten gegen rechtsextremistische Erscheinungsformen im Sport besser zu verzahnen und so durch möglichst flächendeckende Maßnahmen noch effektiver als bisher zu bekämpfen. Im Rahmen dieser abgestimmten Strategie sollte auch der zentrale sportliche Wert des Fair Play in den Vordergrund rücken. Werte wie Respekt, Achtung und Toleranz sind ebenso entscheidende Elemente im Umgang mit rechtsextremistischen Erscheinungsformen im Sport wie der Abbau von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sowie die Wertschätzung demokratischer Prinzipien. Ausgangspunkt muss die Zurkenntnisnahme dieses Problembereiches und das Überwinden der im Sportbereich noch häufig vorhandenen Berührungsängste sein.Auszug aus dem Kapitel Ziele und Vorgehensweise.

Um die gesamte Sache noch etwas optisch nach vorne zu bringen, mussten halbwegs bekannte Sportler mit Pappschildern bewaffnet die Wortwüste illustrieren. Dabei kamen solche Brüller wie „Null Bock auf Rechtsextremismus und Diskriminierung!“, „Sei Teamplayer!“ oder „Rechtsaußen ist nur als Spielposition okay.“ heraus. Über Geschmack kann man sich ja bekanntlich streiten…

Doch was ein Schild mit der Aufschrift „Kein Bock auf Extremismus im Sport“ in einem Handlungskonzept gegen Rechtsetremismus zu suchen hat, bleibt wohl ein Geheimnis des Innenministeriums. Es bleibt ebenso ein Geheimnis, wie man im Ministerium gedenkt der vielen hehren Worten endlich Taten folgen zu lassen. Explizit antirassistische Sportvereine die regelmässig neonazistischen Angriffen ausgeliefert sind werden kaum von den regionalen Sportverbänden unterstützt, ihnen werden sportlich erfolgreichere Vereine vorgezogen und sie bekommen von den jeweiligen Stadtverwaltungen andauernd Steine in den Weg gelegt…


Vorabveröffentlichung aus Zur Sonne. Zur Freiheit! Nummer 7

Jede Medaille hat zwei Seiten.

Eine Gesprächsrunde mit zwei Mitgliedern der Ultras Roter Stern

Seit über einem Jahr existieren die Ultras Roter Stern (URS). Ihr habt Euch an der Kampagne für eine Pro-Regionalligareform 2012, an der Demonstration in Brandis sowie der Fandemo in Berlin beteiligt und erste Choreographien am Rand der Spiele des Roten Stern Nordost Berlin (RSNOB) durchgeführt. Seit Ihr zufrieden mit der bisherigen Entwicklung?

V: Nein keineswegs. Zufriedenheit wäre der Anfang des Endes einer jeden Entwicklung. Wir haben noch große Pläne und sind derzeit nur dabei das Fundament für das URS-Universum zu gießen. Der nächste Schritt ist den Support bei den Spielen besser zu organisieren und mehr Menschen zu den Spielen zu locken. Das hat die Mannschaft einfach verdient. Nicht nur wegen dem sportlichen Erfolg. Außerdem wollen wir immer noch eine Holztribüne in unserem Stadion Buschallee!

C: Zufrieden, ne irgendwie nicht. Gerade das Ergebnis der Pro-Regionalligareform ist äußerst unbefriedigend. Die Entscheidung des DFB-Bundestag ist unter aller Sau. In dem Bereich wird es bestimmt noch einige Aktionen geben. Da geht es um nichts Geringeres als die Zukunft des Amateursportes!

Und man sollte nicht vergessen das wir auch Teil der „Love Sport-Hate Neonazism!“ Kampagne sind. Auch wenn die Kampagne vielleicht derzeit etwas eingeschlafen ist, werden wir im nächsten Jahr es wieder mit mehr Elan angehen und die eine oder andere Aktion an den Start bringen.

Okay, das klingt ja ein wenig pessimistisch. Kommen wir doch lieber zu denn schönen Dingen des Lebens. Was war den euer persönliches Highlight in diesem Jahr?

V: Eindeutig die Aktion am Spielfeldrand zum Geburtstag unseres Publikumslieblings Aldi. Kurzfristig organisiert, toll umgesetzt und ein sehr schönes Gelage danach. Mehr kann man nicht verlangen. Allen Beteiligten noch mal ein dickes Lob auf diesem Weg! Und natürlich der Aufstieg der ersten Mannschaft, aber zugegeben der war ja auch Pflicht.

C: Für mich war das Highlight die Demonstration für Fanrechte hier in Berlin. Wir hatten vorher beschlossen unsere Blockfahne nicht mit auf diese im Vorfeld heftig umstrittene Manifestation der deutschen Ultraszene mitzunehmen. Aus verständlichen Sicherheitsaspekten. Doch was wir dann erleben durften war einfach nur Dufte: ein solidarisches Miteinander aller Fanszenen. Daran lässt sich auf jeden Fall anknüpfen…

Im Rahmen dieser Demonstration entwickelte sich eine Debatte u.a. um die eskalierende Gewalt innerhalb der Ultraszene. Wie positioniert sich die URS zu diesem Thema?

V: Wir haben derzeit keine expliziten Fanfeindschaften. Aber es ist völlig selbstverständlich, dass man weder Kindern noch Omas den Schal abzieht. Denen hilft man freundlich über die Straße: So etwas hat man doch schon als Jungpionier gelernt!

C: Schwieriges Thema. Nächste Frage bitte.

Euch ist doch selbst schon mal ein Banner abhanden gekommen. Nervt das nicht unheimlich?

C: Ja! Klar! Aber das waren ja nicht irgendwelche anderen Ultras, sondern die Polizei, besser gesagt der Bundesgrenzschutz.

Wie bitte? Der BGS hat Euch abgezogen?

C: Ja. Die waren einfach der Meinung der Schriftzug „the red hools“ sei ein Aufruf zu Gewalt und schwupsdiwups war das Transparent in irgendeiner Aservatenkammer auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

V: Ergo: Mit der Bullerei stehen wir auf dem Kriegsfuß! AU!

Noch einmal zurück zum Ausgangspunkt. Was haltet ihr allgemein davon anderen ihre Sache abzuziehen?

C: Jede Medaille hat zwei Seiten.

V: Und gerade bei diesem Themagerät man in eine fiese Zwickmühle. Einerseits ist es Teil eines kindlichen Spiels das man auch bei Pfandfinder oder den abgesägten Maibäumen in süddeutschen Regionen beobachten kann.

C: Andererseits ist es in keiner Form vertretbar das Wohnung aufgebrochen werden und all diese kranke Scheiße. Da wünscht man sich beinahe die Regeln der oldschool Hooligans zurück.

V: Derzeit wäre es wohl am Besten wenn man eine Art Kompromiss schließt. Dort wo langjährige Fanfeindschaften vorherrschen kann man wohl kaum noch etwas retten, aber das ist auch Jedem mehr oder weniger bekannt. Aber die bekloppte Marotte jetzt Alles und Jeden anzugreifen, egal wo, egal wann, die muss schleunigst aufhören. Sonst kommt die komplette Barbarei und solche Sachen wie die Demonstration für Fanrechte war völlig fürn Arsch.

Emanzipatorische Kritiker der Ultrabewegung denken das der Zustand der Barbarei sich schon längst durchgesetzt hat. Dein Kompromiss ist doch eigentlich auch nur eine Art der Kapitulation vor genau diesen Zuständen?

V: Boah, ne. Die Kurven dieser Republik sind immer nur Ausdruck der derzeitigen gesellschaftlichen Situation. Es gibt, wie in Bremen, München und bei St. Pauli, explizit linke Kurven, es gibt natürlich auch das genaue Gegenteil. Wir gehen unseren Weg, sportlich und auch Fantechnisch, jenseits dieser Sphären. Zumal der RSNOB auch nicht in der Bundesliga spielt.

Der von mir erwähnte Kompromiss ist ja nicht meine Idee, sondern ein derzeit in der ‚Szene‘ diskutierter. Ich empfände es als Schritt in die richtige Richtung, wenn er sich durchsetzt. Nicht mehr und nicht weniger.

C: Vielleicht veranstalten diese Kritiker mal einen Friedensgipfel zwischen den Ultras von Schalke 04 und Borussia Dortmund. Als Beobachter wären wir sofort dabei!

Eine andere äußerst kritische Frage ist ja auch die der Hierarchie. Wie steht Ihr dazu?

C: Transparent soll sie sein…

V: Informelle Hierarchien haben wir auf jeden Fall nicht. Man weiß immer wen man konkret für den Misserfolg verantwortlich machen kann…

Und wie sieht es bei Euch mit dem Thema Frauen aus?

C: Im Block sind nicht wenige Frauen…

V: Ach was für‘ n Quatsch. Darum geht es doch nicht! Über das Stöckchen springen wir nicht!

Entweder sind Geschlechter gesellschaftlich konstruiert, es ist also völlig egal wessen Geschlecht man sich zugehörig fühlt und Du hast mit deiner Frage gerade die Vermutung evoziert, dass es nur eine bipolare Einteilung der Geschlechter gibt. Was bedeutet, dass Du soeben alle Transsexuellen und was es nicht noch alles auf Gottes schöner Erde gibt unter
den Tisch hast fallen lassen. Oder, es gibt eben genormte Geschlechter. Keine Ahnung was dann…

C: Vielleicht fragst Du noch einmal bei Fußball von links nach, welcher der unzähligen Theorien denn derzeit gerade angesagt sind…

Jan Tölva, den Macher dieser Seite mögt Ihr überhaupt nicht?

C: Da sind wir nicht die Einzigen! Wer mag schon solche komischen Selbstdarsteller?

V: Uups, da habe ich wohl vorhin wirklich unsere einzige Fanfeindschaft übersehen!

Interessant. Aber bleiben wir beim Thema: Denkt Ihr denn, dass Geschlechter größtenteils soziale Konstrukte sind?

V: Yo.

C: Das sieht man ja allein in der Erziehung von Kindern. Dazu braucht man kein großer Theoretiker zu sein. Die Einen bekommen schon in der frühesten Jugend einen Fußall in die Hand gedrückt, während die Anderen zum größten Teil Reiten, Schwimmen oder Turnen müssen.

V: Die Ausnahmen bestätigen die Regel. Und erfreulicherweise gibt es seit einigen Jahren nicht nur in der Popkultur einige positive Veränderungen…

C: Meinst du jetzt Kick it like Beckham?

V: Zum Beispiel. Mir geht es aber auch um weibliche Schiedsrichter in den Bundesligen, die Frauen-Nationalmannschaft, die man jetzt auch mal im Fernsehen zu Gesicht bekommt und solche Dinge…

Einige linke Ultragruppen gehen den Weg und haben innerhalb ihrer Strukturen Frauengruppen etabliert. Wollt Ihr so etwas in Zukunft auch organisieren?

C: Wir wollen allen fanatischen Fans des RSNOB eine Heimat bieten. Zwingen werden wir aber Niemanden. Alles was sich bisher entwickelt hat, ist durch Eigeninitiative entstanden. So wird es wohl auch in der Zukunft bleiben.

V: Niemand hat vor eine Mauer zu bauen! Wenn es den Bedarf dafür gibt, dann werden wir uns ganz bestimmt nicht querstellen… Im Gegenteil!

Wo wir jetzt gerade die einzige Fanfeindschaft herausgefunden haben, stellt sich ja automatisch nochmal die Frage, mit welchen Fangruppierungen seid Ihr befreundet?

V: So wie wir keine explizite Fanfeindschaften pflegen halten wir es auch mit den Freundschaften.

C: In unseren Reihen ist es ziemlich bunt. Viele Mitglieder haben aus ihrer Jugendzeit noch einen anderen Lieblingsverein, weshalb es etwas schwierig ist da einen gemeinsamen Nenner zu finden. Hier in Berlin sind wir aber häufig bei Türkiyemspor zugegen, da es auf Vereinsebene schon seit Jahren eine enge Zusammenarbeit gibt.

V: Ab und zu fahren wir als Gruppe ins Umland um Spiele anderer Mannschaften in höheren Ligen zu besuchen. Dabei haben sich schon ein paar lose Kontakte entwickelt mal sehen was sich daraus entwickelt.

Ok. In eurem Fanzine Zur.Sonne.Zur Freiheit! (ZSZF) wird sehr viel Platz der Geschichte des Arbeitersportes im allgemeinen und dem Fußball im speziellen eingeräumt. Seht Ihr den Verein in dieser Tradition und wenn ja, wieso?

V: Weil wir alle Arbeiter sind und Fußball lieben.

C: Der Verein verkörpert keineswegs das, was damals die Rot Sport-Bewegung verkörperte. Dazu allein fehlt die Arbeiterbewegung als Grundlage dessen. Aber politisch sehen wir uns als die Enkel dieser Bewegung.

V: Sonst hätte man den Verein ja gar nicht gründen müssen. Alle hätten schön getrennt in stink bürgerlichen Vereinen herum hampeln können und gut is…

Seht ihr Fußball als Klassenkampf an?

V: Irgendwie schon. Weil es überhaupt schon ein Kampf ist den Verein allein gegen die Hindernisse dieser beschissenen Gesellschaft durch den Alltag zu manövrieren. Und speziell fußballtechnisch leben wir jetzt in einer Klassengesellschaft pur. Die Entscheidung des DFB die Regionalligisten in fünf Staffeln mit nur drei Aufsteigern einzupferchen ist der erste Schritt im Fußball.

C: Was uns hier in Berlin als neuer Verein alles aufgebürdet wird, warum sich die erste Mannschaft bei ihrer Qualität durch die Freizeitliga kämpfen muss, versteht kein normaler Mensch. Ob das jetzt gleich Klassenkampf ist mag ich aber zu bezweifeln…

Aber was bewirkt dann eure Gruppe beziehungsweise der Verein überhaupt?

V: Bewirken? Da haste Dir aber die beste Frage für den Schluss aufgehoben.

C: Der Verein setzt allein durch seine Existenz ein weit sichtbares Zeichen und hat sich in den letzten Jahren auch ganz gut entwickelt. Die zweite Mannschaft ist auf dem Weg, die Futsaler spielen eine gute Saison und neuerdings können auch andere Sportarten wie zum Beispiel Basketball angeboten werden.

V: Da können jetzt Menschen jenseits von jeglicher Diskriminierung ihrem Sport nachgehen. Was bewirkt man damit?

C: Und wir als Gruppe haben in dem letzten Jahr daran gearbeitet ein Fundament zu gießen. Mal sehen was daraus wird. Am Kölner Dom sollen sie ja über 500 Jahre bis zur Fertigstellung gearbeitet haben.

Ok. Dann schauen wir mal in 500 Jahren nach, was passiert ist!

C: Ja, wie sagte der ungekrönte Kaiser schon so schön: Schaun wa mal!

Zur Sonne. Zur Freiheit! Nummer 6

EDITORIAL.

Okay, der verdammte Ohrwurm vom letzten Mal ist immer noch da. Dazu auch noch eine gehörige Portion bitterböser Depression: Scheiß Wetter! Scheiß DFB! Scheiß Künast!

Was geht nur schief mit der Klimaerwärmung? Und wie konnte nur die Regionalliga-Reform 2012 so gegen die Wand gelenkt werden? Alle Kühe der Welt können im Jahr nicht so viel Scheiße produzieren wie der DFB-Bundestag an einem Tag! Man hat es hier ja fast nur mit Idioten zu tun. Fünf Regionalligen und nur drei Aufsteiger, wem kann man den so einen beschissenen Kuhhandel aufschwatzen?

Eine einfache Antwort: den greisen und völlig verkalkten Mitgliedern des DFB-Bundestages. Da eufreuen wir uns doch lieber an den schönen Dingen des Lebens, die erste Mannschaft eilt von Sieg zu Sieg, im Bereich Futsal kann der RSNOB großartige Erfolge vorweisen und in sechs Monaten ist endlich wieder schönes Wetter zu erwarten!

Bis dahin liegt aber noch ein verdammt wichtiges Wochenende vor uns. Am Freitag den 17. Dezember steigt die erste, inoffizielle, offizielle Weihnachtsparty der Ultras Roter Stern im Mauersegler. Vor dem Resident der URS, Jimmy Sunshine, legt das Team Ram Rod unterschiedlichstes Liedgut quer durch den Gemüsegarten auf. Los geht es um 20 Uhr, also all ihr lahmen Enten da draußen legt eure Schwimmflossen ab, schnallt die Rollschuhe an, es geht ab in die Disko. Gute Laune!

Am Sonnabend, den 18. Dezember, und am Sonntag, den 19. Dezember, bietet die URS jeweils einen Rundgang zur Thematik ‚Arbeitersport(ler) und Widerstand während des Nationalsozialismus im Nordosten von Berlin‘ an. Wer daran teilnehmen will, meldet sich einfach per Mail: urs-berlin@gmx.net

Womit das Wochenende ja auch sternhagelvoll mit Terminen wäre. So wie das Heft. Es geht in dieser Ausgabe natürlich weiter mit unserer Abeitersportserie, dann gibt es zum Ausklang des Jahres ein Interview mit zwei Mitgliedern der URS und nicht zu vergessen, es gibt einen weiteren Teil unseres Fortsetzungsromans…

Anyone but Künast. ABK! Ultras Roter Stern (B)

INHALTSVERZEICHNIS

Seite 3
Die Jahre 1920 bis 1923
Arbeiterfußball in Deutschland. Teil Drei.

Seite 8
Free your Style
URS*dESIGN*bATTLE 2010

Seite 10
Jede Medaille hat zwei Seiten
Eine Gesprächsrunde mit zwei Mitgliedern der URS

Seite 14
Der.Die.Das. Wieso.Weshalb.Warum
Der Neid, die Gier und das Unverständnis… Teil EinsPunktZwei

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Der Neid. Die Gier. Und das Unverständnis.

Der ZSZF- Fortsetzungsroman. Teil I.

Dichter Nebel versperrt meine Sicht. Der gesamte Alexanderplatz hat sich in Rauch aufgelöst. Rettungshubschrauber kreisen in der Luft, auf der Suche nach einem geeigneten Landeplatz. Zu sehen sind sie nicht, nur zu hören: Auf maximal zwei Meter ist die Sicht beschränkt, manchmal fehlt einem gar der Blickkontakt zu den eigenen Extremitäten.

Die gerade untergehende Sonne kann daran auch nichts ändern. Rauchschwaden aus Rußpartikeln und feinem Staub liegen in der Luft, es riecht höllisch nach verbranntem Plastik. Beinahe scheint es so, als würden sich die Sonnenstrahlen diesem Grauen mit Absicht verweigern. Zwar wird es in diesen Breitengraden im Herbst meistens schon am frühen Abend dunkel, doch nicht so neblig schwarz wie die heutige Nacht, als wäre es die Kulisse für einen billigen Schwarz-Weiß-Film.

Man fühlt sich in die 50er Jahre versetzt, nur die Leuchtreklame macht auf modern. Sie schimmert noch matt durch den Nebel. Schwach bunt, umrahmt von Dunkelheit gibt sie den Contrapart zum grauen Einheitsdunkel. So gibt wenigstens sie noch ein wenig Orientierung in dem kaum zu überblickenden Chaos.

Berlins City Ost liegt in Schutt und Asche, das erzählen zumindest die servilen Nachrichtensprecher via Funk und Fernsehen. In ihren Live-Schaltungen ist es immer extrem laut. Das kann ich schon einmal bestätigen. An jeder Ecke stehen wild gestikulierende Polizisten in ihren schlecht sitzenden Uniformen, die schrillen Sirenen der Rettungswagen und THW-Fahrzeuge sind ohrenbetäubend und als Sahnehäubchen oben drauf gibt es dann ja noch das Geschnatter der Schaulustigen. Überall an den Absperrungen stehen sie. Und? Gaffen!

Ein gar schauriges Volksfest bietet sich: Neben den piekfeinen Herzdamen aus dem benachbarten Kreuzkölln steht ein älterer Ostberliner Angestellter, deutlich erkennbar an seiner schnoddrigen Berliner Mundart in Kombination mit dem unverkennbaren grau-braunen Mantel. Verzweifelt versucht der Mittfünfziger sich mit seinem Aktenkoffer der Halbstarken zu erwehren, die sich – auf ihre unnachahmliche Weise – hinter und neben ihm gerade etwas Platz verschafft haben. Doch eigentlich gibt es hier am Rande nicht viel zu sehen, einzig auf die Ohren gibt es gehörig etwas. Hektische Befehle, wirre Wortfetzen und keineswegs betörende Sirenen soweit die Lauschlappen reichen. Akustiklärm für die unversehrten Teile der Volksgemeinschaft. Katastrophen Big Brother live, glücklicherweise bisher ohne nervende
Werbeunterbrechungen…

Mit einer Katastrophe diesen Ausmaßes hatte wahrlich niemand gerechnet. Die Schmerzensschreie und das Stöhnen der Verletzten werden nur durch die Sirenen der Einsatzwagen durchbrochen. Ein Klangteppich, dessen Muster üblicherweise in Bethlehem und nicht in Berlin zu hören ist. Hunderte Helfer versuchen die Verletzten notdürftig zu versorgen. Zahllose Sanitäter rennen hektisch hinter dem weiß-rotem Absperrband umher. Ihr Drecksjob ist es, den Ort des Blutbades nachhaltig wieder auszutrocknen. Angesichts des Ausmaßes können sie dabei nur völlig überfordert wirken. Die Anzahl der Verletzten und Toten ist dermaßen hoch, dass selbst die BGS-Beamten sowie jene Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr aushelfen müssen, die nicht mit dem Löschen der Brände beschäftigt sind.

Während die Sanitäter hauptsächlich die Schwerverletzten provisorisch verarzten, um sie für den schnellen Abtransport ins Krankenhaus vorzubereiten, behandeln derweil die hauptberuflichen Grenzschützer die Leichtverletzten. Viele von ihnen stehen unter Schock. Diesem Zustand nähere ich mich in großen Schritten. Einige Männer und Frauen von der Freiwilligen Feuerwehr haben den schwierigsten Job. Am Vorplatz der der Weltzeituhr müssen sie die Toten in die Leichensäcke verpacken. Vor meinen Augen, ein fürchterliches Bild, verkohlte und völlig entstellte Leichen auf weißer Folie in einer Reihe, sieben oder acht Dutzend mindestens. Einzelne Gliedmaßen liegen fein säuberlich aufgebahrt neben den schon in Leichensäcken verpackten Opfern. Sie können noch keiner Person zugeordnet werden, deshalb werden die abgetrennten Beine, Arme und anderen Körperteile separiert. Schwarz verkohlte Leichenteile auf weißem Plastik und damit es farblich nicht so ganz eintönig wird, ist natürlich auch etwas Blut auf den Planen verschmiert. Der in der Luft liegenden Geruch tut sein übriges, um meinem Magen die letzte Mahlzeit zu entlocken.

Unfassbar kraß“, dieser Gedanke verdrängt alles andere in meinem Kopf. Trotzdem oder gerade deshalb, laufe ich weiter, ohne eigentlich so recht zu wissen, wohin. Ich, meine Klamotten, alles ist voller Staub. Komischer Staub. Elektrisch aufgeladen. Das Atmen fällt mir auch schwerer. Der Staub legt sich wie ein Film auf meine Schleimhäute, das Kratzen im Hals reizt meinen chronischen Dauerhusten. Und meine Augen. Ich ärgere mich, dass ich wieder einmal meine Brille im Büro vergessen habe, in diesem Augenblick wäre sie mal wirklich gut gewesen. Obwohl Fan von Indiana Jones, als Abenteurer wurde ich nicht geboren, außerdem habe ich gestern erst meine Jeans gewaschen: „Schöne Scheiße“. Es bleibt einem aber auch gar nichts erspart.

Wer Katastrophen sehen will, muß leiden, soviel schon einmal steht fest. Nachdem die Bäumchen-rütteldich-Methode ebenso nicht funktioniert hat, wie das rhythmische Reiben, überlagert dann doch die Neugier meinen Frust. Überall auf dem Boden verteilt liegen kleine Glassplitter. Sie knirschen ständig unter meinen Schuhen. Ich beuge mich ein wenig vor. Die größeren von ihnen sind maximal einen mal einen Zentimeter groß. Auf dem schwarzen Boden reflektieren sie jene vereinzelten Lichtstrahlen, die es überhaupt bis dahin schaffen vorzudringen. Ein wahrlich packendes Schauspiel, für frisch Verliebte.

Ganz leicht weht der Wind auf. Winzig kleine rosafarbene Fetzen fliegen durch das trübe Dunkelgrau. Sie wirbeln angetrieben vom Wind wie ein kleiner Fischschwarm im schwarzen Meer umher. Jetzt kommt auch bei mir etwas Katastrophenromantik auf. Möglicherweise sind das Überbleibsel des großen MoMA-Plakates am Bahnhof? Plötzlich taucht der schattenhaften Umriss des Bahnhofgebäudes vor mir auf, ein Skelett aus Stahl und Beton.

Es ist wahrlich nicht mehr viel übrig geblieben. Nur noch ein deformiertes Stahlgerippe mit einem Hauch von Fundament. Ein Schauder durchfährt mich. Und immer wieder dieser eine Gedanke „Unfassbar kraß.“ Die Ästhetik der Zerstörung verstört mich ebenso, wie sie mich fesselt. Im Radio hörte es sich wie ein schlechter Scherz an, ähnlich dem Experiment George Orwells, der einmal in einer Radiosendung furios die Landung von Außerirdischen zelebrierte. Doch es war kein Scherz. Unmittelbar vor mir war der vorher undenkbare Wahnwitz an Zerstörung sichtbar. Der brachliegende Bahnhofskoloß ist eingebettet in das allumfassende Grau, als wäre es schon immer so gewesen. Die Faszination des Grauens ergreift mich. Für Entsetzen ist da kaum noch Platz.

Immer wieder laufen Sanitäter mit Verletzten auf ihren Bahren an mir vorbei. Ihre hektischen Anweisungen vermischen sich mit den Schreien ihrer Patienten, den Sirenen der Feuerwehr, die nach den letzten Brandherden sucht. Doch ich bahne mir unbeirrt einen Weg durch die Trümmer. Ich will ganz genau sehen, wie der Bahnhof zugerichtet ist. Ja, auch ick will gaffen! In meinem Büro sitzen jetzt bestimmt die Kollegen von der schreibenden Zunft in der Lobby herum und schauen in die Röhre. Die Verweigerung der Komplexität des alltäglichen Lebens via Medien war mir schon immer ein Gräuel. Ich habe dies nie verstehen können. Durch die Reduzierung der Realität auf eine Schlagzeile wurde die Evolution der Menschheit – ohne Not – um Jahrhunderte zurückgeworfen.

Sogar die Intellektuellen, wenn man mal von ein oder zwei Ausnahmen absieht, verurteilen nicht die Missstände sondern deren Produkte, und sind somit auf das Niveau von drittklassigen Seifenopern herabgesunken. Letztendlich ist das durch diese vierte Urgewalt verursachte geistige Elend zu vergleichen mit den Auswirkungen der Inquisition. Und wofür das Ganze? Für ein wenig kurzweilige Unterhaltung, die uns vergessen lässt, wozu die Menschheit überhaupt angetreten ist…

Es ist immer das Gleiche: Da passiert schon mal etwas in unserem beschaulichen Berlin und die meisten Insassen sitzen bestimmt vor der Glotze. Ganz Kecke werden vielleicht am Fenster hängen, aber selbst, wenn sie an der ersten Absperrung stehen würden, wäre es für die Wiederentdeckung der Realität viel zu spät. Das Geschehen wäre nur eine Blaupause, um sich gegenseitig zu berichten, an welchen billigen Pro7-Actionkracher das gerade stattfindende Szenario erinnert. Allein die Alten könnten mit ihren vor kurzem von TV-Historikern aufgefrischten Erinnerungen an die Bombenangriffe der Alliierten auftrumpfen.

Ob das so viel besser ist, sei mal dahingestellt. Diese unfassbare Monströsität mit meinen eigenen Augen sehen, das ist mein Ziel. Ich möchte mehr als ein unbeteiligter Beteiligter sein. Falls das in dieser Zeit schlechthin noch möglich ist.

Verloren in den Gedanken, holt mich erst der Schmerz wieder zurück. Mein linkes Schienbein signalisiert mir, dass ich einen harten Gegenstand direkt vor mir übersehen habe. Das Hindernis ist schwer zu erkennen, nur schemenhaft kann man erahnen, dass sich unter dem leicht abbröckelnden rot-weißen Lack womöglich Metall versteckt. Groß und rund ist es. Während der Schmerz im Kleinhirn immer noch für Verwirrung sorgt, ertaste ich den Gegenstand.

Ähnlich einer Schranke liegt er quer über meinem Weg. Aber bewegen lässt sich das Scheißteil kein Stück. Fortsetzung folgt…

Arbeiterfußball in Deutschland. Teil II.

Erster Weltkrieg und die erste Bundesmeisterschaft.

Der erste Teil unserer Serie endete am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Heute wollen wir schaun, wie die weitere Entwicklung bis zur ersten deutschen Meisterschaft im Arbeiterfußball verlief. Kurz vor Kriegsausbruch hatte sich sogar noch ein internationaler Verband für Arbeitersport konstituiert. Doch mit Kriegsbeginn stellte er jede Tätigkeit ein. Proletarier verschiedener Länder schossen nun nicht friedlich die Lederkugel auf das gegnerische Tor, sondern aufeinander mit scharfer Munition allen Kalibers. Ähnlich wie die SPD, die im August 1914 für die Bewilligung von Kriegskrediten gestimmt hatte, verhielten sich viele sozialdemokratischen Parlamentarier anderer Kriegsparteien. Die Arbeiter-Internationale zerbrach am jeweiligen nationalen Kriegstaumel, also genau zu jenem Zeitpunkt als man sie am dringendsten brauchte…

Der Sportbetrieb ruhte zunächst in Deutschland und den sonstigen kriegstreibenden Staaten. Man hoffte ja auf einen kurzen Waffengang und einen schnellen Frieden. Als sich die Nationen dann auf einen längeren Kriegsverlauf einstellten, startete der Sportbetrieb langsam wieder. Hierzulande fiel zwar bis 1920 die Ermittlung des DFB-Meisters aus, doch Regionalmeisterschaften kamen im DFB-Bereich zur Durchführung. In Berlin gewannen Hertha (1915, 1917, 1918) und Viktoria 89 (1916) die sogenannten Kriegsmeisterschaften. Im Arbeiterfußball sind in dieser Zeit nicht einmal die Regionalbesten ermittelt worden. Zumindest schweigen sich die Quellen dazu aus. Wahrscheinlich war der Prozentsatz an Kriegsteilnehmern hier weitaus höher als im bürgerlichen Fußball. Trotzdem wuchs die Fußballbegeisterung auch während des großen Völkerringens weiter an. Viele Männer lernten erst als Soldaten das Spiel kennen, indem sie es in Kampfpausen zur Entspannung und zu Hebung der Moral spielten.

Und ihre Söhne füllten in der Heimat die Mannschaften der noch lebensfähigen Vereine auf. Im Arbeitersport hatte der Fußball gerade erst vor ein paar Jahren Einzug gehalten und sich noch längst nicht in allen Turnerschaften und Sportvereinen durchgesetzt. Nun, wo die Turnväter im Feld oder in der Etappe standen, nutzten die Jugendlichen das Machtvakuum und etablierten das Fußballspiel auch dort, wo es zuvor nicht gern gesehen war. So gab es auch im Arbeiter-Turner-Bund eine Kontinuität, aber eben ohne überlieferte Titelträger.

Die Meisterschaft der Märkischen Spielvereinigung 1919/20

Nach Kriegsende stieg das Sportinteresse der deutschen Bevölkerung rapide an. Die Vereine hatten einen großen Zulauf, an Aktiven ebenso wie an Zuschauern. 1920 ermittelte der DFB mit dem 1. FC Nürnberg seinen ersten Nachkriegs- oder besser Zwischenkriegsmeister. Und auch im Arbeitersport taten sich große Dinge: Bei seinem Bundestag im Juni 1919 benannte sich der Arbeiter-Turner-Bund um in Arbeiter-Turn- und Sport-Bund (ATSB). Und er beschloß die Austragung einer reichsweiten Bundesmeisterschaft! Dazu ersann der Fachausschuss einen Modus, der bis zum gewaltsamen Ende dieser Bewegung aktuell blieb. Zuerst ermittelten die Länder und größeren Städte ihre Bezirksmeister, diese untereinander den Kreismeister. Der Kreismeister kämpfte um eine der vier Regionalmeisterschaften. Die vier Regionalmeister fochten dann im K.o.-System den Titel im ATSB aus, der in Abgrenzung zum DFB nicht Deutscher Meister hieß, sondern Bundesmeister.

In Berlin und Umgebung lief der „linke“ Spielbetrieb über die Märkische Spielvereinigung. Im April standen die vier Kreismeister fest, die am 25. April 1920 die MSV-Meisterschaft ausfochten. Auf dem Reinickendorfer Gemeindespielplatz, ganz in der Nähe des dortigen Rathauses, nutzte vor 1.500 Zuschauern der Reinickendorfer BC seinen Heimvorteil gegen die Freie Turn- und Sportvereinigung 1894 Nowawes. Er führte schon 2:0, als in der 86. Minute ein Unwetter den Abbruch erzwang. Nowawes verzichtete auf eine Wiederholung, so daß Reinickendorf im Finale stand. Zur selben Stunde qualifizierte sich auch der Lausitzmeister TuS Süden Forst 07 durch ein 2:1 gegen die Freie Turnerschaft Wilmersdorf. Allerdings nicht ohne Skandal: Damals war es noch üblich, nach verlorenen Spielen Protest einzureichen. Das Zeitalter der Tatsachenentscheidungen harrte noch seiner Dämmerung, und so legte Wilmersdorf wegen eines nicht gegebenen Handelfmeters Widerspruch ein. Der Spielausschuss der Märkischen Spielvereinigung setzte das Spiel neu an. Nun protestierte Forst, lehnte die Wiederholung ab und schied aus. Am 2. Mai 1920 besiegte Wilmersdorf am Reinickendorfer Rathaus 4:1 den Reinickendorfer BC. Der Berliner Meister im bürgerlichen Verbande Brandenburgischer Ballspielvereine (VBB) war übrigens kein geringerer als der SC Union 06 Oberschöneweide.

Um die erste Bundesmeisterschaft

Reinickendorf durfte als MSV-Meister zunächst um die Ostdeutsche Meisterschaft antreten. Und das mit Erfolg. Die Kicker von der Freien Turnerschaft Nemitz-Stettin wurden daheim mit sechs zu null auseinander genommen. Am 30. Mai 1920 fand das Endspiel gegen Wacker Görlitz auf dem Sportgelände des bürgerlichen Berliner BC 03 statt. Den Platz gibt es übrigens noch, er liegt an der Markgrafenstraße 19 – 24 in Mariendorf. Damals stand dort sogar eine Holztribüne. Da die Meisterschaft des VBB schon vorbei war und der Platzwart des BBC 03 im Urlaub, musste das Spiel auf fast kniehohem Gras stattfinden. Da es sich kaum abkreiden ließ, mussten zur Spielfeldmarkierung Fahnen aufgestellt werden. Die Spieler und die etwa 1.500 Zuschauer hatten Probleme, dem Ball zu folgen. Unter diesen kuriosen Umständen gewann Wilmersdorf 6:1.

Am Titel Ostdeutscher Meister 1920 konnten sie sich aber nur einen Tag erfreuen. Der ATSB als höchstes Gremium gab am folgenden Morgen dem Protest von Süden Forst statt und sprach ihm die beiden Titel MSV- und Ostdeutscher Meister zu. Die weiteren Regionalmeister hießen Dresdner SV 1910 (Mitteldeutschland), TSV Fürth (Süddeutschland) und TSV Waldau (Nordwestdeutschland).

Berlin hatte damit keine Chance mehr, als erster Bundesmeister in die Lehrbücher einzugehen. Der MSV-Verteter Süden Forst machte seine Sache aber auch recht gut und siegte am 20. Juni 5:1 gegen TSV Waldau (bei Kassel). Im zweiten Vorrundenspiel schied der Dresdner SV von 1910 nach einem 2:3 gegen den TSV Fürth aus. Das Endspiel stieg wenig später auf dem Platz der SpVgg. 1899 Leipzig. Fürth gewann auch diesmal mit 3:2 und ging damit als erster Deutscher – pardon – Bundesmeister des deutschen Arbeiterfußballs vom Platz.

Der Platz, auf dem das historische Ereignis vor 5.000 interessierten Zusehern stattfand, ist 90 Jahre später noch originalgetreu erhalten, der TSV Fürth existiert leider nicht mehr.

Wo spielten eigentlich die Arbeiterfußballer?

In Berlin besaß der Turnverein Fichte Südost seit 1897 den ersten und lange Zeit einzigen eigenen Platz im Arbeitersportbereich. Dieser befand sich in Baumschulenweg an der Köpenicker Landstraße. In Preußen und anderen deutschen Staaten blieb Arbeitersportlern bis 1914 die Nutzung kommunaler Plätze und Turnhallen verwehrt. Das änderte sich dann, indem die Zustimmung der Sozialdemokraten im Reichstag für die Kriegskredite unter anderem mit der Freigabe von Sportanlagen honoriert wurde. Danach durften die SPD-nahen Vereine sich mit den „bürgerlichen“ die Gemeindesportplätze teilen.

Besonders reges Treiben herrschte auf dem Tempelhofer Feld, das damals noch kein Flughafen, aber Deutschlands größter Sportplatz war, und auf dem Exerzierplatz „Einsame Pappel“ (heute Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark). Die wichtigsten hier ansässigen Vereine der Märkischen Spielvereinigung hießen BSC Bavaria 09, BFC Nordiska 13, Wacker 20, SC Helvetia 22, Fichte Nordost, Amateure 24 und SC Sowjet. Mitte der 1920er Jahre tummelten sich auf dem „Exer“ zeitweilig sogar mehr MSV- als VBB-Mannschaften.

Dazu zum Abschluß der heutigen Geschichtsstunde noch folgende Anekdote aus dem VBB-Zentralorgan RASENSPORT, Nr. 7/1924, S.6: „Fährt da ein Bezirksverein der Provinz nach Berlin, um auf dem Exer ein fälliges Verbandsspiel auszutragen. Wie die Spieler aber auf das Feld kommen, sind sämtliche Fußballplätze von anderen Mannschaften belegt. So hat den für dieses Spiel in Aussicht genommenen Platz ein Verein aus dem MSV in Beschlag belegt.

Auf den entrüsteten Protest beider Bezirksvereine hielt ihnen der Vorsitzende des Arbeitervereins mit lächelnder Miene ein behördliches Schreiben unter die Nase, worin stand, dass die MSV-Mannschaft berechtigt sei, jeden Sonntag von 2 – 6 Uhr auf dem Exer zu spielen! Alles Protestieren beim Verwalter half nichts, und unverrichteter Sache mussten die Provinzler die einstündige Rückfahrt nach ihrem Heimatort antreten, mit der nicht gerade tröstlichen Hoffnung, dass es das nächste Mal wahrscheinlich genauso werden wird.

Wer trägt die Schuld hieran? Dem Exer-Verein kann man gewiss keinen Vorwurf machen. Er ist genauso der Leittragende wie sein Gegner aus der Provinz. Wer ersetzt letzterem nun die unnütz vergeudete Zeit und das Fahrgeld? Und wer garantiert vor allen Dingen dafür, dass die Plätze beim nächsten Verbandsspiel nicht wieder besetzt sind?

Der vergebens angereiste Provinzverein holte sofort Erkundigungen ein und stieß dabei auf folgenden Sachverhalt: Vor einiger Zeit hatte das Sportamt Vertreter der beiden um Plätze und Seelen konkurrierenden Fußball-Verbände einbestellt und u.a. nach der Anzahl ihrer Exer-Mannschaften befragt. Der Abgesandte des „preußisch-blauen“ VBB konnte diese Zahl nicht genau benennen, sein Gegenspieler von der „roten“ Märkischen Spiel-Vereinigung stand nicht auf der Leitung, verdoppelte geistesgegenwärtig die tatsächlichen Anzahl seiner Mannschaften und bekam entsprechend viele Spielfelder zugesprochen. 1:0 für „Rot“ gegen „Blau“!

In der nächsten Ausgabe unseres Fanzines „Zur Sonne.Zur Freiheit!“ geht es weiter mit der Serie Arbeiterfussball in Deutschland. Die aktuelle Ausgabe Numero 5 findet Ihr hier…